Viviann fuhr schnell
von Christian Innerhofer (Copyright)
Viviann fuhr schnell und überschritt bestimmt die zulässige Höchstgeschwindigkeit. Und dennoch passte genau dies zum eben Vorgefallenen und schien es auf irgend eine Art stimmiger erscheinen zu lassen. Sie blickte zu mir herüber und sah, dass ich sie anstarrte.
„Was ist?“, fragte sie genervt, indem sie das „ist“ unnötig betonte.
„Das fragst du mich“? fragte ich zurück.
Wir schwiegen wieder, danach, für ein paar Kilometer bestimmt. Viviann fuhr nun langsamer und nicht immer nur auf der linken Spur. Sie setze sogar den Blinker, ab und an. Sie fuhr mein Auto, als gehörte es ihr, dachte ich und hätte doch nicht sagen können, wie man ein Auto fahren müsste, dass es so aussieht, als gehöre es einem.
„Das ist mein Auto“, entfuhr es mir.
„Und“?
„Entschuldige, ich wollte gar nichts sagen“.
„Ja, es ist dein Auto, natürlich ist es dein Auto, ich habe nämlich keins, wie du wahrscheinlich weißt“.
„Ja, ich glaube, das habe ich gewusst“.
Viviann war vom Ring abgefahren und schlängelte sich durch ein Wohngebiet. Es war eigentlich Regen angekündigt gewesen, der war aber ausgeblieben. Als sie an einer Ampel hielt und einen Moment zu mir herüber schaute, fasste ich Vertrauen und fragte: „Warum hast du mich da reingezogen“? Ich stellte mir augenblicklich vor, während ich sagte, was ich sagte, wie sie mir erklären würde, was nicht zu erklären war, Worte finden würde, wofür mir die Worte fehlten. Ich dachte, sie würde rückgängig machen, dieses Hineinziehen, und mir auf einmal erklären, es wäre alles nur Spaß gewesen, nicht echt, ein Film, vielleicht eine Probe.
„Du warst halt zufällig da. Und du weißt ja, dass ich kein Auto habe. Ich habe dich ja gefragt, ob du mit dem Auto da bist. Das hast du bejaht. Das ist alles“.
„Wegen dem Auto also hast du mich da reingezogen“?
„Ja, ich habe es dir ja gerade schon gesagt. Es war das Auto. Und wie du sicher bemerkt hast, habe ich es auch dringend gebraucht, oder“?
„Da hast du wohl recht“, murmelte ich.
„Sie haben sicher das Kennzeichen notiert und wahrscheinlich das Auto schon zur Fahndung ausgeschrieben“, erläuterte sie und übertraf damit noch meine Befürchtungen.
„Wir werden das Auto hier stehen lassen und mit der U-Bahn weiterfahren“.
Es war ein Spiel, wie hieß es gleich wieder, ach ja Scotland Yard. Natürlich mussten wir das Auto hier lassen. Mit der U-Bahn geht es unbemerkt eine weitere Strecke. Wir könnten uns in einem viel größeren Umkreis aufhalten als davor. Nur irgendwann müssen wir uns auch wieder zeigen.
„Irgendwann müssen wir uns zeigen“, sagte ich.
„Ich tauche unter“, sagte sie. Es klang einleuchtend. „Und du“, fuhr sie fort, was ich ihr zu Gute halte, ich meine, dass sie überhaupt an mich gedacht hat, „du solltest auch untertauchen. Sie wissen, dass wir zu zweit waren. Sie haben das Kennzeichen. Wahrscheinlich fahnden sie nach dir noch mehr als nach deinem Auto“.
„Jetzt schon“? fragte ich ungläubig.
„Natürlich. Sofort. Was hast du dir erwartet? Dass sie dir einen Vorsprung einräumen“?
Es war doch nicht wie bei Scotland Yard. Wir hatten uns gleich zeigen müssen, von Anfang an.
„Und wieso ausgerechnet ich“?
„Warum du? Weil du gerade vorbeikamst. Und weil du nett bist. Ich wusste, du würdest
mir nicht im Weg stehen“.
„Ja“.
Sie hielt abrupt. Schaute zu mir herüber, der ich am Beifahrersitz saß. Ich war nicht einmal angeschnallt, das war mir wohl entfallen.
„Ich gehe jetzt“, sagte sie. Ihr Blick war nicht hart. Ich kannte sie ja nicht gut, aber sie hatte doch immer so etwas Fürsorgliches an sich gehabt. „Wenn du willst, kannst du mitkommen. Ich glaube nicht, dass du sonst weit kommst“.
„Und wenn ich zur Polizei gehe, mich stelle? Ich sage einfach, ich kenne dich nicht. Ich
kenne dich ja wirklich nicht. Für dich macht es doch keinen Unterschied. Ich kann ihnen eh nichts erz¨ahlen“.
Ich wusste, dass es ein vergeblicher Vorschlag sein würde, dass sie mich niemals so laufen lassen w¨urde. Vielleicht erschoss sie mich jetzt, nachdem ich ihr mit der Polizei gedroht hatte. Aber ich hätte es mir nicht verziehen, es wenigstens probiert zu haben.
„Natürlich kannst du zur Polizei gehen“, sagte sie mit einem Ton, der viel Mitgefühl ausdrückte, „aber es wird dir nichts nützen. Sie haben nicht Sorge, dass du nichts erzählen, sondern dass du etwas erzählen könntest. Sie werden die geringste Möglichkeit, dass du etwas weißt, auszuschließen wissen. Wenn du glaubst, vor mir Angst haben zu müssen, versichere ich dir, dass du unvergleichlich mehr Angst vor ihnen haben solltest“.
Ich zögerte noch, nicht weil ich ernsthaft daran dachte, meinen Vorschlag noch in die Tat umzusetzen, sondern weil ich mich nicht einfach bloß fügen wollte, wie ich mich immer bloß gefügt habe in meinem Leben, bis zu dieser Flucht in meinem Auto.
„Wohin gehen wir“? fragte ich fordernd und übernahm die Führung. Wir wurden langsam zu Mann und Frau, die Verhältnisse zurecht gerückt.
„Was für einen Unterschied macht das?“ Eine Frage, nur eine kleine Frage und ich war wieder verweiblicht, fügte mich in all das, was sie konstruiert hatte als Leben. Ich stieg ohne Wort aus. Sie folgte meinem Beispiel, warf mir noch einen fragen Blick zu, der mich verhöhnte, weil sie wusste, dass ich keine Wahl mehr hatte, sie mich zerbrochen hatte, all meinen Wunsch mich zur Wehr zu setzen.
„Ich pass schon auf dich auf“, sagte sie. Aber was für ein Trost hätte das noch sein können.
Später in einer Wohnung, die keinen Zweck erfüllte als uns Unterschlupf zu bieten, zog sie sich nackt aus und forderte Sex von mir. Ihre weißen Brüste baumelten über meinem Kopf, während sie sich auf und nieder setzte. Viviann blickte nach oben, ihr Gesicht in der rythmischen Bewegung, leicht seitwärts, die Augen zu Schlitzen verkleinert, öffnete sie den Mund, ganz wenig und enthauchte einen Seufzer, der alles unter sich begrub. In dem Moment kam ich so heftig, dass ich mich aufrichten und ihren Körper umschlingen musste. So hielt sie mich und drückte meinen Kopf an ihren Busen und sagte: „Es ist gut.“