Wiedersehen in Irland
von Paola Reinhardt (copyright)
Wenn sie sich an Irland erinnerte, dann nicht nur an das einzigartige Licht dieser grünen Insel, oder an den Schleierdunst, der morgens über der ruhelosen See lag, sondern an ihn. An Patrick – und die gelben Rosen vor dem Homely House, die sie so liebte. „Wer einmal in Irland war, kommt wieder zurück“, sagte der Alte am Hafen, der ein Gespräch mit ihr suchte. Charlotte nickte, fühlte sich aufgeregt und elend zugleich, als sie in den Mietwagen stieg. Sie traf alles genauso an, wie sie es in Erinnerung hatte: Das weiße Gemäuer, das Schild kurz vor dem Giebel in Orange und Weiß mit der schwarzen Schrift darauf. Die rote Eingangstür, die roten Sprossenfenster – nur der Rosenstrauch fehlte. Zögernd ging Charlotte hinein, setzte sich an einen der kleinen Tische, bestellte einen Tee und ließ Zucker hineinrieseln. Wartete, wartete. Kurz bevor der Tag sich davon schlich, kam Patrick zur Tür herein. Sie wollte weggelaufen, hatte plötzlich Angst vor der Wahrheit. Aber da war es schon zu spät. Er kam auf sie zu. „Warum bist du nicht gekommen?“, fragte er, als läge ihre Verabredung erst ein paar Stunden zurück und nicht ein paar Wochen. „Ich habe lange auf dich gewartet.“ Er gab ihr nicht die Hand, stand nur da und sah sie an. „Ich musste früher abreisen“, log sie, obwohl sie genau wusste, dass er ihr nicht glaubte. „Komm!“, sagte Patrick nur und schob sie sanft zur Tür. Gemeinsam gingen sie über einsame, begrünte Wege und gelangten schließlich zu der Stelle, wo eine weiß getünchte Hütte aus Bruchsteinen stand, direkt am See. Hier lag auch sein Boot, und hier hatten sie sich immer geliebt, als sie noch ein Paar waren und für kurze Zeit an der gleichen Schule unterrichteten. Das Land ringsherum war karg und steinig. Doch an der Südseite der Hauswand sah sie einen gelben Rosenstrauch blühen. Einfach so, ganz selbstverständlich, als hätte er schon immer dort gestanden. „Ich denke, er gehört hierher, genau wie du auf diese Insel“, sagte Patrick. „Und diese andere Frau?“ „Wir sind zusammen hier aufgewachsen. Aber Liebe verändert sich, und manchmal wird eines Tages ganz einfach eine wunderbare Freundschaft daraus.“ Er wusste sofort, wovon sie sprach. „Das ist keine Antwort“, hielt Charlotte ihm entgegen „Doch! Und zwar die einzige, die es gibt!“ Patrick lachte und nahm sie in den Arm. Sommer in Irland und seine Lippen waren voller Sanftmut. So sanft, wie der laue Sommerabend – und sie glaubte ihm.