Trotzdem

von Paola Reinhardt (copyright)

Tränen in den Augen
während mein Mund lügt
dabei kann er diese
schlaflosen Nächte nicht leugnen
lächele die Amsel an
die in den tristen Blättern
des Fliederbaums
neben meinem Fenster singt
die schweren Dolden
sind längst vertrocknet
nun wirkt er wie eine Frau
die ihre Jugend verschwendet hat
und nicht an das Alter dachte
trotzdem nehme ich nichts zurück
von meinem Treueschwur
werde dazu stehen
auch wenn ich umsonst
auf deine Rückkehr warte.

Wo bist du?

von Paola Reinhardt (copyright)

Du hast dich einfach davon gemacht
wie der Schillerfalter im letzten Sommer
der sorglos und tänzelnd die Blumen beglückte
und dann weiter flog als hätte es nie
diese zärtlichen Berührungen gegeben.

Ich habe überall nach dir gesucht
sogar im fernen Regenbogenland
wo die Farben zuhause sind und
alle Wünsche ihre Heimat haben
doch ich habe dich nicht gefunden.

Nur Gedankenspiele

von Paola Reinhardt (copyright)

Herbstzeitlose Gedanken vergiften mein Blut
obwohl es in den Tälern bereits
zitronenfaltergelb und augenblau blüht
mein Herz aber ist im Gletschereis
der Berge über uns stecken geblieben
seitdem du so beharrlich
Pfirsichblütenträumen nachjagst
die Farbe blasslila hat dir nie gefallen
gib acht dass sie dir nicht zum Verhängnis wird
so blind wie dich dein Spätjugendwahn gemacht hat.

O, Johanna

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Diebstähle haben nachts zu geschehen. Der Landwirt Odilo Moosmer schwieg zuerst, als er gefragt wurde, warum er annehme, er sei nachts bestohlen worden. Nach einer Weile sagte er nur, am folgenden Tag sei es ihm aufgefallen. Hätte es nicht auch am Sonntagvormittag gewesen sein können? Wer stiehlt schon sonntags! Aber wenn man es genau betrachtet, jaaa. Wir wollen es genau betrachten, sagte der Kommissar. Der Diebstahl des Hochspannungs-Schwachstrom-Geräts vom Weidezaun ist der Auslöser für diesen Bericht über Johanna. Der Dieb müsste gehörig ins Licht gestellt werden – wenn er nur bekannt wäre! Er hat Grund zu schweigen. Aber eines Tages wird er reden. Seine Träume werden sich immer wieder um das Eine drehen, bis zu dem Tag, an dem er den Diebstahl zugibt. Moosmer inserierte. Er forderte den Dieb öffentlich auf, der Polizei den gestohlenen Generator samt Trafo und Erdspieß auszuhändigen. Die Apparatur sei radioaktiv (nach dem GAU von Tschernobyl war Radioaktivität ein guter Grund für Panik).


Johanna hatte das Kind. Sie musste sich und Bébé, den Sohn, selbst über Wasser halten. Da war aus dem Physikstudium nichts geworden. Sie lernte Friseurin, weil Herr Ottokar Ferken sich danach gedrängt hatte, ihr ein Gehalt zu zahlen, dessen Höhe fast an das einer ausgebildeten Kraft heranreichte. Kein Wunder: Johanna war gut gebaut, nicht schön, aber hübsch, außerdem geschickt, von rascher Auffassung.

Der neue Beruf gefiel ihr. Er würde auch nur vorübergehend sein. Das Studium hatte sie nicht aus den Augen verloren. Sie verdiente gut an Trinkgeldern. Obwohl ihr das Meiste in die Hand gedrückt wurde, versäumte sie nie, es in den Gemeinschaftstopf zu legen. Sie war die einzige Herrenfriseurin. Kein Kunde wurde aufdringlich. So konnte sie in der jeweiligen Viertelstunde des Haut- und Haarkontakts gut mit ihnen auskommen. Die meisten Herren verkrampften sich. Sie rückte deshalb ihre Köpfe zurecht oder packte sie an den Schultern, um sie in die geeignete Positur zu setzen. Sie hatte gelernt, im Spiegel ihren Augen zu begegnen und dabei zu lächeln. Manch einer errötete und wusste keinen Fluchtweg, denn er musste unter dem weiten Tuch in der vereinbarten Haltung ruhig sitzen bleiben. Schon wahr, es blieb nicht aus, dass sie das eine oder andere Mal mit der Brust einen Kopf berührte. Sie trug bei der Arbeit derbe Büstenhalter, um den weichen, intimen Kontakt zu meiden. Aber was sie dadurch an Vorteil erreichte, erkaufte sie durch den Nachteil, dass ihre Brust noch mehr herausgehoben wurde. Das machte die tupfenden Berührungen nicht seltener.

Dann passierte Folgendes. Ihr Chef, besagter Ferken, bat sie ins Büro.
„Frau Brosheim. Ich beabsichtige, unseren Betrieb attraktiver zu gestalten. Wie Ihnen nicht verborgen geblieben sein dürfte, leben meine Frau und ich in Scheidung. Kurz und gut, es wird über kurz oder lang zu einer Trennung und damit zu einer Aufteilung des Geschäftes kommen. Meine Frau übernimmt den Damensalon. Und ich habe vor, den Herrensalon auszubauen. Ich möchte etwas Besonderes in die Wege leiten, was den Kundenkreis über diese Stadt hinaus ausdehnen wird.“
Bei ‘ausdehnen’ schaute Ferken über seine Brille hinweg in Johannas Gesicht, um sich zu vergewissern, dass sie die Bedeutung seines geschäftlichen Vorhabens begriffen habe. So weit so gut. Johanna hatte nichts dagegen, dass er sich scheiden ließ. Sie interessierte sich nicht für ihn, und die Ausdehnung seiner geschäftlichen Tätigkeiten würde ihr nicht schaden. Dann das! Ob sie sich im Nachtleben ein bisschen auskenne? Durch den Freund vielleicht? Kleiner Bar-Bummel? Stadt mit Herz, offenherzig eben, oben ohne, der Kunde ist König.
„Und wenn der Kunde König ist, dann auch spendabel. Für Sie fällt ein schöner Batzen ab. Gott hat sie vorzüglich ausgestattet. Sie brauchen nichts zu verstecken. Sie sollten es sichtbar werden lassen und die Herren frisieren, rasieren, maniküren, massieren. Verstehen Sie? Das Trinkgeld dürfen Sie behalten. Meinen Vorteil beziehe ich über den regulären Preis. Ich mache Ihnen keine Vorschriften darüber, wem Sie Ihre private Telefonnummer anvertrauen. Ich meine, Sie verstehen, was ich meine?“

Warum hatte sie ihn ausreden lassen! Weil sie das Gehörte nicht für wahr hielt. Sie glaubte zu träumen, einen der zügellosen Träume, denen sich auch anständige Menschen hingeben. Johanna packte alles in eine Plastiktüte, ihren Kittel, ihre leichten Schuhe, ein Foto von Robert de Niro, das sie aus einer Illustrierten ausgeschnitten und unter einen Bildhalter geklemmt hatte. Sie warf ihr Handtäschchen obenauf und rief ihrer Kollegin zu: „Ich rufe dich später an.“ Schon war sie aus dem Salon und hörte nicht mehr, dass jemand „Kundschaft“ schrie.

Karl Bebisch war erfolgreich. Er hatte es zwar nicht zur Berühmtheit gebracht, glaubte aber, dass sie ihm eines Tages zufallen würde, obwohl er als Vierzigjähriger nicht zu den Jungmanagern gehörte, die nach ihrem Ingenieurstudium in einer Garage Computer zusammenbauen und bevor sie die Dreißig erreicht haben schon Umsatz-Millionäre sind und sich in der Wirtschaftspresse als Beispiel für Einfallsreichtum feiern lassen, als Persönlichkeiten, denen es zusteht, teure Autos zu fahren und in Bluejeans bei Aufsichtsratssitzungen zu erscheinen. Bebisch hatte sein Ingenieurstudium abgebrochen, um sich frühzeitig in der Geschäftswelt zu orientieren, die ihm mehr zusagte als das schweigsame, ernste Umfeld, wo sich Männer wohlfühlen, die sich am Funktionieren schwer verständlicher Maschinen berauschen. Das war nicht seine Sache. Auch lagen ihm Bluejeans nicht, sie standen ihm nicht einmal. Seine Sache war es, sich nach der Herrenmode zu kleiden. Er konnte es sich leisten. Denn nach kargen Anfängen hatte er, durch die Bekanntschaft mit einem Informatikstudenten angeregt, den Sprung in die Software-Entwicklung gewagt und ein brauchbares Abrechnungssystem für eine Autofirma zuwege gebracht.

Nach der Umstellung auf Anwendungs-Software hatte er per Anzeige eine „intelligente Datatypistin“ gesucht und in Johanna Brosheim gefunden. Es machte ihm nichts aus, dass Johanna, die Friseurin, zu Hause über keinen PC verfügte und infolgedessen auch keinen elektronischen Briefkasten besaß, über den sie als „arbeitsame und lernwillige Mitarbeiterin eines zukunftsorientierten Unternehmens“ erreichbar gewesen wäre. Er fühlte sich in ihrer Gesellschaft wohl. Nicht, dass er sich sofort in sie verliebt hätte. Nein, er war nur stolz darauf, Chef einer so attraktiven Frau zu sein, stolz auf seine erste Angestellte mit Abitur, eine Ebenbürtige, die ihm dienen würde.

Er kehrte nie den Chef gegen sie heraus, aber den dynamischen Weltmann. Er schuf ein Kraftfeld um sie. Daher hatte sie stets das Gefühl seiner Gegenwart. Mal stürmte er durch ihr Büro, dann wieder rief er ihr aus halboffenen Tür etwas zu. In der Firma hieß es bald: „Der Chef hat mir einen Termin zugerufen“, in Eile, im Vorüberrauschen. So dynamisch war er. Dieses Kraftfeld manifestierte sich manchmal in Johannas Zimmer. Es wurde dann für Augenblicke sichtbar. Sie hatte Angst vor diesen Erscheinungen. Eines Tages wird er dich in Anspruch nehmen, dachte sie, wird von dir Übermenschliches verlangen, und du wirst bis zehn Uhr abends hier sitzen. Nichts dergleichen. Sie fing sogar an, sich zu langweilen, wenn er sich nicht in ihrer Nähe aufhielt.

Die große Welt des zukunftsorientierten Unternehmens spielte sich ab in dem Stockwerk über ihr, wo Herr Bebisch inmitten vieler Flipcharts drei fünfbeinige Chefsessel hinter einem Tapeziertisch aufgestellt hatte, um bequem vor ausgebreiteten Plänen optimale Lösungen zu diskutieren. Sie wusste es, weil er sie ab und zu als Protokollantin gebrauchte, auch weil sie dort einmal zur Verblüffung der Anwesenden das Prinzip der Kodierung und Dekodierung ohne Schlüsselaustausch erläutert hatte: Ein Kasten hat zwei Schlösser a und b. Frau A verschließt a und schickt den Kasten zu B. Frau B verschließt b und sendet den Kasten zurück an A. Frau A entriegelt a und schickt den Kasten wieder zu B, wo ihn Frau B mit dem eigenen Schlüssel entriegelt. Voila! Dabei hatte Johanna gelacht.

Sie hielt es für ein Zeichen von Respekt vor der Würde berufstätiger Frauen, dass Karl Bebisch sie niemals gebeten hatte, Kaffee für ihn zu kochen, obwohl er Kaffee trank wie andere Männer Bier. Dann geschah es. Er stand vor ihrem PC, auf dem Sprung, die eine Hand über die Augen gelegt, als versuchte er sich zu erinnern, was ihn so eilig in dieses Zimmer getrieben hatte. Das Kraftfeld strudelte um ihn herum. Da sagte sie:
„Soll ich Ihnen einen Kaffee kochen, Herr Bebisch?“
Wie kam sie dazu, eine solche Frage zu stellen, als wäre Kaffeekochen ein angeborenes weibliches Bedürfnis! Aber jetzt war es heraus. Da spürte sie plötzlich, wie sein Kraftfeld zusammenfiel und sich in ihn zurückzog. Stattdessen breitete sich ein Geruch von Rasierwasser aus. Herr Bebisch hatte die Hand fallen lassen und schaute Johanna an mit einem Ausdruck der Müdigkeit.
„Gerne, Frau Brosheim, und für sich bitte auch einen. Ich hole den Kaffee und die Tassen, wenn Sie zwischenzeitlich schon mal das Wasser aufsetzen.“
Ab dieser Zeit hatte sich das Kraftfeld von ihm abgelöst und wirbelte im All. Nur kleine Turbulenzen wurden von Zeit zu Zeit hinter seinen Augen sichtbar. Jetzt kam er öfters zu ihr, nahm sich Zeit.

Die Frage ‘Soll ich Ihnen einen Kaffee kochen’ hätte sie besser nicht gestellt, nicht weil sie damit in ein Klischee gefallen war, das sie verabscheute, sondern weil die Frage dazu führte, mit Herrn Bebisch näher bekannt zu werden, sich für seine Hobbys zu interessieren, vor allem für das eine: Motorrad. Und nicht Tennis (das wäre für Johanna besser gewesen). Gut, sie hätte sich auf dem Centercourt gelangweilt, vielleicht mit Bebisch oder seinen Bekannten spielen müssen, vielleicht hätte sie ihre Muskeln vor der Ballkanone gestählt, ihre Figur getrimmt, ihren Schwerpunkt tiefer gelegt – aber nicht ihr Leben verloren. Dabei interessierte sich Herr Bebisch auch für Tennis, aber nur von Berufs wegen, denn die meisten seiner Kunden waren Mitglieder von Tennisclubs, so dass er sich für den Sport und seine Matadore zu interessieren begann, um in privatdienstlichen Gesprächen nicht nur Empfänger zu sein, sondern auch dort seine Kompetenz, seine umfassende Bildung, die nicht einmal vor Tennis Halt machte, hervorzukehren und den positiven Eindruck, den er seiner Meinung nach in geschäftlichen Unterredungen hinterließ, zu vertiefen: Dies ist ein Mensch mit Durchblick. Trotzdem, er spielte kein Tennis. Er hätte es vielleicht getan, wenn er jemals in einen Club eingeführt worden wäre. Aber es hatte ihn niemand eingeführt, vermutlich weil jeder voraussetzte, dass er bereits einem Verein angehörte oder dass er Mitglied in einem Playboy- oder Rotary-Club war oder wenigstens Freimaurer oder irgendetwas anderes, was seiner gehobenen Stellung angestanden hätte.

Tennis verschaffte ihm nicht die Befriedigung wie das Motorrad, das ihm, gemessen am Tennis, fast schon einen geistig zu nennenden Genuss bot: Sein Kopf ruhte vorausschauend auf den Schultern und war verbunden über die Nerven, die ummantelt vom Fleisch seiner langen Finger, zu den Griffen strebten und dadurch, dass sie auf Geheiß seines Geistes kleine Bewegungen ausführten, ein Hundertfaches an Energie hervorriefen und dienstbar machen konnten. Dagegen war ihm Tennis ein biederes Handwerk, obwohl – zugegeben – dieser Sport ein geometrisches Talent voraussetzt, die Beherrschung des Dreidimensionalen. Er meinte nicht oben, neben, unten, er meinte Feld, Ball, Gegner und das in dynamischer Beziehung. Johanna nickte. Sie verstand das sehr gut.

„Motorrad, nur mit Köpfchen!“ meinte er, „Biker sind nicht doof, dürfen es nicht sein. Auch Berufsfahrer sind intelligente Leute, gerade sie. Damals hatte ich noch den BMW 1602 tii mit Solex-Doppelvergaser, ein nervöses Auto. Mir war der Keilriemen gerissen. Den Ersatzriemen konnte ich kaum auseinander ziehen. Ich brachte ihn nicht über das Rad der Lichtmaschine. Ich steh an der Landstraße, hält ein Brummi, heraus steigt der Fahrer. Was, glauben Sie, macht der? Beugt sich unter die Haube und schaukelt den Motorblock ganz sachte, bis der Keilriemen in die Nut vom Rad der Lichtmaschine passt. Er taucht unter der Haube auf und sagt, das werde ich nie vergessen: Wenn der Prophet nicht zum Berge will, muss der Berg zum Propheten kommen. Sagts und geht. Ich habe Respekt vor solchen Leuten!“
Johanna fragte nur:
„Muss es nicht umgekehrt heißen: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt …?“
„Aber Johanna, ich darf sie doch Johanna nennen, der Berg – das ist der Motorblock!“
„Selbstverständlich, sonst wäre der Motorblock ein Prophet und der Berg ein Keilriemen.“
„Sie nehmen mich nicht ernst, Johanna! Das muss sich ändern. Wie wäre es mit einem Gläschen Wein? Ich ziehe den italienischen dem französischen vor.“

Bebisch gehörte zu den gereiften Männern, die ihr Handwerk zu beherrschen meinen und von allen Seiten auf den Punkt kommen. Alle Wege führen zu diesem Punkt, dem Puncto puncti. Johanna ließ es sich gefallen, ließ sich beim Vornamen anreden, weil er das höfliche Sie beibehielt, und sie nahm auch seine Einladung an. Das war noch nicht der denkwürdige Abend, aber eben doch der Anfang einer Reihe von Einladungen, die Johanna halfen, sich an ihren Chef zu gewöhnen, und die sie den Fehler begehen ließen, in einem Brief an Philipp über ihre neue Beziehung zu berichten.

Philipp, der Vater ihres Sohnes, war der einzige Mann, den sie über sich stellte und dem sie gewissermaßen als ihrer vorgesetzten Instanz berichtete. Aber der von Johanna überschätzte Student fand sich sehr gescheit, als er ihr nach einem Monat antwortete, dass er sowieso nie an seine Vaterschaft geglaubt habe und dass sie ja nun hinreichend versorgt sei. Er habe damals doch nur als Seelentröster gedient. Und dass sie sexuelle Erfahrungen mitgebracht habe, sei von ihm dankbar zur Kenntnis genommen worden, denn Mädchen zu Frauen zu machen, das sei eine verantwortungsvolle, eine pädagogische Aufgabe. Philipp lebte in der letzten Phase seiner Pubertät: Druff und durch. Wer seinen Weg nicht macht, ist selber schuld. Andere nehmen auch keine Rücksichten. Im Alter bis dreißig stehen die Jünglinge der Welt frontal gegenüber, haben sich noch nicht arrangiert und sind schon so oft gekränkt worden, dass sie sich einen (von ihnen als Lebensweisheit bezeichneten) Zynismus aneignen, der die Kränkung anderer als notwendiges Übel erscheinen lässt. Auch Philipps Brief, der trotz seiner drei Seiten mit 55 Cent richtig frankiert war, auch er steht in der Konkurrenz der möglichen Ursachen für den tödlichen Unfall Johanna Brosheims. Denn nach diesem Brief kochte sie für Herrn Bebisch nicht nur den Kaffee, sie warf sich ihm in die Arme.

Warm und erschöpft und wund von der Hingabe an den Mann, der im Bett mit der Besessenheit eines Jagdhundes ihren Leib durchwühlt hatte, stand sie fröstelnd vor der Garage und wartete darauf, dass Karl (sie nannte ihn jetzt Karl) die Maschine herausschieben würde, um sie nach Hause zu bringen. Sie wohnte, der niedrigen Miete halber, im ländlichen Umkreis, den zwei Buslinien mit der Stadt verbinden. Johanna durfte nicht die ganze Nacht bei Karl bleiben, denn ihr Kind war wehleidig, und die Frau, die auf es aufpasste, hatte bei Herrn Bebisch angerufen, weil sie wusste, dass Johanna noch spät abends, auch an Samstagen, „wichtige Korrespondenz“ im Haus des Junggesellen zu erledigen pflegte. So war vielleicht doch Bébé die Ursache für den Tod seiner Mutter? Oder die Frau, die bei Bebisch angerufen hatte und besser ein Mittel hätte suchen sollen, das Kind zu beruhigen, statt dem Liebespaar die gemeinsame Nacht zu stehlen? Oder der Friseur? Hatte er sie nicht in die Arme von Bebisch getrieben? Oder Philipp?

Die Nacht war klar und darum schwarz an den scharfen Rändern des Scheinwerferkegels, der einen waagerechten Brunnen bohrte, dessen Grund im Horizont lag. Bebisch vertraute der weißen Linie. Er vertraute darauf, dass Landstraßen leer sind, wenn auf ihnen keine gelben oder roten Lichter erstrahlen. Deshalb drehte er noch einmal am Gasgriff und beschleunigte. Johanna presste sich fest an die Lederjacke des Fahrers, der sich nicht nach vorn beugte, denn er wollte sie vor dem Fahrtwind schützen und ihr gestatten, Luft zu holen mit zur Seite geneigtem Kopf. Sie konnte nichts erkennen, obwohl sie die Augen offen hielt.

Das Fleisch explodiert wie nach einem Granateinschlag. Die führerlose Maschine schleift über die Piste. Sie sprüht Funken. Sie erscheint in dem fahlen Licht wie mit Tang behangen, mit Resten von Segeltuch. Erst als sie hinter dem Gestrüpp, das sie durchbrochen hat, in Flammen steht, wird sichtbar, was die Dunkelheit verhüllte und was nun die Flammen braten, Teile der vom Motorrad geschlachteten Kuh, die aus einem durch keine elektrischen Impulse verteidigten Weidezaun gebrochen war. Als Odilo Moosmer von dem Unfall in der Nähe seines Anwesens hörte, dämmerte ihm, dass zwischen der Katastrophe und dem Diebstahl des Generators ein Zusammenhang besteht.

Die Schwestern

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Almut und Berta lebten im selben Haus, auf derselben Etage, in benachbarten Wohnungen. Lange nach dem Tod der Ehemänner hatte die jüngere Schwester in das Haus der älteren ziehen müssen. Ihre in Jahrzehnten der Witwenschaft erworbenen Gewohnheiten, die sie für Freiheit hielten, bewahrten sich die Schwestern dadurch, dass jede ihr eigenes Appartement beanspruchte.

Sie waren am Nachmittag gemeinsam in die Stadt gefahren. Nach der Tagesschau wollten sie sich bei Berta treffen, Tee trinken, Mensch-ärgere-dich-nicht spielen und sich gegenseitig quälende Fürsorge angedeihen lassen. Almut las Zeitung, um zu erfahren, wie sich die Welt zum Schlechten verändert hätte. Sie hasste Frauen in Führungspositionen, die vielen Außenministerinnen zum Beispiel, denn sie wäre selbst gerne eine erfolgreiche Frau gewesen, war aber durch eine strenge, ungerechte Erziehung an der Entwicklung zum Erfolg gehindert worden. So liebte sie am meisten nur ihren tüchtigen Bruder Konrad und durch ihn sich selbst. Aber davon abgesehen, besaß sie ein grundfreundliches Wesen. So hatte sie ihrer Schwester befohlen, die Tageszeitungen nach der Lektüre auf den Fußabtreter des Nachbarn zu werfen, um ihm das Studium der Todesanzeigen und Aktienkurse zu ermöglichen.

Sie liest mir zu lange, oder glotzt sie in die Fernseh-Röhre? Berta, die schon den Tee aufgebrüht hatte, sorgte sich um die Schwester. Sie drückte die Aus-Taste ihres Zapper-Geräts, weil sie den Musikantenstadl nicht sehen wollte („das Gehampel ist für Menschen, die im Altersheim leben“) und begab sich auf die Reise zu Almut. Sie schlurfte zur Flurtür. Der Spion nützte wenig, denn die Osteoporose hatte sie hinabgebeugt, so dass Berta nur das Treppenhaus kontrollieren konnte, wenn sie auf einem Fußbänkchen stand. Sie kämpfte mit dem Schlüssel, der selbstherrlicher wurde und hämisch dem Druck der Greisenhand spottete. Nach dem Sieg über ihn zog Berta die Türe auf und rutschte über die Fliesen des Etagenflurs zur anderen Wohnung. Sie schellte, obwohl sie Almuts Schlüssel in ihrer Wolljacke aufbewahrte. Berta schellte abermals und dann wütend ein drittes Mal. Almut hat ihr Hörgerät aus dem Ohr genommen, sie tut es, um mich zu ärgern! Dann schloss Berta das Refugium ihrer Schwester auf.


Berta wimmerte den Namen der Schwester und mischte Vorwürfe in das Jammern. Wo bleibst du, der Tee wird kalt. Sie schlurfte über den Estrich und begleitete ihren unsicheren Gang mit der Klage über Almuts Unpünktlichkeit. Im Wohnzimmer angelangt, stützte sie sich auf den Chippendale-Stuhl, eine Hinterlassenschaft ihres Schwagers, eines Studienrats, der „Chippendale“ mit hörbaren Anführungszeichen auszusprechen pflegte. Almut saß im Ohrensessel, die Zeitung auf den Knien, ihren Blick auf die „Schwarzwaldmühle“ gerichtet, auf ein Ölgemälde, das die dankbare letzte Klasse ihrem Mann, dem Studienrat, zur Pensionierung geschenkt hatte, und aus dem Almut nun eine späte Erkenntnis zu empfangen schien. Berta: „Stier nicht so, ich habe das nie leiden können!“ Sie bewegte sich auf die Schwester zu und stieß sie mit dem Zeigefinger, um Almut zur Wahrnehmung ihrer Anwesenheit zu zwingen. Die aufgeschlagene Zeitung rutschte zu Boden. Unbeeindruckt davon hielt Almut ihre Augen auf die Mühle gerichtet, die Mühle im Schatten einer Bergflanke hinter einem Wiesengrund, auf den die Sonne scheint, an einem Bach, der die Nacht tintenblau über das Rad davonschwemmt. Berta konnte Almuts Augen nicht zudrücken, stattdessen schlug sie mit der Hand in die Richtung des Bildes. Sie weinte den Namen der Schwester. In der Wohnung nebenan verkochte der Rest des Teewassers. Der Kessel pfiff. Wie eine schwarze Bergflanke in den Fluss gleitet, so die Tote aus dem Sessel, der Schwerkraft widerwillig nachgebend. Berta schrie. Sie wankte zum Telefon und drückte die Nummertasten.

Als Philipp sich meldete, flüsterte sie:
„Ich glaube, Almut ist tot. Was muss ich machen?“
„Lass deinen Arzt kommen. Er weiß, was man machen muss.“
Sie bettelte: „Komm bitte!“
„Mein Auto ist kaputt. Ich müsste mir eines leihen. Ich komme morgen früh. Außerdem regnet es. Der Rückreiseverkehr verstopft die Autobahn.“ Sie rechtete:
„Ich war mit Almut in der Stadt, da hat es nicht geregnet! Sie hat sich heute nicht wohl gefühlt. Gestern ging es ihr gut, da sagte sie, wir wollen morgen in die Stadt gehen, ich will mir die Bluse kaufen. Sie wollte unbedingt die rote Bluse kaufen. Jetzt liegt Almut vor der Heizung. Du musst kommen und sie aufheben!“ Philipp glaubte, die Alte sei verrückt geworden. „Ruf zuallererst den Arzt an, du musst zu zuallererst deinen Arzt anrufen. Vielleicht komme ich später, auf jeden Fall morgen. Gib mir deine Adresse und deine Nummer. Ruf du deinen Arzt an, er weiß, was zu tun ist. Und geh in deine Wohnung zurück.“
„Ich bleibe hier, ich lass sie nicht alleine!“
„Dreh um Gottes willen die Heizung aus!“ rief Philipp, aber Berta hatte bereits aufgelegt, als energische Bekräftigung ihres Willens, die Tote nicht alleine zu lassen.

Philipp, Konrads Enkel, ist der einzige erreichbare Verwandte des Geschwisterpaares. Die anderen hielten sich nicht für zuständig oder waren fortgezogen, ausgewandert oder gestorben. Er rief die Auskunft an. Er versuchte es immer wieder, bis er endlich Bertas Telefon-Nummer notieren konnte. Dann bemühte er sich, seine Großtante Berta zu erreichen. Vergeblich. Einmal war besetzt, und er beruhigte sich damit, dass sie den Arzt angerufen hätte. Wenn sie das Telefon nicht hören kann, hört sie dann die Klingel? Er besaß keinen Schlüssel zu den Wohnungen der Schwestern. Es war ein Fehler, nicht rechtzeitig nützliche Vorkehrungen zu treffen. Rechtzeitig! Im Nachhinein weiß man, was das gewesen wäre. Er wählte noch einmal und lauschte ungeduldig dem Freizeichen. Er stellte sich vor, wie der Arzt vor der Haustür steht und schellt. Er sah im Geist seine Tante Berta unter dem grellen Licht einer Deckenlampe, in einem Kegel des Schweigens, wie sie auf die Leiche stiert, die an der Heizung liegt und verschmort. Er griff abermals zum Hörer und wählte die Auskunft der Bahn AG. Der nächste Zug geht in 7 Minuten, der übernächste in zwei Stunden, mindestens einmal umsteigen. Er wäre frühestens in 4 Stunden dort. Er setzte sich und überlegte, was zu tun sei: Die Polizei benachrichtigen, ein Taxi mieten, ein Auto leihen. Philipp machte sich unbestimmte Vorwürfe.

Das Telefon schrillte. Berta rief an: „Ich musste sie von der Heizung zerren, dabei ist sie auf den Kopf gefallen. Aber der Arzt war da und hat sie aufgehoben. Er kennt einen guten Bestatter. Er hat ihn für mich angerufen. Es soll ein sehr gutes, sehr seriöses Institut sein. Du kannst morgen kommen“, sagte sie lakonisch, „ich werde die Nacht schon überstehen.“ Er fragte sie nur noch: „Warum bist du eben nicht ans Telefon gegangen?“
„Es hat niemand angerufen. Komm morgen, ich kann das nicht alles alleine erledigen. Heute besucht mich der Bestatter, ein SEHR seriöser Mann, den mir der Arzt empfohlen hat.“ Philipp dachte, lass dir bloß keinen Prunksarg aus Eiche andrehen, keinen Talar aus Damast, keine Schleifchen und Tüllkissen.
„Gute Nacht, Tante, ich komme morgen. Versuch zu schlafen.“
„Schlafen! Du hast Vorstellungen. Ich grübele die ganze Zeit über.“
„Mach dir was zu essen.“
„In diesem Augenblick denkst du ans Essen!“
„Setz dich einfach ruhig hin“, sagte er, „und denk daran, dass sie friedlich eingeschlafen ist.“ Er schnitt eine Fratze in das Telefon, weil er die Redensart verabscheute.
„Das werde ich tun und Gott danken, dass er sie vor mir zu sich genommen hat. Sie wäre alleine doch nicht zurecht gekommen.“ Sie hängte unvermittelt ein, als hätte sie sich über das Gerede ihres Großneffen geärgert.

Die Wohnung war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte, eine weiße Schachtel, kärglich ausgestattet, das größte Bild in ihr zu klein geraten. Es zeigt eine Mühle im Schwarzwald. Auf seinem Rundgang durch die Wohnung der Verstorbenen bückte er sich unwillkürlich, als er ins Schlafzimmer trat.
„Ich denke, dass Almut jeden Augenblick durch die Tür kommt.“ Die Tante war ihm gefolgt. Philipp hatte sie nicht gehört und erschrak durch die plötzliche Anrede von hinten. Er nickte.
„Du hast sie sehr lange nicht gesehen.“
„Lange nicht“, entgegnete er, „ich war als Kind bei ihr in Wilhelmshaven, bei den Schiffen.“
„Wann hast du Schiffe gesehen?“
„In Wilhelmshaven, auf dem Werksgelände am alten Hafenbecken, wo die Kähne lagen.“
„Das war nicht Wilhelmshaven, sondern Wilhelmsburg.“
„Du erinnerst dich gut.“
„Ja, sie hatte keinen Dachschaden, sie war nur allem gegenüber so furchtbar negativ eingestellt. Sie hat die moderne Zeit nicht begriffen.“
„Ich meine, DU erinnerst dich gut.“
Sie sah ihn kalt und abschätzend an. „Jaja, du warst damals noch klein. An was erinnerst du dich noch?“
„Nur an die Schiffe.“
„Du hattest Angst vor ihnen. Du hattest Angst, dass sie in dein Zimmer kommen, wo du schliefst“, sie lachte wie ein Mädchen, „du hattest Angst, dass sie aus dem Hafen herausklettern.“

Philipp hatte in Gedanken nach dem Stöpsel eines Flakons gegriffen. „Du darfst es haben“, hörte er sie sagen, „ich brauche es nicht.“
„Entschuldigung.“
„Du darfst ALLES haben, ich kann es sowieso nicht unterbringen. Schenk es deiner Frau.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Du bist nicht verheiratet? Was bist du denn?“
Er lächelte gequält. „Befreundet.“
„Almut hätte das nicht verstanden, du in deinem Alter! Sie war tüddelig geworden, sie fühlte sich gestern nicht wohl. Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Wer kriegt denn nun ihre Mäntel, ihre Wäsche, ihre Nachthemden? Das Rote Kreuz? Die zerreißen alles und machen Putzlappen daraus. Du warst doch verheiratet?“
„Nein.“
„Almut sagt aber, du bist verheiratet.“
„Ich müsste es wissen, Tante!“
„Egal, du nimmst die Mäntel, sonst muss ich sie der Gemeindeschwester schenken.“
„Tu das.“
„DER nicht. Sie behandelt uns wie Kinder, wie ganz alte Menschen. Schenk sie deiner Studienfreundin. Du bist doch Student? Onkel hielt große Stücke auf dich. Du solltest unbedingt studieren. Du studierst doch?“
„Ja.“ Er lachte befreit.

„Der Mantel ist nagelneu.“ Sie schlurfte zum Kleiderschrank. „Mach ihn auf! Der Kamelhaarmantel ist neu wie ein Kinderpo, sie hat ihn voriges Jahr gekauft. Schade, dass du nicht verheiratet bist. Die Ehe ist ein Schutz, eine feste Burg. Unsere Eltern waren sehr glücklich verheiratet. Almut hat nie etwas auf sie kommen lassen. Für sie war Mutter eine Heilige.“ Sie kicherte.
„War sie es nicht?“
„Sie ist früh gestorben und hat viel gelitten. Almut hatte viel von ihr, nur dass sie nicht so früh gestorben ist. Sie könnte jetzt die Mutter von unserer Mutter sein. Sie war es, die mich das erste Mal zum Frauenarzt begleitet hat, nicht meine Mutter!“ Sie ging ins Wohnzimmer und ließ Philipp vor dem offenen Schrank stehen.

Er eilte hinterher und stützte sie. „Da hat sie gelegen“, schluchzte Berta und wackelte mit dem Kopf. „Sie hatte ihre gute Perücke auf. Ich habe dem Bestatter auch die rote Bluse mitgegeben. Sie würde sich darüber freuen. Wenigstens jetzt. Früher war sie furchtbar negativ eingestellt. Wie unsere Mutter. Immer hatte sie an allem etwas auszusetzen. Dass du mit einer Frau zusammenlebst, ohne verheiratet zu sein, hätte sie nicht verstanden. Dabei war sie das erste EHELICHE Kind.“ Sie hielt erschrocken inne – und nach einer Pause: „Du musst alles mitnehmen, was du gebrauchen kannst. Guck dir die Bücher an, was dir nicht gefällt, wirf weg.“
„Was für Bücher?“
Sie deutete auf die Glastür des Wohnzimmerschranks.
„Das Mokkaservice ist sehr schön.“ Er schwärmte.
„Was willst du mit dem Mokkaservice?“ fragte sie misstrauisch.
„Es ist sehr schön.“
„Du kannst es haben“, sagte sie verächtlich.
„Ich finde nur, dass es sehr schön ist.“
„Ich habe keinen Platz dafür, nimm es mit, auch das Silber nimm mit.“
„Ich wusste nicht, dass Almut die ältere von euch war.“
„Ich war die jüngere. Warum interessierst du dich dafür?“
„Wir sprechen über alte Zeiten, Tante! Erzähl von deiner Schwester.“
„Warum interessiert dich das?“
„Ich bin nicht gekommen, um dein Mokkaservice und die silbernen Löffel abzuholen!“ Sie näherte sich ihm und reichte mit der Hand hinauf zu seiner Backe, um sie zu streicheln.
„Du warst noch ein ganz kleiner Junge damals in Wilhelmsburg. Unsere Mutter war kurz vorher an einer Lungenentzündung gestorben. Du spieltest oft bei den Aussiedlern im Werk. Aber eines Tages wurde es dir verboten, nämlich als du kamst und polnische Wörter gebrauchtest. An eines erinnere ich mich noch: Pieronie. Onkel war aufgebracht, aber ich habe gelacht. Es war, glaube ich, das erste Mal nach dem Tod von Mutter, dass ich so gelacht habe.“ Philipp hörte nachsichtig zu. Er konnte sich nur an Schiffe erinnern.

Sie bewegte ihren Blick auf den Sessel, aus dem ihre Schwester gerutscht war. „Nun ist sie auch dahin. Willst du was trinken?“
„Ich mach uns einen Tee“, antwortete Philipp beflissen, obwohl er keine Lust hatte, in einer fremden Küche nach den Zutaten zu suchen.
„Du weißt nicht, wo die Sachen sind, und ich muss etwas Normales tun.“ Philipp empfand ihre Antwort als Gedankenleserei. Er sah auf ihren gebeugten Leib und empfand Respekt. Sie schlurfte in die Küche wie in zu großen Pantoffeln über das Parkett eines Königsschlosses. So wirkte sie besonders hinfällig, und widerwillig dachte er daran, dass er sie in ein Altersheim würde komplimentieren müssen.
„Hast du eine Hilfe?“
„Was sagst du?“
„Ob du eine Hilfe hast.“
„Ich versteh dich nicht.“

Er trat ans Fenster. Die breite Autostraße, dahinter Schrebergärten, ein sandiger Kinderspielplatz. Aus dem spärlichen Fichten- und Birkenbewuchs starrten verrusste Spitzdachhäuser zurück, Arbeitersiedlung, dahinter auf einem Hügel die weiße, fensterlose Mauer einer Cola-Abfüllstation und im Dunst des Horizonts der Förderturm einer Zeche. Gerüst und Rad sahen aus wie ein spiegelbildliches R. Philipp wollte die Alte fragen, wie die Zeche heißt. Er scheute aber die Mühe, der Schwerhörigen erklären zu müssen, was er gefragt hatte und warum. Er tippte auf „Sophie“. Die Beklommenheit der Männer, die hinunterfahren, drückt sich in Frauennamen aus.

Berta kam herein und stellte das Geschirr ab.
„Es lohnt sich nicht, dass du es mitnimmst. Plunder. Ich schenke es Frau Möller für das Gartenhaus.“
Philipp half ihr beim Eingießen.
„Wie heißt die Zeche?“ fragte er doch. Berta sah in verständnislos an.
„Die Zeche da hinten, wie heißt die?“
„Wozu willst du das wissen?“
„Ich dachte nur, du wüsstest es.“
„Nein. Ich wohne über 20 Jahre hier, und ich weiß es nicht. Almut hätte es gewusst. Sie wusste alles besser. Jetzt ist sie dahingegangen.“
Berta weinte etwas. Philipp empfand es nicht als herzzerreißend. Es war nur ein physiologischer Akt.
„Du hättest mich nicht daran erinnern sollen“, sagte sie endlich.
„Ich habe doch nur von der Zeche gesprochen.“ Philipp antwortete vorwurfsvoll, aber leise, um sie nicht zu kränken.
„Es erinnert mich eben ALLES an Almut. Es war ja erst gestern. Ich werde Möllers fragen, wie die Zeche heißt.“
„Das brauchst du nicht, es ist nicht so wichtig.“
„Doch, ich frage Möllers. Die müssten es genau wissen, sie wohnen schon acht Jahre im Haus. Ich war nicht so gut in der Schule. Ich war die jüngste. Ich habe mir bei meinem Vater einiges herausnehmen dürfen.“
Philipp schlug die Beine übereinander und hob mit spitzen Fingern die Tasse. Er war bereit zuzuhören und sah sich in der Rolle einer Hofdame, die der Kaiserin an einem Lacktischchen gegenübersitzt.
„Ich habe ihm den Schnurrbart abgeschnitten, als er seinen Mittagsschlaf hielt. Almut hätte so etwas nie tun dürfen.“
„Du auch nicht“, sagte er und führte die Tasse zum Mund.
„Ja, was man alles nicht darf, aber ich habe es getan, Punktum.“ Sie beobachtete ihn mit dem Blick eines Vogels.
„Das war sehr riskant.“
Sie lächelte zufrieden und nickte. „Ja, ich war sein Liebling, die jüngere von uns beiden. Ich sage dir was, jetzt wo sie tot ist. Konrad war das älteste Kind.“ Sie schwieg eine peinliche Weile, bevor sie fortfuhr, fast schreiend: „Mutter ist auf dem Bauernhof überfallen worden. Unser Vater hat sie dann geheiratet. Das erste Kind dieser Ehe war Almut, aber Konrad war das älteste.“
„Du bist die einzige, die weiß, dass Konrad nur euer Halbbruder ist?“
„Außer dir. Ich hätte es mit ins Grab nehmen sollen!“
„Gibt es einen Grund, warum ich wissen muss, dass mein Großvater der Bastard eines Frauenschänders war?“
„Almut hat alles besser gewusst, aber DAS nicht. Das hat sie nie erfahren.“
„Es war DEIN Geheimnis? Sie hätte die Wahrheit schwer ertragen?“
„Für sie war Mutter ein Engel.“
„War sie es nicht?“
„Wir haben sie geliebt wie einen Engel Gottes, aber sie war streng zu uns.“
„Wie alt war sie, als sie vergewaltigt wurde?“ Sie sah ihn erschrocken an, erschreckt über die Rohheit seiner Ausdrucksweise, und bewegte lautlos ihren Kiefer. Dann krächzte sie:
„Ein Rechenexempel! Genug von alten Zeiten. Genug! Sag mir, was ich alles erledigen muss und hilf mir dabei! Du kannst in Almuts Bett schlafen, solange du hier bist.“ Es graute ihn davor, obwohl sie nicht in dem Bett gestorben war und obwohl er als Kind schon einmal darin geschlafen hatte.
„Du weißt, dass ich keinen Urlaub habe. Ich werde übermorgen wiederkommen und dann die eine Nacht in ihrem Bett schlafen, wenn du meinst.“
„Es ist das Bett, in dem Mutter starb“, sagte sie, als wäre diese Mitteilung ein besonderer Anreiz für den Großneffen und eine Ehre, darin zu schlafen.
„Ist es nicht auch das Ehebett von Almut?“
„Es ist eben ein Bett“, sagte sie, „was willst du noch alles wissen?!“ Er wunderte sich über ihre klare, energische Art. Das Weinen und Schlurfen, dachte er, täuscht nicht darüber hinweg, dass sie einen harten Kern hat, die Rationalität alter Frauen.

II.

Sie war mürrisch am Morgen des Beerdigungstages. Ein krummer Ast. Philipp spürte nichts mehr von dem vertrauten Verhältnis. Gestern hatte sie rote Backen vom vielen Sprechen und Bekennen, aber heute morgen wollte sie nichts essen. Sie trank nur einen Schluck Kaffee. Jetzt drängte sie ihn. „Ich will nicht zu spät kommen, ich will auf keinen Fall zu spät kommen.“
„Es ist die letzte Beerdigung heute.“ Er wagte den Einwand, weil sie ihn wieder gedrängt hatte.
„Trotzdem, ich war immer pünktlich.“
„Tante Almut wird es egal sein.“ Er bereute seine Bemerkung, bevor er sie ausgesprochen hatte.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Es sind noch zwei Stunden, es hat keine Eile.“
„Ich will nichts mehr hören, bestell endlich ein Taxi!“ Er bestellte ein Taxi.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Ja.“
„Warum kommt es dann nicht?“

Sie schluffte wütend ins Badezimmer. Von dort hörte er sie sprechen. Darum stand er auf und blieb vor der angelehnten Türe stehen. „Bist du es?“ rief sie hinaus und blickte ihn verstört an. Fast hätte er aufgelacht. Sie hielt einen Lippenstift in der Hand, die Oberlippe war rot verschmiert, an den Falten ihrer Backe klebte Rouge. Sie sah aus wie ein Kaninchen mit einer Möhre im Maul. Sie sagte:
„Almut hat bei der Bank gearbeitet.“
„Ja?“
„Daher legte sie Wert auf Pünktlichkeit.“
Er nickte. „Damals waren Banken noch seriös. Man konnte sich auf sie verlassen. Das Taxi wird pünktlich sein.“
„Das weißt du also genau!“ Wie unerbittlich sie ist, dachte er, ich möchte wissen, was in ihrem Kopf vorgeht.
„Du bist beschmiert, Tante.“ Er schob sie sanft vor den Spiegel, benetzte ein Taschentuch und tupfte ihre Backe ab. „Du hast zu kräftig aufgetragen. Wenn du willst, helfe ich dir.“
„Ich wasche alles ab. Almut konnte es sowieso nicht leiden.“
„Es würde dir aber stehen.“
„Es war nur so ein Einfall.“
„Ich helfe dir.“
„Schluss jetzt!“
„Der Lippenstift ist neu?“
„Es geht dich nichts an!“ Er lachte und sie lachte zurück. „Ich habe ihn vor zwei Monaten gekauft. Als Almut beim Augenarzt war, bin ich in die Stadt gefahren und habe beim Italiener Eis gegessen mit einem Schuss Maraschino. Ich musste sowieso in die Apotheke, um Arztseife zu kaufen.“ Wollte sie ihm weismachen, sie hätte den Stift aus der Apotheke?
„Ich helfe dir, Tante. Deine Lippen könnten Farbe vertragen.“ Sie genierte sich, aber sie ließ sich auf den Stuhl drücken, der vor dem Waschbecken bereitstand. Er versuchte, den Stift über die trockenen Lippen zu ziehen und blieb in der lappigen Haut stecken. „Du musst deine Zähne fletschen.“ Er half nach und spannte die Lippen zwischen Zeigefinger und Daumen. Nach einer viertel Stunde war er zufrieden und sagte es ihr. Sie zog sich am Waschbeckenrand hoch und stand entgeistert eine Weile ihrem Spiegelbild gegenüber. „Ich werde so auf keinen Fall zum Friedhof fahren! Almut hätte es lächerlich gefunden. Sie hat es nie leiden können.“
„Sieh mich an.“ Sie schaute ihn im Spiegel an. „Es ist SCHEISSegal, was Almut dazu gesagt hätte. Du bist seit 65 Jahren eine erwachsene Frau und tust gefälligst, was DU willst.“
„Ich will, dass du mir das Zeug wieder abwischst, DAS will ich.“ Er wischte ihr das Zeug wieder ab und küsste sie auf die Stirn.
„Den Stift schenke bitte deiner Gattin.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Trotzdem, schenk ihn deiner Freundin.“
„Behalte ihn erst einmal.“
„Du erbst ihn früh genug, was?“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Dann bist du ein Schafskopf. Glaubst du, ich bin unsterblich? Ich kann jeden Tag abberufen werden.“
„Das kann jeder.“
„Du musst immer das letzte Wort haben! Almut musste auch immer das letzte Wort haben. Es ist nicht meine Schuld, dass sie vor mir gegangen ist. Mutter war ein Engel, aber sie war sehr streng. Zu spät nach Hause kommen, gab es nicht. Als ich schon im Büro arbeitete, musste ich mir Ausreden einfallen lassen, wenn ich eine Stunde später kam. Ich war eine behütete Tochter.“
„Deine Mutter war kein Engel. Du warst eine gegängelte Tochter.“
Sie sah ihm groß in die Augen. „Meine Mutter war eine arme Frau, sie hatte es sehr schwer. Ich lasse nichts auf sie kommen. Almut hat mich gegängelt, das stimmt. Als Mutter starb, wurde SIE meine Mutter.“
„Hat sie dir auch den Mann ausgesucht?“
„Quatsch. Meinen Mann habe ich mir selbst ausgesucht. Er war allerdings mit Almut verlobt, so gut wie verlobt. Das ist ein Menschenalter her. Mein Mann ist vor dreißig Jahren gestorben. Almut hat mir verziehen, schon lange verziehen.“

Im Taxi wurde nicht gesprochen. Am Friedhof angekommen, konnte Berta den Gurt nicht lösen, der sie fast stranguliert hätte. Sie strich nervös mit ihren Fingerknochen darüber. Der Taxifahrer schien nicht zu begreifen. Philipp saß im Fond, stieg hastig aus, öffnete die Vordertür und lehnte sich über die eingesunkene Frau, um nach dem Knopf zu tasten, auf den er drücken müsste, um den Gurt auszuklinken. Der Mann am Steuer schwieg. Philipp war zu beschäftigt, um nach dem Grund seiner Gleichgültigkeit zu fragen. Er erinnerte sich an einen Chauffeur, der ihm gesagt hatte, dass er alte Frauen nicht ausstehen könne, sie stänkerten und stänken und erinnerten ihn an seine Mutter, die eine Hure gewesen sei. Philipp hatte damals nicht gewagt, sich darauf einzulassen, und jetzt hatte er keine Lust, den Taxifahrer um Hilfe zu bitten. Er fand die Entriegelung. Als Berta Anstalten machte, sich zu erheben, umfasste er ihre Knie und drehte sie vorsichtig in der Sitzschale. Er zog an dem Arm, den seine Tante ihm entgegenstreckte, und hievte sie aus dem Wagen. Da stand sie, vom Tageslicht grausam beschienen, ein weiblicher Lazarus, der lieber in der Dunkelheit seines Grabes geblieben wäre.

Philipp hakte sie unter. Sie wankte über das Kopfsteinpflaster der Vorstadtstraße zu dem monumentalen Portal, dessen Details er während der Pilgerschaft studierte, dabei bemerkte er die asymmetrische Anbringung der gemeißelten Schrift „Friedhof“. Aus einer quälenden Berechnung zog er den Schluss, dass es ursprünglich „Helden-Friedhof“ geheißen hatte. Er spürte ein Ziehen an seinem Arm. Die Alte löste sich von ihm und schlurfte in das Blumenlädchen neben dem Haupteingang.

Unterdessen beobachtete er, wie von der anderen Straßenseite sechs befrackte Herren aus einer Gaststätte kamen. Sie schritten je zwei zu zwei in gedämpfter Unterhaltung an ihm vorüber. Er sah ihre geröteten Backen, die runden Gesichter. Wegen der Mischung aus Würde und Kutschergehabe hielt er sie anfänglich für Mitglieder eines Gesangvereins, die einem der ihren das letzte Ständchen bringen würden. Wohin er schaute, es stieß ihn ab: die geklinkerte Gaststätte, aus der die Sargträger gekommen waren, die Gleise unter einer Pappelallee. Über dem Fluchtpunkt, den sie bildeten, erhob sich eine Fabrik oder ein Krematorium. Aus einem Schornstein flatterte grauer Rauch vor dem farblosen Mittagshimmel. Philipp würde sich nicht eher rühren, als bis die Alte mit einer Handvoll lächerlicher Blümchen zurückgekehrt wäre. Er hasste es, den Toten Lebendiges nachzuwerfen, und dachte mit grimmiger Genugtuung daran, dass es ebenso angemessen wäre, Hunde zu erwürgen und ihren Kadaver ins Grab zu schleudern.

„Hallo! Hallo! Sind Sie der Mann?“ Das Geschrei nötigte ihn, sich umzudrehen. Eine Frau in grüner Schürze winkte ihm zu. „Gehören Sie zu der Dame, Ihrer Mutter? Kommen Sie schnell! Schnell!“ Philipp lief. Er rannte in das Blumenlädchen. Eine Halbwüchsige hielt die Augen aufgerissen und wies mit theatralischer Geste auf einen Vorhang. Die Bretter der Verkaufsbude federten unter Philipps Schritten. Er schlug den Vorhang zur Seite. Berta saß ausdruckslos auf dem Boden, an einen Sack Humus gelehnt. Philipp taumelte zurück und sah, wie die Halbwüchsige floh. Die Frau in der Schürze betrat zögernd den Laden, als fürchtete sie eine Explosion. Er fragte nach einem Telefon. Er fühlte sich schuldig, als wäre seine Tante nicht gestorben, wenn er sie in den Laden begleitet hätte.
„Ich habe schon den Rettungswagen angerufen“, so die Verkäuferin.
„Danke, darf ich hier warten?“ Sie nickte. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Er wusste nicht, auf was. „Hat sie etwas gekauft?“ fragte er verzweifelt. Die Frau wurde über und über rot.
„Ich hätte es Ihnen herausgegeben“, sagte sie, „ich habe nicht daran gedacht. Das Ganze hier ist ein Schock für uns. Ihrer Frau Mutter ist das Gebinde hingefallen, und mein Mädchen hat es fortgelegt. Dort, der kleine Kranz.“ Er winkte ab und versuchte zu lächeln.
„Wie ist es gekommen?“ fragte er, um die Wartezeit zu überbrücken, aber so, als hätte er kein Interesse daran zu erfahren, wie es gekommen war. „Hat sie etwas gesagt?“
„Die Dame ist umgefallen, in den Vorhang hinein, sie hat nichts gesagt, sie hat nur gestöhnt, aber nichts mehr gesagt.“ Die Verkäuferin rang ihre Hände vor Nervosität und blickte suchend durch das Auslagefenster. „Ich habe bestimmt angerufen.“

Ein Kleintransporter fuhr vor. Zwei Männer stiegen aus. Sie ließen den Motor laufen und gingen stracks zum Blumenladen. Das Lehrmädchen folgte ihnen in einigem Abstand. Die Männer traten ein und sahen sich um. „Wir sind von der Arbeiterwohlfahrt“, sagte einer.
„Mein Gott“, rief Philipp, „dort liegt eine Tote!“
Der eine Mann fragte: „Haben Sie schon den Arzt angerufen?“
„Nein, ich dachte die Frau …“
Die Floristin flehte die Männer an: „Sie könnten sie doch wenigstens wegschaffen.“ Der Mann, der gesprochen hatte, verkniff sein Gesicht. „Wir transportieren keine Leichen. Haben Sie uns etwa deswegen angerufen?“ Die Frau erwiderte kleinlaut, dass ihr Mann Mitglied der Arwo sei.
„Wir können da aber trotzdem nichts machen, wirklich nicht. Rufen Sie am besten einen Arzt. Unser Beileid und noch einen schönen Tag.“
„Ich muss zur Beerdigung“, warf Philipp ein und verlangte von den Männern, da sie einmal hier seien, ihm zu helfen. Die beiden schauten sich verblüfft an, ehe sie begriffen. „Sie haben hier einen Termin?“, fragte der eine, der die Unterhaltung bestritt, „wenn Sie sowieso einen Termin haben, können Sie ebenso gut den Bestattungsunternehmer einschalten. Die Maulwürfe sind immer dabei, wenn es was zu beerdigen gibt.“ Philipp lächelte dünn.
Die Blumenhändlerin schrie: „Die Dame muss weg, die kann hier nicht liegen bleiben!“

Philipp sprach das Lehrmädchen an, das ihn von der Seite angaffte. „Ich hole Hilfe, beruhigen Sie Ihre Chefin, ich regele das.“ Er schritt um Sicherheit und Festigkeit bemüht durch das Portal und ging unter den kahlen Querhölzern der Pergola auf eine Pforte zu, hinter der er die Kapelle vermutete. Im Inneren des Backsteingebäudes, das wie ein überdimensionierter Ziegelstein auf dem schmutzigen Kies des Versammlungsplatzes lag, von wo die letzten Fahrten beginnen, kam er an einer offenen Bürotüre vorbei. Er sah im Vorübergehen, dass sich niemand im Zimmer aufhielt. Auch die Warteräume für die Trauergäste waren leer. Vor einem Schildchen „Bestattungen: Zu neuen Ufern“ blieb er stehen. Er drückte gegen den Messinggriff.

Ein Leichenträger lugte durch die Öffnung. „Sie sind zu früh dran“, flüsterte er, als wollte er ein Kind an dem vorzeitigen Betreten der Weihnachtsstube hindern – milde, aber bestimmt. Dann vergrößerte er den Spalt soweit, dass die ganze Gestalt sichtbar wurde. „Wir können aber auch jetzt schon anfangen, wenn Sie dem Pastor Bescheid geben.“
„Ich suche den Leiter der Bestattungsfirma, es ist sehr wichtig.“
„Der Herr vom Bestattungsinstitut“, korrigierte der Mann und strich sich über die gelben Haare, die einen Rand vom Zylindertragen aufwiesen, „der wäre schon wichtig, bei der Feierlichkeit ist er aber nicht zugegen.“ Philipp schilderte dem Träger den Vorfall im Blumenladen und dass die Floristin einem Nervenzusammenbruch nahe sei, nicht zu reden von dem verängstigten Lehrmädchen. Der Mann fasste Philipp an der Schulter und trat mit ihm, die Tür hinter sich zuziehend, auf den Flur hinaus, der dem einer Behörde glich. Die braune Ölfarbe reichte bis hinauf zur grauen Decke. Er knöpfte seine Jacke zu. „Wir haben pausiert“, sagte er und streifte sich Brotreste von dem blanken Stoff.

In diesem Augenblick bog ein Mann, der sich in einem Trenchcoat zu verstecken schien und einen Künstlerhut trug, um die Flurecke und trippelte auf Philipp zu, der ihm entgegen ging und fragte: „Sind Sie der Leiter des Bestattungsinstituts?“
„Ich bin der Pastor. Ich mache die Beerdigung.“
„Von mir aus könnten wir sofort beginnen, wenn nicht meine andere Tante auch noch gestorben wäre.“
„Wie denn das? Wie entsetzlich! Das ist ja tragisch! Das kommt nicht alle Tage vor.“ Der Pastor versuchte, mit beiden Händen Philipps Hände zu ergreifen. Philipp entzog sich ihm und erwiderte: „Entsetzlich, ja, plötzlich und unerwartet.“ Dabei schaute er den Leichenträger an, der zustimmend nickte, als wollte er den Geistlichen auffordern, Philipps Bemerkung gebührend ernst zu nehmen.
„Ich fasse mich kurz“, sprach der Pastor, „wenn es zehn Minütchen Zeit hätte? Ich werde nur das Eingangslied intonieren, Gebet, Segen undsoweiter, und ich möchte die Herren vom neuen Ufer bitten, der Toten in der Kapelle auch die Ehre zu erweisen.“ Der Pastor streifte sich den Trenchcoat ab, unter dem er einen gedeckten Straßenanzug trug.

Philipp verließ das Gebäude, um im Blumengeschäft eine Entscheidung zu treffen, die ihm noch würde einfallen müssen. Ihm kam die Floristin entgegen. „Was geschieht denn nun? Jemand muss sich doch darum kümmern!“ Sie zerrte an seinem Mantel. „Ich kümmere mich“, Philipp war gereizt, „erlauben Sie, dass ich mich sofort darum kümmere!“ Er ließ die Verkäuferin stehen, ging an dem Lehrmädchen vorüber, das damit beschäftigt war, einer Kundin vom Betreten des Ladens abzuraten. Im Blumengeschäft drängte er sich durch den Vorhang zum Lagerraum. Die Portiere fiel hinter ihm zurück, so dass er einen Augenblick nichts sah, bis er sich an das blasse Licht, das durch ein verstaubtes Kippfenster hereinschien, gewöhnt hatte. Er schämte sich, vor der Toten davongelaufen zu sein, sie gewissermaßen verleugnet zu haben, als wäre er nur zufällig dabei gewesen. Er neigte sich zu ihr, schloss ihr die Augen und setzte sie zurecht. Es war ein Leichtes. Bevor er sie aufhob, riss er den Vorhang herunter, ging noch einmal zur Tür, rief das Mädchen zu sich, das widerstrebend folgte, und erklärte ihm, er werde nun mit seiner Tante herauskommen. Die Verkäuferin, die sich der Kundschaft vor dem Laden angenommen hatte, flüsterte, die Dame habe einen Schwächeanfall erlitten, und der Sohn werde sie nun zum Wagen bringen, um sie zum Arzt zu fahren. Philipp nahm die Leiche auf und lagerte ihren Kopf an seiner Schulter.

In einer steifen, aber nicht würdelosen Haltung ging er an den Frauen vorüber durch das Friedhofsportal. Hinter dem Portikus, von den viereckigen Backsteinsäulen teilweise verdeckt, parkte ein schwarzer Mercedes. Philipp schritt, die Leiche auf den Armen, zur offenen Pforte der Aussegnungskapelle. Im Vorraum stand der Bahrwagen. Er ließ die Leiche darauf niedergleiten. Mit ein paar Handgriffen brachte er sie in eine ausgestreckte Lage, dann schob er den Wagen in die Kapelle wie zu einem Dinner leichenfressender Dämonen, die in dem gläsernen Licht des Kirchenraums auf ihn warten – und ihn verfluchen, wenn sie sehen, wie wenig er bringt.

Die Anwesenden sahen ihn entgeistert an. Der Pfarrer vor dem Katafalk flüsterte: „Wir warten auf Sie, weil wir ohne Sie nicht anfangen können.“ Währenddessen schaute er entsetzt auf die Fracht, die Philipp durch den Gang rollte bis zur ersten Stuhlreihe.
„Wir können jetzt anfangen“, sagte Philipp.
„Das geht aber nicht, das ist nicht vorgesehen!“
„Fangen Sie endlich an!“
„Aber wie stellen Sie sich denn das Weitere vor, angesichts des – des unpräparierten Leichnams?“
„Wir stellen uns das so vor, dass Sie am Wortlaut Ihrer Predigt festhalten und jetzt endlich anfangen!“
Der Pastor begab sich zu einem Pult und wühlte in seinen Konzeptblättern.
„Wir beginnen dann am besten mit dem Lied 510: Wie herrlich ist die neue Welt.“ Er blickte flehend auf die Leichenträger hinab, die ihre Augen fest auf ihn gerichtet hielten, und begann mit zitternder, unerwartet melodischer Stimme zu singen. Philipp stand da mit geneigtem Kopf. Er blickte erst hoch, als die Männer den Gesang beendet hatten.

Der Pfarrer sprach ihn an: „Ich lese aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper: Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ichs ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, was da vorne ist. So spricht der Apostel. Wir alle sind, wie Paulus, fassungslos vor der Macht des Todes, welche die Macht Gottes ist, und begreifen sie nicht.“ Da ist was dran, dachte Philipp und schaute an dem Pastor vorbei auf das Relief eines Heldenchristus´, der vor Zeiten Kriegerwitwen Ingrimm und Stolz eingeflößt hatte.

Nach der Predigt, während derer sich Philipp einige Male veranlasst sah, dem Pastor zuzunicken, weil der Fortgang des Sermons von seiner wiederholten Zustimmung abzuhängen schien, entstand eine Diskussion über die weiteren Maßnahmen. Die Träger weigerten sich, die Tote von dem Bahrwagen, den sie für den Transport des Sarges benötigten, herunterzuheben und an einen geeigneten Ort zu schaffen. Der Pastor stand mit gefalteten Händen daneben und schaute von einem Gesicht zum anderen, bis Philipp sich auf das schwarze Auto hinter dem Portikus besann und die Kapelle verließ. Er vermutete den Leichenbestatter in der Nähe und sollte darin Recht behalten. Dieser stand in Demutshaltung hinter einer Säule, ein großer Mann in Philipps Alter, der sich hängen ließ, ähnlich gekleidet wie der evangelische Geistliche. Philipp erläuterte ihm das Besondere an dieser Trauerfeier. Der Mann nahm eine geschäftsmäßige Haltung an und versicherte Philipp, er werde alles in seine Hand nehmen, „wenn Sie mir Ihr Vertrauen schenken“. Er verbeugte sich und schritt gewichtig in die Aussegnungshalle. Dort wies er die Leichenträger an – im Ton eines Chefs, der auf einem Bauhof befiehlt – die Leiche anzupacken und in einen Raum zu bringen, den er näher bezeichnete. Philipp ließ es sich nicht nehmen, Berta selbst dorthin zu tragen.

Als er zurückkehrte, standen die Träger – Zylinder auf den Köpfen – aufgestellt im Hauptgang. Der Sarg hing zwischen ihnen. Der Pastor wartete an der Pforte. Alle schauten auf Philipp und setzten sich wortlos in Bewegung, als er die Träger erreicht hatte. Der Bahrwagen war ins Freie gezogen worden. Die Träger beluden ihn jetzt mit Almuts Sarg. Dann knirschte er, begleitet von acht Personen, über den Kies auf dem langen Weg zu der entlegenen Grube. Philipp las im Vorübergehen die Inschriften der Grabsteine.

Der Trauerzug näherte sich einem ältlichen Paar. Es drückte sich an den Wegrand und stellte sich frontal dort auf. Der Mann zog den Hut und hielt ihn vor seinen Bauch, die Frau senkte ihren Kopf. Philipp grüßte sie andeutungsweise. Die anteilnehmende Geste rührte ihn. Er empfand die Entblößung des einen Hauptes und die Neigung des anderen in diesem Zusammenspiel als würdevoll, kultiviert, traditionsbestimmt. Er fing an zu weinen und schob seine Schwäche auf den Eindruck, den diese alte, vornehme Geste auf ihn gemacht hatte, aber er weinte vor allem über seine Tante Berta, die auf dem Abstelltisch eines Warteraums lag wie ein vertrocknetes Insekt auf einer Fensterbank. Sie hatte so vieles im Leben verpasst. Noch gestern war sie wütend darüber gewesen.

Das göttliche Kind, (Lukas 2, 46)

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Als Gott anfing zu denken, gab es die Welt schon. Er fragte sich: Wenn es mich gäbe, wie müsste ich sein? Er hatte keine Beine, keine Arme, keinen Rumpf. Er fing gerade erst an zu denken, eingesperrt im Kopf eines Kindes. Es hockte auf seinen Fersen im Schatten der Mauer, die den inneren Hof des Tempels vom äußeren trennte.

Der Sanhedrin hatte seine Sitzung im Saal des Rates beendet. Die Mitglieder betraten den Binnenhof und kniffen die Augen zusammen. Die Kohanim mischten sich, nach der Gewöhnung an das schräg einfallende Licht, unter die Besucher, die von überall gekommen waren, von der Küste und aus der Wüste. Da erschien der Hohepriester Hannas auf der Treppe zum Saal des Rates und stieg zur Menge hinab. Die Menschen drehten sich zu ihm. Sie wünschten, er möge sie ansehen. Sie hätten ihn gerne berührt. Es wurde leise im Hof. Man konnte nun den Lärm Jerusalems bis hier herauf hören. In die Stille vor dem Grollen der Stadt rief Gott, der zu denken angefangen hatte, diese Frage, die als Schall, als erstes Zeichen seines Daseins, an die Ohren der Schriftgelehrten schlug (darum heißt es, am Anfang sei das Wort gewesen):
„Wenn es mich gäbe, wie müsste ich sein?“
Der Priester Ananias, der dem Kind am nächsten stand, wollte von ihm wissen, was es gerufen habe. Das Kind erhob sich, neigte seinen Kopf vor dem Priester und fragte in abgewandelter Form:
„Wenn es Gott gäbe, wie müsste er sein?“
„Das Kind hat Gott gelästert! Es redet von Gott im Konjunktiv!“ schrie der Priester Ananias.
„Was hat es schon gesagt!“ Der Hohepriester Hannas schritt zu Ananias und besänftigte ihn: „Wenn es Gott gäbe, na und? dann würde er existieren, da es ihn gibt, also existiert er. Das ist der Gottesbeweis, Kollege Ananias, den wir gelernt haben. Er ist unter allen Beweisen noch der beste, obwohl er nichts taugt, wie wir alle wissen.“


„Wie müsste ich sein? Ich will wissen, wie ich zu sein hätte!“ rief das Kind dazwischen, seine wilden, leuchtenden Augen auf den Hohenpriester gerichtet.
„Sprich bitte nicht in der ersten Person Einzahl, nicht in diesem Zusammenhang, das irritiert uns. Der Knabe meint, wer ist Gott, woran erkennt man ihn, wie würde – jetzt verwende ich selbst den Konjunktiv – ein Heide ihn erkennen? Ich antworte dir, mein Kind: An der Weisung, denn Gott ist ein Leuchtturm.“
„Ich habe noch nie einen Leuchtturm gesehen, ich komme aus dem Landesinneren. Als mein Vater und ich in Sepphoris waren, da haben wir Leuchtfeuer gesehen, die Wachfeuer der Soldaten.“
„Und dann habt Ihr gewusst, wo Ihr seid, denn Ihr konntet den Weg sehen in der Nacht. So ist es mit der Weisung: Sie lässt uns den Weg erkennen.“
Nach einer langen Zeit des Schweigens fragte das Kind:
„Bin ich die Weisung?“
Nach wiederum einer langen Zeit des Schweigens versetzte der Hohepriester:
„Die Weisung lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
„Liebe ich mich?“
Hannas antwortete dem bezwingenden Kind:
„Wie du deine Mutter liebst, so liebst du dich.“

„Liebe ich auch Ananias?“
Der Hohepriester Hannas trat aus der Blickrichtung des Kindes, und der wilde, leuchtende Strahl traf Ananias, der dastand, als hätte ihn ein König angesprochen. „Meinst du mich?“
„Ja, liebe ich dich?“
„Diese Frage kann ich nicht beantworten, beim besten Willen.“
„Kann jemand in der Runde sagen, ob ich Ananias liebe?“
„Nein, das kann keiner von uns, das kannst nur du.“
„Wenn ich Gott wäre, dann liebte ich Ananias.“
„Die andere Richtung gilt aber nicht, denn nicht jeder, der mich liebt, ist ein Gott“, warf der Priester ein. Die Versammlung lachte erst, als jemand dazwischenrief: „Du sagst uns damit nichts Neues.“ Das Kind hob seinen Zeigefinger und dozierte:
„Wer Ananias nicht liebt, der ist nicht Gott.“
Der Hohepriester Hannas bog sanft den Arm des Kindes nach unten und sagte:
„Das ist eine logische Folge, eine Denkfigur, die man auf der hohen Schule lernt. Gehst du denn schon auf eine solche Schule, in deinem Alter?“
„Nein, wir haben nicht genug Geld für eine hohe Schule, mein Vater ist Handwerker. Aber ich lerne schnell, trotzdem weiß ich wenig, fast nichts von allem, was ich wissen müsste, was in meinem Kopf rumort, die vielen Dinge und die Verhältnisse zwischen den Dingen und die vielen, vielen Gedanken über die Verhältnisse. Kann Gott wissen, was zum Pessachfest im nächsten Jahr passiert? Kann er genau beschreiben, was geschehen wird, und sich bei einem Notar darauf festlegen – und dann doch noch etwas daran ändern?“

Hannas sah in die wilden, leuchtenden Augen des Kindes, dann senkte er den Blick auf seine Sandalen und schritt zur Steinbank am Brunnen in der Mitte des Hofes. Bevor er sich setzte, befahl er:
„Die Leute sollen den Hof räumen, dann schließt das Tor!“
Die Tempelwache drängte die Touristen hinaus. Hannas bat die Wache, das Tor von außen zu schließen, und wandte sich wieder an das Kind:
„Warum rede ich überhaupt mit dir?“
„Weil du mich liebst?“
„Die Vollkommenheit Gottes bedeutet nicht, dass er sich der Logik entzieht, sonst könnten wir nicht über ihn sprechen. Er ist vollkommen in der Logik, und das heißt: er kann nicht zugleich allwissend und allmächtig sein, aber, mein Kind, das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott nicht zugleich Nicht-Gott ist.“
Herrisch fuhr er die Schriftgelehrten an, die zu murren begonnen hatten:
„Mehr bedeutet es nicht!“
Er winkte das Kind heran und forderte es auf, sich neben ihn zu setzen. Das Kind folgte dem Wunsch des Hohenpriesters, der es fragte, als es sich neben ihn gesetzt hatte:
„Wissen deine Eltern, wo du dich aufhältst?“
„Meine Eltern sind auch nicht allwissend, aber sie werden lernen, mich zu finden.“
„Ich hoffe nur, in deinem und meinem Interesse, dass es bald geschehen möge und dass du keine weiteren Fragen stellst.“
„Kann ich alle Rätsel lösen?“
„Du nicht.“
„Kann er?“
„Du meinst, ob Gott alle Rätsel lösen kann? Ich denke ja. Er löst alle Rätsel, die du ihm vorlegst, du oder einer von uns oder sonst wer.“
„Er kann aber keine Rätsel erfinden, die er nicht lösen kann.“
„Mein Kind, diese Frage haben wir bereits erörtert.“
„Wir haben nur erörtert, dass ich nicht zugleich allwissend und allmächtig bin.“
„Da Gott vollkommen in der Logik ist, …“
Hannas zog das Kind zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr:
„… kann er nicht allmächtig sein.“
Ein Schriftgelehrter protestierte:
„Wir möchten gerne hören, was du flüsterst.“
„Ich habe dem Kind gesagt, es soll sich die Nase putzen.“
„Du darfst nicht lügen!“ rief das Kind, „er hat gesagt, Ihr ehrwürdigen Herren, ich sei nicht allmächtig.“
Die Herren lachten. Der Hohepriester Hannas schmunzelte.

Das Kind fuhr fort in seiner Fragerei:
„Habe ich die Welt erschaffen?“
„Nein, du hast die Welt nicht erschaffen, keiner von uns Anwesenden, außer vielleicht Ananias, der manchmal so tut, als hätte er es. Du wirst jetzt fragen, ob Gott die Welt erschaffen hat.“
Das Kind nickte und sagte:
„Ich habe so eine Ahnung.“
„Dann sprich.“
„Meine Mutter hat mich gelehrt, auf die Klugen zu hören.“
„Ich alter Mann habe gelernt: Der Weise spricht zuletzt, denn er muss ein Urteil fällen.“
Der Hohepriester blickte in die wilden, leuchtenden Augen des Kindes und wartete. Er nahm sich Zeit und schaute in die Runde, die sich behaglich zurechtgerückt hatte. Das Kind schwieg. Der Hohepriester kehrte sich ihm wieder zu, sah in die wilden, leuchtenden Augen und fragte:
„Bist du der Weise, der eine Entscheidung fällen muss? Soll ich darum anfangen?“
Das Kind nickte und entgegnete:
„Denn du bist der Klügere, allerdings lerne ich schnell, ich bin nicht auf den Kopf gefallen!“
„Das macht es so schwer. Wo war ich stehen geblieben? Ich fange am besten vorne an. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Lässt sich daraus folgern, dass er die Welt erschaffen hat? Manches Mal möchte ich, es ließe sich nicht daraus folgern, denn die Welt ist in einer üblen Verfassung, aber der Text lässt mir keine Wahl, denn was gäbe es noch in der Welt außer Himmel und Erde? Einen zweiten Schöpfer? Mehrere? Dann wäre unser Herr nicht der alleinige, und so müssen wir wohl in den sauren Apfel beißen, in den Apfel der Erkenntnis, dass Gott die Welt erschaffen hat. Auf den ersten Blick hatte sie ihm gefallen, aber dann erkannte er, dass sie missraten war. Etwas hatte er falsch gemacht – den Menschen.“
Der Priester Ananias beschwerte sich:
„Das kann der Kleine noch nicht verstehen, behellige das Kind nicht damit! Du solltest vorsichtig sein, auch des Kindes wegen, aber in erster Linie unseretwegen – und besonders deinetwegen.“
„Was willst du! Es steht in der Schrift. Er hat die Menschheit, die Tierheit und die Pflanzenwelt vernichtet, bis auf einen und dessen Familie und bis auf einige handverlesene Tiere. Die Menschen müssen ihm nicht gefallen haben.“
„Und warum haben ihm die Tiere und Pflanzen nicht gefallen?“ fragte das Kind.
„Die Sterne haben ihm gefallen.“
„Danach habe ich nicht gefragt! Sterne sind einfach zu machen. Aber bau du eine Fliege! Ich habe es probiert, als ich klein war, da habe ich versucht, aus einer toten Motte eine Fliege zu machen. Wenn es mir gelungen wäre, ich hätte sie nicht ersäuft oder erschlagen!“
„Warum haben ihm die Tiere und Pflanzen nicht gefallen?“ rief der Hohepriester in die Runde. Er wollte die gefährliche Diskussion auf seine Kollegen überwälzen, um sich etwas zu erholen. Das Kind war anstrengend. Er begann, es in sein Herz zu schließen, obwohl es ihm auf die Nerven ging. Jemand erklärte:
„Da er die Menschen umbringen wollte, außer Noah und seiner Familie, von der wir alle abstammen, brauchte er die Tiere nicht mehr. Der, den wir nicht nennen sollten, hatte die Tiere und Pflanzen zum Essen für die Menschen erschaffen und darum einige Tiere gerettet, damit Noah und seine Familie nicht zu verhungern brauchten.“
„Gefällt dir diese Antwort?“ fragte Hannas das Kind.
„Nein.“
„Nein?“
„Tiere haben Angst wie wir, sie freuen sich wie wir, sie fühlen Schmerzen wie wir.“
„Das hat der, den wir nicht nennen sollten, wohl nicht bedacht?“

Am Tor zum Außenhof wurde ein Scharren vernehmbar, dann pochte es. Man hörte Rufe. Das Kind ließ sich nicht beirren und antwortete:
„Er hat nicht darüber nachgedacht. Wenn ihm die Menschen, Tiere und Pflanzen wieder einmal nicht gefallen sollten, …“
Das Rumoren wurde drängender. Das Tor öffnete sich einen Spalt und wurde abermals zugedrückt.
„… dann sollte er nicht die vielen Menschen, Tiere und Pflanzen opfern, …“
Das Tor knarrte in seinen Angeln, wieder öffnete es sich einen Spalt, eine Wache zwängte sich in den Binnenhof und sagte demütig zu dem Hohenpriester, der den Redefluss des Kindes mit einem Handzeichen unterbrochen hatte:
„Draußen ist eine Frau, die will hinein, wir können sie kaum festhalten, sie lässt sich nicht abwimmeln.“
„… sondern“, rief das Kind, so dass der Hohepriester seine Hände auf die Ohren legte, überfordert von dem Schwall der Worte, „er müsste, damit die Menschen, Tiere und Pflanzen gerettet würden, …“
Herein stürzte eine Frau, riss sich von der Wache los, lief auf das Kind zu und schrie:
„Nein!!“
Und das Kind:
„… sich selber opfern!“
Die Frau presste ihre Hand auf den Mund des Kindes. Dann umarmte sie es, drückte es fest an sich. Sie blickte tränenüberströmt auf den Hohenpriester und stammelte:
„Ihr dürft ihm nichts tun! Er ist verrückt!“

Die Geschichte einer Geschichte und das neue Buch “Die Entstehung des Lächelns”

von Dieter J. Baumgart (copyright)

Buchtitel

Buchtitel

Es war einmal eine einfache, sagen wir ruhig schlichte Geschichte, eine von denen, wie sie täglich zu Tausenden auf Redaktionstischen landen und in Ermangelung eines bekannten Verfassernamens, Kürzels oder Pseudonyms, stets umgehend und unkommentiert in den Ausgangskorb oder gleich in die Ablage -P- wandern.
Die Geschichte, von der hier nun die Rede sein soll, landete allerdings zunächst nirgendwo – nein, nein, nicht im Nirgendwo, sondern buchstäblich nirgendwo, weil sie nie jemandem angeboten wurde. Sie blieb auf den Lippen des Verfassers und erfreute seine Zuhörer bei Lesungen. Einmal schickte er sie in einem kleinen, selbst verlegten Buch mit anderen Geschichten auf die Reise. Doch das Buch sagte den relevanten Gewerbetreibenden nicht zu – der Inhalt stand sowieso nicht zur Debatte – und so waren es einige wenige Exemplare, die einen Käufer fanden. Die, allerdings, erinnerten sich noch nach Jahren daran, was den Verfasser und Kleinstverleger zwar sehr freute, aber – weil es sich um einen lernfähigen solchen handelte – nicht den Wunsch aufkommen ließ, es noch einmal zu versuchen.
Erst, als ein Freund des Verfassers von der Geschichte so angetan war, daß er sie flugs in seine Heimatsprache übertrug – richtig, er übersetzte sie nicht, er übertrug sie – öffnete sich eine neue, unerwartete Perspektive. Der Freund, es war ein Franzose, übertrug die Parabel so gut, daß viele Franzosen, die sie nun auch lesen konnten, von der wirklich sehr schlichten Geschichte begeistert waren.
Da hatte der Verfasser eine Idee – dachte er – und setzte sie sogleich in die Tat um. Er schickte den Originaltext und die französische Übersetzung an den Auslandsender seines Heimatlandes und fragte an, ob es unter den fremdsprachlichen Mitarbeitern der Rundfunkanstalt vielleicht den einen oder anderen gäbe, der Interesse daran hätte, diese Geschichte, er nannte sie eine Parabel über das Entstehen des Lächelns, in seine oder ihre Heimatsprache zu übersetzen. Daß er nicht beabsichtige, die eventuellen Übersetzungen profitabel weiter zu veräußern, fügte er erklärend hinzu. Die Antwort kam umgehend und gab dem Verfasser zu denken:
Die Mitarbeiter der (hier folgte der Name der staatlichen Rundfunkanstalt) können leider keine kostenlosen Übersetzungen vornehmen, weshalb wir um Ihr Verständnis bitten, daß wir Ihrem Wunsch nicht entsprechen können.
Mit freundlichen Grüßen…


Dem Verfasser erstarb das Lächeln für einige Minuten auf den Lippen. Doch dann begriff er: Wenn da jeder kommen würde – eben…

Jahre vergingen, die Parabel und auch der amtliche Bescheid des Auslandssenders machten die Runde unter den Freunden und Bekannten des Verfassers. Und so ergab es sich, daß gelegentlich einer meinte, du, ich kenne da jemanden, den frage ich mal… Eine gute Freundin hatte eine Nichte in Japan. -Das macht Taeko bestimmt sehr gern-, meinte sie. Und ein anderer Freund mobilisierte seine Kollegen in der Firmenvertretung in Hongkong, und so weiter, und so weiter.
Die Geschichte machte sich selbständig, sie besann sich auf den Titel, den ihr der Verfasser mitgegeben hatte, und flatterte buchstäblich um den ganzen Erdball. Unter den Menschen, die sie gern und mit Hingabe in ihre eigene Landessprache übertrugen, waren Leute aus nahezu allen Berufen und Wirkungsbereichen. Es waren Menschen mit Phantasie, für die das Lächeln immer noch mehr war, als eine bloße Muskelreaktion. Begeistert von diesen Erfolgen faßte der Verfasser schließlich wieder Mut und sah sich auch selbst um. Die gute Fee bei seinem Zahnarzt erinnerte sich an einen Onkel, der in einem koreanischen Kloster lebte und arbeitete. Der Menschenrechtsbeauftragte im brasilianischen Bundesstaat Santa Catharina, der per E-mail zu einer internationalen Post-Art Exhibition aufgerufen hatte, übertrug die Geschichte aus der englischen Fassung in Portugiesisch. Und als anläßlich des katholischen Heiligen Jahres in einer großen Tageszeitung ein Bericht über die Vorbereitungen im Vatikan erschien, wandte sich der Verfasser der Parabel an den im Bericht genannten Leiter der päpstlichen Kommission mit der Frage, ob es nicht schön wäre, wenn unter der stetig steigenden Zahl von fremden Sprachen auch Latein vertreten wäre und fügte neben dem Original auch eine italienische Fassung an. Einige Wochen geschah nichts. Als im Freundeskreis das Gespräch auf das Heilige Jahr und die Anfrage im Vatikan kam, meinte jemand: -Das Heilige Jahr in Rom? An wen hast du da geschrieben? Ach – mein Schwager leitet die Pressekommission. Ich spreche ihn mal darauf an.- Eine Woche später gab es auch einen lateinischen Text.
Neulich erst traf die vierzigste Sprachvariante ein: As Gaeilge, Gälisch, im sechsten Jahrhundert in Irland aus dem Keltischen entstanden. Und noch ein anderer Aspekt hat sich aufgetan: Eine schweizerische Malerin hat die Geschichte vom Entstehen des Lächelns in fünfzehn bezaubernden Aquarellen illustriert und mit drei Sprachen ausgestattet. Begleitet von allen guten Wünschen des Verfassers wird sie versuchen, einen Verlag zu finden.
Direkt vor dem Haus des Verfassers und seiner Frau öffnet sich ein kleiner Fußweg in den Talkessel an dessen Rand das Dorf liegt. An diesem Weg hängt an einem Holzpfahl, wetterfest eingeschweißt, die erste Übersetzung der Parabel Schmetterlinge. An manchen Tagen sind die Stimmen von Menschen zu hören, kleinen, großen, jungen und alten. Sie lesen die Geschichte einander vor und der Verfasser lauscht, freut sich und weiß, was wichtig ist an dieser schlichten Geschichte, die offenbar in nahezu allen Sprachen verständlich ist.

edition salagou © 2007

So der Text Dieter Baumgarts von 2007. Heute, 4. Februar 2009 erfuhren wir, dass das Buch Anfang März ausgeliefert und ab Ende März, bei verschiedenen Lesungen, der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Und hier lüften wir auch das Geheimnis um Titel und Inhalt:

Die Entstehung des Lächelns in Celles

„Geh zu den Menschen und sei das Lächeln“, lautet der letzte Satz in der Geschichte vom unsichtbaren Schmetterling, für den es keinen Körper, keine Flügel und Fühler mehr gab. „Nichts von alledem, was seine Brüder und Schwestern, die wie wunderschöne Blumen durch die Lüfte flatterten, so hatten.“ Dieter J Baumgart, der Autor dieser Parabel über das Entstehen des Lächelns, lebt mit seiner Frau in Mourèze. Ende der siebziger Jahre entdeckte er das verlassene Dorf Celles am Lac du Salagou auf der Suche nach Fotoplätzen für Auto-Prototypen.
Zehn Jahre später, in den Stunden vor der Aufführung der Diaporamaschau „Die Reise nach Mourèze“ in einer Strafanstalt in Deutschland, kreisten die Gedanken des Autors um die Menschen, die er mit diesen Bildern aus einer Welt, die ihnen verschlossen war, vielleicht schockierte. In diesen Stunden erwachte der unsichtbare Schmetterling im Kopf des Autors zum Leben. In 30 Minuten hatte er die Parabel geschrieben. Zum erstenmal gelesen hat er sie in dieser Strafanstalt. Zusammen mit anderen Geschichten veröffentlichte er sie in einem kleinen Buch, das jedoch mangels professioneller Werbung kaum Käufer fand.
Auf der Suche nach einer Möglichkeit „seinem“ Schmetterling „preiswerte Rundflüge in den Köpfen interessierter Menschen“ zu ermöglichen, kam er auf die Idee, die Parabel, die inzwischen von Freunden und Freunden von Freunden aus aller Welt in mehr als 24 Sprachen übersetzt worden war, an einem alten Holztor in Celles aufzuhängen.
Jahre später, beim Auswechseln beschädigter Blätter, sprach ihn die schweizerische Malerin Theres Studer an und fragte, ob sie das Thema illustrieren dürfe. Die Idee, diese Parabel in mehreren Sprachen in einem Buch zu veröffentlichen, wurde geboren. Wieder sollten mehrere Jahre vergehen. Die Aufgabe, einen unsichtbaren Schmetterling bildlich „zum Leben zu erwecken“, war eine künstlerische Herausforderung. Doch nicht nur das gelang der Malerin. Vor einem Jahr konnte sie auch den Züricher Verleger Alexander Auer, éditions à la carte, für das Projekt begeistern.

Jetzt, im Jahr 2009, ist das Buch „Die Entstehung des Lächelns – Schmetterlinge“ in Deutsch, Französisch und Englisch erschienen. 2009 ist es auch vierzig Jahre her, daß die letzten Bewohner von Celles ihr Dorf mit Booten verlassen mußten, weil die Straßen schon von den Wassermassen des Stausees überschwemmt waren.

Alles Zufall? Die Idee mit den Texten am Holztor, das Zusammentreffen mit der Malerin und vieles, vieles andere im Zusammenhang mit dieser Parabel?
„Ja – aber“, sagt der Autor. „Was ist ‚Zufall‘, einfach Zufall? Nein. Der Zufall ist, so meine ich, der große Veränderer, Gestalter, in einem Wort, der Regisseur, der in einem Menschenleben eine Rolle spielen kann.“
Und natürlich sieht der Autor auch durchaus Parallelen zwischen Celles, dem Dorf, das einem Stausee geopfert wurde, und einem unsichtbaren Schmetterling, der den Menschen das Lächeln bringt: „Ich habe die Veränderungen in Celles in den letzten dreißig Jahren miterlebt. Wie mein Schmetterling, hat auch dieses Dorf aus dem Nichts heraus eine neue Aufgabe gefunden: Die Wiederentdeckung der Natur.“

2009 erschienen im Verlag: Editions à la Carte
www.editions.ch
Technoparkstr.1
CH-8005 Zürich
Fax +41 44 440 44 59
Mail: info@editions.ch

29,7 x 21 cm
40 Seiten
Hardcover
ISBN ISBN 978-3-905708-52-3
Subskriptionspreis: € 17,00*/ SFR 26,00* bei Best. bis 31. Dezember 2009
später: € 19,00/ SFR 28,00
* zzgl. Versandkosten

Das Lächeln, diese schönste aller Sprachen, ist doch tatsächlich nur
eine sympathische Muskelbewegung, die aber aus dem kommunikativen Umgang
der Menschen miteinander nicht mehr wegzudenken ist.
So ist diese von Theres Studer so zauberhaft illustrierte Parabel
auch eine Hommage an das Lächeln.

Le sourire, cette plus belle langue du monde, n’est – en réalité – rien
de plus qu’un sympathique mouvement musculaire, mais on ne peut le séparer
du contexte de la communication des humains entre eux.
Aussi cette parabole, illustrée merveilleusement par Theres Studer,
constitue un hommage au sourire.

The smile, the most beautiful language in the world, is – really – nothing
more than a nice movement of muscles, but we cannot separate it from its
context within the communication between human beings. So this parable,
illustrated magnificently by Theres Studer, is a tribute to the smile.

Der Poet

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Der Himmel ist im Zenit so blau, wie er über einer Großstadt nur sein kann. Die ins Stahlgrau spielende Schattierung am Horizont, am Ende der Hauptstraße, wo sie über eine Bodenwelle führt, kündigt keinen Regen an, sondern verspricht Beständigkeit. Der Wind, der durch die Straßenkamine zieht, auf den Kreuzungen mit sich selbst zusammenstößt und umherwirbelt, ist immer noch so kalt, dass ich den oberen Knopf des Anoraks zudrücke. Der Wind verleitet dazu, die Kraft der Sonne zu unterschätzen. Nach dem Winter mit seinen Regentagen muss ich mich an sie gewöhnen. Am Abend wird die Stirnhaut spannen und das Gesicht brennen.

Der erste Frühlingstag. Für jeden Menschen gibt es den ersten Frühlingstag eines Jahres, den ganz persönlichen, manchmal schon im Januar, oft im Februar oder März. Die Forsythien blühen in den Vorgärten. Einige Sträucher grünen. Die Bäume scheinen abzuwarten, als könnte ihnen das frühzeitige Heraushängen der Farbe als Hochverrat ausgelegt werden. An der Brandmauer des Kaufhauses hängt lose eine Kunststoff-Folie, die bei jedem Windstoß aufrauscht. Dann klingt sie wie eine Welle, die über dem Strand zusammenbricht. Einige Straßen-Bistros sind schon offen. Der Wind treibt die Plastikstühle zu Scharen. Sie stranden an den festen Tischen. Kellner eilen herbei, um die Ordnung wieder herzustellen. Die Spatzen drücken sich in die Nischen der Reliefs am Sockel des Luisen-Denkmals. Die Kaufhaus-Fahnen zeigen nach Süden, mein Taschentuch nach Norden, der Wind zirkuliert. Eine Böe kommt daher und wirft ein Fahrrad um. Die Normaluhr mit ihren Taubenvergrämungsstacheln sieht aus, als stünden ihr die Haare zu Berge.


Ein Schwarm Tauben flattert auf mich zu. Einen Augenblick lang bin ich von Vögeln umgeben, von dem Luftzug und dem Sirren ihrer Schwingen, die fast meinen Kopf berühren. Punker sind die einzigen Stadtmenschen, die Hunde artgerecht halten. Sie achten zwar darauf, dass sich die Tiere in der Öffentlichkeit benehmen, um die Polizei nicht herauszufordern, aber sie erlauben ihnen, so frei zu sein, wie es in einem Rudel nur möglich ist. Gut gelaunt begrüßt mich der Pointer, der die Tauben aufgescheucht hat, und schnuppert an mir.

Der Poet sitzt in der Fußgängerzone, angelehnt an die Hauswand unter der Auslage eines Schmuckgeschäfts, das Gold in großen Mengen offeriert. Er blickt traurig in das Schaufenster gegenüber, hinter dem nackte Puppen posieren. Er ist ein Bettler, aber auch wieder kein richtiger. Vor ihm liegen zwei Stapel mit Heften, jeder etwa zu zwanzig Stück. Zwei Gewichtssteine, die er vom Markt ausgeliehen hat, beschweren die Stapel, damit der Wind, der nie bezahlt, die Hefte nicht zu lesen bekommt. Ich weiß nicht mehr, woran ich erkannt haben will, dass der Mann Lyrik feilbietet. Jedenfalls frage ich, ob die Gedichte zu kaufen seien. Der Mann blickt mich an, als wäre ich vom Ordnungsamt oder vom Dezernat für Obdachlose oder als hätte ich sein Vorurteil widerlegt, dass sich niemand für Lyrik interessiert. Er nickt, und ich muss nach dem Preis fragen. „So viel Sie geben wollen“, antwortet der Dichter. Ich gebe so viel ich geben will, hebe das Gewicht an, nehme ein Heft vom Stapel und verlasse den Ort, um nicht sofort lesen und urteilen zu müssen.

Im Sonnenlicht des Marktplatzes bleibe ich stehen und blättere in dem Heft, an dem der Wind zerrt wie ein Hund (wie ein Windhund). Auf dem Deckblatt lese ich ´Die Harmonie der Welt´ in flüssiger Handschrift. Der Titel verheißt also nichts Gutes, nämlich Lobpreisungen auf eine Welt, die nicht harmonisch ist. Die Verse wurden in strenger Kleinschreibung und ohne Interpunktion (als äußeres Zeichen dafür, dass es sich um Dichtung handelt) mit einer Schreibmaschine getippt. Ich stehe im Wind und den Leuten im Wege und provoziere empörte Blicke alter Damen (diese Erzieherinnenblicke), aus denen rechthaberische Fragen herausschauen, die mit „Können Sie nicht“ beginnen. Männer sind toleranter, sie machen den kleinen Schritt zur Seite ohne viel Gedöns. Ich blättere in den Gedichten und lese dieses:

er richtet seine wimperngebete
an die göttin hinter glas
stünde sie hinter einer scheibe
die er – wäre sie luft -
in zwölf minuten durchschritte
könnte er sie nicht sehen
weil das licht grenzen der allmacht kennt
da sie aber klein ist und nah
wie das james-dean-foto in meiner tasche
schaut er auf sie und nicht auf mich
aber meine beine zielen auf sein herz

Sieh an: Liebeslyrik. Ich lese auch Zeilen, in denen viel ´du´ und ´dein´ vorkommt (du willst nicht zur wurzel gehen, in deinem gang gehen lurche und pferde; wohlgemerkt: Kleinschreibung und fehlende Zeichensetzung haben Methode).

in thule gleiten marmorschwäne übers eis
weiter südlich hüllen sich leuchttürme in mäntel aus gischt
aber du – du kochst im zinnober meiner küsten

weiter

da wandelt in anmut
dein schwein zu meiner sau
die amsel antwortet unipedal
dem pfeifen des kessels

Alles nur Liebesgedichte? Ich finde auch ein religiöses, das sich sogar reimt:

der papst sagt galilei habe recht
wie mans in der schule lernt
der dreigekrönte gottesknecht
hat sich von der schrift entfernt
ein schrittchen auf die wahrheit zu
nun hat galileo seine ruh

Und noch ein anderes christlich-abendländisches Gedicht, das ich hier nicht zitieren möchte, denn es lässt sich der zeitgenössischen Mystik zuordnen, daher könnten es christliche Fundamentalisten als Blasphemie missdeuten (sie missverstehen oft und empören sich gerne). Ich nehme mir vor, den alten Poeten genau anzusehen, sorgfältiger als eben. Also kehre ich in den Schatten der Fußgängerzone zurück.

Ich schätze den Mann auf 55 (nämlich älter als 50, aber noch keine 60). Auf den grauen Haaren, die strähnig in den Nacken fallen, steht (mehr als sie sitzt) eine gelbe Pudelmütze, rund und ohne Beulen, wie ein Goldhelm, den die Mutter Rembrandts gestrickt hat. Über seine Augen lässt sich nichts sagen. Runde Brillengläser schimmern in einer Fassung, wie sie Blinde tragen, die auf Form und Gesichtsfeld keinen Wert mehr legen. Der Eindruck von Traurigkeit wird verursacht durch einen weißen Seehundsbart, dessen Spitzen seitlich an seinem violetten Mund herabhängen. Aus dem Kinn sprießen Stoppeln. Auf der linken Backe prangt ein Hämatom, als hätte man ihn geschlagen oder ins Gesicht getreten (weil jemandem seine Gedichte nicht gefallen haben). Der Poet trägt eine gesteppte Jacke. Seine Hose hat zu viele Farben, als dass sie sich einer zuordnen ließe (aber doch eher schwarz als weiß). Seine Füße stecken in kurzen Filzstiefeln. Er sieht aus wie ein dänischer Schoner-Kapitän in einem nie geschriebenen Märchen von Christian Andersen.

Zuerst wollte ich ihm Geld geben und sagen: Ich schulde es Ihnen, weil Ihre Gedichte besser sind, als ich vermutet habe. Ich verwerfe die Absicht, als ich den Mann dasitzen sehe. Ich hocke mich neben ihn und frage:
„Wollen Sie mit mir essen gehen?“
Der Mann nimmt seine Brille ab.
„Auch wenn ich aussehe wie ein Penner“, sagt er beleidigt. Ich ärgere mich darüber.
„Ganz der Herr Pharisäer! Sie sind ja ein Poet und daher etwas Besseres als ich, der ich Ihre Verse lesen muss, in denen ich geduzt werde.“
„Ich habe nichts dagegen“, antwortet er schnell und erhebt sich mühsam. Ich stütze ihn, und dann muss er sich Grad um Grad zurechtbiegen, bis er endlich lotrecht steht.
„Bleibt alles liegen?“ frage ich.
„Es wäre das erste Mal, dass Lyrik gestohlen wird.“
„Dann lassen Sie auch Ihre Pudelmütze hier, damit die Leute Geld hineinwerfen.“
„Nein!“ Der Mann fasst sich an die Pudelmütze. „Nein! Was wollen Sie eigentlich von mir?“
„Nichts Besonderes.“
„Sie lügen, denn Sie wollen wissen, warum ich Gedichte tippe. Sie finden sie zum Kotzen, habe ich Recht? Sie wollen mich vereinnahmen, weil Sie ein Original brauchen. Vielleicht schreiben Sie einen Roman und brauchen ein Original, weil Ihnen sonst nichts einfällt. Das ist es. Sie schreiben auch!“
Der Mann bleibt stehen, schon ein wenig vornüber gebeugt, so dass ich ihn langsam wieder aufrichte.
„Hier ist meine Biografie“, fährt er fort, „schreiben Sie nur! Denn ich bin ja ein Original, ein arbeitsloses, versoffenes Arschloch! Ich habe Physik studiert und dann alle diese Differentialoperatoren, Nabla, Quabla und wie sie heißen, nicht mehr verstanden, nämlich wieso diese mathematischen Begriffe die Wirklichkeit beschreiben oder sogar erklären können. Das ist nicht in meinen Kopf gegangen. Ich habe die physische Welt nicht mit der Mathematik vereinen können und darum das Physikstudium aufgegeben. Dann bin ich Sachbearbeiter geworden. Die Natur habe ich auf dem Amt auch nicht verstehen gelernt, aber die Menschen umso besser, und nicht von ihrer besten Seite, wenn es eine solche Seite überhaupt gibt und nicht alle Seiten gleich schlecht sind.“
„Sehen Sie her“, entgegne ich und entfalte das Heft, das ich zerknüllt in der Jackentasche getragen habe, „ich will Sie besser kennenlernen. Wenn Sie mir schon Ihre Gedichte anbieten, müssen Sie damit rechnen, dass ich Sie dazu befrage. Hier: Was bedeutet eine Scheibe, die man, wäre sie Luft, in 12 Minuten durchschreitet?“
„In 12 Minuten legt man ungefähr einen Kilometer zurück, eine Scheibe, die 1 km dick ist, lässt kein Licht mehr hindurch. Quantenphysik.“
„Aha. Oder nehmen Sie das hier: der mörtel ist dein mut – von was der Mörtel, um Himmels Willen?“
„Vom Turm deines Widerstandes“, sagt der Mann, ohne in das Heft zu schauen.
„Sie kennen Ihre Gedichte auswendig?“
„Wie sollte ich nicht.“
Der Mann schiebt sich mit kleinen Schritten zur nächsten Würstchenbude.
„Ich denke, wir sollten was Richtiges essen“, sage ich.
„Ich habe keinen Hunger“, versetzt der Mann, „außerdem: alle diese Gedichte hat meine Tochter geschrieben.“

Er hält inne und blickt mich unterwürfig an.
„Sie wollen damit sagen“, frage ich, „Sie dürften keinen Hunger haben, weil Sie es nicht verdienen zu essen, denn nicht Sie haben die Gedichte verfasst, sondern Ihre Tochter? Sie haben sie bestohlen?“
Der Mann bewegt sich kaum merklich im Rhythmus seines Herzschlags wie eine alte Katze.
„Ich könnte auch was anderes verkaufen, Schnürsenkel oder Brezel, wie mein Kollege, ich könnte auch meine Stimme verkaufen und aus dem Psalter singen. Habe ich alles schon gemacht!“
Ich bugsiere ihn in die Trattoria Populare. Der Kellner schaut befremdlich auf den Mann in der Pudelmütze, der zu heulen anfängt. Ich bestelle für den Poeten und mich zu essen und zu trinken (Mineralwasser). Ich fürchte, dass ich mich zu sehr auf diesen Mann einlasse, denn er kehrt zurück in die Fußgängerzone, und ich fahre bald wieder nach Hause. Wozu also das Ganze?
„Hören Sie auf zu weinen.“
Der Mann wischt sich die Augen.
„Ihre Geschichte ist zum Kotzen“ sage ich mit einer Härte, die mich selbst erschreckt, die aber den Mann zu beruhigen scheint.
„Kann ich einen Schnaps haben?“ fragt er.
„Ich dachte, Sie seien trocken.“
„Neiiin.“ Er verzieht das Gesicht. Dass ich so etwas von ihm denken kann und ihm womöglich nichts anbiete!
„Bestellen Sie, was Sie wollen, nur sagen Sie mir bitte, was Ihre Tochter jetzt macht.“
Der Mann streicht sich über die Winkelried-Speere in seinem Gesicht, dass es knackt (er bleibt unverletzt, seine Hände sind dick).
„Das letzte Mal ist sie Laborantin gewesen in Leverkusen. Das war vor zehn Jahren. Das da“, der Mann deutet auf mich und meint das Heft, das vor mir liegt, „habe ich vor zwanzig Jahren in meiner Aktentasche gefunden, zwischen Papieren und Butterbroten. Die Kleine ging damals zur Schule und hatte ein Heft mit Gedichten in meine Tasche geschmuggelt. Ich habe den Kollegen daraus vorgelesen und es dann in mein Schubfach gesperrt. Da blieb es liegen, bis das große Aufräumen kam, bis zu jenem Tag, als ich die Fächer auskehren musste – wegen dem da“, er zeigt auf die Flaschen über dem Tresen. „Damals habe ich nur Cognac getrunken. Achten Sie bitte auf meine unmaßgeblichen Worte, auf die Worte eines Dichters, der seine Muse im Augenblick geistiger Umnachtung selbst gezeugt hat, ich sagte nicht Weinbrand, ich sagte, wenn Sie sich erinnern wollen: Cognac.“
Er spricht so, als wäre ihm damals Unrecht geschehen, weil die Anklage auf Abusus von Fusel gelautet hatte, obwohl doch der Genuss von Cognac zur guten Gesellschaft gehört.
„Heute habe ich ein schlechtes Gewissen, heute wie jeden Tag“, rief er, „ich, ein Vater, verdiene mein Taschengeld mit dem Werk und dem Traum meiner eigenen Tochter, gezeugt mit einem Drachen in finsterer Nacht.“
„Hören Sie auf zu quatschen. Sie sind nicht der Dichter, sondern Ihre Tochter.“
„Das ist meine Rede, mein Herr. Eine Sappho ist sie, eine Mascha Kaleko. Aus ihr hätte was werden können, wenn ich nicht so ein gottverdammtes Schwein wäre. Sie sehen in mir ein Schwein, mein Herr, und keinen Herrn, Sie Schwein!“
Ich lache, weil der Mann sich im Rhythmus seiner Rede versprochen hat (oder nicht?).  „Entschuldigen Sie gnädigst, dass ich meinen Gönner beschmutze. Ich bin das Schwein und meine Frau ist der Drachen meines Lebens. Sie sind nicht der Drachen, mein Herr, aber das sage ich Ihnen, wenn diese Frau nicht gewesen wäre!“
„Aber Sie haben sie geliebt?“
„Jaja, gehasst und geliebt. Sie war der Leuchtturm meines Lebens, der Großengel. Bei ihr durfte ich zum ersten Mal ein Mann sein. Sie war ein Abgott an Schönheit. Nein umgekehrt: Sie war eine Göttin an Schönheit und mein Abgott.“
„Mann, Sie sind ja auch ein Poet. Sie haben Ihrer Tochter nie etwas zu den Gedichten gesagt?“
„Nein, ich genierte mich. Meinen Kollegen konnte ich aus dem Heft vorlesen, mit Augenzwinkern, was junge Menschen eben so schreiben, wenn ihnen die Welt gegenübersteht und sie rätselhaft anblickt. Darüber kann man schmunzeln. Aber mit meiner Tochter darüber zu sprechen, wäre so gewesen, wie mit ihr über Frauensachen zu reden, wenn Sie verstehen, über Menstruation, Kinderkriegen oder Verhütung.“
„Sie sind ein kompletter Idiot.“
„Wem sagen Sie das!“
„Sprechen Sie wenigstens jetzt mit Ihrer Tochter, es ist nie zu spät, außer … „
„… wenn ich krepiere? Ich weiß nicht, wo sie wohnt. Vor zehn Jahren lebte sie noch in Leverkusen.“
„Sagen Sie es ihr, stellen Sie alles auf den Kopf, um sie zu finden, und sagen ihr, was Sie von ihren Gedichten halten, dass Sie ihr Verleger geworden sind, dass Sie ihre Gedichte verkaufen. Sagen Sie es ihr, verdammtnochmal!“
„Sie könnte glauben, ich wollte bei ihr unterkriechen, das wäre ihr vielleicht peinlich.“
„Das wäre ihr gar nicht peinlich! Dass Sie nie mit ihr gesprochen haben, über diese Gedichte, das hat sie traurig gemacht. Solche Trauer verselbständigt sich. Es wäre gut gewesen, ihr zu sagen, was Sie von den Gedichten halten, auch die Wahrheit, z.B. dass sie Ihnen nicht besonders gefallen oder besser: dass viel Potenzial darin steckt, dass man etwas daraus machen kann und dass es richtig war, Ihnen das Heft in die Tasche zu schmuggeln. Das hätten Sie ihr sagen müssen.“
„Haben Ihre Eltern es Ihnen gesagt?“
Ich schaue verblüfft auf den alten Poeten, der mich zwingt, darüber nachzudenken, was meine Eltern zu mir gesagt haben.

Nachkriegskarrieren

von Jutta Dogan (copyright)

Da nach dem regelrechten Zusammenbruch des deutschen Reiches beim Kriegsende 1945 die meisten Institutionen nicht mehr arbeiteten, zum Teil zerstört waren, die Wirtschaft nicht funktionierte, waren auch die Berufstätigen, die etwa für Post und Bahn oder Firmen gearbeitet hatten, stellungslos. Finanziell war das zunächst kein Verlust, weil die meisten bei Ende des Krieges allerlei Ersparnisse angesammelt hatten. Man hatte kaum noch etwas ausgeben können mangels Waren, und bis zur Währungsreform 1948 galt das alte Geld, die Mark, noch weiter. Das Leben war billig, wenn man von Schwarzmarktpreisen für Lebensmittel absah. Aber Mieten und Preise für die Waren auf Lebensmittelkarten – soweit es auf die überhaupt etwas gab – waren niedrig. Trotzdem kümmerten sich die meisten Menschen um eine Arbeit,weil man dann die bessere Lebensmittelkarte bekam und ja auch niemand wußte, wie lange dieser Zustand des Chaos, ohne staatliche Autorität, dauern würde. Die Alliierten bemühten sich zwar um Herstellung einer gewissen Ordnung, setzten auch bald provisorisch “unbelastete” Leiter in Ämter, aber ein geplanter Aufbau konnte im Westen vor der Währungsreform 1948 und in Berlin etwas später nach der Luftbrücke 1949 nicht beginnen. Auch um diese Zeit wurde in Bonn eine Regierung unter Bundeskanzler Adenauer genehmigt.
Unsere weit verzweigte Verwandtschaft stammte überwiegend aus Berlin und Umgebung, und so wurden bei gelegentlichen Treffen mit Galgenhumor die neuesten Nachrichten über die Tätigkeiten einzelner Mitglieder ausgetauscht.


1.Tante Else,
die ältere Schwester meiner Mutter, wurde als Postbeamtin noch nicht gebraucht, denn ein Postwesen mußte erst wieder aufgebaut werden. So folgte sie freiwillig einem Aufruf der Russen, sich zum Kohlenschippen zu melden, denn sie wohnte in Pankow. Für eine gepflegte Dame von über 40 war dieser Entschluß kühn, aber weise. Man bekam die Schwerarbeiterkarte für Lebensmittel, einen Eimer Kohle pro Woche als Deputat und durch Diebstahl noch weitere dazu. Nämlich schippte man auf dem Güterbahnhof, auf dem die Waggons in Lastwagen umgeladen wurden, ab und zu etwas über den Zaun und schlich sich nach der Arbeit dorthin, um ein paar Stückchen aufzulesen. In der Dunkelheit des Winters ging das, bis auf die Todesgefahr durch die russischen Bewacher des Geländes, die ohne Warnung schossen. Mit der Kohle konnte man alles Beliebige eintauschen und war gut gestellt. Am meisten störte Else nur, daß sie den feinen Kohlestaub aus den Hautritzen und unter den Nägeln Tag für Tag neu herausschrubben mußte, es gab ja kein warmes Wasser.
Sobald die Post wieder arbeitete und allmählich ihre Leute einstellte, konnte Else an ihren Schalter zurückkehren.

2. Auch Onkel Richard,
ein etwas entfernter Verwandter von Vaters Seite, war bei der Post beschäftigt gewesen, im gehobenen Dienst. Er war ein bereits älterer, würdiger Herr, und wir mußten lachen bei der Vorstellung, daß er jetzt als Roter Radler durch Berlin fuhr, um Waren und Nachrichten auszutragen. Denn einen Fuhrbetrieb gab es auf lange Zeit noch nicht. Später wurde er dann pensioniert, ging in ein Altersheim, weil seine Frau Justine gestorben war. Er sorgte für eine neue Überraschung, da uns eine Verlobungsanzeige erreichte. Er war schon über 80, als er eine zierliche alte Dame kennenlernte. Eine Heirat war nicht beabsichtigt, sie wollten nur aller Welt ihre Verbindung kund tun: immer mit Stil.

3. Achim,
ein ehemaliger Schüler meines Vaters und nun ein Freund geworden, eigentlich Rechtsanwalt, hatte sich als Wachmann bei den Amerikanern verdingt; das war ein begehrter Posten. Man wurde auf Dollarbasis bezahlt, wobei die noch immer sparten, erhielt Essen dort und gelegentlich Zigaretten. Die rauchte man nicht etwa, sie waren ein willkommener Tauschartikel.
Als die Wirtschaft wieder aufblühte, brauchte man Anwälte, aber nicht jedem gelang es, wieder Fuß zu fassen. Seine Frau, eine verwöhnte Dame,war enttäuscht und verließ ihn.

4. Georg
Elegant löste der jüngere Bruder meines Vaters, Georg, ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, das Problem der Arbeitslosigkeit. Denn in seinem Beruf bestanden erst später wieder Aussichten. Er, ohne Familie und mit kulturellen Interessen, schrieb Drehbücher für Herrn Zengerling, einen kleinen Filmproduzenten. Dessen Firma befand sich in Kleinmachnow, einem Vorort von Berlin und schon in der Ostzone, aber vor dem Mauerbau waren die Grenzen durchlässig. Er hatte von den Russen eine Lizenz und etwas Material für Märchenfilme erhalten, anderes war zunächst nicht erlaubt. Als Schneewittchen konnte er gleich seine schöne junge Frau verwenden, ich habe sie noch kennengelernt. Neben dem ältlichen Ehemann machte sie einen resignierten Eindruck. Eines Tages kam Georg feixend zu uns: Schneewittchen war weg! Und zwar gleich, bis nach Rußland hin, mit einem Offizier. Ob sie ihre Flucht im schäbigen Nachkriegsrußland wohl später bedauert hat? Zengerling verlegte sich nun auf Kulturfilme, inzwischen waren die erlaubt. Der über das Kloster Maulbronn, wieder auf Grundlage von Georgs Vorarbeiten, wurde preisgekrönt und lief jahrelang als Vorfilm vor der “Trappfamilie” in den Kinos.
Berlins Oberbürgermeister Reuter wurde aufmerksam gemacht auf den gewandten Georg. Er erteilte ihm den Auftrag, für die Stadt Berlin zu werben auf Reisen durch Westdeutschland. Denn die politische Situation blieb jahrelang im Ungewissen. Fotomaterial wurde ihm gestellt,aber es ergab sich das Problem der Übernachtungen. Hotels gab es kaum zunächst, denn die Alliierten hatten die wenigen intakten Quartiere für sich beschlagnahmt. Erst später bauten sie sich genügend eigene. Aber Georg fand immer einen Ausweg. “Er übernachtet bei den ATVern”, verkündete Frieda, die ältere Schwester, stolz. Er war nämlich als Student im Akademischen Turnverein gewesen, hatte Listen von denen in ganz Deutschland, und sie waren verpflichtet, einander zu helfen, auch wenn sich nicht alle kannten. In mancher Stadt, die auf Georgs Reiseroute lag, waren seine Vereinsbrüder wohl noch nicht mal unglücklich über die Einquartierung, die ja nur kurz dauerte und Unterhaltung bot: Georg war ein glänzender Plauderer. In Westdeutschland war auch mancher – es waren ja Akademiker – nicht so knapp dran wie die Westberliner noch an der Zeit, und konnten ihn bewirten.
Ich habe noch einen Nachruf aus der Zeitung, in der Georg als „Berliner Bär“ gepriesen wird.
Er starb ganz plötzlich an einer harmlosen Operation und konnte seinen Posten in einem der neugegründeten Bonner Ministerien nur kurz wahrnehmen.

5.Ein Schulfreund von mir, Fritz,
bekam in der Ostzone eine Stelle als Kartoffelschäler bei den Russen, womit für den l4jährigen natürlich die Verpflegung gesichert war. Das Dorf, in dem er zum Kriegsende bei Verwandten untergekommen war, hatte kein Gymnasium, geschweige denn ein humanistisches, auf dem er in Berlin gewesen war. Eines Tages merkte er, daß er den schulischen Anschluß verloren hatte, machte Nägel mit Köpfen und ließ sich zum Koch ausbilden. Später gelang es ihm, zu seinem Vater in den Westen zu fliehen,er übernahm ein Restaurant, schließlich ein Hotel. Als wir schon alle älter waren, kam es zu einigen Klassentreffen, wir waren inzwischen über ganz Deutschland verteilt. Eines fand auch bei ihm im Schwarzwald statt, und ich hatte den Eindruck, daß sein Los schwerer war als das der anderen, die nach Studium einen “white collar job” ausübten, und reich ist er offensichtlich dabei auch nicht geworden.

6. Mein Vater
In dem allgemeinen Aufbruch erhob sich sogar mein zunächst deprimierter Vater im Frühjahr 1946 von seiner Lagerstatt, auf der er den kalten Winter verbracht hatte. Er nahm das Angebot unseres Pfarrers an, als Bote für die Gemeinde tätig zu sein, denn er wollte ihm helfen. Andere Arbeit durften ehemalige PGs (Parteigenossen) nicht annehmen. Da auch der inzwischen von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister unseres Bezirks, meinen Vater als früheren Lehrer seines Sohnes kannte und schätzte, ließ er ihn als Boten ins Rathaus überwechseln. Das war eine sichere Stelle, denn man wußte nicht, wie lange dieser Zustand der Unterbeschäftigung andauern würde. Sämtlicher Schriftverkehr zwischen den Ämtern in Berlin wurde per Boten abgewickelt, so lange es noch keinen Wagenpark für sie gab. Die Boten konnten sich dabei, der U-Bahn bedienen, als diese wieder streckenweise in Betrieb genommen wurde, aber es blieben noch weite Laufstrecken übrig. Da mein Vater immer gern gelaufen war, lag ihm diese Tätigkeit, abgesehen von der noch immer knappen Verpflegung und mangelndem Schuhwerk.
Ab Herbst 1946 jedoch wendete sich das Blatt eher, als gedacht. Da allmählich auf Betreiben der Alliierten eine Verwaltung in jeder Hinsicht wieder aufgebaut werden sollte, bis hin zum Schulwesen (es gab nur provisorischen Unterricht) wurden überall die Experten gebraucht, nämlich weitgehend die ehemaligen Parteigenossen. In sogenannten Spruchkammerverfahren wurden diese “entnazifiziert”, nachdem sie ihre Papiere eingereicht und Zeugen benannt hatten, die ihre Harmlosigkeit bestätigen würden. Es erwies sich dabei als lebenswichtig, daß man trotz Ausbombung, Flucht oder Vertreibung niemals seine Papiere verlor!
Mein Vater wurde samt vielen anderen in diesen Monaten als Mitläufer eingestuft und Anfang 1947 wieder in den Schuldienst übernommen.
Nachdem wir 1950 nach Jahren im Notquartier nun eine Wohnung bekamen, ging es mit unserer kleinen Familie wieder bergauf. Meine Eltern waren beide als Lehrer tätig, wir galten als “westliche Doppelverdiener”: der Aufschwung der 50er Jahre hatte auch uns erfaßt!

Die rosa Tasche

von Jutta Dogan (copyright)

Eigentlich war sie ein kleines Scheusal, aber darauf kam es gar nicht an. Bonbonrosa Lack war einfach auf Pappe aufgetragen, was sich dann herausstellte, als sie allmählich zerfiel, viel später. Von Leder keine Spur. Sie war ja auch nur für ein Kind gedacht, ein Ausgehtäschchen. Viel hatte dafür auch kaum einer ausgeben können, damals, in den dreißiger Jahren, und dazu noch in jener Provinzstadt im Nordosten von Deutschland,umgeben von ländlichem Gebiet.
Da lag die Tasche verlockend im Schaufenster von Kaufhaus Radefeldt, dem einzigen im Städtchen, und außerdem gab es noch Läden allerlei Art. Vornan lag sie, zu mir hin, und ich stand da und bewunderte sie. Daß so etwas für mich sein könnte, kam mir kaum in den Sinn. Dies hier wäre Luxus gewesen, und den gab es zuhause nicht. Ja, zu essen und Kleidung war da, in Maßen, und für den Vater ab und zu ein Buch; und das war schon mehr, als andere hatten. “Mutti, sind wir arm oder reich?” hatte ich meine Mutter gefragt, denn beides kannte ich nicht, diese Ausdrücke kamen nur in den Märchen vor, die sie mir vorlas. “Wir sind so in der Mitte”, beruhigte mich meine Mutter, und es stimmte sogar. Ein Studienrat, der lag so in der Mitte, und das war mein Vater.


Im Moment war sein jüngerer Bruder aus Berlin zu Besuch, Onkel Georg. Und mit dem samt meinem viel älteren Bruder Horst war ich unterwegs, von draußen, dem Joachimsthalschen Gymnasium und Internat her, durch den Wald und am See ins Städtchen Templin hinein, unter dem Tor der Stadtmauer und eine der wenigen Einkaufsstraßen entlang. Georg muß sich ja gelangweilt haben, aus Berlin war der anderes gewöhnt, zumal mit der Freiheit eines Junggesellen. Aber er schien den Bummel zu genießen. Er. liebte seinen Neffen Horst, der schon achtzehn war und mit dem man sich gut unterhalten konnte, wie zwei Kumpel.
Ich war erst fünf, und den beiden fiel es auf, daß ich vor dem Schaufenster stehen geblieben war und träumerisch auf die Tasche sah, man konnte noch nicht mal sagen, begehrlich. Es stand auch kein Festtag an, daß man sie hätte als Geschenk bekommen können. Sie neckten mich. Wir trotteten weiter, und einer der beiden hatte wohl an der vorigen Ecke etwas verloren und blieb für kurze Zeit zurück.
Mit genügend Hunger trafen wir später zuhause zum Abendessen wieder ein. Die Dienstvilla meines Vaters war geräumig, und so war am langen Tisch des Eßzimmers für alle gedeckt, wegen des Besuchs mit besserem Geschirr als sonst.
Aber was war das? Mein Teller wackelte, als ich ihn berührte, etwas Sperriges hob ihn an. Ich blickte darunter, die Tischdecke wölbte sich an der Stelle. Meine Großmutter hatte sie bestickt, aber daran lag es nicht. Es war still geworden um den Tisch, und ich lüftete die Decke vorsichtig. Da lag etwas, ich zog an einem Griff, rosa Lack kam hervor – die Tasche vom Schaufefenster! Ich betrachtete sie ungläubig. Wie war sie hierher gekommen? Alle schienen gänzlich ahnungslos. Onkel Georg und mein Bruder Horst saßen mir gegenüber, sahen sich an und waren unbändig froh – soweit man das von Brandenburgern sagen kann. Allmählich begriff ich, daß dies Täschchen nun mir gehörte, auch ohne Geburtstag als Anlaß. Ich hielt es in Ehren und benutzte es nur zu besonderen Anlässen, bei Kinderfesten oder als ich von Tante Frieda, der älteren Schwester meines Vaters, in Potsdam durch die Schlösser mit ihren Parks geführt wurde.
Von der so harmlos-fröhlichen, Tischrunde lebt kaum noch einer. Als erster blieb der Platz meines Bruders leer, der in Frankreich fiel, denn bald darauf war der Krieg ausgebrochen. Ihm folgte Onkel Georg, der unerwartet nach einer leichten Operation verstarb, lange vor seinen älteren Geschwistern. Von meinen Eltern erreichte jeder ein gutes Alter, aber da lebten wir schon nicht mehr in Templin.
Mein Vater war so angetan von diesem historischen Städtchen, daß er ein Buch über dessen Geschichte verfaßte, das großen Anklang fand und für das er nach seinem Tode mit einer Straße geehrt wurde.
Bei der Einweihung traf ich Elfriede wieder, unser ehemaliges Pflichtjahrmädchen, das bei unserer Tafelrunde damals das Essen auftrug. Sie lud mich ein zu sich und erzählte mir ihr Leben.
Und die Tasche? eines Tages fing sie an zu zerfallen, die Pappe sah zu meinem Erstaunen unter dem abbröckelnden Lack hervor. Aber untröstlich war ich wohl nicht, sie hatte ihre Dienste getan. Ich wurde nun älter, wir lebten dann in Berlin, und ich werde trotz Kriegszeiten eine andere bekommen haben, vermutlich aus Plastik. Jetzt, Jahrzehnte später, besitze ich unzählige, aus Leder mit Applikationen, in mehreren Farbgebungen und für allerlei Zwecke. Aber solch freudige Überraschung wie beim Empfang meiner ersten, der mit rosa Lack, habe ich bei keiner mehr empfunden.

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