Wer ist Lukas Bornheimer?
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
„Wikipedia“ – die Verbindung eines hawaiianischen Wortes mit einem griechischen – heißt frei übersetzt: schnelle Unterweisung. Der Name bezeichnet eine Internet-Enzyklopädie, an der Tausende schreiben und an der sich jeder beteiligen darf. Alle, die im Internet surfen, kennen Wikipedia. Und Brosheim bildet keine Ausnahme. Beim Surfen stieß er auf die Seite „Berlin, seine Bauten, seine Gärten“, die ihm nicht merkwürdig erschien. Erst ein Vierzeiler, der in diesem Artikel die Meister der Bau- und Gartenkunst besingt, kitzelte seine Aufmerksamkeit. Der kindische Vers lautet: „An jeder Straße, in jedem Winkel / Schinkel, Schinkel, Schinkel. / In jedem Park, an jedem See / Lenné, Lenné, Lenné“. In Klammern darunter: Dichter unbekannt. Diese Mitteilung nistete sich bei ihm ein. Dichter unbekannt!
Jenem Dichter wollte Brosheim zur Bekanntheit verhelfen, ihm einen Namen geben und eine Biografie als Wikipedia-Artikel ins Internet setzen. Der Geburtsort des fingierten Schriftstellers mußte wirklich existieren, damit Brosheim aus der Anonymität des Internets heraus die Wirkung seines Artikels auf diesen Ort und seine Umgebung beobachten könnte. Die Stadt sollte nicht groß und nicht zentral gelegen sein. Er entschied sich für den Ort Brandrot in der Schnee-Eifel an der belgischen Grenze. Der Name des Helden durfte keinem realen Künstler gehören. Er wählte ´Lukas Bornheimer´, mit Anklang an seinen eigenen Namen. Bornheimer sollte „modern“ sein, nicht wilhelminisch, aber auch nicht ganz neu, denn sonst gäbe es ja einige Menschen wenigstens in Brandrot, die ihn kennen müßten und trotzdem nicht kennen. Wie hat er sich in der Nazi-Zeit verhalten? War er ein Widerstandskämpfer? Unwahrscheinlich, denn so viele gab es nicht. Ein Mitläufer? Schlechte Voraussetzung für den „großen Sohn“ einer Stadt. Ein Soldat, wie so viele?
Brosheim mußte sich etwas einfallen lassen. Vielleicht hülfe ihm die Biografie eines Verwandten. Onkel Willi? Kommunist, Ingenieurausbildung an der Lomonossow, Rückkehr nach Deutschland mit der Gruppe Ulbricht, Flucht aus der DDR, Gewerkschaftssekretär, Alkoholiker. Nee, nix für die Eifel. Onkel Hans? Gelernter Koch, Infanterie, gefangen auf den Rheinwiesen, wieder Koch, diesmal bei den Amis in Frankfurt, Entlassung, Häuslebauer. Nee, kein großer Sohn, aber trotzdem ein netter Kerl. Onkel Heinrich, das Flaggschiff der Familie: Von der Volksschule zum Prokuristen in einem kriegswichtigen Betrieb, kein Soldat, spätere Reise nach Israel, das ginge eventuell, eine Erfolgsgeschichte, aber ein großer Sohn? Nee. Brosheim, deine Familie ist nix für große Söhne. Deren Zeit kommt noch. Dazu mußt du aber selbst mal die Hose runterlassen! Am besten, Lukas Bornheimer ist zwischen den Kriegen in die USA ausgewandert und rechtzeitig gestorben. Nach zwei Flaschen Rotwein im Wintergarten veröffentlichte Brosheim unter dem Pseudonym „Hirndrang“, das geistige Gärung bekundet, die Biografie seines Fantasie-Schriftstellers Lukas Bornheimer im Wikipedia und fügte jenem Gedichtchen weitere Werke hinzu, wenigstens ihre Titel, um glaubhaft zu wirken, so daß der eingangs genannte Vierzeiler seinen ihm gebührenden Platz in der Literaturgeschichte einnehmen würde, wenn Brosheims Experiment gelänge.
Die Biografie: „Lukas (Maria Anton) Bornheimer, *11. März 1905 in Brandrot (Schneifel/Eifel), + ? 1941 bei Stroudsburg / Pennsylvania, USA, war ein deutsch-amerikanischer Schriftsteller und Kulturphilosoph. LMA Bornheimer besuchte die einzügige Volksschule in Brandrot und erlangte, wahrscheinlich an dem Gymnasium Mayen, das Abitur. Er zog 1924 nach Koblenz, sah dort erstmals Old Glory, die 1919 über der Festung geweht hatte, und gründete die literarische Monatsschrift ´Görres Nachf.´. Der leicht zu erklärende Mißerfolg dieses Unternehmens bewog ihn, noch im Sommer 1925 nach Berlin zu ziehen, wo er die goldenen Jahre verbrachte. Er verkehrte in den Salons der Hauptstadt und traf Gleichgesinnte: die junge, noch unbekannten Mascha Kaleko, den aufstrebenden Erich Kästner, die scheue Gertrud Kolmar, die väterlichen Oskar Loerke und Max Hermann-Neiße, Ernst Weiß, Martin Kessel und …“
Aufhören, Brosheim, es reicht! Du hast deine Bildung bewiesen. Übertreib es nicht, sonst trifft Lukas in einem Hotel auch noch Else Lasker-Schüler und Vicki Baum. Der Glanz des literarischen Berlins wird deinen Helden ins rechte Bild setzen, vor lauter Blitzen wird man ihn selbst gar nicht mehr erkennen, weil das Licht so blendet. Ja, das ist gut. Nicht zu viele Einzelheiten über LMA Bornheimer, das Genie vom Belle-Alliance-Platz. Brosheim erfand nicht nur ein Gedicht und viele Titel, sondern auch den Verlag “Hohe Acht – Hohe Zeit”, der sich schöngeistiger Literatur verschrieben und neben Bornheimers Oeuvre auch die sozialkritischen Werke Clara Viebigs veröffentlicht hatte. Das Letztere nur, um authentisch zu wirken (denn Clara Viebig hat es ja nun wirklich gegeben).
Fortsetzung der Biografie: „In Berlin entstanden seine ersten nennenswerten Werke, unter anderem die ´Hymne auf den Versandhandel´, eine frühe postmoderne Dichtung, noch im Verlauf der Moderne, die in ihrer undeklinierten Form bekanntlich eine Kulturströmung bezeichnet. Die erste Strophe wird mit freundlicher Genehmigung des Verlages ´Hohe Acht – Hohe Zeit´ hier zum Abdruck gebracht. Der Leser wundere sich nicht über die fehlende Interpunktion. Es bleibe ihm überlassen, die Zeilenenden selbst zu bestimmen, denn Bornheimer gilt auch als Begründer der Interaktiven Lyrik. Die Hymne hebt an: ´Im Interesse der Verbesserung der Möglichkeiten zur Erfüllung kurzfristig häufig in ihrer Kumulation unkoordinierter Auftragskonstellation gestatte mir Ihnen bereits heute die ergebene Mitteilung zukommen zu lassen daß die Versendung der von Ihnen bei uns bestellten Regenschirme per Eilgut schon morgen erfolgen wird und Sie werte Herren und Damen übermorgen im Besitze derselben werden gelangt sein müssen.´ Bereits der Beginn umkreist das Thema der Dichtung Bornheimers: Das Potential des Scheiterns (´Kumulation unkoordinierte Konstellation´), aber auch den zutiefst im Menschen angelegten Targismus (nebenbei bemerkt: eine Erfindung Brosheims), den target-orientierten Optimismus (´bereits heute zukommen lassen´, das Versprechen, Termine einzuhalten!) und nicht zuletzt die prägnant-preußische Knappheit (´gestatte mir´ statt gestatte ich mir), die seinen Stil so sehr auszeichnet. Bornheimer nimmt eine Form der Anrede vorweg (´Herren und Damen´), die Frauen des Establishments erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts in Gebrauch nehmen, um auszudrücken, daß sie als Zeichen ihrer Emanzipation den Herren als den Gliedern des schwächelnden Geschlechts den Vortritt überlassen. In Berlin entstand auch die ergreifende Liebeslyrik, die vertont in die Charts gelangen würde, z.B.: ´Schenk Huren keine Nelken / Sag keiner gute Nacht´, und die Naturlyrik, von der wir nicht mehr geglaubt haben, daß sie noch möglich wäre: ´Seht jene Reseden am Weg´. Modern mutet der Verzicht auf das Dativ-E bei Weg an, und besonders deutsch das gehäufte Vorkommen des deutschesten aller Vokale. Der Berliner Periode verdanken wir auch die hintergründig düstere Ballade: ´Karl kam matt von der Jagd / Doch kehrte er Karin den Gang.´ An allem erweist sich, daß Bornheimers Ausspruch zutrifft: ´Der reinen Lyrik und der wahren Prosa stehen die Vokabeln im Wege, wie dem glatten Lauf des Baches die Kieselsteine am Grund´“. Ersichtlich ist er auch als Aphoristiker bedeutend. So soll er auf die religionskritische Frage, wer denn bittschön der Schöpfer des Gartens Eden gewesen sein soll, geantwortet haben, es kämen ja nur zwei in Betracht: Gott oder Lenné.“
Fortsetzung: „1932 emigrierte Bornheimer in die USA, nach Pennsylvania, im Gepäck den Torso seines großen Romans: ´Dr. Eckeners Luftschiff verneigt sich vor Amerika´, den er erst in Stroudsburg, seiner neuen Heimatstadt, vollenden sollte. Dort gründete er eine Immigrantenzeitung: ´Deitsh fershtehn´, die sein Anliegen förderte, Deutsch nicht nur zu sprechen, sondern auch zu verstehen. Er kaufte eine Motorsäge, widmet sich der Landschaftsgärtnerei und baute mit eigenen Händen ein Holzhaus. Er heiratete eine Mennonitin (die einzige Tochter studierte Design, sie war eine begabte Zeichnerin). In seiner neuen Heimat entstanden noch auf Deutsch die Werke ´Schinkel in Arizona – über einen Meister des Ziegelbaus bei den Hopi´ sowie ´Heimat in der Fremde´. Die Kapitel ´General Schurz bei Gettysburg´ und ´Panther-Amazone in Philadelphia´ verdienen unsere erhöhte Aufmerksamkeit, vor allem der Beitrag über die Kämpferfiguren an der Freitreppe des Museums of Art, Nachbildungen der Bronzen vor dem Alten Museum in Berlin, seiner literarischen Heimat. Er schrieb auch einige liedhafte Gedichte, so das populär gewordene ´Die Mennos und die Amish / Sind weder faul noch damish´ und nicht zu vergessen: die bezaubernde Novelle ´Königin Luise auf Besuch bei den Quäkern in Bad Pyrmont´, die sogar eine zweite Auflage erlebte. 1941 raste Bornheimer bei einem nächtlichen Ausflug mit dem Motorrad – die Muse peitschte ihn – mitten durch eine Kuh, die sich auf dem Highway 80 verlaufen hatte. Das genaue Todesdatum ist unbekannt.“
LMA Bornheimer starb also noch vor der zu erwartenden Internierung deutscher Einwanderer. Die frühen Jahre bleiben etwas im Dunkeln, eigentlich bleibt alles etwas im Dunkeln, aber das ist gut für den Mythos – und jung gestorben ist auch gut dafür. Brosheim fügte seinem Artikel ein Bild bei, nachdem er eine Bleistift-Zeichnung ersonnen und mit seiner Digital-Kamera fotografiert hatte. Unter das digitalisierte Bild setzte er: Zeichner unbekannt. Vielleicht erfände ein anderer die Biografie des begnadeten Zeichners – oder der Zeichnerin, etwa der Tochter LMA Bornheimers, von der eben (wenn auch nur in Klammern) die Rede war. Brosheim gab sich mit seinem Werk zufrieden, seine Erfindung erschien ihm abgerundet, aber er fürchtete, daß niemand darauf hereinfallen würde. Er blieb skeptisch, weil er immer noch, obwohl über 30, an eine den meisten Menschen angeborene Grundvernünftigkeit glaubte. Und wirklich, zunächst tat sich gar nichts. Niemand schien von seinem Artikel Kenntnis zu nehmen. Lediglich einige Wikipedia-Autoren verschlimmbesserten seine Orthographie, setzten Zitate in Kursivschrift, schoben das Bild Bornheimers von der einen auf die andere Seite, und einer mit dem Pseudonym „Qualle“ bereicherte den Artikel um die Internet-Adresse der Gemeinde Brandrot (warum war Brosheim darauf nicht selbst gekommen).
Eines Tages, etliche Monate nach der Publikation, durfte Brosheim die ersten Früchte seiner Erfindung genießen. Er klickte auf den Weblink der Eifel-Gemeinde: „Herzlich willkommen in Brandrot, dem Luftkurort in der Schneifel“. Unter der Rubrik ´Aktuelles´ las er: „Ein Gedenkstein für den großen Sohn unserer Stadt Lukas Bonnheimer? Der Stadtrat ruft zu Spenden auf!“ Brosheim konnte sein Glück nicht fassen. Außerdem: Bonnheimer – falsch geschrieben! Das veranlaßte ihn, eine E-mail an die Stadtverwaltung Brandrot zu richten und sich darüber zu beklagen, daß die Nach-68er-Generation den pfleglichen Umgang mit der Sprache im allgemeinen und der Literatur im besonderen vermissen lasse: „Der bekannte, in Ihrer Stadt geborene Dichter heißt Bornheimer, nicht Bonnheimer, auch wenn Bonn stolz gewesen wäre, neben Beethoven und Lenné einen dritten großen Sohn zwischen seinen Mauern hervorgebracht zu haben!“ Brosheim, wohlbewandert in der Biografie seiner Erfindung, gab dennoch keine weiteren Auskünfte über das Leben des Brandroter Genies. Er berief sich nur auf den Wikipedia-Artikel eines gewissen Hirndrangs.
Der Lehrer Kevin Öchsle war vermutlich der erste in Brandrot, der auf Brosheims Erfindung gestoßen war. Sein Interesse galt zunächst Clara Viebig und ihrer sozialkritischen Eifel-Beschau. Er hoffte, eine preiswerte Gesamtausgabe des Verlages „Hohe Acht – Hohe Zeit“ zu erwerben. Das Sozialkritische verband sich schließlich in seinem Kopf auch mit dem Namen Bornheimer, der ja in Brandrot das Licht der Welt erblickt hatte. Öchsle schrieb einen Brief an den Stadtrat, der sich ein viertel Jahr nach Erhalt mit dem Fall Bornheimer befaßte. Dem Bürgermeister, Besitzer der gutbürgerlichen Schneifel-Stuben, oblag es persönlich, in den Archiven zu forschen, genau gesagt: in dem, was von den Archiven übrig geblieben war, denn eine amerikanische Panzergranate, im Winter 1945 abgefeuert, hatte den größten Teil vernichtet. Der Bürgermeister (wahrscheinlich witterte er eine touristische Attraktion) bestätigte in einer wolkigen Rede vor dem Rat die Existenz eines Brandroter Dichters namens Bornheimer, dessen Umrisse ihm hinter den Schleiern des Eifeler Nebels und des zweiten Weltkrieges sichtbar geworden seien, eines Mannes, der ihm mit der Kunst bestens vertraut, nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Kulturkritiker von Rang erscheine, dafür sprächen die Namen Schinkel und Linné in dem bekannten grazilen, japanisch anmutenden Vierzeiler – ein Künstler aus Preußen und ein Gelehrter aus dem Lande der Königin Silvia. Er sehe schon den Waldlehrpfad in Brandrot und die vielen Täfelchen an den Bäumen. Nun, die Diskussionen in Brandrot rissen nicht mehr ab. Zuerst wurde das Mißverständnis mit Linné ausgeräumt. Die Richtigstellung in einer öffentlichen Sitzung erhöhte – durch das manifeste Ringen um Wahrheit – die Authentizität Bornheimers. Aber auch Lenné statt Linné stellte den Bürgermeister zufrieden, denn mit dem begnadeten Gartenarchitekten, gerade mit ihm, ließe sich ein Projekt von Wanderwegen und Aussichtspunkten rechtfertigen (wie man ihm versicherte).
Der Pfarrer des Städtchens war angetan vom Namen des großen Sohnes seiner kleinen Stadt: ein Apostelname in Verbindung mit Born und Heim, Quelle und Schutz, den der Apostel selbst in Aussicht zu stellen schien. Deshalb korrespondierte er mit seinem Neffen in Bonn, der Literatur- und Kulturwissenschaft studierte, und schickte ein Empfehlungsschreiben an die Fakultät (dessen es allerdings nicht bedurft hätte). Der Neffe erhielt wunschgemäß den Auftrag, mit wissenschaftlicher Akribie den Spuren Lukas Bornheimers nachzugehen und möglichst viel über sein Leben und Werk herauszufinden. Er durfte eine Magisterarbeit darüber schreiben, unter dem Oberbegriff einer sozialen Kulturkritik (denn das Soziale kann niemals falsch sein).
Der Neffe, Bodo Aufemhahn, entwarf zuerst eine Gliederung seiner Arbeit, besprach sie mit einem Assistenten, verfaßte die Einleitung und schrieb allgemein über das Kulturelle (in Verbindung mit dem Sozialen). Darüber verging ein halbes Jahr. Endlich konnte er nicht umhin, wenigstens einen Teil des schriftlichen Nachlasses von Bornheimer selbst zu lesen, um so mehr, als die Sekundärliteratur über den Brandroter Dichter schmal, ja eigentlich gar nicht vorhanden war. Er fragte in der Universitätsbuchhandlung. Dort wurde er hingehalten, weil Buchhändlerinnen ungerne zugeben, von irgendeinem Autor noch nie etwas gehört zu haben. Der Wikipedia-Artikel lieferte keine Anhaltspunkte auf den Biografen, den Bodo hätte befragen können, wenn er nur gewußt hätte, wer sich hinter dem Pseudonym „Hirndrang“ verbarg. Schließlich sah sich Aufemhahn gezwungen, beim Verlag „Hohe Acht – Hohe Zeit“ zu recherchieren. Aber wer kannte die Adresse des Verlags? Da Bodo als Student über eine gewisse Bauernschläue verfügte, richtete er seine Anfrage an die dem höchsten Eifel-Berg, der Hohen Acht, nächstgelegene Stadt. Und das ist Adenau. Bodo erhielt auf die E-Mails an die Stadtverwaltung keine Antwort, vermutlich weil sich die Behörde genasweist fühlte. Auch andere Maßnahmen, die nicht im einzelnen ausgebreitet werden sollen, führten zu keinem Erfolg. Darum fand sich Bodo damit ab, daß es überhaupt keinen Lukas Bornheimer geben könne, jedenfalls keinen, der sich um Literatur und Kulturwissenschaft verdient gemacht hätte. Diese Erkenntnis aber reichte nicht aus, ihm den Magistertitel zu verschaffen, denn die Gelehrtenrepublik tut sich schwer mit Erkenntnissen, die das Nicht-Vorhandensein betreffen. Die Existenz Gottes in Abrede zu stellen, war immer schon ein Vergehen, und die Existenz Bornheimers zu leugnen, wurde im gelehrten Bonn mit Achselzucken geahndet. Kurz: Bodo Aufemhahn brach sein Studium ab, verkaufte das Gerippe seiner Magisterarbeit für 200 Euro an einen Kommilitonen, der die gelungene Gliederung und einige Formulierungen, wie sie nur im akademischen Milieu gedeihen, für die eigene Arbeit zu verwenden hoffte.
Bodo wurde Taxi-Fahrer und bediente damit ein Vorurteil über Studienabbrecher (da ich mich der Wahrheit verpflichte, darf ich es nicht verschweigen, auch nicht aus Rücksicht auf den guten Geschmack). Das schreckliche Ergebnis seiner akademischen Bemühungen schlug in Brandrot ein wie eine Brandbombe in ein Fachwerkhaus. Der Stadtrat zerstritt sich wieder. Jeder wollte gewußt haben, daß mit Bornheimer etwas faul sei. Die kärgliche Hinterlassenschaft hätte auch die Damen und Herren von der Opposition mißtrauisch machen müssen! Gerade die Opposition habe versagt, und mit einer Wendung gegen den Bürgermeister, fügte der Pfarrer hinzu: Er könne auch der Regierungsfraktion den Vorwurf einer gewissen Sorglosigkeit, die sich jedoch mit einem löblichen Vertrauen in die Menschheit entschuldigen lasse, leider nicht ersparen. Daraufhin trat der Bürgermeister zurück und verkaufte seine Schneifel-Stuben auf der Basis eines Rentenvertrages. An wen? Bodo Aufemhahn, dem die Ersparnisse seines Onkels zupaß kamen. Mit diesem Handel wurden zwei Probleme auf einen Schlag gelöst: Der Bürgermeister war sozialverträglich auf sein Altenteil gesetzt worden und Aufemhahn hatte nach seinem Ausflug an den Rhein und in die Welt des Geistes eine Existenz gefunden. Es bestand also gar kein Anlaß, die bisherige Karriere des jungen Mannes zu bedauern. Im Gegenteil: Bodo entpuppte sich als guter Betriebswirt. Er krempelte das altbackene Wirtshaus um und nannte es nach der Renovierung ´Lukas-Bornheimer-Stuben´. In den Gastraum, der neuerdings eine klassizistische Eleganz atmete (die an Schinkel erinnert), hängte er zwei große Bilder: Eine Reproduktion der Zeichnung, die Brosheim digitalisiert hatte, Bornheimer darstellend, und ein Brustbild der Dichterin Clara Viebig, so daß sich Lukas und Clara (die ihm in Berlin eine mütterliche Freundin geworden wäre) gegenseitig anschauten.
Am Nikolaustag des Jahres 2006 fuhr ein Mann vor, setzte sich unter das angestrahlte Bildnis Bornheimers und bestellte eine Flasche Rotwein von der Ahr, der ziemlich warm getrunken werden muß. Der Mann betrachtete vergnügt Clara Viebig und erkundigte sich danach, warum die Gaststätte nach Lukas Bornheimer benannt sei. Die Kellnerin wußte es nicht und ließ Aufemhahn kommen, der dem Gast die Geschichte vom großen Sohn der Stadt Brandrot auseinandersetzte, denn die Legende vom großen Sohn hatten inzwischen alle Bürger der Kleinstadt als “historisch wahr” akzeptieren gelernt. Unter der historischen Wahrheit verstanden sie eine Art höherer Wahrheit, die sich – wörtlich aufgefaßt – dialektisch in ihr Gegenteil verkehrt. Brosheim konnte sich nicht erinnern, jemals einen vergnüglicheren Nikolausabend erlebt zu haben.