Der Zimmermann von Zagreb

von Pablo Wezel (copyright)

„Es war einmal“ würde nicht nur langweilig sondern auch viel zu verjährt klingen. Der schwere süssliche Geschmack von Blut klebte noch so sehr in der Luft, dass man mit den Worten kürzlich beginnen möchte. Dennoch streben wir manchmal danach, schreckliche Ereignisse hinter uns zu lassen, um möglichst schnell vergessen zu können. Also nehme ich einfach den Mittelweg und beginne mit: Einst als Krieg das Land beherrschte und Minen das Feld bestückten, lebte in durchlöcherten Gemäuern eines verlassenen Hauses eine Spinne. Sie war alt und grau und hiess Ludwig. Ludwig fehlte ein ganzes Bein. Dieses verlor er gerade letzte Woche, als neben ihm eine Bombe einschlug. Aber in seiner zarten Weisheit hatte Ludwig gelernt mit all dem Hass und jener Gewalt, welche er mit sich brachte umzugehen. Still konnte er in all der Traurigkeit, welche ihn umgab etwas Schönes entdecken. Wenn erneut tausende von Kugeln durch das leere Haus kreischten, flüchtete Ludwig, seit letzter Woche etwas langsamer, hinter den vergilbten Heizkörper des Wohnzimmers. Dort wo die alte Mila immer die nassen Socken ihres Mannes aufgehängt hatte. Ihm hatten die Männer vor einigen Wochen hinter dem Haus ins Gesicht geschossen. Er musste dafür auf seine selbst gezimmerte Veranda knien. Immer hatte er erwähnt, dass sie gestrichen werden sollte. Vermutlich hatte er aber nie geglaubt, dass sein eigenes Blut als Grundierung eingesetzt würde.
Hinter dem vergilbten Heizkörper rührte Ludwig nicht ein Beinchen bis wieder Ruhe einkehrte. Die Schüsse und Schreie verstummten. Eines Tages, der Morgen war noch sehr jung, und Ludwig gerade unterwegs zu der Wand, wo all die Kinderzeichnungen von Milanka und Sabia hingen, stürzte ein kleiner Junge in das Haus. Blutüberströmt torkelte er ins Wohnzimmer. An seiner rechten Schulter baumelten Hautfetzen hin und her. Der Junge hatte einige Gedanken zuvor noch Fussball gespielt. Mit Novica an seiner Seite. Dann ein Knall und Novicas Körper platzte in alle Himmelsrichtungen. Der Junge versorgte sich selber und Ludwig begleitete ihn dabei. Ludwig war glücklich. Glücklich nicht mehr alleine zu sein. Zusammen sahen sie die Sonne aufgehen. Und wenn der Junge schlief hielt Ludwig die ganze Nacht Wache.
An einem Morgen, Ludwig war gerade kurz eingenickt, trampelten grüne Männer in das Haus. Gefährlich mit Gewehren brüllten sie alle durcheinander. Ihre Stimmen überschlugen sich. Ludwig schrie auch. Mutig warf sich Ludwig zwischen die Gewehre und den Jungen. Trotz Ludwigs Warnungen blitzen plötzlich alle Gewehre auf und der Junge mit dem Stummel an der Schulter sackte lautlos zusammen. Die Gewehre gingen und liessen nichts als den Gestank des Schiesspulvers und das leise Wimmern des Jungen zurück. Ludwig setzte sich neben den Jungen und sah zu, wie der Tod kam. Das Blut quoll unter dem kleinen Leib hervor und floss zäh in Richtung Küche. Ludwig wusste, dass das Haus ein kleines Gefälle hatte. Leise ging er wieder hinter seinen vergilbten Heizkörper.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Go back to top