Wiedervereinigung
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
Brosheim war um 4 Uhr aufgestanden. Um 6 wartete er an der Pforte des Ministeriums. Es dauerte 20 Minuten, bis der Bus eintraf, der seit der Vereinigung einen Umweg über das Bonner Regierungsviertel nahm. Pünktlich 7.30 stiegen die Passagiere am militärischen Teil des Konrad-Adenauer-Flughafens aus und reihten sich in eine Schlange, die zur Abfertigungshalle kroch. Es begann zu nieseln. Die aufgespannten Schirme stießen sich. Die Stimmung war schon um 7.45 gefroren. Brosheim bewegte sich unter den vielen Beamten, die ihre Dienststellen in Ostberlin als Kommissare besuchten, beneidet, gehasst, verachtet von den Eingeborenen, die alle Verstecke verraten, alle Schätze abliefern und am Ende einer Schamfrist selbst verschwinden mussten, in einem abgelegenen Büro oder arbeitslos in der billigen Platte. Aber welch ein klägliches, frierendes Invasionsheer, diese Beamten! Sie sahen aus wie politische Gefangene, unter Arrest gestellt durch die Bundeswehr.
Die Tupolew fiel aus. Es würde heißen, sowjetische Maschinen seien reparaturanfälliger oder älter oder werweißwas, oder die Herren von der fliegenden Truppe könnten noch nicht korrekt mit ihr umgehen. Dann endlich kam die Ersatzmaschine, eine Iljuschin der DDR-Hinterlassenschaft. 11.37 hob sie ab. In Schönefeld wartete Brosheim auf einen Fahrer des Ex-DDR-Außenministeriums, der einige ministerielle Außenstellen anfahren sollte (Genscher also auch zuständig für Außenstellen). Der Fahrer tauchte auf, wollte aber nicht eher mit dem Kleinbus abfahren, als bis die zweite Maschine im Gefolge der Iljuschin gelandet war. Brosheim defilierte inzwischen an den wachhabenden Rotarmisten vorbei und fragte sich, was die hier noch zu suchen hätten. Er besah sich die Auslagen der Shops, die schon so hießen und vollgestopft waren mit Gütern aus dem Westen: Marlboro, Playboy, Sony. Kurz nach 14 Uhr erreichte er die Außenstelle Unter den Linden. Er verschlang eine Bratwurst an der einzigen Bude auf dem Pariser Platz, nahe dem Bretterverschlag, der das Brandenburger Tor umschloss. Danach war er bereit, mit dem ehemaligen Leiter der Sektion für automatisierte Verfahren zu sprechen, und gewann einen ungefähren Überblick über die Geräte, die er registrieren und an einem Ort zusammenziehen sollte, zwecks eventueller Verteilung an neue Verwaltungseinheiten, die noch zu schaffen wären.
„Mir soll es ja egal sein, aber darf ich fragen, ob Sie unsere Maschinen, pardon, Ihre Geräte mitzunehmen gedenken, nach Bonn?“
„Nun, das kommt auf den Zustand an, ihre Einsatzmöglichkeiten und so weiter.“ Und so weiter – sollte bedeuten, dass Brosheim keine Lust hatte, mit jemandem, der längst nicht mehr zuständig war, darüber zu diskutieren. Und der Sektionsleiter:
„Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber ich habe Dezember 89, als ich noch zu dem Laden gehörte, Geräte des West-Standards in Hannover eingekauft, 386er im Novell-Netz, Peacock-Monitore, beste Qualität. Außerdem stehen noch einige PC1715, wenn Ihnen das was sagt, und jede Menge Nadeldrucker K6311 im HdM.“
„Robotron?“ fragte Brosheim aus gelangweilter Höflichkeit.
„Natürlich Robotron! Thermodrucker gefällig? Plotter? K6303, K6411, können Sie alles haben, sogar einige KC85, 3er und 4er, mit Z80-Prozessoren, Home Computer made in GDR. Ich weiß jemanden, der die Sachen verschleudert, und gegen einen gewissen Aufpreis kann ich sie Ihnen anbieten.“
Er lächelte unverschämt, so dass sich Brosheim zur Antwort genötigt sah:
„Ich möchte darauf hinweisen, dass alle informationstechnischen Geräte des ehemaligen Ministeriums nicht in Privatbesitz übergehen dürfen. Sie gehören der Bundesrepublik Deutschland!“
Wow!
Er musste die Geräte der Bundesrepublik Deutschland nur in einem Raum der Außenstelle Unter den Linden sammeln. Dazu brauchte er einen Wagen und einen Fahrer, der ihn beim Transport vom HdM, dem Haus der Ministerien an der Leipziger Straße, zur Hand ging.
Brosheim folgte dem dumpfen Gemurmel, das aus halboffenen Türen zweier Büroräume drang. Er schob mit dem Finger die Tür des linken Raumes auf und drehte vorsichtig seinen Kopf um das Türblatt, das wie ein Schild seinen Körper deckte. Zwei Damen um die vierzig unterhielten sich, so dass er, den Schutz der Tür verlassend und einen Schritt in das Zimmer wagend, durch ein deutliches Guten Tag auf sich aufmerksam machen musste. Der Raum war bis zur Schulterhöhe gelb gestrichen. Darüber klebte eine kleingeblümte Tapete, auf der sich zwei helle Rechtecke abzeichneten, ein großes im Querformat und darüber ein kleines im Längsformat. Brosheim studierte die Rechtecke und ihre gegenseitige Lage.
„Wat kiekste“, fragte eine Dame, „da oben kommt der Kohl zu hängen, darunter det Abendmahl.“
Er sagte so freundlich er konnte (besonders freundlich konnte er nicht):
„Mein Name ist Brosheim, ich suche den Leiter der Fahrbereitschaft.“
„Ich bin die Leiterin“, antwortete die andere Dame, betont freundlich, um den ungünstigen Eindruck ihrer Kollegin auszugleichen, „kann ich was für Sie tun?“
„Ich brauche jemanden, der mir die technischen Geräte aus dem HdM rüberholt.“
„Darf ich fragen, wer Sie denn sind?“
Brosheim bemühte sich um eine bescheidene Antwort und erklärte, welchen Auftrag er erledigen müsse und auf welche Veranlassung hin.
„Da werden Sie nicht viel Glück haben, fürchte ich.“
„Sie sind doch die Fahrdienstleiterin. Oder waren Sie es?“
„Ich bin es bis zum 31. März nächsten Jahres. Gehn Sie mal nebenan und fragen nach Herrn Debus. Der wird übernommen. Kann aber sein, dass er nicht da ist.“
„Herr Debus“, wiederholte Brosheim. „Er würde doch tun, was Sie ihm auftragen. Warum teilen Sie ihm die Fahrt nicht zu?“
„Machen Sie mal. Der hört auf Sie. Der will noch was werden.“
Brosheim verließ das Zimmer und zog die Tür ins Schloss.
Als er das Lachen durch die verschlossene Tür hörte und auf sich bezog, betrat er ohne anzuklopfen wieder den Raum. Die beiden Frauen wandten ihm ihre roten Gesichter zu. Die Fahrdienstleiterin wischte sich über die Augen.
„Nichts für ungut“, sagte sie, „kann ich Ihnen weiterhelfen?“
„Ich bräuchte einen Kombi oder kleinen Lastwagen. Es ist nicht damit getan, dass Herr Debus einen PKW fährt. Es würde dann zu lange dauern.“
„Ich bräuchte jetzt einen Kumpeltod“, sagte die Frau, „wir haben nicht über Sie gelacht. Wir würden über einen, der aus Bonn kommt, nicht lachen. Wir haben jedenfalls nicht direkt über Sie gelacht, nicht über Sie persönlich. Sie haben mich nur an jemanden erinnert. Sie müssen sich nichts draus machen. Hier geht im Augenblick alles drunter und drüber. Wir lachen, obwohl den wenigsten der Sinn danach steht. Wenn Debus da ist, dann auch der Barkas. Er ist der einzige, der ihn fährt. Ob er heute noch dazu kommt, wo die Fahrer ihren Rausschmiss feiern, das kann ich Ihnen nicht versprechen.“
„Ich würde wahrscheinlich den Witz nicht verstehen, über den Sie gelacht haben?“
„Herr …“
„Brosheim.“
„Herr Brosheim, wären Sie mindestens fünf Jahre in diesem Laden, beim Genossen Erich und seiner feisten Margot, ich glaube, Sie hätten alles sofort verstanden.“
„Habe ich eine Ähnlichkeit mit Ihrem Genossen?“ fragte er, irritiert, ja empört, dass sein Erscheinen eine Assoziation zu vergangenen DDR-Verhältnissen wachgerufen haben sollte. Die Damen lachten wieder und die Fahrdienstleiterin kam auf ihn zu. Sie war eine kompakte Frau mit breitem Hintern, ausgeprägten Brüsten, von denen die offene Jacke herabhing, so dass zwischen Jacke und Rock eine Handbreit Abstand klaffte. Sie stampfte ihm entgegen in einer Wolke unbestimmbaren Parfüms. Ihre Backen waren übersät mit rötlichem Gerinsel. Die Augen zwinkerten, ohne etwas zu meinen.
„Sie haben keinerlei Ähnlichkeit mit dem Genossen Erich. Seien Sie froh und kommen Sie jetzt mit.“
Sie packte ihn am Arm.
„Der helle Fleck, was hat da gehangen?“ fragte Brosheim. „Das würde mich interessieren.“
„Würde, wenn wat? Interessiert et Sie nu oder nich? Ein Poster hat da gehangen, ein Gruppenfoto der Nationalelf nach dem Sieg über die BRD in Hamburg.“
„Aber das war doch nicht nötig, es abzuhängen!“
„Selbstverständlich nicht“, sagte sie verdrießlich, „es gehört jemandem, den Ihr rausgeworfen habt. Er hat es mit in seine Datsche genommen.“
Sie traten auf den Flur hinaus. Das Lachen hatte sich erschöpft. Brosheim wusste nicht, ob er auf den Arm genommen wurde, und schnaufte zweimal, was als Lachen oder Missfallen gedeutet werden konnte. Die Fahrdienstleiterin achtete nicht mehr darauf. Sie rief in das gegenüberliegende Zimmer:
„Der Debus! Sein Typ wird verlangt.“
Jemand quäkte durch den Raum:
„Der Debus, der kann uns mal.“
„Und ihr könnt mich mal“, rief die Frau in den Raum zurück.
„Komm rein, Henriette, wenn du keine Schneiderin bist. Wat willste denn wieder vom Debus? Der bringt es dir nicht, du Nymphomanin.“
Das folgende Gelächter klang freudlos und einstudiert.
„Ick schau später nochmal vorbei“, rief sie und schob Brosheim in den Raum, „behandelt ihn gut. Er ist einer von drüben.“
„Buuh, der erste, der sich hier runtertraut!“
Vier Personen saßen an einem Tisch. Auf ihm standen Gläser und Flaschen in Pfützen von Schnaps. Brosheim wurde mit einer freundlichen, alles verzeihenden Neugier empfangen. Aber niemand bot ihm einen Stuhl an.
„Sie wollen unsere Dienste in Anspruch nehmen?“
„Die Mithilfe von Herrn Debus.“
„Der ist mal weg, beim Chef, beim neuen. Der ist auch nicht besser als der alte, gelinde gesagt.“
„Haltet den Mund“, sagte der 1. Fahrer.
Der 2.: „Den Mund habe ich lange genug gehalten, und was hat es mir gebracht?“
Der 3.: „Hättest ihn vielleicht früher mal aufmachen sollen.“
Der 2.: „Ich habe meinen Mund gehalten, im Gegensatz zu einigen, die für meinen Geschmack zu viel geredet haben.“
Der 1.: „Mensch, halt den Mund.“
Der 2.: „Verweigert hab ich mich der Partei.“
Der 3.: „Gefragt worden biste nich.“
Der 2.: „Die haben jeden gefragt!“
Der 3.: „Und was haben sie dich gefragt? Ob dir das Spionieren bei uns Spaß macht?“
Der 2.: „Nu mal langsam, ganz langsam.“
Der 1.: „Ihr tut so, als könntest ihr euch die Streitereien erlauben.“
Der 2.: „Nu man sachteken. Du auch. Deinen Ratschlag brauchen wir nicht, früher nicht und heute auch nicht. Der neue Herr wundert sich schon über uns. Rausgeschmissen haben sie die meisten hier, müssen Sie wissen.“
Brosheim sah sich um.
Der 3.: „Als ob den das interessierte.“
Der 1.: „Hört doch auf, der kann nüscht dafür.“
Der 2.: „Herr, mich haben sie gefragt, ob ich der Partei angehören will, wo ich eine Heimat fände. Nein, hab ich gesagt, Parteiarbeit liegt mir nicht. Ich kann nicht reden, und Politik geht nicht in meinen Kopp. Was hab ich nu davon? Ich bin alt und durfte seit elf Jahren immer dasselbe tun. Was hat es mir gebracht? Ich steh auf der Straße, und die roten Säue sind wieder da, wo sie waren, wo sie nie wegzugehen brauchten. Sind einfach sitzen geblieben auf ihren Pavianärschen. Und warum? Weil sie der BRD-Kommission, Ihrer Kommission, vorgeflunkert haben, alle hätten gemusst, und es wär nur darauf angekommen, anständig zu bleiben. Ich bin auch anständig geblieben, aber unsereins kriegt den Tritt in den Arsch. Elf Jahre umsonst. Erst werden wir von denen getreten und betrogen, dann von den neuen. Ich habe immer meinen Dienst getan. Ich war nie in der Partei. Ich habe sogar mal Schwierigkeiten gehabt. Damals Schwierigkeiten, heute rausgeschmissen. So is det!“
Der 1.: „Ich kenn einen Fall, bei dem stand im Zeugnis: hat Probleme, sich ins Kollektiv einzuordnen. Man sollte meinen, der wird von euch Wessis mit Kusshand übernommen. Wat war? Hintenrum hab ich gehört, dass man ihn abgelehnt hatte wegen offiziell was anderem. Aber inoffiziell hat es geheißen: Wer sich nicht einordnen kann, wird auch bei uns Schwierigkeiten machen, also bei den neuen Herrschaften. Den haben sie erstmal in die Warteschleife gesetzt. Von da fliegt er dann in die Arbeitslosigkeit.“
Der 2.: „Elf Jahre umsonst. Das ist der Dank dafür. Sie können mir das auch nicht erklären, nehme ich an.“
„Mein Versuch, etwas zu erklären“, versetzte Brosheim, „wäre für Sie kein Trost. Ich glaube nicht, dass Sie aus politischen Gründen entlassen worden sind. Das hat gar nichts damit zu tun, ob Sie in der Partei waren oder nicht, oder dass Sie damalige Minister gefahren haben.“
„Warum dann?“
„Es hat etwas damit zu tun, dass jetzt nicht mehr so viele Fahrer gebraucht werden. Nehme ich an.“
Der 2.: „Sagen Sie es doch ruhig. Weil ich zu alt bin. 53 Jahre und zu alt. Ich kriege ihn noch freihändig hoch, aber ich bin zu alt. Nach elf Jahren bin ich zu alt. Ich war noch nie arbeitslos, nicht einmal bei den roten Säuen. Jetzt heißt es: Nicht zu gebrauchen. Da war es früher besser als heute. Das sage ich ganz offen. Es sind alles Schweine. Und die roten Schweine von damals werden übernommen. Die sind fein raus.“
Der 3.: „Nenn doch mal einige.“
Der 2.: „Könnt ick, könnt ick! Was ich weiß, schreibe ich mal an die Zeitung. Die Kommission hatte ja keine Ahnung. Die hat sich um die Finger wickeln lassen. Wer am besten geredet hat, den haben sie genommen. Ich könnte Ihnen noch einiges über die sagen. Aber es geht mich nichts mehr an. Aus, vorbei. Interessiert mich nicht. Ich wähle keine Partei mehr. Wir sind die Verlierer sowieso immer. Für die Einheit bezahl ich – und die meisten hier von uns. Aber kassieren tun die anderen.“
Nach einem Augenblick des Grübelns sagte er mit verzogenen Lippen, die das Weinen ankündigten:
„Die muss auch gehen.“
Er fing an zu schluchzen, aus Mitleid mit sich selbst, weil er sich gering achtete und meinte, an ihm dürfe man das Unrecht vollstrecken, weil er nichts mehr tauge, weil er schon zu alt und für die neue Gesellschaft unnütz sei, aber an jener, der Mittdreißigerin, der aus dem Sekretariat, mit der alle gerne was gehabt hätten, an der habe man das Unrecht, das ihm widerfahren ist, nicht auch vollstrecken dürfen. Brosheim sah sie an, dem Augenzeig des Sprechers folgend, und traf unerwartet auf den entfalteten Blick der Gepriesenen, eines Opfers der ungerechten und unfähigen Kommission. Er war peinlich berührt von dem zur Schau gestellten Blick dieser Frau, die sehr schön war. Er dachte an die gespannte Ruhe einer Gastgeberin, die einen Plan verfolgt, wenn sie den Bademantel langsam ausbreitet und den Beobachter selber suchen lässt nach einem Mal, einer Wunde, einem Biss. Ecce homo. Was für eine Klasse-Frau. Sieh diesen Schmerz.
„Sie müssen auch gehen?“ fragte er kloßig.
Sie nickte.
„Warum?“
„Warum!“
„Sie stellen Fragen!“ sagte jemand.
„Lass ihn doch, er kümmert sich wenigstens, der erste nach den Kündigungsbriefen. Glauben Sie bloß nicht, dass nach der feierlichen Ansprache, mit der sie uns den Tritt gegeben haben, jemand von den Bonzen bei uns hier unten gewesen wäre. Die roten Säue katzbuckeln schon wieder. Wenn Sie was wollen, müssen Sie zu denen gehen, die lesen Ihnen jeden Wunsch von den Hühneraugen, nachdem sie Ihre Füße geküsst haben.“
„Also, Sie alle müssen gehen?“
„Deutlicher kann man es nicht sagen.“
„Es tut mir leid“, flüsterte er.
Sie nahm ihren Blick zurück und lächelte. Was wissen Sie schon. Was können Sie schon tun. Wer sind Sie denn. Auch wenn Sie aus dem Westen kommen. Ein unbedeutender Handlanger. Sonst säßen Sie nicht hier. Brosheim spürte, dass sie ihm nichts zutraute. Er war ihresgleichen. Ein Kumpel. Sie hatte ihn richtig eingeschätzt. Er würde keine Verhältnisse ändern.
„Die roten Säue“, schluchzte der 2. Fahrer, der den Mittelpunkt bildete, das Haupt der Verschwörung. Brosheim dämmerte es, was er mit den roten Säuen sagen wollte: Sie haben uns verraten. Sie haben unseren kleinen Staat kaputtgemacht und die Reste verkauft, für eine sichere Stellung bei den neuen Machthabern.
„Aber wie uns die Neuen behandeln!“
Der Mann senkte seinen Kopf. Brosheim sog den Schweiß der Frau ein. Die schöne Mittdreißigerin hatte sich erhoben. Sie griff an ihm vorbei zu einer Flasche Schnaps und hielt sie mit beiden Händen über die Gläser wie einen Schlauch. Sie vergoss so viel, dass Brosheim der scharfe Geruch in die Nase stach. Ein Rinnsal Schnaps hing wie ein Faden von der Tischkante und nässte die Hose des Fahrers, der sein Schicksal beweinte.
„Hör auf zu flennen!“
Sie stieß dem Fahrer die Flasche gegen die Hand, die als Kopfstütze ausgedient hatte und griffbereit durch die Luft irrte. Die Frau hielt Brosheim ein tropfendes Glas vors Gesicht.
„Prost“, sagte sie, „du bist der erste von drüben, der sich hier blicken lässt, nachdem die blauen Briefe ausgeteilt wurden.“
Er griff das Glas, hob es, bevor er trank, und wartete, dass andere mit ihm trinken würden, aber die Korona sah ihn nur an. Er kam sich vor wie jemand, dem man Gift gereicht hatte.
„Ich würde gerne helfen“, sagte er laut und kippte den Schnaps in sich, „aber ich kann es nicht.“
Alle lachten.
Der 1.: „Lass mal, du bist der einzige, der sich hier blicken lässt. Lass gut sein. Uns kann keiner helfen. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Prost. Tu noch einen rein. Heute wird nicht mehr gefahren. Wenn Sie mich fragen, ick fahr heut nich mehr.“
Der 3.: „Wenn Henriette sagt, du fährst, dann fährste bis ans Ende der Welt.“
Der 1.: „Bis zum Arsch der Welt.“
Der 2.: „Fahr zur Hölle, ick fahr heut ooch nich mehr.“
Er versuchte aufzustehen und wedelte mit der freien Hand gegen Debus, der in diesem Augenblick das Zimmer betrat.
„Der Junge ist in Ordnung, auch wenn er von euch übernommen wird.“
Der Sprecher ließ sich auf den Stuhl zurückfallen.
„Er soll mitfeiern, obwohl er übernommen wird. Darf ich vorstellen, Ihr neuer Kollege, der Genosse Debus.“
Er lachte bräsig, stolz auf seinen Oppositionsmut, der in dem Wort Genosse lag.
„Ich soll jemanden fahren“, bemerkte Debus misstrauisch.
„Hat Henriette gesagt, dass du einen fahren sollst?“
„Einen fahren lassen sollste!“
Der 2. Fahrer, der Flenner, kreischte und stieß seinen Atem durch den aufgeklappten Mund. Er neigte sich vornüber, weil die Luft, die seinen Körper stützte, aus ihm wich – in Brosheims Gesicht, der sich angewidert abwandte.
„Also, was ist“, fragte Debus verlegen und blickte auf Brosheim.
„Ich bitte Sie, mit mir zusammen ein paar Büromaschinen, Computer und so, aus dem HdM hierher zu transportieren, vielleicht auch zur Dependance im Außenministerium. Ich weiß noch nicht genau.“
Die Männer und die Frau schwiegen erwartungsvoll. Debus zuckte mit den Schultern.
„Ja, gut.“
Der Flenner brüllte:
„Hab ich es nicht gesagt: Henriette! Sie hat nämlich ein mütterliches Verhältnis zu ihm. Sie weiß, was gut für ihn ist. Wenn es unbedingt sein muss, fährste den Herrn, hat sie zu ihm gesagt. Hat sie das gesagt? Muss es sein, Henriette, hat er dann gefragt, weil er sich nämlich kein Bein ausreißt und immer im Hintergrund darauf wartet, dass die Arbeit zufällig auch mal bei ihm vorbeischaut. Und Henriette hat ihn dann herumgekriegt.“
„Für Henriette tu ich alles“, sagte der junge Mann trotzig.
„Kipp dir vorher einen hinter die Binde.“
„Ich bin im Dienst.“
Der Flenner winkte versöhnlich ab.
„Er ist ein guter Junge, hat sein Leben noch vor sich. Prost.“
Brosheim beugte sich über den Tisch, füllte sein Glas aus einer Flasche, kippte es und legte der schönen Frau die Hand auf die Schulter.
„Wir fahren dann. Ich spreche auf jeden Fall mit dem Personalrat.“
Diesmal lachte keiner. Sie waren zu erschöpft. Jemand sagte sogar Aufwiedersehen.
Debus ging einen Schritt vor Brosheim, der ihn von hinten ansprach:
„Sie haben einen Vertrag?“
„Noch nicht.“
„Aber Sie kriegen einen?“
„Ich denke mal.“
„Wie lange arbeiten Sie schon hier?“
Debus schaute auf die Uhr und Brosheim musste darüber lachen.
Als sie auf den Hof hinausgingen, wurde der junge Mann freundlicher. Der Anblick seines Autos gab ihm Selbstvertrauen zurück.
„Dieser Kombi ist gar nicht schlecht, ein Barkas B-1000. Da kriegen Sie eine Menge rein und können immer noch Spitze, na, 120 fahren.“
Brosheim stieg ein, nachdem Debus von innen die Tür geöffnet hatte. Sie unterhielten sich eine Weile über technische Einzelheiten. Was das 1000 bedeutet. Nunja, es bedeutet sich selbst, 1000 Kubikzentimeter Hubraum, anders gesagt: Eine 1-Liter-Maschine, 3-Zylinder-2-Takt-Frontantrieb. Wie viel PS? An die 50 dürften es sein, und knapp 50 Liter gehen in den Tank. Ob auch Viertakter davon existierten? Viertakter waren immer im Gespräch, wären gar kein Problem für DDR-Ingenieure gewesen, aber ohne die da oben gings nicht. Dann voriges Jahr auf der Leipziger Messe: der B-1000-1 mit Viertaktmotor. Den hätte sich Debus gerne beschaffen lassen. Ob sie die Barkas auch exportiert hätten? Na klar doch, nach Ägypten, aber auch woanders hin.
Als sie in die Behrenstraße einfädelten, stieß Brosheims Blick auf den Lenin-Kopf an dem Klinkerbau schräg gegenüber (der ihm heute morgen schon aufgefallen war). Er feixte:
„Lenin ist politisch doch gar nicht mehr korrekt. Ihr habt vergessen, ihn abzuschrauben. Der muss weg.“
„Herr, wollen Sie den dritten Weltkrieg anfangen? Der Genosse Lenin gehört den Russen mitsamt dem Haus dran. Der Bau da lässt sich nicht wiedervereinigen. Er gehört zur sowjetischen Botschaft. Hinter den Klinkern baden die Botschaftsrussen, ihre Familien und Gäste und die Wache und wer sonst noch alles. Das ist so eine Sorte Kulturhaus mit Hallenbad und Kantine. Die Feist, also die Honecker, soll mal angefragt haben, ob wir auch deren Kantine benutzen dürfen. Die Antwort war ja von vornherein klar. Darf ich Ihnen mal was Unverblümtes sagen, ja? Bevor Sie beim Großreinemachen was wegschmeißen oder abschrauben, sollten Sie sich zweimal überlegen, ob Sie es vielleicht nicht doch noch gebrauchen können, und ob es Ihnen überhaupt gehört. Schnallen Sie sich an!“