von Jürgen Jesinghaus (copyright)
I.
Almut und Berta lebten im selben Haus, auf derselben Etage, in benachbarten Wohnungen. Lange nach dem Tod der Ehemänner hatte die jüngere Schwester in das Haus der älteren ziehen müssen. Ihre in Jahrzehnten der Witwenschaft erworbenen Gewohnheiten, die sie für Freiheit hielten, bewahrten sich die Schwestern dadurch, dass jede ihr eigenes Appartement beanspruchte.
Sie waren am Nachmittag gemeinsam in die Stadt gefahren. Nach der Tagesschau wollten sie sich bei Berta treffen, Tee trinken, Mensch-ärgere-dich-nicht spielen und sich gegenseitig quälende Fürsorge angedeihen lassen. Almut las Zeitung, um zu erfahren, wie sich die Welt zum Schlechten verändert hätte. Sie hasste Frauen in Führungspositionen, die vielen Außenministerinnen zum Beispiel, denn sie wäre selbst gerne eine erfolgreiche Frau gewesen, war aber durch eine strenge, ungerechte Erziehung an der Entwicklung zum Erfolg gehindert worden. So liebte sie am meisten nur ihren tüchtigen Bruder Konrad und durch ihn sich selbst. Aber davon abgesehen, besaß sie ein grundfreundliches Wesen. So hatte sie ihrer Schwester befohlen, die Tageszeitungen nach der Lektüre auf den Fußabtreter des Nachbarn zu werfen, um ihm das Studium der Todesanzeigen und Aktienkurse zu ermöglichen.
Sie liest mir zu lange, oder glotzt sie in die Fernseh-Röhre? Berta, die schon den Tee aufgebrüht hatte, sorgte sich um die Schwester. Sie drückte die Aus-Taste ihres Zapper-Geräts, weil sie den Musikantenstadl nicht sehen wollte („das Gehampel ist für Menschen, die im Altersheim leben“) und begab sich auf die Reise zu Almut. Sie schlurfte zur Flurtür. Der Spion nützte wenig, denn die Osteoporose hatte sie hinabgebeugt, so dass Berta nur das Treppenhaus kontrollieren konnte, wenn sie auf einem Fußbänkchen stand. Sie kämpfte mit dem Schlüssel, der selbstherrlicher wurde und hämisch dem Druck der Greisenhand spottete. Nach dem Sieg über ihn zog Berta die Türe auf und rutschte über die Fliesen des Etagenflurs zur anderen Wohnung. Sie schellte, obwohl sie Almuts Schlüssel in ihrer Wolljacke aufbewahrte. Berta schellte abermals und dann wütend ein drittes Mal. Almut hat ihr Hörgerät aus dem Ohr genommen, sie tut es, um mich zu ärgern! Dann schloss Berta das Refugium ihrer Schwester auf.
Berta wimmerte den Namen der Schwester und mischte Vorwürfe in das Jammern. Wo bleibst du, der Tee wird kalt. Sie schlurfte über den Estrich und begleitete ihren unsicheren Gang mit der Klage über Almuts Unpünktlichkeit. Im Wohnzimmer angelangt, stützte sie sich auf den Chippendale-Stuhl, eine Hinterlassenschaft ihres Schwagers, eines Studienrats, der „Chippendale“ mit hörbaren Anführungszeichen auszusprechen pflegte. Almut saß im Ohrensessel, die Zeitung auf den Knien, ihren Blick auf die „Schwarzwaldmühle“ gerichtet, auf ein Ölgemälde, das die dankbare letzte Klasse ihrem Mann, dem Studienrat, zur Pensionierung geschenkt hatte, und aus dem Almut nun eine späte Erkenntnis zu empfangen schien. Berta: „Stier nicht so, ich habe das nie leiden können!“ Sie bewegte sich auf die Schwester zu und stieß sie mit dem Zeigefinger, um Almut zur Wahrnehmung ihrer Anwesenheit zu zwingen. Die aufgeschlagene Zeitung rutschte zu Boden. Unbeeindruckt davon hielt Almut ihre Augen auf die Mühle gerichtet, die Mühle im Schatten einer Bergflanke hinter einem Wiesengrund, auf den die Sonne scheint, an einem Bach, der die Nacht tintenblau über das Rad davonschwemmt. Berta konnte Almuts Augen nicht zudrücken, stattdessen schlug sie mit der Hand in die Richtung des Bildes. Sie weinte den Namen der Schwester. In der Wohnung nebenan verkochte der Rest des Teewassers. Der Kessel pfiff. Wie eine schwarze Bergflanke in den Fluss gleitet, so die Tote aus dem Sessel, der Schwerkraft widerwillig nachgebend. Berta schrie. Sie wankte zum Telefon und drückte die Nummertasten.
Als Philipp sich meldete, flüsterte sie:
„Ich glaube, Almut ist tot. Was muss ich machen?“
„Lass deinen Arzt kommen. Er weiß, was man machen muss.“
Sie bettelte: „Komm bitte!“
„Mein Auto ist kaputt. Ich müsste mir eines leihen. Ich komme morgen früh. Außerdem regnet es. Der Rückreiseverkehr verstopft die Autobahn.“ Sie rechtete:
„Ich war mit Almut in der Stadt, da hat es nicht geregnet! Sie hat sich heute nicht wohl gefühlt. Gestern ging es ihr gut, da sagte sie, wir wollen morgen in die Stadt gehen, ich will mir die Bluse kaufen. Sie wollte unbedingt die rote Bluse kaufen. Jetzt liegt Almut vor der Heizung. Du musst kommen und sie aufheben!“ Philipp glaubte, die Alte sei verrückt geworden. „Ruf zuallererst den Arzt an, du musst zu zuallererst deinen Arzt anrufen. Vielleicht komme ich später, auf jeden Fall morgen. Gib mir deine Adresse und deine Nummer. Ruf du deinen Arzt an, er weiß, was zu tun ist. Und geh in deine Wohnung zurück.“
„Ich bleibe hier, ich lass sie nicht alleine!“
„Dreh um Gottes willen die Heizung aus!“ rief Philipp, aber Berta hatte bereits aufgelegt, als energische Bekräftigung ihres Willens, die Tote nicht alleine zu lassen.
Philipp, Konrads Enkel, ist der einzige erreichbare Verwandte des Geschwisterpaares. Die anderen hielten sich nicht für zuständig oder waren fortgezogen, ausgewandert oder gestorben. Er rief die Auskunft an. Er versuchte es immer wieder, bis er endlich Bertas Telefon-Nummer notieren konnte. Dann bemühte er sich, seine Großtante Berta zu erreichen. Vergeblich. Einmal war besetzt, und er beruhigte sich damit, dass sie den Arzt angerufen hätte. Wenn sie das Telefon nicht hören kann, hört sie dann die Klingel? Er besaß keinen Schlüssel zu den Wohnungen der Schwestern. Es war ein Fehler, nicht rechtzeitig nützliche Vorkehrungen zu treffen. Rechtzeitig! Im Nachhinein weiß man, was das gewesen wäre. Er wählte noch einmal und lauschte ungeduldig dem Freizeichen. Er stellte sich vor, wie der Arzt vor der Haustür steht und schellt. Er sah im Geist seine Tante Berta unter dem grellen Licht einer Deckenlampe, in einem Kegel des Schweigens, wie sie auf die Leiche stiert, die an der Heizung liegt und verschmort. Er griff abermals zum Hörer und wählte die Auskunft der Bahn AG. Der nächste Zug geht in 7 Minuten, der übernächste in zwei Stunden, mindestens einmal umsteigen. Er wäre frühestens in 4 Stunden dort. Er setzte sich und überlegte, was zu tun sei: Die Polizei benachrichtigen, ein Taxi mieten, ein Auto leihen. Philipp machte sich unbestimmte Vorwürfe.
Das Telefon schrillte. Berta rief an: „Ich musste sie von der Heizung zerren, dabei ist sie auf den Kopf gefallen. Aber der Arzt war da und hat sie aufgehoben. Er kennt einen guten Bestatter. Er hat ihn für mich angerufen. Es soll ein sehr gutes, sehr seriöses Institut sein. Du kannst morgen kommen“, sagte sie lakonisch, „ich werde die Nacht schon überstehen.“ Er fragte sie nur noch: „Warum bist du eben nicht ans Telefon gegangen?“
„Es hat niemand angerufen. Komm morgen, ich kann das nicht alles alleine erledigen. Heute besucht mich der Bestatter, ein SEHR seriöser Mann, den mir der Arzt empfohlen hat.“ Philipp dachte, lass dir bloß keinen Prunksarg aus Eiche andrehen, keinen Talar aus Damast, keine Schleifchen und Tüllkissen.
„Gute Nacht, Tante, ich komme morgen. Versuch zu schlafen.“
„Schlafen! Du hast Vorstellungen. Ich grübele die ganze Zeit über.“
„Mach dir was zu essen.“
„In diesem Augenblick denkst du ans Essen!“
„Setz dich einfach ruhig hin“, sagte er, „und denk daran, dass sie friedlich eingeschlafen ist.“ Er schnitt eine Fratze in das Telefon, weil er die Redensart verabscheute.
„Das werde ich tun und Gott danken, dass er sie vor mir zu sich genommen hat. Sie wäre alleine doch nicht zurecht gekommen.“ Sie hängte unvermittelt ein, als hätte sie sich über das Gerede ihres Großneffen geärgert.
Die Wohnung war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte, eine weiße Schachtel, kärglich ausgestattet, das größte Bild in ihr zu klein geraten. Es zeigt eine Mühle im Schwarzwald. Auf seinem Rundgang durch die Wohnung der Verstorbenen bückte er sich unwillkürlich, als er ins Schlafzimmer trat.
„Ich denke, dass Almut jeden Augenblick durch die Tür kommt.“ Die Tante war ihm gefolgt. Philipp hatte sie nicht gehört und erschrak durch die plötzliche Anrede von hinten. Er nickte.
„Du hast sie sehr lange nicht gesehen.“
„Lange nicht“, entgegnete er, „ich war als Kind bei ihr in Wilhelmshaven, bei den Schiffen.“
„Wann hast du Schiffe gesehen?“
„In Wilhelmshaven, auf dem Werksgelände am alten Hafenbecken, wo die Kähne lagen.“
„Das war nicht Wilhelmshaven, sondern Wilhelmsburg.“
„Du erinnerst dich gut.“
„Ja, sie hatte keinen Dachschaden, sie war nur allem gegenüber so furchtbar negativ eingestellt. Sie hat die moderne Zeit nicht begriffen.“
„Ich meine, DU erinnerst dich gut.“
Sie sah ihn kalt und abschätzend an. „Jaja, du warst damals noch klein. An was erinnerst du dich noch?“
„Nur an die Schiffe.“
„Du hattest Angst vor ihnen. Du hattest Angst, dass sie in dein Zimmer kommen, wo du schliefst“, sie lachte wie ein Mädchen, „du hattest Angst, dass sie aus dem Hafen herausklettern.“
Philipp hatte in Gedanken nach dem Stöpsel eines Flakons gegriffen. „Du darfst es haben“, hörte er sie sagen, „ich brauche es nicht.“
„Entschuldigung.“
„Du darfst ALLES haben, ich kann es sowieso nicht unterbringen. Schenk es deiner Frau.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Du bist nicht verheiratet? Was bist du denn?“
Er lächelte gequält. „Befreundet.“
„Almut hätte das nicht verstanden, du in deinem Alter! Sie war tüddelig geworden, sie fühlte sich gestern nicht wohl. Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Wer kriegt denn nun ihre Mäntel, ihre Wäsche, ihre Nachthemden? Das Rote Kreuz? Die zerreißen alles und machen Putzlappen daraus. Du warst doch verheiratet?“
„Nein.“
„Almut sagt aber, du bist verheiratet.“
„Ich müsste es wissen, Tante!“
„Egal, du nimmst die Mäntel, sonst muss ich sie der Gemeindeschwester schenken.“
„Tu das.“
„DER nicht. Sie behandelt uns wie Kinder, wie ganz alte Menschen. Schenk sie deiner Studienfreundin. Du bist doch Student? Onkel hielt große Stücke auf dich. Du solltest unbedingt studieren. Du studierst doch?“
„Ja.“ Er lachte befreit.
„Der Mantel ist nagelneu.“ Sie schlurfte zum Kleiderschrank. „Mach ihn auf! Der Kamelhaarmantel ist neu wie ein Kinderpo, sie hat ihn voriges Jahr gekauft. Schade, dass du nicht verheiratet bist. Die Ehe ist ein Schutz, eine feste Burg. Unsere Eltern waren sehr glücklich verheiratet. Almut hat nie etwas auf sie kommen lassen. Für sie war Mutter eine Heilige.“ Sie kicherte.
„War sie es nicht?“
„Sie ist früh gestorben und hat viel gelitten. Almut hatte viel von ihr, nur dass sie nicht so früh gestorben ist. Sie könnte jetzt die Mutter von unserer Mutter sein. Sie war es, die mich das erste Mal zum Frauenarzt begleitet hat, nicht meine Mutter!“ Sie ging ins Wohnzimmer und ließ Philipp vor dem offenen Schrank stehen.
Er eilte hinterher und stützte sie. „Da hat sie gelegen“, schluchzte Berta und wackelte mit dem Kopf. „Sie hatte ihre gute Perücke auf. Ich habe dem Bestatter auch die rote Bluse mitgegeben. Sie würde sich darüber freuen. Wenigstens jetzt. Früher war sie furchtbar negativ eingestellt. Wie unsere Mutter. Immer hatte sie an allem etwas auszusetzen. Dass du mit einer Frau zusammenlebst, ohne verheiratet zu sein, hätte sie nicht verstanden. Dabei war sie das erste EHELICHE Kind.“ Sie hielt erschrocken inne – und nach einer Pause: „Du musst alles mitnehmen, was du gebrauchen kannst. Guck dir die Bücher an, was dir nicht gefällt, wirf weg.“
„Was für Bücher?“
Sie deutete auf die Glastür des Wohnzimmerschranks.
„Das Mokkaservice ist sehr schön.“ Er schwärmte.
„Was willst du mit dem Mokkaservice?“ fragte sie misstrauisch.
„Es ist sehr schön.“
„Du kannst es haben“, sagte sie verächtlich.
„Ich finde nur, dass es sehr schön ist.“
„Ich habe keinen Platz dafür, nimm es mit, auch das Silber nimm mit.“
„Ich wusste nicht, dass Almut die ältere von euch war.“
„Ich war die jüngere. Warum interessierst du dich dafür?“
„Wir sprechen über alte Zeiten, Tante! Erzähl von deiner Schwester.“
„Warum interessiert dich das?“
„Ich bin nicht gekommen, um dein Mokkaservice und die silbernen Löffel abzuholen!“ Sie näherte sich ihm und reichte mit der Hand hinauf zu seiner Backe, um sie zu streicheln.
„Du warst noch ein ganz kleiner Junge damals in Wilhelmsburg. Unsere Mutter war kurz vorher an einer Lungenentzündung gestorben. Du spieltest oft bei den Aussiedlern im Werk. Aber eines Tages wurde es dir verboten, nämlich als du kamst und polnische Wörter gebrauchtest. An eines erinnere ich mich noch: Pieronie. Onkel war aufgebracht, aber ich habe gelacht. Es war, glaube ich, das erste Mal nach dem Tod von Mutter, dass ich so gelacht habe.“ Philipp hörte nachsichtig zu. Er konnte sich nur an Schiffe erinnern.
Sie bewegte ihren Blick auf den Sessel, aus dem ihre Schwester gerutscht war. „Nun ist sie auch dahin. Willst du was trinken?“
„Ich mach uns einen Tee“, antwortete Philipp beflissen, obwohl er keine Lust hatte, in einer fremden Küche nach den Zutaten zu suchen.
„Du weißt nicht, wo die Sachen sind, und ich muss etwas Normales tun.“ Philipp empfand ihre Antwort als Gedankenleserei. Er sah auf ihren gebeugten Leib und empfand Respekt. Sie schlurfte in die Küche wie in zu großen Pantoffeln über das Parkett eines Königsschlosses. So wirkte sie besonders hinfällig, und widerwillig dachte er daran, dass er sie in ein Altersheim würde komplimentieren müssen.
„Hast du eine Hilfe?“
„Was sagst du?“
„Ob du eine Hilfe hast.“
„Ich versteh dich nicht.“
Er trat ans Fenster. Die breite Autostraße, dahinter Schrebergärten, ein sandiger Kinderspielplatz. Aus dem spärlichen Fichten- und Birkenbewuchs starrten verrusste Spitzdachhäuser zurück, Arbeitersiedlung, dahinter auf einem Hügel die weiße, fensterlose Mauer einer Cola-Abfüllstation und im Dunst des Horizonts der Förderturm einer Zeche. Gerüst und Rad sahen aus wie ein spiegelbildliches R. Philipp wollte die Alte fragen, wie die Zeche heißt. Er scheute aber die Mühe, der Schwerhörigen erklären zu müssen, was er gefragt hatte und warum. Er tippte auf „Sophie“. Die Beklommenheit der Männer, die hinunterfahren, drückt sich in Frauennamen aus.
Berta kam herein und stellte das Geschirr ab.
„Es lohnt sich nicht, dass du es mitnimmst. Plunder. Ich schenke es Frau Möller für das Gartenhaus.“
Philipp half ihr beim Eingießen.
„Wie heißt die Zeche?“ fragte er doch. Berta sah in verständnislos an.
„Die Zeche da hinten, wie heißt die?“
„Wozu willst du das wissen?“
„Ich dachte nur, du wüsstest es.“
„Nein. Ich wohne über 20 Jahre hier, und ich weiß es nicht. Almut hätte es gewusst. Sie wusste alles besser. Jetzt ist sie dahingegangen.“
Berta weinte etwas. Philipp empfand es nicht als herzzerreißend. Es war nur ein physiologischer Akt.
„Du hättest mich nicht daran erinnern sollen“, sagte sie endlich.
„Ich habe doch nur von der Zeche gesprochen.“ Philipp antwortete vorwurfsvoll, aber leise, um sie nicht zu kränken.
„Es erinnert mich eben ALLES an Almut. Es war ja erst gestern. Ich werde Möllers fragen, wie die Zeche heißt.“
„Das brauchst du nicht, es ist nicht so wichtig.“
„Doch, ich frage Möllers. Die müssten es genau wissen, sie wohnen schon acht Jahre im Haus. Ich war nicht so gut in der Schule. Ich war die jüngste. Ich habe mir bei meinem Vater einiges herausnehmen dürfen.“
Philipp schlug die Beine übereinander und hob mit spitzen Fingern die Tasse. Er war bereit zuzuhören und sah sich in der Rolle einer Hofdame, die der Kaiserin an einem Lacktischchen gegenübersitzt.
„Ich habe ihm den Schnurrbart abgeschnitten, als er seinen Mittagsschlaf hielt. Almut hätte so etwas nie tun dürfen.“
„Du auch nicht“, sagte er und führte die Tasse zum Mund.
„Ja, was man alles nicht darf, aber ich habe es getan, Punktum.“ Sie beobachtete ihn mit dem Blick eines Vogels.
„Das war sehr riskant.“
Sie lächelte zufrieden und nickte. „Ja, ich war sein Liebling, die jüngere von uns beiden. Ich sage dir was, jetzt wo sie tot ist. Konrad war das älteste Kind.“ Sie schwieg eine peinliche Weile, bevor sie fortfuhr, fast schreiend: „Mutter ist auf dem Bauernhof überfallen worden. Unser Vater hat sie dann geheiratet. Das erste Kind dieser Ehe war Almut, aber Konrad war das älteste.“
„Du bist die einzige, die weiß, dass Konrad nur euer Halbbruder ist?“
„Außer dir. Ich hätte es mit ins Grab nehmen sollen!“
„Gibt es einen Grund, warum ich wissen muss, dass mein Großvater der Bastard eines Frauenschänders war?“
„Almut hat alles besser gewusst, aber DAS nicht. Das hat sie nie erfahren.“
„Es war DEIN Geheimnis? Sie hätte die Wahrheit schwer ertragen?“
„Für sie war Mutter ein Engel.“
„War sie es nicht?“
„Wir haben sie geliebt wie einen Engel Gottes, aber sie war streng zu uns.“
„Wie alt war sie, als sie vergewaltigt wurde?“ Sie sah ihn erschrocken an, erschreckt über die Rohheit seiner Ausdrucksweise, und bewegte lautlos ihren Kiefer. Dann krächzte sie:
„Ein Rechenexempel! Genug von alten Zeiten. Genug! Sag mir, was ich alles erledigen muss und hilf mir dabei! Du kannst in Almuts Bett schlafen, solange du hier bist.“ Es graute ihn davor, obwohl sie nicht in dem Bett gestorben war und obwohl er als Kind schon einmal darin geschlafen hatte.
„Du weißt, dass ich keinen Urlaub habe. Ich werde übermorgen wiederkommen und dann die eine Nacht in ihrem Bett schlafen, wenn du meinst.“
„Es ist das Bett, in dem Mutter starb“, sagte sie, als wäre diese Mitteilung ein besonderer Anreiz für den Großneffen und eine Ehre, darin zu schlafen.
„Ist es nicht auch das Ehebett von Almut?“
„Es ist eben ein Bett“, sagte sie, „was willst du noch alles wissen?!“ Er wunderte sich über ihre klare, energische Art. Das Weinen und Schlurfen, dachte er, täuscht nicht darüber hinweg, dass sie einen harten Kern hat, die Rationalität alter Frauen.
II.
Sie war mürrisch am Morgen des Beerdigungstages. Ein krummer Ast. Philipp spürte nichts mehr von dem vertrauten Verhältnis. Gestern hatte sie rote Backen vom vielen Sprechen und Bekennen, aber heute morgen wollte sie nichts essen. Sie trank nur einen Schluck Kaffee. Jetzt drängte sie ihn. „Ich will nicht zu spät kommen, ich will auf keinen Fall zu spät kommen.“
„Es ist die letzte Beerdigung heute.“ Er wagte den Einwand, weil sie ihn wieder gedrängt hatte.
„Trotzdem, ich war immer pünktlich.“
„Tante Almut wird es egal sein.“ Er bereute seine Bemerkung, bevor er sie ausgesprochen hatte.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Es sind noch zwei Stunden, es hat keine Eile.“
„Ich will nichts mehr hören, bestell endlich ein Taxi!“ Er bestellte ein Taxi.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Ja.“
„Warum kommt es dann nicht?“
Sie schluffte wütend ins Badezimmer. Von dort hörte er sie sprechen. Darum stand er auf und blieb vor der angelehnten Türe stehen. „Bist du es?“ rief sie hinaus und blickte ihn verstört an. Fast hätte er aufgelacht. Sie hielt einen Lippenstift in der Hand, die Oberlippe war rot verschmiert, an den Falten ihrer Backe klebte Rouge. Sie sah aus wie ein Kaninchen mit einer Möhre im Maul. Sie sagte:
„Almut hat bei der Bank gearbeitet.“
„Ja?“
„Daher legte sie Wert auf Pünktlichkeit.“
Er nickte. „Damals waren Banken noch seriös. Man konnte sich auf sie verlassen. Das Taxi wird pünktlich sein.“
„Das weißt du also genau!“ Wie unerbittlich sie ist, dachte er, ich möchte wissen, was in ihrem Kopf vorgeht.
„Du bist beschmiert, Tante.“ Er schob sie sanft vor den Spiegel, benetzte ein Taschentuch und tupfte ihre Backe ab. „Du hast zu kräftig aufgetragen. Wenn du willst, helfe ich dir.“
„Ich wasche alles ab. Almut konnte es sowieso nicht leiden.“
„Es würde dir aber stehen.“
„Es war nur so ein Einfall.“
„Ich helfe dir.“
„Schluss jetzt!“
„Der Lippenstift ist neu?“
„Es geht dich nichts an!“ Er lachte und sie lachte zurück. „Ich habe ihn vor zwei Monaten gekauft. Als Almut beim Augenarzt war, bin ich in die Stadt gefahren und habe beim Italiener Eis gegessen mit einem Schuss Maraschino. Ich musste sowieso in die Apotheke, um Arztseife zu kaufen.“ Wollte sie ihm weismachen, sie hätte den Stift aus der Apotheke?
„Ich helfe dir, Tante. Deine Lippen könnten Farbe vertragen.“ Sie genierte sich, aber sie ließ sich auf den Stuhl drücken, der vor dem Waschbecken bereitstand. Er versuchte, den Stift über die trockenen Lippen zu ziehen und blieb in der lappigen Haut stecken. „Du musst deine Zähne fletschen.“ Er half nach und spannte die Lippen zwischen Zeigefinger und Daumen. Nach einer viertel Stunde war er zufrieden und sagte es ihr. Sie zog sich am Waschbeckenrand hoch und stand entgeistert eine Weile ihrem Spiegelbild gegenüber. „Ich werde so auf keinen Fall zum Friedhof fahren! Almut hätte es lächerlich gefunden. Sie hat es nie leiden können.“
„Sieh mich an.“ Sie schaute ihn im Spiegel an. „Es ist SCHEISSegal, was Almut dazu gesagt hätte. Du bist seit 65 Jahren eine erwachsene Frau und tust gefälligst, was DU willst.“
„Ich will, dass du mir das Zeug wieder abwischst, DAS will ich.“ Er wischte ihr das Zeug wieder ab und küsste sie auf die Stirn.
„Den Stift schenke bitte deiner Gattin.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Trotzdem, schenk ihn deiner Freundin.“
„Behalte ihn erst einmal.“
„Du erbst ihn früh genug, was?“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Dann bist du ein Schafskopf. Glaubst du, ich bin unsterblich? Ich kann jeden Tag abberufen werden.“
„Das kann jeder.“
„Du musst immer das letzte Wort haben! Almut musste auch immer das letzte Wort haben. Es ist nicht meine Schuld, dass sie vor mir gegangen ist. Mutter war ein Engel, aber sie war sehr streng. Zu spät nach Hause kommen, gab es nicht. Als ich schon im Büro arbeitete, musste ich mir Ausreden einfallen lassen, wenn ich eine Stunde später kam. Ich war eine behütete Tochter.“
„Deine Mutter war kein Engel. Du warst eine gegängelte Tochter.“
Sie sah ihm groß in die Augen. „Meine Mutter war eine arme Frau, sie hatte es sehr schwer. Ich lasse nichts auf sie kommen. Almut hat mich gegängelt, das stimmt. Als Mutter starb, wurde SIE meine Mutter.“
„Hat sie dir auch den Mann ausgesucht?“
„Quatsch. Meinen Mann habe ich mir selbst ausgesucht. Er war allerdings mit Almut verlobt, so gut wie verlobt. Das ist ein Menschenalter her. Mein Mann ist vor dreißig Jahren gestorben. Almut hat mir verziehen, schon lange verziehen.“
Im Taxi wurde nicht gesprochen. Am Friedhof angekommen, konnte Berta den Gurt nicht lösen, der sie fast stranguliert hätte. Sie strich nervös mit ihren Fingerknochen darüber. Der Taxifahrer schien nicht zu begreifen. Philipp saß im Fond, stieg hastig aus, öffnete die Vordertür und lehnte sich über die eingesunkene Frau, um nach dem Knopf zu tasten, auf den er drücken müsste, um den Gurt auszuklinken. Der Mann am Steuer schwieg. Philipp war zu beschäftigt, um nach dem Grund seiner Gleichgültigkeit zu fragen. Er erinnerte sich an einen Chauffeur, der ihm gesagt hatte, dass er alte Frauen nicht ausstehen könne, sie stänkerten und stänken und erinnerten ihn an seine Mutter, die eine Hure gewesen sei. Philipp hatte damals nicht gewagt, sich darauf einzulassen, und jetzt hatte er keine Lust, den Taxifahrer um Hilfe zu bitten. Er fand die Entriegelung. Als Berta Anstalten machte, sich zu erheben, umfasste er ihre Knie und drehte sie vorsichtig in der Sitzschale. Er zog an dem Arm, den seine Tante ihm entgegenstreckte, und hievte sie aus dem Wagen. Da stand sie, vom Tageslicht grausam beschienen, ein weiblicher Lazarus, der lieber in der Dunkelheit seines Grabes geblieben wäre.
Philipp hakte sie unter. Sie wankte über das Kopfsteinpflaster der Vorstadtstraße zu dem monumentalen Portal, dessen Details er während der Pilgerschaft studierte, dabei bemerkte er die asymmetrische Anbringung der gemeißelten Schrift „Friedhof“. Aus einer quälenden Berechnung zog er den Schluss, dass es ursprünglich „Helden-Friedhof“ geheißen hatte. Er spürte ein Ziehen an seinem Arm. Die Alte löste sich von ihm und schlurfte in das Blumenlädchen neben dem Haupteingang.
Unterdessen beobachtete er, wie von der anderen Straßenseite sechs befrackte Herren aus einer Gaststätte kamen. Sie schritten je zwei zu zwei in gedämpfter Unterhaltung an ihm vorüber. Er sah ihre geröteten Backen, die runden Gesichter. Wegen der Mischung aus Würde und Kutschergehabe hielt er sie anfänglich für Mitglieder eines Gesangvereins, die einem der ihren das letzte Ständchen bringen würden. Wohin er schaute, es stieß ihn ab: die geklinkerte Gaststätte, aus der die Sargträger gekommen waren, die Gleise unter einer Pappelallee. Über dem Fluchtpunkt, den sie bildeten, erhob sich eine Fabrik oder ein Krematorium. Aus einem Schornstein flatterte grauer Rauch vor dem farblosen Mittagshimmel. Philipp würde sich nicht eher rühren, als bis die Alte mit einer Handvoll lächerlicher Blümchen zurückgekehrt wäre. Er hasste es, den Toten Lebendiges nachzuwerfen, und dachte mit grimmiger Genugtuung daran, dass es ebenso angemessen wäre, Hunde zu erwürgen und ihren Kadaver ins Grab zu schleudern.
„Hallo! Hallo! Sind Sie der Mann?“ Das Geschrei nötigte ihn, sich umzudrehen. Eine Frau in grüner Schürze winkte ihm zu. „Gehören Sie zu der Dame, Ihrer Mutter? Kommen Sie schnell! Schnell!“ Philipp lief. Er rannte in das Blumenlädchen. Eine Halbwüchsige hielt die Augen aufgerissen und wies mit theatralischer Geste auf einen Vorhang. Die Bretter der Verkaufsbude federten unter Philipps Schritten. Er schlug den Vorhang zur Seite. Berta saß ausdruckslos auf dem Boden, an einen Sack Humus gelehnt. Philipp taumelte zurück und sah, wie die Halbwüchsige floh. Die Frau in der Schürze betrat zögernd den Laden, als fürchtete sie eine Explosion. Er fragte nach einem Telefon. Er fühlte sich schuldig, als wäre seine Tante nicht gestorben, wenn er sie in den Laden begleitet hätte.
„Ich habe schon den Rettungswagen angerufen“, so die Verkäuferin.
„Danke, darf ich hier warten?“ Sie nickte. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Er wusste nicht, auf was. „Hat sie etwas gekauft?“ fragte er verzweifelt. Die Frau wurde über und über rot.
„Ich hätte es Ihnen herausgegeben“, sagte sie, „ich habe nicht daran gedacht. Das Ganze hier ist ein Schock für uns. Ihrer Frau Mutter ist das Gebinde hingefallen, und mein Mädchen hat es fortgelegt. Dort, der kleine Kranz.“ Er winkte ab und versuchte zu lächeln.
„Wie ist es gekommen?“ fragte er, um die Wartezeit zu überbrücken, aber so, als hätte er kein Interesse daran zu erfahren, wie es gekommen war. „Hat sie etwas gesagt?“
„Die Dame ist umgefallen, in den Vorhang hinein, sie hat nichts gesagt, sie hat nur gestöhnt, aber nichts mehr gesagt.“ Die Verkäuferin rang ihre Hände vor Nervosität und blickte suchend durch das Auslagefenster. „Ich habe bestimmt angerufen.“
Ein Kleintransporter fuhr vor. Zwei Männer stiegen aus. Sie ließen den Motor laufen und gingen stracks zum Blumenladen. Das Lehrmädchen folgte ihnen in einigem Abstand. Die Männer traten ein und sahen sich um. „Wir sind von der Arbeiterwohlfahrt“, sagte einer.
„Mein Gott“, rief Philipp, „dort liegt eine Tote!“
Der eine Mann fragte: „Haben Sie schon den Arzt angerufen?“
„Nein, ich dachte die Frau …“
Die Floristin flehte die Männer an: „Sie könnten sie doch wenigstens wegschaffen.“ Der Mann, der gesprochen hatte, verkniff sein Gesicht. „Wir transportieren keine Leichen. Haben Sie uns etwa deswegen angerufen?“ Die Frau erwiderte kleinlaut, dass ihr Mann Mitglied der Arwo sei.
„Wir können da aber trotzdem nichts machen, wirklich nicht. Rufen Sie am besten einen Arzt. Unser Beileid und noch einen schönen Tag.“
„Ich muss zur Beerdigung“, warf Philipp ein und verlangte von den Männern, da sie einmal hier seien, ihm zu helfen. Die beiden schauten sich verblüfft an, ehe sie begriffen. „Sie haben hier einen Termin?“, fragte der eine, der die Unterhaltung bestritt, „wenn Sie sowieso einen Termin haben, können Sie ebenso gut den Bestattungsunternehmer einschalten. Die Maulwürfe sind immer dabei, wenn es was zu beerdigen gibt.“ Philipp lächelte dünn.
Die Blumenhändlerin schrie: „Die Dame muss weg, die kann hier nicht liegen bleiben!“
Philipp sprach das Lehrmädchen an, das ihn von der Seite angaffte. „Ich hole Hilfe, beruhigen Sie Ihre Chefin, ich regele das.“ Er schritt um Sicherheit und Festigkeit bemüht durch das Portal und ging unter den kahlen Querhölzern der Pergola auf eine Pforte zu, hinter der er die Kapelle vermutete. Im Inneren des Backsteingebäudes, das wie ein überdimensionierter Ziegelstein auf dem schmutzigen Kies des Versammlungsplatzes lag, von wo die letzten Fahrten beginnen, kam er an einer offenen Bürotüre vorbei. Er sah im Vorübergehen, dass sich niemand im Zimmer aufhielt. Auch die Warteräume für die Trauergäste waren leer. Vor einem Schildchen „Bestattungen: Zu neuen Ufern“ blieb er stehen. Er drückte gegen den Messinggriff.
Ein Leichenträger lugte durch die Öffnung. „Sie sind zu früh dran“, flüsterte er, als wollte er ein Kind an dem vorzeitigen Betreten der Weihnachtsstube hindern – milde, aber bestimmt. Dann vergrößerte er den Spalt soweit, dass die ganze Gestalt sichtbar wurde. „Wir können aber auch jetzt schon anfangen, wenn Sie dem Pastor Bescheid geben.“
„Ich suche den Leiter der Bestattungsfirma, es ist sehr wichtig.“
„Der Herr vom Bestattungsinstitut“, korrigierte der Mann und strich sich über die gelben Haare, die einen Rand vom Zylindertragen aufwiesen, „der wäre schon wichtig, bei der Feierlichkeit ist er aber nicht zugegen.“ Philipp schilderte dem Träger den Vorfall im Blumenladen und dass die Floristin einem Nervenzusammenbruch nahe sei, nicht zu reden von dem verängstigten Lehrmädchen. Der Mann fasste Philipp an der Schulter und trat mit ihm, die Tür hinter sich zuziehend, auf den Flur hinaus, der dem einer Behörde glich. Die braune Ölfarbe reichte bis hinauf zur grauen Decke. Er knöpfte seine Jacke zu. „Wir haben pausiert“, sagte er und streifte sich Brotreste von dem blanken Stoff.
In diesem Augenblick bog ein Mann, der sich in einem Trenchcoat zu verstecken schien und einen Künstlerhut trug, um die Flurecke und trippelte auf Philipp zu, der ihm entgegen ging und fragte: „Sind Sie der Leiter des Bestattungsinstituts?“
„Ich bin der Pastor. Ich mache die Beerdigung.“
„Von mir aus könnten wir sofort beginnen, wenn nicht meine andere Tante auch noch gestorben wäre.“
„Wie denn das? Wie entsetzlich! Das ist ja tragisch! Das kommt nicht alle Tage vor.“ Der Pastor versuchte, mit beiden Händen Philipps Hände zu ergreifen. Philipp entzog sich ihm und erwiderte: „Entsetzlich, ja, plötzlich und unerwartet.“ Dabei schaute er den Leichenträger an, der zustimmend nickte, als wollte er den Geistlichen auffordern, Philipps Bemerkung gebührend ernst zu nehmen.
„Ich fasse mich kurz“, sprach der Pastor, „wenn es zehn Minütchen Zeit hätte? Ich werde nur das Eingangslied intonieren, Gebet, Segen undsoweiter, und ich möchte die Herren vom neuen Ufer bitten, der Toten in der Kapelle auch die Ehre zu erweisen.“ Der Pastor streifte sich den Trenchcoat ab, unter dem er einen gedeckten Straßenanzug trug.
Philipp verließ das Gebäude, um im Blumengeschäft eine Entscheidung zu treffen, die ihm noch würde einfallen müssen. Ihm kam die Floristin entgegen. „Was geschieht denn nun? Jemand muss sich doch darum kümmern!“ Sie zerrte an seinem Mantel. „Ich kümmere mich“, Philipp war gereizt, „erlauben Sie, dass ich mich sofort darum kümmere!“ Er ließ die Verkäuferin stehen, ging an dem Lehrmädchen vorüber, das damit beschäftigt war, einer Kundin vom Betreten des Ladens abzuraten. Im Blumengeschäft drängte er sich durch den Vorhang zum Lagerraum. Die Portiere fiel hinter ihm zurück, so dass er einen Augenblick nichts sah, bis er sich an das blasse Licht, das durch ein verstaubtes Kippfenster hereinschien, gewöhnt hatte. Er schämte sich, vor der Toten davongelaufen zu sein, sie gewissermaßen verleugnet zu haben, als wäre er nur zufällig dabei gewesen. Er neigte sich zu ihr, schloss ihr die Augen und setzte sie zurecht. Es war ein Leichtes. Bevor er sie aufhob, riss er den Vorhang herunter, ging noch einmal zur Tür, rief das Mädchen zu sich, das widerstrebend folgte, und erklärte ihm, er werde nun mit seiner Tante herauskommen. Die Verkäuferin, die sich der Kundschaft vor dem Laden angenommen hatte, flüsterte, die Dame habe einen Schwächeanfall erlitten, und der Sohn werde sie nun zum Wagen bringen, um sie zum Arzt zu fahren. Philipp nahm die Leiche auf und lagerte ihren Kopf an seiner Schulter.
In einer steifen, aber nicht würdelosen Haltung ging er an den Frauen vorüber durch das Friedhofsportal. Hinter dem Portikus, von den viereckigen Backsteinsäulen teilweise verdeckt, parkte ein schwarzer Mercedes. Philipp schritt, die Leiche auf den Armen, zur offenen Pforte der Aussegnungskapelle. Im Vorraum stand der Bahrwagen. Er ließ die Leiche darauf niedergleiten. Mit ein paar Handgriffen brachte er sie in eine ausgestreckte Lage, dann schob er den Wagen in die Kapelle wie zu einem Dinner leichenfressender Dämonen, die in dem gläsernen Licht des Kirchenraums auf ihn warten – und ihn verfluchen, wenn sie sehen, wie wenig er bringt.
Die Anwesenden sahen ihn entgeistert an. Der Pfarrer vor dem Katafalk flüsterte: „Wir warten auf Sie, weil wir ohne Sie nicht anfangen können.“ Währenddessen schaute er entsetzt auf die Fracht, die Philipp durch den Gang rollte bis zur ersten Stuhlreihe.
„Wir können jetzt anfangen“, sagte Philipp.
„Das geht aber nicht, das ist nicht vorgesehen!“
„Fangen Sie endlich an!“
„Aber wie stellen Sie sich denn das Weitere vor, angesichts des – des unpräparierten Leichnams?“
„Wir stellen uns das so vor, dass Sie am Wortlaut Ihrer Predigt festhalten und jetzt endlich anfangen!“
Der Pastor begab sich zu einem Pult und wühlte in seinen Konzeptblättern.
„Wir beginnen dann am besten mit dem Lied 510: Wie herrlich ist die neue Welt.“ Er blickte flehend auf die Leichenträger hinab, die ihre Augen fest auf ihn gerichtet hielten, und begann mit zitternder, unerwartet melodischer Stimme zu singen. Philipp stand da mit geneigtem Kopf. Er blickte erst hoch, als die Männer den Gesang beendet hatten.
Der Pfarrer sprach ihn an: „Ich lese aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper: Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ichs ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, was da vorne ist. So spricht der Apostel. Wir alle sind, wie Paulus, fassungslos vor der Macht des Todes, welche die Macht Gottes ist, und begreifen sie nicht.“ Da ist was dran, dachte Philipp und schaute an dem Pastor vorbei auf das Relief eines Heldenchristus´, der vor Zeiten Kriegerwitwen Ingrimm und Stolz eingeflößt hatte.
Nach der Predigt, während derer sich Philipp einige Male veranlasst sah, dem Pastor zuzunicken, weil der Fortgang des Sermons von seiner wiederholten Zustimmung abzuhängen schien, entstand eine Diskussion über die weiteren Maßnahmen. Die Träger weigerten sich, die Tote von dem Bahrwagen, den sie für den Transport des Sarges benötigten, herunterzuheben und an einen geeigneten Ort zu schaffen. Der Pastor stand mit gefalteten Händen daneben und schaute von einem Gesicht zum anderen, bis Philipp sich auf das schwarze Auto hinter dem Portikus besann und die Kapelle verließ. Er vermutete den Leichenbestatter in der Nähe und sollte darin Recht behalten. Dieser stand in Demutshaltung hinter einer Säule, ein großer Mann in Philipps Alter, der sich hängen ließ, ähnlich gekleidet wie der evangelische Geistliche. Philipp erläuterte ihm das Besondere an dieser Trauerfeier. Der Mann nahm eine geschäftsmäßige Haltung an und versicherte Philipp, er werde alles in seine Hand nehmen, „wenn Sie mir Ihr Vertrauen schenken“. Er verbeugte sich und schritt gewichtig in die Aussegnungshalle. Dort wies er die Leichenträger an – im Ton eines Chefs, der auf einem Bauhof befiehlt – die Leiche anzupacken und in einen Raum zu bringen, den er näher bezeichnete. Philipp ließ es sich nicht nehmen, Berta selbst dorthin zu tragen.
Als er zurückkehrte, standen die Träger – Zylinder auf den Köpfen – aufgestellt im Hauptgang. Der Sarg hing zwischen ihnen. Der Pastor wartete an der Pforte. Alle schauten auf Philipp und setzten sich wortlos in Bewegung, als er die Träger erreicht hatte. Der Bahrwagen war ins Freie gezogen worden. Die Träger beluden ihn jetzt mit Almuts Sarg. Dann knirschte er, begleitet von acht Personen, über den Kies auf dem langen Weg zu der entlegenen Grube. Philipp las im Vorübergehen die Inschriften der Grabsteine.
Der Trauerzug näherte sich einem ältlichen Paar. Es drückte sich an den Wegrand und stellte sich frontal dort auf. Der Mann zog den Hut und hielt ihn vor seinen Bauch, die Frau senkte ihren Kopf. Philipp grüßte sie andeutungsweise. Die anteilnehmende Geste rührte ihn. Er empfand die Entblößung des einen Hauptes und die Neigung des anderen in diesem Zusammenspiel als würdevoll, kultiviert, traditionsbestimmt. Er fing an zu weinen und schob seine Schwäche auf den Eindruck, den diese alte, vornehme Geste auf ihn gemacht hatte, aber er weinte vor allem über seine Tante Berta, die auf dem Abstelltisch eines Warteraums lag wie ein vertrocknetes Insekt auf einer Fensterbank. Sie hatte so vieles im Leben verpasst. Noch gestern war sie wütend darüber gewesen.