Die Schwestern

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Almut und Berta lebten im selben Haus, auf derselben Etage, in benachbarten Wohnungen. Lange nach dem Tod der Ehemänner hatte die jüngere Schwester in das Haus der älteren ziehen müssen. Ihre in Jahrzehnten der Witwenschaft erworbenen Gewohnheiten, die sie für Freiheit hielten, bewahrten sich die Schwestern dadurch, dass jede ihr eigenes Appartement beanspruchte.

Sie waren am Nachmittag gemeinsam in die Stadt gefahren. Nach der Tagesschau wollten sie sich bei Berta treffen, Tee trinken, Mensch-ärgere-dich-nicht spielen und sich gegenseitig quälende Fürsorge angedeihen lassen. Almut las Zeitung, um zu erfahren, wie sich die Welt zum Schlechten verändert hätte. Sie hasste Frauen in Führungspositionen, die vielen Außenministerinnen zum Beispiel, denn sie wäre selbst gerne eine erfolgreiche Frau gewesen, war aber durch eine strenge, ungerechte Erziehung an der Entwicklung zum Erfolg gehindert worden. So liebte sie am meisten nur ihren tüchtigen Bruder Konrad und durch ihn sich selbst. Aber davon abgesehen, besaß sie ein grundfreundliches Wesen. So hatte sie ihrer Schwester befohlen, die Tageszeitungen nach der Lektüre auf den Fußabtreter des Nachbarn zu werfen, um ihm das Studium der Todesanzeigen und Aktienkurse zu ermöglichen.

Sie liest mir zu lange, oder glotzt sie in die Fernseh-Röhre? Berta, die schon den Tee aufgebrüht hatte, sorgte sich um die Schwester. Sie drückte die Aus-Taste ihres Zapper-Geräts, weil sie den Musikantenstadl nicht sehen wollte („das Gehampel ist für Menschen, die im Altersheim leben“) und begab sich auf die Reise zu Almut. Sie schlurfte zur Flurtür. Der Spion nützte wenig, denn die Osteoporose hatte sie hinabgebeugt, so dass Berta nur das Treppenhaus kontrollieren konnte, wenn sie auf einem Fußbänkchen stand. Sie kämpfte mit dem Schlüssel, der selbstherrlicher wurde und hämisch dem Druck der Greisenhand spottete. Nach dem Sieg über ihn zog Berta die Türe auf und rutschte über die Fliesen des Etagenflurs zur anderen Wohnung. Sie schellte, obwohl sie Almuts Schlüssel in ihrer Wolljacke aufbewahrte. Berta schellte abermals und dann wütend ein drittes Mal. Almut hat ihr Hörgerät aus dem Ohr genommen, sie tut es, um mich zu ärgern! Dann schloss Berta das Refugium ihrer Schwester auf.


Berta wimmerte den Namen der Schwester und mischte Vorwürfe in das Jammern. Wo bleibst du, der Tee wird kalt. Sie schlurfte über den Estrich und begleitete ihren unsicheren Gang mit der Klage über Almuts Unpünktlichkeit. Im Wohnzimmer angelangt, stützte sie sich auf den Chippendale-Stuhl, eine Hinterlassenschaft ihres Schwagers, eines Studienrats, der „Chippendale“ mit hörbaren Anführungszeichen auszusprechen pflegte. Almut saß im Ohrensessel, die Zeitung auf den Knien, ihren Blick auf die „Schwarzwaldmühle“ gerichtet, auf ein Ölgemälde, das die dankbare letzte Klasse ihrem Mann, dem Studienrat, zur Pensionierung geschenkt hatte, und aus dem Almut nun eine späte Erkenntnis zu empfangen schien. Berta: „Stier nicht so, ich habe das nie leiden können!“ Sie bewegte sich auf die Schwester zu und stieß sie mit dem Zeigefinger, um Almut zur Wahrnehmung ihrer Anwesenheit zu zwingen. Die aufgeschlagene Zeitung rutschte zu Boden. Unbeeindruckt davon hielt Almut ihre Augen auf die Mühle gerichtet, die Mühle im Schatten einer Bergflanke hinter einem Wiesengrund, auf den die Sonne scheint, an einem Bach, der die Nacht tintenblau über das Rad davonschwemmt. Berta konnte Almuts Augen nicht zudrücken, stattdessen schlug sie mit der Hand in die Richtung des Bildes. Sie weinte den Namen der Schwester. In der Wohnung nebenan verkochte der Rest des Teewassers. Der Kessel pfiff. Wie eine schwarze Bergflanke in den Fluss gleitet, so die Tote aus dem Sessel, der Schwerkraft widerwillig nachgebend. Berta schrie. Sie wankte zum Telefon und drückte die Nummertasten.

Als Philipp sich meldete, flüsterte sie:
„Ich glaube, Almut ist tot. Was muss ich machen?“
„Lass deinen Arzt kommen. Er weiß, was man machen muss.“
Sie bettelte: „Komm bitte!“
„Mein Auto ist kaputt. Ich müsste mir eines leihen. Ich komme morgen früh. Außerdem regnet es. Der Rückreiseverkehr verstopft die Autobahn.“ Sie rechtete:
„Ich war mit Almut in der Stadt, da hat es nicht geregnet! Sie hat sich heute nicht wohl gefühlt. Gestern ging es ihr gut, da sagte sie, wir wollen morgen in die Stadt gehen, ich will mir die Bluse kaufen. Sie wollte unbedingt die rote Bluse kaufen. Jetzt liegt Almut vor der Heizung. Du musst kommen und sie aufheben!“ Philipp glaubte, die Alte sei verrückt geworden. „Ruf zuallererst den Arzt an, du musst zu zuallererst deinen Arzt anrufen. Vielleicht komme ich später, auf jeden Fall morgen. Gib mir deine Adresse und deine Nummer. Ruf du deinen Arzt an, er weiß, was zu tun ist. Und geh in deine Wohnung zurück.“
„Ich bleibe hier, ich lass sie nicht alleine!“
„Dreh um Gottes willen die Heizung aus!“ rief Philipp, aber Berta hatte bereits aufgelegt, als energische Bekräftigung ihres Willens, die Tote nicht alleine zu lassen.

Philipp, Konrads Enkel, ist der einzige erreichbare Verwandte des Geschwisterpaares. Die anderen hielten sich nicht für zuständig oder waren fortgezogen, ausgewandert oder gestorben. Er rief die Auskunft an. Er versuchte es immer wieder, bis er endlich Bertas Telefon-Nummer notieren konnte. Dann bemühte er sich, seine Großtante Berta zu erreichen. Vergeblich. Einmal war besetzt, und er beruhigte sich damit, dass sie den Arzt angerufen hätte. Wenn sie das Telefon nicht hören kann, hört sie dann die Klingel? Er besaß keinen Schlüssel zu den Wohnungen der Schwestern. Es war ein Fehler, nicht rechtzeitig nützliche Vorkehrungen zu treffen. Rechtzeitig! Im Nachhinein weiß man, was das gewesen wäre. Er wählte noch einmal und lauschte ungeduldig dem Freizeichen. Er stellte sich vor, wie der Arzt vor der Haustür steht und schellt. Er sah im Geist seine Tante Berta unter dem grellen Licht einer Deckenlampe, in einem Kegel des Schweigens, wie sie auf die Leiche stiert, die an der Heizung liegt und verschmort. Er griff abermals zum Hörer und wählte die Auskunft der Bahn AG. Der nächste Zug geht in 7 Minuten, der übernächste in zwei Stunden, mindestens einmal umsteigen. Er wäre frühestens in 4 Stunden dort. Er setzte sich und überlegte, was zu tun sei: Die Polizei benachrichtigen, ein Taxi mieten, ein Auto leihen. Philipp machte sich unbestimmte Vorwürfe.

Das Telefon schrillte. Berta rief an: „Ich musste sie von der Heizung zerren, dabei ist sie auf den Kopf gefallen. Aber der Arzt war da und hat sie aufgehoben. Er kennt einen guten Bestatter. Er hat ihn für mich angerufen. Es soll ein sehr gutes, sehr seriöses Institut sein. Du kannst morgen kommen“, sagte sie lakonisch, „ich werde die Nacht schon überstehen.“ Er fragte sie nur noch: „Warum bist du eben nicht ans Telefon gegangen?“
„Es hat niemand angerufen. Komm morgen, ich kann das nicht alles alleine erledigen. Heute besucht mich der Bestatter, ein SEHR seriöser Mann, den mir der Arzt empfohlen hat.“ Philipp dachte, lass dir bloß keinen Prunksarg aus Eiche andrehen, keinen Talar aus Damast, keine Schleifchen und Tüllkissen.
„Gute Nacht, Tante, ich komme morgen. Versuch zu schlafen.“
„Schlafen! Du hast Vorstellungen. Ich grübele die ganze Zeit über.“
„Mach dir was zu essen.“
„In diesem Augenblick denkst du ans Essen!“
„Setz dich einfach ruhig hin“, sagte er, „und denk daran, dass sie friedlich eingeschlafen ist.“ Er schnitt eine Fratze in das Telefon, weil er die Redensart verabscheute.
„Das werde ich tun und Gott danken, dass er sie vor mir zu sich genommen hat. Sie wäre alleine doch nicht zurecht gekommen.“ Sie hängte unvermittelt ein, als hätte sie sich über das Gerede ihres Großneffen geärgert.

Die Wohnung war kleiner, als er sie in Erinnerung hatte, eine weiße Schachtel, kärglich ausgestattet, das größte Bild in ihr zu klein geraten. Es zeigt eine Mühle im Schwarzwald. Auf seinem Rundgang durch die Wohnung der Verstorbenen bückte er sich unwillkürlich, als er ins Schlafzimmer trat.
„Ich denke, dass Almut jeden Augenblick durch die Tür kommt.“ Die Tante war ihm gefolgt. Philipp hatte sie nicht gehört und erschrak durch die plötzliche Anrede von hinten. Er nickte.
„Du hast sie sehr lange nicht gesehen.“
„Lange nicht“, entgegnete er, „ich war als Kind bei ihr in Wilhelmshaven, bei den Schiffen.“
„Wann hast du Schiffe gesehen?“
„In Wilhelmshaven, auf dem Werksgelände am alten Hafenbecken, wo die Kähne lagen.“
„Das war nicht Wilhelmshaven, sondern Wilhelmsburg.“
„Du erinnerst dich gut.“
„Ja, sie hatte keinen Dachschaden, sie war nur allem gegenüber so furchtbar negativ eingestellt. Sie hat die moderne Zeit nicht begriffen.“
„Ich meine, DU erinnerst dich gut.“
Sie sah ihn kalt und abschätzend an. „Jaja, du warst damals noch klein. An was erinnerst du dich noch?“
„Nur an die Schiffe.“
„Du hattest Angst vor ihnen. Du hattest Angst, dass sie in dein Zimmer kommen, wo du schliefst“, sie lachte wie ein Mädchen, „du hattest Angst, dass sie aus dem Hafen herausklettern.“

Philipp hatte in Gedanken nach dem Stöpsel eines Flakons gegriffen. „Du darfst es haben“, hörte er sie sagen, „ich brauche es nicht.“
„Entschuldigung.“
„Du darfst ALLES haben, ich kann es sowieso nicht unterbringen. Schenk es deiner Frau.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Du bist nicht verheiratet? Was bist du denn?“
Er lächelte gequält. „Befreundet.“
„Almut hätte das nicht verstanden, du in deinem Alter! Sie war tüddelig geworden, sie fühlte sich gestern nicht wohl. Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Wer kriegt denn nun ihre Mäntel, ihre Wäsche, ihre Nachthemden? Das Rote Kreuz? Die zerreißen alles und machen Putzlappen daraus. Du warst doch verheiratet?“
„Nein.“
„Almut sagt aber, du bist verheiratet.“
„Ich müsste es wissen, Tante!“
„Egal, du nimmst die Mäntel, sonst muss ich sie der Gemeindeschwester schenken.“
„Tu das.“
„DER nicht. Sie behandelt uns wie Kinder, wie ganz alte Menschen. Schenk sie deiner Studienfreundin. Du bist doch Student? Onkel hielt große Stücke auf dich. Du solltest unbedingt studieren. Du studierst doch?“
„Ja.“ Er lachte befreit.

„Der Mantel ist nagelneu.“ Sie schlurfte zum Kleiderschrank. „Mach ihn auf! Der Kamelhaarmantel ist neu wie ein Kinderpo, sie hat ihn voriges Jahr gekauft. Schade, dass du nicht verheiratet bist. Die Ehe ist ein Schutz, eine feste Burg. Unsere Eltern waren sehr glücklich verheiratet. Almut hat nie etwas auf sie kommen lassen. Für sie war Mutter eine Heilige.“ Sie kicherte.
„War sie es nicht?“
„Sie ist früh gestorben und hat viel gelitten. Almut hatte viel von ihr, nur dass sie nicht so früh gestorben ist. Sie könnte jetzt die Mutter von unserer Mutter sein. Sie war es, die mich das erste Mal zum Frauenarzt begleitet hat, nicht meine Mutter!“ Sie ging ins Wohnzimmer und ließ Philipp vor dem offenen Schrank stehen.

Er eilte hinterher und stützte sie. „Da hat sie gelegen“, schluchzte Berta und wackelte mit dem Kopf. „Sie hatte ihre gute Perücke auf. Ich habe dem Bestatter auch die rote Bluse mitgegeben. Sie würde sich darüber freuen. Wenigstens jetzt. Früher war sie furchtbar negativ eingestellt. Wie unsere Mutter. Immer hatte sie an allem etwas auszusetzen. Dass du mit einer Frau zusammenlebst, ohne verheiratet zu sein, hätte sie nicht verstanden. Dabei war sie das erste EHELICHE Kind.“ Sie hielt erschrocken inne – und nach einer Pause: „Du musst alles mitnehmen, was du gebrauchen kannst. Guck dir die Bücher an, was dir nicht gefällt, wirf weg.“
„Was für Bücher?“
Sie deutete auf die Glastür des Wohnzimmerschranks.
„Das Mokkaservice ist sehr schön.“ Er schwärmte.
„Was willst du mit dem Mokkaservice?“ fragte sie misstrauisch.
„Es ist sehr schön.“
„Du kannst es haben“, sagte sie verächtlich.
„Ich finde nur, dass es sehr schön ist.“
„Ich habe keinen Platz dafür, nimm es mit, auch das Silber nimm mit.“
„Ich wusste nicht, dass Almut die ältere von euch war.“
„Ich war die jüngere. Warum interessierst du dich dafür?“
„Wir sprechen über alte Zeiten, Tante! Erzähl von deiner Schwester.“
„Warum interessiert dich das?“
„Ich bin nicht gekommen, um dein Mokkaservice und die silbernen Löffel abzuholen!“ Sie näherte sich ihm und reichte mit der Hand hinauf zu seiner Backe, um sie zu streicheln.
„Du warst noch ein ganz kleiner Junge damals in Wilhelmsburg. Unsere Mutter war kurz vorher an einer Lungenentzündung gestorben. Du spieltest oft bei den Aussiedlern im Werk. Aber eines Tages wurde es dir verboten, nämlich als du kamst und polnische Wörter gebrauchtest. An eines erinnere ich mich noch: Pieronie. Onkel war aufgebracht, aber ich habe gelacht. Es war, glaube ich, das erste Mal nach dem Tod von Mutter, dass ich so gelacht habe.“ Philipp hörte nachsichtig zu. Er konnte sich nur an Schiffe erinnern.

Sie bewegte ihren Blick auf den Sessel, aus dem ihre Schwester gerutscht war. „Nun ist sie auch dahin. Willst du was trinken?“
„Ich mach uns einen Tee“, antwortete Philipp beflissen, obwohl er keine Lust hatte, in einer fremden Küche nach den Zutaten zu suchen.
„Du weißt nicht, wo die Sachen sind, und ich muss etwas Normales tun.“ Philipp empfand ihre Antwort als Gedankenleserei. Er sah auf ihren gebeugten Leib und empfand Respekt. Sie schlurfte in die Küche wie in zu großen Pantoffeln über das Parkett eines Königsschlosses. So wirkte sie besonders hinfällig, und widerwillig dachte er daran, dass er sie in ein Altersheim würde komplimentieren müssen.
„Hast du eine Hilfe?“
„Was sagst du?“
„Ob du eine Hilfe hast.“
„Ich versteh dich nicht.“

Er trat ans Fenster. Die breite Autostraße, dahinter Schrebergärten, ein sandiger Kinderspielplatz. Aus dem spärlichen Fichten- und Birkenbewuchs starrten verrusste Spitzdachhäuser zurück, Arbeitersiedlung, dahinter auf einem Hügel die weiße, fensterlose Mauer einer Cola-Abfüllstation und im Dunst des Horizonts der Förderturm einer Zeche. Gerüst und Rad sahen aus wie ein spiegelbildliches R. Philipp wollte die Alte fragen, wie die Zeche heißt. Er scheute aber die Mühe, der Schwerhörigen erklären zu müssen, was er gefragt hatte und warum. Er tippte auf „Sophie“. Die Beklommenheit der Männer, die hinunterfahren, drückt sich in Frauennamen aus.

Berta kam herein und stellte das Geschirr ab.
„Es lohnt sich nicht, dass du es mitnimmst. Plunder. Ich schenke es Frau Möller für das Gartenhaus.“
Philipp half ihr beim Eingießen.
„Wie heißt die Zeche?“ fragte er doch. Berta sah in verständnislos an.
„Die Zeche da hinten, wie heißt die?“
„Wozu willst du das wissen?“
„Ich dachte nur, du wüsstest es.“
„Nein. Ich wohne über 20 Jahre hier, und ich weiß es nicht. Almut hätte es gewusst. Sie wusste alles besser. Jetzt ist sie dahingegangen.“
Berta weinte etwas. Philipp empfand es nicht als herzzerreißend. Es war nur ein physiologischer Akt.
„Du hättest mich nicht daran erinnern sollen“, sagte sie endlich.
„Ich habe doch nur von der Zeche gesprochen.“ Philipp antwortete vorwurfsvoll, aber leise, um sie nicht zu kränken.
„Es erinnert mich eben ALLES an Almut. Es war ja erst gestern. Ich werde Möllers fragen, wie die Zeche heißt.“
„Das brauchst du nicht, es ist nicht so wichtig.“
„Doch, ich frage Möllers. Die müssten es genau wissen, sie wohnen schon acht Jahre im Haus. Ich war nicht so gut in der Schule. Ich war die jüngste. Ich habe mir bei meinem Vater einiges herausnehmen dürfen.“
Philipp schlug die Beine übereinander und hob mit spitzen Fingern die Tasse. Er war bereit zuzuhören und sah sich in der Rolle einer Hofdame, die der Kaiserin an einem Lacktischchen gegenübersitzt.
„Ich habe ihm den Schnurrbart abgeschnitten, als er seinen Mittagsschlaf hielt. Almut hätte so etwas nie tun dürfen.“
„Du auch nicht“, sagte er und führte die Tasse zum Mund.
„Ja, was man alles nicht darf, aber ich habe es getan, Punktum.“ Sie beobachtete ihn mit dem Blick eines Vogels.
„Das war sehr riskant.“
Sie lächelte zufrieden und nickte. „Ja, ich war sein Liebling, die jüngere von uns beiden. Ich sage dir was, jetzt wo sie tot ist. Konrad war das älteste Kind.“ Sie schwieg eine peinliche Weile, bevor sie fortfuhr, fast schreiend: „Mutter ist auf dem Bauernhof überfallen worden. Unser Vater hat sie dann geheiratet. Das erste Kind dieser Ehe war Almut, aber Konrad war das älteste.“
„Du bist die einzige, die weiß, dass Konrad nur euer Halbbruder ist?“
„Außer dir. Ich hätte es mit ins Grab nehmen sollen!“
„Gibt es einen Grund, warum ich wissen muss, dass mein Großvater der Bastard eines Frauenschänders war?“
„Almut hat alles besser gewusst, aber DAS nicht. Das hat sie nie erfahren.“
„Es war DEIN Geheimnis? Sie hätte die Wahrheit schwer ertragen?“
„Für sie war Mutter ein Engel.“
„War sie es nicht?“
„Wir haben sie geliebt wie einen Engel Gottes, aber sie war streng zu uns.“
„Wie alt war sie, als sie vergewaltigt wurde?“ Sie sah ihn erschrocken an, erschreckt über die Rohheit seiner Ausdrucksweise, und bewegte lautlos ihren Kiefer. Dann krächzte sie:
„Ein Rechenexempel! Genug von alten Zeiten. Genug! Sag mir, was ich alles erledigen muss und hilf mir dabei! Du kannst in Almuts Bett schlafen, solange du hier bist.“ Es graute ihn davor, obwohl sie nicht in dem Bett gestorben war und obwohl er als Kind schon einmal darin geschlafen hatte.
„Du weißt, dass ich keinen Urlaub habe. Ich werde übermorgen wiederkommen und dann die eine Nacht in ihrem Bett schlafen, wenn du meinst.“
„Es ist das Bett, in dem Mutter starb“, sagte sie, als wäre diese Mitteilung ein besonderer Anreiz für den Großneffen und eine Ehre, darin zu schlafen.
„Ist es nicht auch das Ehebett von Almut?“
„Es ist eben ein Bett“, sagte sie, „was willst du noch alles wissen?!“ Er wunderte sich über ihre klare, energische Art. Das Weinen und Schlurfen, dachte er, täuscht nicht darüber hinweg, dass sie einen harten Kern hat, die Rationalität alter Frauen.

II.

Sie war mürrisch am Morgen des Beerdigungstages. Ein krummer Ast. Philipp spürte nichts mehr von dem vertrauten Verhältnis. Gestern hatte sie rote Backen vom vielen Sprechen und Bekennen, aber heute morgen wollte sie nichts essen. Sie trank nur einen Schluck Kaffee. Jetzt drängte sie ihn. „Ich will nicht zu spät kommen, ich will auf keinen Fall zu spät kommen.“
„Es ist die letzte Beerdigung heute.“ Er wagte den Einwand, weil sie ihn wieder gedrängt hatte.
„Trotzdem, ich war immer pünktlich.“
„Tante Almut wird es egal sein.“ Er bereute seine Bemerkung, bevor er sie ausgesprochen hatte.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Es sind noch zwei Stunden, es hat keine Eile.“
„Ich will nichts mehr hören, bestell endlich ein Taxi!“ Er bestellte ein Taxi.
„Hast du das Taxi bestellt?“
„Ja.“
„Warum kommt es dann nicht?“

Sie schluffte wütend ins Badezimmer. Von dort hörte er sie sprechen. Darum stand er auf und blieb vor der angelehnten Türe stehen. „Bist du es?“ rief sie hinaus und blickte ihn verstört an. Fast hätte er aufgelacht. Sie hielt einen Lippenstift in der Hand, die Oberlippe war rot verschmiert, an den Falten ihrer Backe klebte Rouge. Sie sah aus wie ein Kaninchen mit einer Möhre im Maul. Sie sagte:
„Almut hat bei der Bank gearbeitet.“
„Ja?“
„Daher legte sie Wert auf Pünktlichkeit.“
Er nickte. „Damals waren Banken noch seriös. Man konnte sich auf sie verlassen. Das Taxi wird pünktlich sein.“
„Das weißt du also genau!“ Wie unerbittlich sie ist, dachte er, ich möchte wissen, was in ihrem Kopf vorgeht.
„Du bist beschmiert, Tante.“ Er schob sie sanft vor den Spiegel, benetzte ein Taschentuch und tupfte ihre Backe ab. „Du hast zu kräftig aufgetragen. Wenn du willst, helfe ich dir.“
„Ich wasche alles ab. Almut konnte es sowieso nicht leiden.“
„Es würde dir aber stehen.“
„Es war nur so ein Einfall.“
„Ich helfe dir.“
„Schluss jetzt!“
„Der Lippenstift ist neu?“
„Es geht dich nichts an!“ Er lachte und sie lachte zurück. „Ich habe ihn vor zwei Monaten gekauft. Als Almut beim Augenarzt war, bin ich in die Stadt gefahren und habe beim Italiener Eis gegessen mit einem Schuss Maraschino. Ich musste sowieso in die Apotheke, um Arztseife zu kaufen.“ Wollte sie ihm weismachen, sie hätte den Stift aus der Apotheke?
„Ich helfe dir, Tante. Deine Lippen könnten Farbe vertragen.“ Sie genierte sich, aber sie ließ sich auf den Stuhl drücken, der vor dem Waschbecken bereitstand. Er versuchte, den Stift über die trockenen Lippen zu ziehen und blieb in der lappigen Haut stecken. „Du musst deine Zähne fletschen.“ Er half nach und spannte die Lippen zwischen Zeigefinger und Daumen. Nach einer viertel Stunde war er zufrieden und sagte es ihr. Sie zog sich am Waschbeckenrand hoch und stand entgeistert eine Weile ihrem Spiegelbild gegenüber. „Ich werde so auf keinen Fall zum Friedhof fahren! Almut hätte es lächerlich gefunden. Sie hat es nie leiden können.“
„Sieh mich an.“ Sie schaute ihn im Spiegel an. „Es ist SCHEISSegal, was Almut dazu gesagt hätte. Du bist seit 65 Jahren eine erwachsene Frau und tust gefälligst, was DU willst.“
„Ich will, dass du mir das Zeug wieder abwischst, DAS will ich.“ Er wischte ihr das Zeug wieder ab und küsste sie auf die Stirn.
„Den Stift schenke bitte deiner Gattin.“
„Ich bin nicht verheiratet.“
„Trotzdem, schenk ihn deiner Freundin.“
„Behalte ihn erst einmal.“
„Du erbst ihn früh genug, was?“
„So habe ich das nicht gemeint.“
„Dann bist du ein Schafskopf. Glaubst du, ich bin unsterblich? Ich kann jeden Tag abberufen werden.“
„Das kann jeder.“
„Du musst immer das letzte Wort haben! Almut musste auch immer das letzte Wort haben. Es ist nicht meine Schuld, dass sie vor mir gegangen ist. Mutter war ein Engel, aber sie war sehr streng. Zu spät nach Hause kommen, gab es nicht. Als ich schon im Büro arbeitete, musste ich mir Ausreden einfallen lassen, wenn ich eine Stunde später kam. Ich war eine behütete Tochter.“
„Deine Mutter war kein Engel. Du warst eine gegängelte Tochter.“
Sie sah ihm groß in die Augen. „Meine Mutter war eine arme Frau, sie hatte es sehr schwer. Ich lasse nichts auf sie kommen. Almut hat mich gegängelt, das stimmt. Als Mutter starb, wurde SIE meine Mutter.“
„Hat sie dir auch den Mann ausgesucht?“
„Quatsch. Meinen Mann habe ich mir selbst ausgesucht. Er war allerdings mit Almut verlobt, so gut wie verlobt. Das ist ein Menschenalter her. Mein Mann ist vor dreißig Jahren gestorben. Almut hat mir verziehen, schon lange verziehen.“

Im Taxi wurde nicht gesprochen. Am Friedhof angekommen, konnte Berta den Gurt nicht lösen, der sie fast stranguliert hätte. Sie strich nervös mit ihren Fingerknochen darüber. Der Taxifahrer schien nicht zu begreifen. Philipp saß im Fond, stieg hastig aus, öffnete die Vordertür und lehnte sich über die eingesunkene Frau, um nach dem Knopf zu tasten, auf den er drücken müsste, um den Gurt auszuklinken. Der Mann am Steuer schwieg. Philipp war zu beschäftigt, um nach dem Grund seiner Gleichgültigkeit zu fragen. Er erinnerte sich an einen Chauffeur, der ihm gesagt hatte, dass er alte Frauen nicht ausstehen könne, sie stänkerten und stänken und erinnerten ihn an seine Mutter, die eine Hure gewesen sei. Philipp hatte damals nicht gewagt, sich darauf einzulassen, und jetzt hatte er keine Lust, den Taxifahrer um Hilfe zu bitten. Er fand die Entriegelung. Als Berta Anstalten machte, sich zu erheben, umfasste er ihre Knie und drehte sie vorsichtig in der Sitzschale. Er zog an dem Arm, den seine Tante ihm entgegenstreckte, und hievte sie aus dem Wagen. Da stand sie, vom Tageslicht grausam beschienen, ein weiblicher Lazarus, der lieber in der Dunkelheit seines Grabes geblieben wäre.

Philipp hakte sie unter. Sie wankte über das Kopfsteinpflaster der Vorstadtstraße zu dem monumentalen Portal, dessen Details er während der Pilgerschaft studierte, dabei bemerkte er die asymmetrische Anbringung der gemeißelten Schrift „Friedhof“. Aus einer quälenden Berechnung zog er den Schluss, dass es ursprünglich „Helden-Friedhof“ geheißen hatte. Er spürte ein Ziehen an seinem Arm. Die Alte löste sich von ihm und schlurfte in das Blumenlädchen neben dem Haupteingang.

Unterdessen beobachtete er, wie von der anderen Straßenseite sechs befrackte Herren aus einer Gaststätte kamen. Sie schritten je zwei zu zwei in gedämpfter Unterhaltung an ihm vorüber. Er sah ihre geröteten Backen, die runden Gesichter. Wegen der Mischung aus Würde und Kutschergehabe hielt er sie anfänglich für Mitglieder eines Gesangvereins, die einem der ihren das letzte Ständchen bringen würden. Wohin er schaute, es stieß ihn ab: die geklinkerte Gaststätte, aus der die Sargträger gekommen waren, die Gleise unter einer Pappelallee. Über dem Fluchtpunkt, den sie bildeten, erhob sich eine Fabrik oder ein Krematorium. Aus einem Schornstein flatterte grauer Rauch vor dem farblosen Mittagshimmel. Philipp würde sich nicht eher rühren, als bis die Alte mit einer Handvoll lächerlicher Blümchen zurückgekehrt wäre. Er hasste es, den Toten Lebendiges nachzuwerfen, und dachte mit grimmiger Genugtuung daran, dass es ebenso angemessen wäre, Hunde zu erwürgen und ihren Kadaver ins Grab zu schleudern.

„Hallo! Hallo! Sind Sie der Mann?“ Das Geschrei nötigte ihn, sich umzudrehen. Eine Frau in grüner Schürze winkte ihm zu. „Gehören Sie zu der Dame, Ihrer Mutter? Kommen Sie schnell! Schnell!“ Philipp lief. Er rannte in das Blumenlädchen. Eine Halbwüchsige hielt die Augen aufgerissen und wies mit theatralischer Geste auf einen Vorhang. Die Bretter der Verkaufsbude federten unter Philipps Schritten. Er schlug den Vorhang zur Seite. Berta saß ausdruckslos auf dem Boden, an einen Sack Humus gelehnt. Philipp taumelte zurück und sah, wie die Halbwüchsige floh. Die Frau in der Schürze betrat zögernd den Laden, als fürchtete sie eine Explosion. Er fragte nach einem Telefon. Er fühlte sich schuldig, als wäre seine Tante nicht gestorben, wenn er sie in den Laden begleitet hätte.
„Ich habe schon den Rettungswagen angerufen“, so die Verkäuferin.
„Danke, darf ich hier warten?“ Sie nickte. Er versuchte, sich zu konzentrieren. Er wusste nicht, auf was. „Hat sie etwas gekauft?“ fragte er verzweifelt. Die Frau wurde über und über rot.
„Ich hätte es Ihnen herausgegeben“, sagte sie, „ich habe nicht daran gedacht. Das Ganze hier ist ein Schock für uns. Ihrer Frau Mutter ist das Gebinde hingefallen, und mein Mädchen hat es fortgelegt. Dort, der kleine Kranz.“ Er winkte ab und versuchte zu lächeln.
„Wie ist es gekommen?“ fragte er, um die Wartezeit zu überbrücken, aber so, als hätte er kein Interesse daran zu erfahren, wie es gekommen war. „Hat sie etwas gesagt?“
„Die Dame ist umgefallen, in den Vorhang hinein, sie hat nichts gesagt, sie hat nur gestöhnt, aber nichts mehr gesagt.“ Die Verkäuferin rang ihre Hände vor Nervosität und blickte suchend durch das Auslagefenster. „Ich habe bestimmt angerufen.“

Ein Kleintransporter fuhr vor. Zwei Männer stiegen aus. Sie ließen den Motor laufen und gingen stracks zum Blumenladen. Das Lehrmädchen folgte ihnen in einigem Abstand. Die Männer traten ein und sahen sich um. „Wir sind von der Arbeiterwohlfahrt“, sagte einer.
„Mein Gott“, rief Philipp, „dort liegt eine Tote!“
Der eine Mann fragte: „Haben Sie schon den Arzt angerufen?“
„Nein, ich dachte die Frau …“
Die Floristin flehte die Männer an: „Sie könnten sie doch wenigstens wegschaffen.“ Der Mann, der gesprochen hatte, verkniff sein Gesicht. „Wir transportieren keine Leichen. Haben Sie uns etwa deswegen angerufen?“ Die Frau erwiderte kleinlaut, dass ihr Mann Mitglied der Arwo sei.
„Wir können da aber trotzdem nichts machen, wirklich nicht. Rufen Sie am besten einen Arzt. Unser Beileid und noch einen schönen Tag.“
„Ich muss zur Beerdigung“, warf Philipp ein und verlangte von den Männern, da sie einmal hier seien, ihm zu helfen. Die beiden schauten sich verblüfft an, ehe sie begriffen. „Sie haben hier einen Termin?“, fragte der eine, der die Unterhaltung bestritt, „wenn Sie sowieso einen Termin haben, können Sie ebenso gut den Bestattungsunternehmer einschalten. Die Maulwürfe sind immer dabei, wenn es was zu beerdigen gibt.“ Philipp lächelte dünn.
Die Blumenhändlerin schrie: „Die Dame muss weg, die kann hier nicht liegen bleiben!“

Philipp sprach das Lehrmädchen an, das ihn von der Seite angaffte. „Ich hole Hilfe, beruhigen Sie Ihre Chefin, ich regele das.“ Er schritt um Sicherheit und Festigkeit bemüht durch das Portal und ging unter den kahlen Querhölzern der Pergola auf eine Pforte zu, hinter der er die Kapelle vermutete. Im Inneren des Backsteingebäudes, das wie ein überdimensionierter Ziegelstein auf dem schmutzigen Kies des Versammlungsplatzes lag, von wo die letzten Fahrten beginnen, kam er an einer offenen Bürotüre vorbei. Er sah im Vorübergehen, dass sich niemand im Zimmer aufhielt. Auch die Warteräume für die Trauergäste waren leer. Vor einem Schildchen „Bestattungen: Zu neuen Ufern“ blieb er stehen. Er drückte gegen den Messinggriff.

Ein Leichenträger lugte durch die Öffnung. „Sie sind zu früh dran“, flüsterte er, als wollte er ein Kind an dem vorzeitigen Betreten der Weihnachtsstube hindern – milde, aber bestimmt. Dann vergrößerte er den Spalt soweit, dass die ganze Gestalt sichtbar wurde. „Wir können aber auch jetzt schon anfangen, wenn Sie dem Pastor Bescheid geben.“
„Ich suche den Leiter der Bestattungsfirma, es ist sehr wichtig.“
„Der Herr vom Bestattungsinstitut“, korrigierte der Mann und strich sich über die gelben Haare, die einen Rand vom Zylindertragen aufwiesen, „der wäre schon wichtig, bei der Feierlichkeit ist er aber nicht zugegen.“ Philipp schilderte dem Träger den Vorfall im Blumenladen und dass die Floristin einem Nervenzusammenbruch nahe sei, nicht zu reden von dem verängstigten Lehrmädchen. Der Mann fasste Philipp an der Schulter und trat mit ihm, die Tür hinter sich zuziehend, auf den Flur hinaus, der dem einer Behörde glich. Die braune Ölfarbe reichte bis hinauf zur grauen Decke. Er knöpfte seine Jacke zu. „Wir haben pausiert“, sagte er und streifte sich Brotreste von dem blanken Stoff.

In diesem Augenblick bog ein Mann, der sich in einem Trenchcoat zu verstecken schien und einen Künstlerhut trug, um die Flurecke und trippelte auf Philipp zu, der ihm entgegen ging und fragte: „Sind Sie der Leiter des Bestattungsinstituts?“
„Ich bin der Pastor. Ich mache die Beerdigung.“
„Von mir aus könnten wir sofort beginnen, wenn nicht meine andere Tante auch noch gestorben wäre.“
„Wie denn das? Wie entsetzlich! Das ist ja tragisch! Das kommt nicht alle Tage vor.“ Der Pastor versuchte, mit beiden Händen Philipps Hände zu ergreifen. Philipp entzog sich ihm und erwiderte: „Entsetzlich, ja, plötzlich und unerwartet.“ Dabei schaute er den Leichenträger an, der zustimmend nickte, als wollte er den Geistlichen auffordern, Philipps Bemerkung gebührend ernst zu nehmen.
„Ich fasse mich kurz“, sprach der Pastor, „wenn es zehn Minütchen Zeit hätte? Ich werde nur das Eingangslied intonieren, Gebet, Segen undsoweiter, und ich möchte die Herren vom neuen Ufer bitten, der Toten in der Kapelle auch die Ehre zu erweisen.“ Der Pastor streifte sich den Trenchcoat ab, unter dem er einen gedeckten Straßenanzug trug.

Philipp verließ das Gebäude, um im Blumengeschäft eine Entscheidung zu treffen, die ihm noch würde einfallen müssen. Ihm kam die Floristin entgegen. „Was geschieht denn nun? Jemand muss sich doch darum kümmern!“ Sie zerrte an seinem Mantel. „Ich kümmere mich“, Philipp war gereizt, „erlauben Sie, dass ich mich sofort darum kümmere!“ Er ließ die Verkäuferin stehen, ging an dem Lehrmädchen vorüber, das damit beschäftigt war, einer Kundin vom Betreten des Ladens abzuraten. Im Blumengeschäft drängte er sich durch den Vorhang zum Lagerraum. Die Portiere fiel hinter ihm zurück, so dass er einen Augenblick nichts sah, bis er sich an das blasse Licht, das durch ein verstaubtes Kippfenster hereinschien, gewöhnt hatte. Er schämte sich, vor der Toten davongelaufen zu sein, sie gewissermaßen verleugnet zu haben, als wäre er nur zufällig dabei gewesen. Er neigte sich zu ihr, schloss ihr die Augen und setzte sie zurecht. Es war ein Leichtes. Bevor er sie aufhob, riss er den Vorhang herunter, ging noch einmal zur Tür, rief das Mädchen zu sich, das widerstrebend folgte, und erklärte ihm, er werde nun mit seiner Tante herauskommen. Die Verkäuferin, die sich der Kundschaft vor dem Laden angenommen hatte, flüsterte, die Dame habe einen Schwächeanfall erlitten, und der Sohn werde sie nun zum Wagen bringen, um sie zum Arzt zu fahren. Philipp nahm die Leiche auf und lagerte ihren Kopf an seiner Schulter.

In einer steifen, aber nicht würdelosen Haltung ging er an den Frauen vorüber durch das Friedhofsportal. Hinter dem Portikus, von den viereckigen Backsteinsäulen teilweise verdeckt, parkte ein schwarzer Mercedes. Philipp schritt, die Leiche auf den Armen, zur offenen Pforte der Aussegnungskapelle. Im Vorraum stand der Bahrwagen. Er ließ die Leiche darauf niedergleiten. Mit ein paar Handgriffen brachte er sie in eine ausgestreckte Lage, dann schob er den Wagen in die Kapelle wie zu einem Dinner leichenfressender Dämonen, die in dem gläsernen Licht des Kirchenraums auf ihn warten – und ihn verfluchen, wenn sie sehen, wie wenig er bringt.

Die Anwesenden sahen ihn entgeistert an. Der Pfarrer vor dem Katafalk flüsterte: „Wir warten auf Sie, weil wir ohne Sie nicht anfangen können.“ Währenddessen schaute er entsetzt auf die Fracht, die Philipp durch den Gang rollte bis zur ersten Stuhlreihe.
„Wir können jetzt anfangen“, sagte Philipp.
„Das geht aber nicht, das ist nicht vorgesehen!“
„Fangen Sie endlich an!“
„Aber wie stellen Sie sich denn das Weitere vor, angesichts des – des unpräparierten Leichnams?“
„Wir stellen uns das so vor, dass Sie am Wortlaut Ihrer Predigt festhalten und jetzt endlich anfangen!“
Der Pastor begab sich zu einem Pult und wühlte in seinen Konzeptblättern.
„Wir beginnen dann am besten mit dem Lied 510: Wie herrlich ist die neue Welt.“ Er blickte flehend auf die Leichenträger hinab, die ihre Augen fest auf ihn gerichtet hielten, und begann mit zitternder, unerwartet melodischer Stimme zu singen. Philipp stand da mit geneigtem Kopf. Er blickte erst hoch, als die Männer den Gesang beendet hatten.

Der Pfarrer sprach ihn an: „Ich lese aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper: Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ichs ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, was da vorne ist. So spricht der Apostel. Wir alle sind, wie Paulus, fassungslos vor der Macht des Todes, welche die Macht Gottes ist, und begreifen sie nicht.“ Da ist was dran, dachte Philipp und schaute an dem Pastor vorbei auf das Relief eines Heldenchristus´, der vor Zeiten Kriegerwitwen Ingrimm und Stolz eingeflößt hatte.

Nach der Predigt, während derer sich Philipp einige Male veranlasst sah, dem Pastor zuzunicken, weil der Fortgang des Sermons von seiner wiederholten Zustimmung abzuhängen schien, entstand eine Diskussion über die weiteren Maßnahmen. Die Träger weigerten sich, die Tote von dem Bahrwagen, den sie für den Transport des Sarges benötigten, herunterzuheben und an einen geeigneten Ort zu schaffen. Der Pastor stand mit gefalteten Händen daneben und schaute von einem Gesicht zum anderen, bis Philipp sich auf das schwarze Auto hinter dem Portikus besann und die Kapelle verließ. Er vermutete den Leichenbestatter in der Nähe und sollte darin Recht behalten. Dieser stand in Demutshaltung hinter einer Säule, ein großer Mann in Philipps Alter, der sich hängen ließ, ähnlich gekleidet wie der evangelische Geistliche. Philipp erläuterte ihm das Besondere an dieser Trauerfeier. Der Mann nahm eine geschäftsmäßige Haltung an und versicherte Philipp, er werde alles in seine Hand nehmen, „wenn Sie mir Ihr Vertrauen schenken“. Er verbeugte sich und schritt gewichtig in die Aussegnungshalle. Dort wies er die Leichenträger an – im Ton eines Chefs, der auf einem Bauhof befiehlt – die Leiche anzupacken und in einen Raum zu bringen, den er näher bezeichnete. Philipp ließ es sich nicht nehmen, Berta selbst dorthin zu tragen.

Als er zurückkehrte, standen die Träger – Zylinder auf den Köpfen – aufgestellt im Hauptgang. Der Sarg hing zwischen ihnen. Der Pastor wartete an der Pforte. Alle schauten auf Philipp und setzten sich wortlos in Bewegung, als er die Träger erreicht hatte. Der Bahrwagen war ins Freie gezogen worden. Die Träger beluden ihn jetzt mit Almuts Sarg. Dann knirschte er, begleitet von acht Personen, über den Kies auf dem langen Weg zu der entlegenen Grube. Philipp las im Vorübergehen die Inschriften der Grabsteine.

Der Trauerzug näherte sich einem ältlichen Paar. Es drückte sich an den Wegrand und stellte sich frontal dort auf. Der Mann zog den Hut und hielt ihn vor seinen Bauch, die Frau senkte ihren Kopf. Philipp grüßte sie andeutungsweise. Die anteilnehmende Geste rührte ihn. Er empfand die Entblößung des einen Hauptes und die Neigung des anderen in diesem Zusammenspiel als würdevoll, kultiviert, traditionsbestimmt. Er fing an zu weinen und schob seine Schwäche auf den Eindruck, den diese alte, vornehme Geste auf ihn gemacht hatte, aber er weinte vor allem über seine Tante Berta, die auf dem Abstelltisch eines Warteraums lag wie ein vertrocknetes Insekt auf einer Fensterbank. Sie hatte so vieles im Leben verpasst. Noch gestern war sie wütend darüber gewesen.

Das göttliche Kind, (Lukas 2, 46)

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Als Gott anfing zu denken, gab es die Welt schon. Er fragte sich: Wenn es mich gäbe, wie müsste ich sein? Er hatte keine Beine, keine Arme, keinen Rumpf. Er fing gerade erst an zu denken, eingesperrt im Kopf eines Kindes. Es hockte auf seinen Fersen im Schatten der Mauer, die den inneren Hof des Tempels vom äußeren trennte.

Der Sanhedrin hatte seine Sitzung im Saal des Rates beendet. Die Mitglieder betraten den Binnenhof und kniffen die Augen zusammen. Die Kohanim mischten sich, nach der Gewöhnung an das schräg einfallende Licht, unter die Besucher, die von überall gekommen waren, von der Küste und aus der Wüste. Da erschien der Hohepriester Hannas auf der Treppe zum Saal des Rates und stieg zur Menge hinab. Die Menschen drehten sich zu ihm. Sie wünschten, er möge sie ansehen. Sie hätten ihn gerne berührt. Es wurde leise im Hof. Man konnte nun den Lärm Jerusalems bis hier herauf hören. In die Stille vor dem Grollen der Stadt rief Gott, der zu denken angefangen hatte, diese Frage, die als Schall, als erstes Zeichen seines Daseins, an die Ohren der Schriftgelehrten schlug (darum heißt es, am Anfang sei das Wort gewesen):
„Wenn es mich gäbe, wie müsste ich sein?“
Der Priester Ananias, der dem Kind am nächsten stand, wollte von ihm wissen, was es gerufen habe. Das Kind erhob sich, neigte seinen Kopf vor dem Priester und fragte in abgewandelter Form:
„Wenn es Gott gäbe, wie müsste er sein?“
„Das Kind hat Gott gelästert! Es redet von Gott im Konjunktiv!“ schrie der Priester Ananias.
„Was hat es schon gesagt!“ Der Hohepriester Hannas schritt zu Ananias und besänftigte ihn: „Wenn es Gott gäbe, na und? dann würde er existieren, da es ihn gibt, also existiert er. Das ist der Gottesbeweis, Kollege Ananias, den wir gelernt haben. Er ist unter allen Beweisen noch der beste, obwohl er nichts taugt, wie wir alle wissen.“


„Wie müsste ich sein? Ich will wissen, wie ich zu sein hätte!“ rief das Kind dazwischen, seine wilden, leuchtenden Augen auf den Hohenpriester gerichtet.
„Sprich bitte nicht in der ersten Person Einzahl, nicht in diesem Zusammenhang, das irritiert uns. Der Knabe meint, wer ist Gott, woran erkennt man ihn, wie würde – jetzt verwende ich selbst den Konjunktiv – ein Heide ihn erkennen? Ich antworte dir, mein Kind: An der Weisung, denn Gott ist ein Leuchtturm.“
„Ich habe noch nie einen Leuchtturm gesehen, ich komme aus dem Landesinneren. Als mein Vater und ich in Sepphoris waren, da haben wir Leuchtfeuer gesehen, die Wachfeuer der Soldaten.“
„Und dann habt Ihr gewusst, wo Ihr seid, denn Ihr konntet den Weg sehen in der Nacht. So ist es mit der Weisung: Sie lässt uns den Weg erkennen.“
Nach einer langen Zeit des Schweigens fragte das Kind:
„Bin ich die Weisung?“
Nach wiederum einer langen Zeit des Schweigens versetzte der Hohepriester:
„Die Weisung lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
„Liebe ich mich?“
Hannas antwortete dem bezwingenden Kind:
„Wie du deine Mutter liebst, so liebst du dich.“

„Liebe ich auch Ananias?“
Der Hohepriester Hannas trat aus der Blickrichtung des Kindes, und der wilde, leuchtende Strahl traf Ananias, der dastand, als hätte ihn ein König angesprochen. „Meinst du mich?“
„Ja, liebe ich dich?“
„Diese Frage kann ich nicht beantworten, beim besten Willen.“
„Kann jemand in der Runde sagen, ob ich Ananias liebe?“
„Nein, das kann keiner von uns, das kannst nur du.“
„Wenn ich Gott wäre, dann liebte ich Ananias.“
„Die andere Richtung gilt aber nicht, denn nicht jeder, der mich liebt, ist ein Gott“, warf der Priester ein. Die Versammlung lachte erst, als jemand dazwischenrief: „Du sagst uns damit nichts Neues.“ Das Kind hob seinen Zeigefinger und dozierte:
„Wer Ananias nicht liebt, der ist nicht Gott.“
Der Hohepriester Hannas bog sanft den Arm des Kindes nach unten und sagte:
„Das ist eine logische Folge, eine Denkfigur, die man auf der hohen Schule lernt. Gehst du denn schon auf eine solche Schule, in deinem Alter?“
„Nein, wir haben nicht genug Geld für eine hohe Schule, mein Vater ist Handwerker. Aber ich lerne schnell, trotzdem weiß ich wenig, fast nichts von allem, was ich wissen müsste, was in meinem Kopf rumort, die vielen Dinge und die Verhältnisse zwischen den Dingen und die vielen, vielen Gedanken über die Verhältnisse. Kann Gott wissen, was zum Pessachfest im nächsten Jahr passiert? Kann er genau beschreiben, was geschehen wird, und sich bei einem Notar darauf festlegen – und dann doch noch etwas daran ändern?“

Hannas sah in die wilden, leuchtenden Augen des Kindes, dann senkte er den Blick auf seine Sandalen und schritt zur Steinbank am Brunnen in der Mitte des Hofes. Bevor er sich setzte, befahl er:
„Die Leute sollen den Hof räumen, dann schließt das Tor!“
Die Tempelwache drängte die Touristen hinaus. Hannas bat die Wache, das Tor von außen zu schließen, und wandte sich wieder an das Kind:
„Warum rede ich überhaupt mit dir?“
„Weil du mich liebst?“
„Die Vollkommenheit Gottes bedeutet nicht, dass er sich der Logik entzieht, sonst könnten wir nicht über ihn sprechen. Er ist vollkommen in der Logik, und das heißt: er kann nicht zugleich allwissend und allmächtig sein, aber, mein Kind, das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass Gott nicht zugleich Nicht-Gott ist.“
Herrisch fuhr er die Schriftgelehrten an, die zu murren begonnen hatten:
„Mehr bedeutet es nicht!“
Er winkte das Kind heran und forderte es auf, sich neben ihn zu setzen. Das Kind folgte dem Wunsch des Hohenpriesters, der es fragte, als es sich neben ihn gesetzt hatte:
„Wissen deine Eltern, wo du dich aufhältst?“
„Meine Eltern sind auch nicht allwissend, aber sie werden lernen, mich zu finden.“
„Ich hoffe nur, in deinem und meinem Interesse, dass es bald geschehen möge und dass du keine weiteren Fragen stellst.“
„Kann ich alle Rätsel lösen?“
„Du nicht.“
„Kann er?“
„Du meinst, ob Gott alle Rätsel lösen kann? Ich denke ja. Er löst alle Rätsel, die du ihm vorlegst, du oder einer von uns oder sonst wer.“
„Er kann aber keine Rätsel erfinden, die er nicht lösen kann.“
„Mein Kind, diese Frage haben wir bereits erörtert.“
„Wir haben nur erörtert, dass ich nicht zugleich allwissend und allmächtig bin.“
„Da Gott vollkommen in der Logik ist, …“
Hannas zog das Kind zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr:
„… kann er nicht allmächtig sein.“
Ein Schriftgelehrter protestierte:
„Wir möchten gerne hören, was du flüsterst.“
„Ich habe dem Kind gesagt, es soll sich die Nase putzen.“
„Du darfst nicht lügen!“ rief das Kind, „er hat gesagt, Ihr ehrwürdigen Herren, ich sei nicht allmächtig.“
Die Herren lachten. Der Hohepriester Hannas schmunzelte.

Das Kind fuhr fort in seiner Fragerei:
„Habe ich die Welt erschaffen?“
„Nein, du hast die Welt nicht erschaffen, keiner von uns Anwesenden, außer vielleicht Ananias, der manchmal so tut, als hätte er es. Du wirst jetzt fragen, ob Gott die Welt erschaffen hat.“
Das Kind nickte und sagte:
„Ich habe so eine Ahnung.“
„Dann sprich.“
„Meine Mutter hat mich gelehrt, auf die Klugen zu hören.“
„Ich alter Mann habe gelernt: Der Weise spricht zuletzt, denn er muss ein Urteil fällen.“
Der Hohepriester blickte in die wilden, leuchtenden Augen des Kindes und wartete. Er nahm sich Zeit und schaute in die Runde, die sich behaglich zurechtgerückt hatte. Das Kind schwieg. Der Hohepriester kehrte sich ihm wieder zu, sah in die wilden, leuchtenden Augen und fragte:
„Bist du der Weise, der eine Entscheidung fällen muss? Soll ich darum anfangen?“
Das Kind nickte und entgegnete:
„Denn du bist der Klügere, allerdings lerne ich schnell, ich bin nicht auf den Kopf gefallen!“
„Das macht es so schwer. Wo war ich stehen geblieben? Ich fange am besten vorne an. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Lässt sich daraus folgern, dass er die Welt erschaffen hat? Manches Mal möchte ich, es ließe sich nicht daraus folgern, denn die Welt ist in einer üblen Verfassung, aber der Text lässt mir keine Wahl, denn was gäbe es noch in der Welt außer Himmel und Erde? Einen zweiten Schöpfer? Mehrere? Dann wäre unser Herr nicht der alleinige, und so müssen wir wohl in den sauren Apfel beißen, in den Apfel der Erkenntnis, dass Gott die Welt erschaffen hat. Auf den ersten Blick hatte sie ihm gefallen, aber dann erkannte er, dass sie missraten war. Etwas hatte er falsch gemacht – den Menschen.“
Der Priester Ananias beschwerte sich:
„Das kann der Kleine noch nicht verstehen, behellige das Kind nicht damit! Du solltest vorsichtig sein, auch des Kindes wegen, aber in erster Linie unseretwegen – und besonders deinetwegen.“
„Was willst du! Es steht in der Schrift. Er hat die Menschheit, die Tierheit und die Pflanzenwelt vernichtet, bis auf einen und dessen Familie und bis auf einige handverlesene Tiere. Die Menschen müssen ihm nicht gefallen haben.“
„Und warum haben ihm die Tiere und Pflanzen nicht gefallen?“ fragte das Kind.
„Die Sterne haben ihm gefallen.“
„Danach habe ich nicht gefragt! Sterne sind einfach zu machen. Aber bau du eine Fliege! Ich habe es probiert, als ich klein war, da habe ich versucht, aus einer toten Motte eine Fliege zu machen. Wenn es mir gelungen wäre, ich hätte sie nicht ersäuft oder erschlagen!“
„Warum haben ihm die Tiere und Pflanzen nicht gefallen?“ rief der Hohepriester in die Runde. Er wollte die gefährliche Diskussion auf seine Kollegen überwälzen, um sich etwas zu erholen. Das Kind war anstrengend. Er begann, es in sein Herz zu schließen, obwohl es ihm auf die Nerven ging. Jemand erklärte:
„Da er die Menschen umbringen wollte, außer Noah und seiner Familie, von der wir alle abstammen, brauchte er die Tiere nicht mehr. Der, den wir nicht nennen sollten, hatte die Tiere und Pflanzen zum Essen für die Menschen erschaffen und darum einige Tiere gerettet, damit Noah und seine Familie nicht zu verhungern brauchten.“
„Gefällt dir diese Antwort?“ fragte Hannas das Kind.
„Nein.“
„Nein?“
„Tiere haben Angst wie wir, sie freuen sich wie wir, sie fühlen Schmerzen wie wir.“
„Das hat der, den wir nicht nennen sollten, wohl nicht bedacht?“

Am Tor zum Außenhof wurde ein Scharren vernehmbar, dann pochte es. Man hörte Rufe. Das Kind ließ sich nicht beirren und antwortete:
„Er hat nicht darüber nachgedacht. Wenn ihm die Menschen, Tiere und Pflanzen wieder einmal nicht gefallen sollten, …“
Das Rumoren wurde drängender. Das Tor öffnete sich einen Spalt und wurde abermals zugedrückt.
„… dann sollte er nicht die vielen Menschen, Tiere und Pflanzen opfern, …“
Das Tor knarrte in seinen Angeln, wieder öffnete es sich einen Spalt, eine Wache zwängte sich in den Binnenhof und sagte demütig zu dem Hohenpriester, der den Redefluss des Kindes mit einem Handzeichen unterbrochen hatte:
„Draußen ist eine Frau, die will hinein, wir können sie kaum festhalten, sie lässt sich nicht abwimmeln.“
„… sondern“, rief das Kind, so dass der Hohepriester seine Hände auf die Ohren legte, überfordert von dem Schwall der Worte, „er müsste, damit die Menschen, Tiere und Pflanzen gerettet würden, …“
Herein stürzte eine Frau, riss sich von der Wache los, lief auf das Kind zu und schrie:
„Nein!!“
Und das Kind:
„… sich selber opfern!“
Die Frau presste ihre Hand auf den Mund des Kindes. Dann umarmte sie es, drückte es fest an sich. Sie blickte tränenüberströmt auf den Hohenpriester und stammelte:
„Ihr dürft ihm nichts tun! Er ist verrückt!“

Genervtes Anstehen für Liebe

von Dimil Stoilov (copyright)

Aus: EMPÖREND CHARMANT, RAUBGIERIG SCHÖN, Verlagshaus Hermes, Plovdiv, 1998

Als ich vom Ende der Schlange in der Bäckerei her meine eigene Stimme erkannte, hielt ich sie gerührt für eine Sendung im staatlichen Radio, die mein altes Radiogerät empfangen hatte. Bald machte die Rührung der Überraschung Platz: Die Stimme erhob sich bis zur Decke – wie ein zorniger, wütender Geist aus einer vor Jahren verschlossenen Flasche. Die Vitrinen vibrierten und feiner Staub schimmerte golden in der Mittagssonne.
„Es reicht! Legen Sie den Hörer weg! Beenden Sie dieses endlose Gespräch endlich!“ „Der Neffe…“
„Und der arme Kunde…“
„Er ruft aus Varna an…“
„Von mir aus kann er auch aus Neuseeland anrufen – legen Sie auf! Wir warten schon so lange! Ich verbringe mein Leben in Warteschlangen. In Warteschlangen, he-e-ey…“
Der verstummte menschliche Tausendfüßler wurde munter und rührte sich. Einige in der Schlange pflichtete mir bei, andere entrüsteten sich. Die Verkäuferin knallte den Hörer auf die Gabel und begann mit grimmigem Gesichtsausdruck, französische Baguettes zu verteilen. Plastiktüten, Nylonnetze und Stoffbeutel blähten ihre gierigen Bäuche auf und eilten nach Hause.
Ich brach den Brotknüppel in zwei Hälften und schleifte mich in meine Wohnung: ein schludriges Zimmer im zehnten Stock – eine Einzimmerwohnung. Für mindestens drei Fahrten versammelt, verfolgten geduldige Gesichter die Bewegung des Fahrstuhls an den aufleuchtenden Ziffern. Ich nahm die Treppe – trostvoll, weil ich die fällige Antiinfarkttablette genommen hatte.


Bevor ich mich auf mein Bett schmiss, legte ich die Schallplatte mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auf den vorsintflutlichen Plattenspieler auf – eines der wenigen Dinge, für die ich mir die Mühe gemacht und die ich aus meiner alten Wohnung mitgenommen hatte.
Die Versuche, den dummen Ausbruch in der Bäckerei zu analysieren, lehnten mich über stille Abgründe voller Verzweiflung, zerrissen mich zwischen objektiven Polen einzig vergangener Zeiten, schütteten vor mir haufenweise Menschen aus, die sich in eine Reihe aufstellten. Ja. Mein Leben war von Warteschlangen zernagt. Ein trauriger Fakt – wie der Felsblock des Sisyphos, der den steilen Hang meines Selbstbewusstseins hinauf gestemmt wird. Ja, mein Leben verfügte nicht über vier Jahreszeiten. Nur über eine – die Vergangenheit. In Warteschlangen. Verrückter Schweiß brach auf meiner Stirn aus. Glänzende Scheren eines Flusskrebses zwickten links meinen Brustkorb und suchten nach dem vor Angst erblassten Herzmuskel.
Ich konnte gerade noch die Pferde des Wunsches nach Kontakt mit dem Notarzt zügeln. Jede Viertelstunde schaltete ich die Nachttischlampe an, und der Daumen der einen Hand tastete instinktiv nach der Arteria radialis – mein Gott, was für Kenntnisse – der anderen Hand. Der Puls wollte verdammt noch mal nicht die sechzig Schläge übersteigen. Der Schlaf überging mich die ganze abgründige Nacht lang, und ich konnte nicht begreifen, ob er der Teufel, ob ich der Weihrauch war.

Ich blieb bis zum Morgengrauen wach und war Champion – der unbestritten erste Patient vor dem kardiologischen Sprechzimmer der Sechzehnten Poliklinik. Auf den Kästchen des Millimeterpapiers zeichnete die verrückte Schreibfeder eine ganz normale Herzlinie auf. Man schob mich ins neurologische Kabinett ab – ich hatte geahnt, dass mein Herz mir einen Streich spielen würde. Ein kleiner Doktor zielte nicht nur mit einem Metallhammer auf meine Knie, sondern bestand auch darauf, dass ich demonstrierte, wie mein Zeigefinger die Spitze meiner Adlernase berührte. Offensichtlich war auch das nicht genug, denn er kletterte auf einen Stuhl und starrte eindringlich in meine hervorstehenden Augäpfel, als vermisste er einen Knopf an seinem Hemd, das seine Brust entblößte.
Dann ging die Neugier auf die Geschichte der Herzschmerzen über, auf die Arbeit, die Lebensweise, sogar auf den Sinn des Lebens selbst. Meine Antworten passten zu einem Schüler, der soeben beim Rauchen auf der Toilette erwischt worden war, bis ich mich provoziert fühlte. Ob ich ehrgeizig sei. Ich konnte die verräterische Gesichtsröte nicht zurückhalten. Die Diagnose erklang grausam, ohne Einspruch, ohne Berufungsrecht.


„Natürlich schmerzt Ihr Herz, wie sollte es nicht?! Die Idioten haben sich in letzter Zeit vermehrt. Überall. Man kann sich unmöglich vor ihnen retten. Machen Sie sich dennoch nicht unnötig Gedanken, wenn Ihnen das überhaupt möglich ist. Ruhen Sie sich vollwertig aus. Treiben Sie Sport. Und gehen Sie öfter an die frische Luft.“
Das habe ich mir gemerkt. Der Rest war verwirrter und unverständlicher. Es gab irgendeine Kardioneurose, für die ich sowieso kein alltäglicheres Äquivalent mehr gesucht habe.

Noch am selben Tag reichte ich einen einwöchigen Urlaub ein, und wenige Stunden später deutete ich die Geheimschrift, die die Jahre in den Falten meiner alten Eltern hinterlassen hatten. Ihr verlegenes Lächeln irritierte mich. Sie hatten von der Scheidung erfahren. Die Gründe kannten sie nicht. Mit kindlicher Naivität warteten sie darauf, dass die Zeit reif würde, um sie zu erfahren. Ihre Augen verfolgten mich delikat und scheu, und der feuchte Glanz darin beunruhigte mich, denn ich hatte weder die Kraft, noch den Antrieb, ihn zu trocknen.
Wie sinnlos gekreuzigt lag ich auf den gemähten Weiden oberhalb des Dorfes. Ich versuchte, das Aroma von Minze, Oregano und Thymian zu erkennen; lauschte, wie Grillen klangvoll ihre Beinchen aneinander rieben; sah, wie Schmetterlinge, hingerissen von zufälligen Routen, mit farbigen Deltagleitern meinen Blick kreuzten. Aus den Schatten des Fichtenwaldes quoll nicht nur Frische, sondern auch der Duft von Himbeeren und Farn. Ich war bloß ein liegender Grashalm, und irgendjemand hatte Ohr, Auge und Nase auf mir vergessen.
Am dritten Tag beugte sich mein Vater über das Ohr. Er sprach leise, zögerlich, mehr zu sich selbst – als wäre er in eine Höhle geraten ohne zu wissen, ob die Dunkelheit mit einem Echo antworten würde. Schon lange habe er zwei Tresterfässer herumstehen, und er könnte es zwar allein machen, und er wollte mich auch nicht stören, aber er habe mich kopflos herumtrödeln gesehen. Er sei es nicht gewohnt, mich so entnervt zu erleben und nur wenn ich Lust hätte, dann könnte ich ihm helfen. Ansonsten würde er seine Arbeit auch selbst erledigen, es sei ja nicht viel, und schließlich hätte ich mich ja auch schon früher angeboten, nur nie den richtigen Moment erwischt, also wenn…
Ich legte das ab, was auf dem Grashalm liegengelassen worden war, und richtete mich auf.
„Das geht. Es wird mir eine Freude sein, es zu tun.“ Kaum merklich lächelte der Greis – es war bloß ein zaghaftes Zucken am linken Mundwinkel, doch ich war sicher, dass die stille Freude über die Kommunizierenden Röhren selbst auf meine Mutter übertragen würde.

Mit blauen Plastikeimern leerten wir die Fässer solange, bis es uns möglich war, sie in den Pferdewagen von Vanyo der Mirabelle, meinem Cousin dritten oder vierten Grades, den ich zyklisch alle neun Jahre zu immer wichtigen Anlässen neu kennenlernte, zu laden. Die abgeschütteten Trester gaben wir zurück in die Fässer und luden auch das Feuerholz ein – Äste und Wurzeln, wie schwarze, abgehackte Hände, übersät mit Ekzemen aus Flechten. Auch ohne die Chance, einen Blick von der Seite auf uns zu werfen, kam mir der Zug durch die Dorfstraßen komisch vor: ein Pferd mit kurzen Ohren und hervorstehenden Rippen, Vanyo die Mirabelle auf dem Pferdewagen mit den Fässern, und ich schleppe mich hinterher, die Hand auf dem hölzernen Karrenaufsatz. Jedem, dem wir begegneten, erklärte der Cousin ungefragt, umständlich und begeistert, dass ich ganz aus Sofia angereist sei, und da könne er doch nicht anders als helfen, schließlich seien wir ja verwandt, ein Blut, und bräuchten einander.
Die Schnapsbrennerei – ich kenne sie seit einhundert Jahren – liegt wie auf der Hüfte am Ufer des Dorfbächleins, umringt von Holunder und Brennnesseln. Das Gebäude ist morsch, die türkischen Dachziegel auf dem schiefen Dach sind schon lange bemoost, die Fenster – wie trüb gewordene Augen – störten wohl kaum noch jemanden mit ihren schmutzigen Scheiben. Drinnen, im alchimistischen Zwielicht, brodelte der schmale Raum mit drei Kesseln.
Wir luden die Fässer und das Brennholz aus dem Pferdewagen. Die Verhandlung mit dem Kesselschmied überließ ich der Mirabelle – er hätte es auch ohne meine Vollmacht getan. Längst schon hatte er meine intelligente Hilflosigkeit, die nach Schutz lechzte, enttarnt. Keine fünf Minuten später stand er vor mir, um mir zu versichern, dass alles geklärt sei; ich sollte warten, bis ich an die Reihe kam, und mir keine Sorgen wegen seiner Abwesenheit machen, denn er würde in der Zwischenzeit ein paar Dinge erledigen.
Nachdem die Leute auf der Bank vor der Schnapsbrennerei meine familiäre Zugehörigkeit geklärt hatten, schwelgten sie weiter in süßlichen Erinnerungen an Geschichten vor dem Tertiär, an Nachbarn, Schnäpse, Ernten, Erbschaften und Geld. Es stellte sich heraus, dass ich nach dem Oberst a. D. An der Reihe war, der äußerst männlich an verschiedenen Flaschen nippte. Auch mir reichten sie Flaschen, doch die Schlucke blieben irgendwo vor dem Rachen stecken. Weder im Gespräch konnte ich mich so öffnen wie die anderen, noch konnten meine Trinksprüche mit denen der ehemals militärischen Hoheit mithalten. Hier war ich ein fremder Mensch, so sehr ich mich auch anpassen wollte. Ich war ein zufälliger Mensch in der Schlange vor den Kesseln.

Ich fühlte mich einsam auf der Sitzbank. Meine eigene Dummheit rief eine Rührseligkeit herbei, die mich in die Vergangenheit zurückversetzte. Ich habe mein Leben in Warteschlangen verbracht, doch früher waren sie anders – menschlicher, mehr Intimität war in ihnen und Geduld.
Die Schlangen für Oliven waren schon ein ergreifendes Ritual. Kamen mal irgendwo etwas mehr Menschen zusammen, dann sagten wir: Sie stehen ja an, als warteten sie auf Oliven.
Der Krämerladen besaß eine wellenartige Blechrolltür, die sich nach Ladenschluss wie ein Lid senkte und auf der wir Kinder mit Stöcken erschütternde Symphonien darboten. Ein Funktelegraf verkündete: Die Oliven sind da – und das Geschäft wurde über Nacht friedlich belagert. Die Warteschlange ging um die Rolltür herum und bog sich am Zaun des Nachbarhofes entlang, von wo Dahlien hinaus lugten, die größer waren als Sonnen. Gewöhnlich standen Oma und ich an – wir waren die einzigen, die zu Hause blieben und diese Chance hatten. Man bekam ein Kilo. Wer mehr haben wollte, musste sich erneut anstellen. Tante Mitsa kam langsam wie ein weißes Schiff vom Ende der Straße näher und wurde größer und größer. Als sie den Laden erreichte, bückte sie sich ächzend, um das Vorhängeschloss aufzuschließen, und wir Kinder drängelten uns vor, um die Rolltür nach oben zu schieben.
Drinnen duftete es nach Minze, Bohnenkraut und Lorbeerblättern. Das Öl ruhte im Fass; die Bohnen, das Mehl und der rote Pfeffer füllten ganze Säcke, und der Joghurt lag in Aluminiumschüsseln und wurde mit einem riesigen Löffel geschöpft. In der Schlange tauschte man sich über die gesamte Stadtviertel- und Weltchronik aus: wer studiert, arbeitet, verdient wo, wer ist geboren oder hat geheiratet, wer ist nach Sofia oder ins Ausland gegangen – diejenigen, die es schafften und Erfolg im Leben hatten, waren ein begehrenswerteres Gesprächsobjekt als die Gescheiterten… Oma verließ das Geschäft aufgerichtet und zufrieden, mich an der einen Hand, und in der anderen das heilige Kilo Oliven in einer Papiertüte umklammert.
Abends versammelten wir uns alle am Tisch, schwarze Punkte umrahmten den weißen Schafskäse im Teller, ungeduldige Gabeln spießten diese beweglichen Äugelchen auf und es ging uns so gut, dass man sich wunderte, worüber wir uns so sehr gefreut hatten…
Die Warteschlangen waren anders. Früher waren wir Gefährten, jetzt sind wir Rivalen, früher – Freunde, jetzt – Feinde, früher waren wir eine warme, vertraute Einheit, jetzt – eine knurrende Mehrheit einsamer Inseln. Die Veränderung in mir habe ich nicht bemerkt, ich konnte mich nicht davor bewahren und eine Ausnahme sein. Nur für die Hand meiner Frau musste ich nicht in der Schlange stehen – wir kannten uns seit dem Kindergarten. Ich musste für Arbeit anstehen. Fünf Mal ging ich zum Wettbewerb, bis es ihnen zu peinlich wurde, sich vor mich zu drängen. Ich stand in der Warteschlange für eine Wohnung, ein Auto, einen Reisepass, eine Spezialausbildung, für Benzin oder gewöhnliches Essen… Ich wartete in der Schlange für eine Dozentenstelle am Lehrstuhl für Frühpädagogik. Wir waren zwei Kandidaten. Beide waren wir an der Reihe. Und dann stellte sich heraus, dass ich mich in eine zärtliche Warteschlange für glühende Liebe eingereiht hatte. Frina tauchte auf. Sie tauchte nicht einfach auf – sie brach herein. Ein Orkan. Nein! Drei Taifune zusammen. Meine Exfrau behauptete, dass einzig und allein die Fantasie mir den Pfauenschwanz eines banalen, universitären Vaudevilles verlieh. Sie verstand nichts von Warteschlangen…

„Jetzt lass mich mal von deinen Zigaretten probieren!“ Eine Narbe hatte das Kinn scheinbar nach links verschoben, das Gesicht – unrasiert seit mindestens vier Tagen, im verfilzten Haar – Stroh und Gefieder, und das Drillichhemd – seit Monaten nicht gewaschen. Muntscho. Das dachte ich, doch ich reichte ihm unbewusst die Zigarettenschachtel „Victory“. Er zog zwei Zigaretten heraus, stammelte ein „Dankeschön“ und entfernte sich mit seinen abgenutzten Badeschlappen, zusammengehalten von rostigem Draht. Weil er meine Verwirrung bemerkt hatte, klärte mich der Oberst a. D. Zügig auf: Das sei nicht Muntscho, sondern Strati, und ich sollte nicht so anspruchsvoll mit ihm sein, weil er nicht ganz dicht sei. Vor Jahren habe seine Geliebte in der Stadt geheiratet, und er habe sich vor Trauer in den Blauen Weiher oberhalb des Dorfes gestürzt. Er wäre beinahe ertrunken, wenn nicht irgendein Bengel seine hilflos ausgebreiteten Arme gesehen hätte. Er wurde gerettet, doch seitdem sei ihm die Narbe am Kinn geblieben. Er half dem Schnapsbrenner, um sich wenigstens die Getränke zu sichern.
Eine erschütternde Geschichte, doch auf den polierten Brettern der Bank regten mich weder Muntscho, noch Strati, und auch nicht seine Geliebte auf. Zum Trost ging der Oberst a. D. Weg, um den Kessel aufzufüllen, und ich blieb allein mit der Dunkelheit, die sich zuerst über die Brennnesseln und den Holunder ergoss, und danach die Straße und die Häuser umarmte. Ich kehrte zurück zu den drei Taifunen und den Warteschlangen, die sich in meinem Leben niedergelassen hatten.
Als die Wissenschaft meine Studenten hatte ermüden lassen, fragte ich sie, ob sie die These annehmen würden, dass der Ehebruch das Familienglück dauerhafter macht. Einige waren dafür, andere dagegen. Frina war kein Seitensprung. Als ich begriff, in was für eine lange Schlange ich mich eingereiht hatte, bis ich endlich an der Reihe war, mich an ihr zu erfreuen, tat es nicht weh. Wenn es einen Schmerz gab, dann rührte er vom perversen Wunsch her, derjenige zu sein, der ich immer sein wollte, es aber nie geschafft hatte.
Was büßte Frina schon von ihren Reizen ein, nur weil sie sich einen vorläufigen Plan erstellt hatte? Ist es nicht eher Geschicklichkeit? Erfordert es keine Fähigkeiten? Die Fähigkeiten einer Prostituierten, hatte meine Frau bei der letzten Gerichtsverhandlung unseres Scheidungsprozesses verkündet. Sie verstand das nicht…
Frina winkte vor meinem Auto an einem äußerst düsteren und ausgiebig regnerischen Tag. Alles war perfekt kalkuliert. Ich musste einfach anhalten. Ich musste sie hineinbitten. Ich konnte nicht schweigen. Ich bin kein mürrischer Mensch, schon gar nicht, wenn die Scheibenwischer rhythmisch und eintönig die Wasserstrahlen von der Windschutzscheibe vertreiben, und über das Gesicht des Mädchens Regentropfen statt Tränen rinnen. Ganz zufällig stellte sie sich als Studentin heraus. Ganz erstaunlich – Frühpädagogik. Ich war nicht überrascht – ich war schockiert, als wir uns nach einem einstündigen Gespräch bereits im Auto liebten und der Absatz ihres Schuhs gegen die Autoscheibe klopfte. Ich bildete mir ein, dass ich mit Heldentaten den konkurrierenden Kandidat-Dozenten überholte, für den die studentische Folklore keine Don Juan-Geschichten schonte. Im Auto kam meine sexuelle Stärke Tarzan gleich. Frina war fähig sogar Zeus aus mir zu kreieren. Wir schlüpften in ihr Studentenzimmer, um uns zu lieben – ihre Mitbewohnerin war natürlich abwesend.
Einen Monat später teilte ich meiner Frau mit, dass ich ausziehen würde. Für immer. Ein für allemal. Das Haus und die Kinder würde ich ihr überlassen. Ich war grandioser als King Kong. Großartig war ich. Wie Strati.
Ich erkannte sofort, dass meine Frau mich immer daran gehindert hat, meine wahren Fähigkeiten zu entfalten – nicht nur mit ihren Ambitionen, sondern auch mit ihrer Unterdrückung. Sie hatte tagelang meine Träume kastriert.
Am nächsten Tag, als ich in die Einzimmerwohnung im zehnten Stock eingezogen war, begann ich, ein Lehrbuch über Methodik zu verfassen. Eine Sache, für die ich lange Zeit Materialien gesammelt und Pläne skizziert hatte, um mit der Arbeit anzufangen. Frina las die noch warmen Seiten mit Interesse. Sie erfasste die Nuancen, förderte die erschaffenen Texte, vergötterte mich. Ich stand nicht mehr nächtelang zur Strafe in der Ecke der Einsamkeit. Unser Kampf im Bett oder auf dem Fußboden – stürmisch, erregend und wonnig – endete stets ohne einen Sieger. Ich erinnere mich an ihre Hand – übermütig, sie ergründete den Kitzel in den Ohrwindungen, spazierte durch den Dschungel der Brust und sank immer ungeduldiger und verspielter zur erhitzten Oberfläche des Äquators. Wegen dieser Schlangenhand würde ich mich sogar opfern und Akademiker werden.
Meine Frau verhielt sich erstaunlich ruhig und würdevoll beim Scheidungsprozess. Sie verlor nur einige nicht besonders zärtliche Worte über Frina. Nach der letzten Gerichtsverhandlung gingen wir ins Café neben dem Theater „Träne und Lachen“, um wie alte Freunde einen Kaffee zusammen zu trinken.
Eine Woche später verließ mich Frina. Banal. Ich würde weniger leiden, wenn sie es nicht getan hätte, um ein Familiennest mit meinem Kollegen zu bauen. Zwischenzeitlich war es ihm gelungen, mich in der Schlange für eine Dozentenstelle zu überholen.
Ohne eine sichtbar logische Verbindung, wahrscheinlich noch immer gerührt auf der Sitzbank vor der Schnapsbrennerei sitzend, erinnerte ich mich an längst gelesene Verse: „… wie unberittene Pferde galoppieren Gestalten und Gedanken… weiße und schwarze…“ Es würde mich nicht wundern, wenn ich sie laut ausgesprochen hätte, da ich nicht bemerkt hatte, dass Strati nähergekommen war.
„Was sagste? Aber deine Zigarettchen sind gut.“ Sofort hielt ich ihm die Schachtel „Victory“ hin. „Danke. Als wir heimlich Waffen über das Mittelmeer verschifft haben, habe ich auch längere geraucht, aber deine schmecken auch gut.“ Offensichtlich hatte er vor, mein Interesse mit einem gediegenen Bestseller zu wecken, der dem Schmuggelhandel gewidmet war – nicht ahnend, dass ich Bescheid wusste: Seine längste Route reichte bis zur Stadt mit der ehemaligen Geliebten. Der Mangel an Neugierde ärgerte ihn und er fragte mich überraschend: „Was hast du da eigentlich gemurmelt?“
Er sagte es so natürlich, als würde er Zigaretten aus der Schachtel nehmen, seinen vor Dreck verfilzten Kopf kratzen oder mit seinen instand gesetzten Badeschlappen über den Tonboden patschen.
„Über das Leben.“
Strati hielt eine Limonadenflasche in der Hand, hob sie an seinen Mund, trank einen Schluck und bot sie mir großherzig an:
„Was ist das Leben?“
Ich musste husten, als hätte ich mich an einem Bissen verschluckt. Es war nicht vom Schnaps. Ich klopfte mir selbst auf den Rücken, damit der Husten verging und ich einige Sekunden schinden konnte. Dass die Welt wie eine sich bewegende Materie in Raum und Zeit existierte, würde Strati wohl kaum beeindrucken. Er brauchte etwas ganz einfaches als Erklärung.
„Es ist das, was wir leben; das, was in uns und um uns herum ist…“ Ob er sich solche Fragen gestellt hatte, als sein Kopf auf dem Weg zum Grund des Blauen Weihers war? Warum er eine Antwort wollte, fragte ich bösartig und konnte ihm nicht verzeihen, dass er meine Vereinsamung gestört hatte.
„Lebe ich denn? Ist das ein Leben?“ Die Worte zwangen mich dazu, ihn anzuhören. „Du kannst das Haus auf den Kopf stellen und wirst keinen Krümel finden. Aber ich habe Mäuse. Große Mäuse, ellenlang, und sie halten mich für den Krümel, denn vorgestern, während ich schlief, hat eine mir in den Finger gebissen. Da, man sieht die Narbe noch! Wahrscheinlich wollen sie mich auffressen. Für sie bin ich das Leben, deren Leben. Was sagste?“
Er hatte mich festgenagelt. Ich verstummte. Muntscho, pardon, Strati, dieser verrückte Mensch mit schiefem Kinn und dreckiger Kleidung, dieser hoffnungslose Dorfsäufer stellte die gleichen Fragen, die mir in letzter Zeit keine Ruhe ließen. Lebte ich? Lebten wir? An welcher Schlange gesellschaftlicher Entwicklung standen wir an, dass uns die Verzweigungen und Windungen so müde machten? Warum fehlt uns die Kraft, uns die ganze Wahrheit einzugestehen? Ist es notwendig, stärkende Heilkräuter zu pflücken oder in der Schlange auf einen Bruchteil Wahrheit zu warten? Es ist elementar: Um zu leben, muss ich mich bewegen. Bewegte ich mich? Die Bewegung verlangt nach einem Ziel und nach Hoffnung, dass du es erreichen wirst. Und Liebe, menschliche Nähe und Illusionen. Frinas Verschwinden ist kein Verlust, sondern eine Bereicherung, und ich werde weder den Grund des Blauen Weihers erkunden, noch werde ich den Mäusen der Verzweiflung erlauben, an mir zu nagen. Zunächst werde ich das Lehrbuch beenden, dann werde ich eine Studie über die aktive interdisziplinäre Lehre vorbereiten – ich habe schon eine Absprache mit einem Verlag getroffen. Es würde mich nicht wundern, wenn sich auch eine neue Dozentenstelle ergeben würde, und außerdem gibt es nicht nur in Sofia Universitäten.

Damals, auf der Sitzbank, hatte ich mich fast mit Strati identifiziert, als ich zu sprechen begann. Mir war bewusst, dass ich lauter Unsinn schwatzte, doch ich musste mich mit Zuversicht vollpumpen, um fortzufahren. Ich musste mir zuflüstern, dass ich nicht nur für mich selbst und für die Einzimmerwohnung im zehnten Stock unerlässlich war, sondern ich wünschte mir, dass das eine oder andere Wort auch zu Strati übersprang, denn er war ich.
„Weißt du was du brauchst? Ein weißes Pferd.“ „Ein weißes Pferd?“
„Ja, ein weißes Pferd brauchst du, und zwei Schichten neue Kleidung. Die eine für Feiertage, die andere für Werktage. Das, was du anhast, musst du verbrennen, um dich von der Vergangenheit zu trennen. Die festlichen Kleider müssen weiß sein, und einen weißen Sombrero besorgst du dir, wie in den argentinischen Filmen. Wo du auch hingehst, werden dich alle kennen und sich an dich erinnern. Wenn du das Dorf am einen Ende betrittst, wird sich schon am anderen Ende herumsprechen, dass jener mit dem weißen Pferd und dem weißen Sombrero gekommen ist… Die Leute werden sich über dich freuen…“
„Ein weißes Pferd sagst du?“
„Ganz genau – weiß.“
Einige Male ging Strati von mir weg und kam erneut zurück. Warum, fragte er, sei gerade ein weißes Pferd nötig? Gehe nicht auch ein anderes?
Jetzt sei es ohnehin schwer, an ein Pferd heranzukommen – das kostet viel Geld! Und die Kleidung? Die auch. Und das Pferd braucht noch Heu, also noch mehr Geld. Es stimmte schon: Wenn er das Pferd einmal hätte, dann könnte er hier und da was transportieren, mal einen Hof umpflügen oder etwas anderes erledigen – und dann würde das Geld von allein fließen. Selbst wenn er es sich geliehen hätte, würde er es schnell zurückzahlen können. Die Leute würden ihn kennen und nach ihm verlangen. Ich hätte recht, aber dennoch müsste diese tolle Sache gut durchdacht werden: Welches Sattelzeug sollte es sein, wo sollte das Heu lagern, und wie sollte er die Mäuse vertreiben… Ich war ganz und gar Strati – ich hatte sogar Gift: orangefarbene Reiskörner gegen Mäuse vom Gesundheitsamt …

In diesem Moment erbebte die Schnapsbrennerei. Ein Knall erschallte, als sei in Baikonur das nächste Raumschiff gestartet. Strati schoss durch die klaffende Tür, ich folge ihm instinktiv trotz des Schreckens. In drei heldenhaften Schritten erreichte er den Kessel, wo der Oberst a. D. Verwirrt hockte, und durchmengte mit hastigen Bewegungen das Holz darunter. Dann langte er ebenso schnell und abrupt in den Spalt seiner Drillichhose, und ein dicker Druckstrahl ließ die Holzscheite aufpfeifen. Eine Dampfwolke stieg auf und es roch nach Ammoniak. Strati schüttelte die letzten Tropfen ab, dann zog er sein Drillichhemd aus, hob den Kupferdeckel auf, der seitlich herum rollte, und setzte ihn auf den Kessel. Dann warf er noch irgendeinen Lappen darauf und setzte sich – zu meiner allergrößten Überraschung, aber auch unerwartet für den Oberst a. D., der langsam nüchtern wurde, und für die anderen Männer darin – obendrauf. Niemand wagte es, auch nur ein Wort zu sprechen, denn der Deckel konnte jeden Augenblick wieder an die Decke fliegen. Strati hatte sich wie auf einem Pferd niedergelassen und lächelte erst dann, als durch den Hahn wieder einige Schnapstropfen tränten…
Wenige Minuten später mussten wir diesen seltsamen Reiter auf den Händen zum Feldscher tragen. Sein Hintern war verbrannt und seine Beine angesengt. Obwohl er Schmerzen hatte, strahlte er übers ganze Gesicht, seine Pupillen weiteten sich, als galoppierte jemand darin…

Schon drei Monate lang gehen meine Exfrau und ich gemeinsam ins Theater und ins Kino; zwei Mal haben wir sogar im ungarischen Restaurant zu Mittag gegessen. Vermutlich kommen wir wieder zusammen – für die Kinder ist das besser so. Ich beende gerade das Lehrbuch; nebenberuflich werde ich auch in der Plovdiver Universität unterrichten. In letzter Zeit nerven mich die Warteschlangen nicht mehr, als würden sie immer kürzer und ich käme immer schneller an die Reihe, aber ich mache mir nicht die Mühe herauszufinden, ob das tatsächlich so ist oder nur Einbildung. Ob ich es wohl versäumt habe, mich bei jemandem zu bedanken?

Oben offene, aber unten miteinander verbundene Gefäße (A. d. Ü.) Verweis auf Muntscho in Ivan Vazovs „Unter dem Joch“ (A. d. Ü.) Stadt im südlichen Kasachstan (A. d. Ü.)
Sog. Handwerksarzt beim Heer; auch ungelernte Landärzte (A. d. Ü.)

Die Maus im Haus vom Nikolaus

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Dass Nikolaus der Bischof von Myra war, weiß ja jedes Kind. Selbst dass Myra am Mittelmeer liegt, und zwar in einem Land, das heute Türkei heißt, hat sich herumgesprochen. Und jedem scheint klar zu sein, dass Nikolaus auch ein Haus besaß, das er mit seiner Frau und einer Handvoll Kindern bewohnte. Stimmt was nicht? Ach, Bischöfe haben keine Kinder? In der Spätantike und im frühen Mittelalter durften Bischöfe noch heiraten und Kinder haben. Warum das jetzt nicht mehr so ist? Wer das wüsste! Vielleicht, weil Kindererziehung anstrengt und Frauen so viel reden. Aber das kann es eigentlich nicht sein, denn Männer quatschen auch den ganzen Tag in ihr Scheiß-Handy (Entschuldigung). Also, wir wissen es nicht. Deshalb schick eine Mail an irgendeinen Bischof, zum Beispiel an den Bischof von Wuppertal-Vohwinkel, und schreib ihm, ich hätte gesagt, der Bischof von Myra sei verheiratet gewesen, und frag ihn, warum er nicht heiratet. Zugegeben, das ist eine aufdringliche Frage, die man vielleicht nicht stellen sollte. Allerdings glaube ich, dass Bischöfe heutzutage prinzipiell nicht heiraten. Und das Prinzipielle ist öffentlich. Also frag ruhig! Schreib: Exzellenz! So wird nämlich ein Bischof oder Weihbischof angesprochen. Kennst du übrigens den Witz vom Weiberzoff? Ach, der ist zu albern. Also guut!

Elisabeth kommt von der Schule nach Hause und berichtet, die Reli-Lehrerin habe vom Weiberzoff im Frauenklo gesprochen. Elisabeths Mutter ans Telefon und die Rektorin angerufen! „Geben neuerdings die Grünen und die Linke den Religionsunterricht an Ihrer Anstalt oder ist das noch die Katholische Grundschule, was?“ Die Rektorin giftet zurück: „Ja, das ist immer noch die KGS, obwohl 60 Prozent der Kinder mohammedanisch sind, aber die restlichen 39 Prozent sind dafür doppelt so gut katholisch!“ Später stellt sich heraus, dass die Ordensschwester erzählt hat, es sei der Weihbischof im Frauenkloster gewesen (um die neue Wetterfahne einzusegnen). Das fehlende eine Prozent? Das sind drei Kinder: ein Jude aus Frankfurt, ein Animist aus Kenia und ein Atheist aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Wenn drei Kinder ein Prozent ergeben, wie viele Kinder sind in der Schule? Na? Na? 300. Genau! Protestanten? Nein, Protestanten gibt es an der KGS nicht, abgesehen vom Hausmeister, der ist Protestant. Der soll einmal gegen Niedriglöhne protestiert haben.

Wo sind wir stehengeblieben? Bei dem Brief. Also du schreibst den Brief und fragst, warum Bischöfe nicht heiraten dürfen. Früher jedenfalls durften sie es, und in Zukunft werden sie es auch wieder dürfen, da bin ich mir sicher. Nikolaus, der Bischof von Myra, hatte geheiratet und bewohnte mit seiner Familie ein Haus, zwar keine Villa, auch kein Palais wie unverheiratete Bischöfe, aber immerhin ein zweistöckiges Gebäude auf einem Speditionshof. Denn Nikolaus war auch ein Spediteur, also jemand, der heute Trucks, Waggons oder Container-Schiffe besäße oder mieten würde, um Waren zu transportieren, die sich bekanntlich, trotz ebay, noch nicht durch das Internet verschicken lassen. Eines Tages (wenn Bischöfe wieder heiraten dürfen) wird man auch das können, dann aber braucht der Spediteur einen „Beamer“ und einen verdammt guten Ingenieur wie Scotty von der ´Enterprise´, der einen solchen Beamer bedienen kann. Dass Nikolaus auch Spediteur war, wissen wir spätestens seit dem weltberühmten Roman ´Nikolaus, der Mann aus Myra´ des allseits bekannten Schriftstellers – jetzt fällt mir der Name nicht ein.

Was ist denn nun mit der Maus in der Überschrift?! Von der war nämlich noch gar nicht die Rede, obwohl es niemanden überraschen sollte, dass auf einem spätantiken Speditionshof mit seinen Kamelen und Mulis auch Mäuse lebten. Wo Futter angeboten wird, da sind Mäuse, kein Wunder. Das ist das Stichwort! Wunder. Gibt es die überhaupt? Der Frage nähern wir uns ganz behutsam. Am besten, ich fange mit den Kornspeichern an, die ein römischer Kaiser in Myra hatte bauen lassen, um einer Hungersnot vorzubeugen oder seine Soldaten zu versorgen, wenn die Infanterie durch Myra marschierte, die Kavallerie durch die Stadt geritten kam oder die Marines im Hafen anlegten.

Damit die Mäuse nicht das Korn fräßen, musste der Stadtrat von Myra Vorkehrungen treffen, die es den Nagern erschwerten, in die Speicher einzudringen. Vielleicht standen die Kornspeicher auf Stelzen mitten im Wasser, in einem Teich, den auch die Feuerwehr benutzte. Eine Maus hätte also zu den Stelzen schwimmen und daran hochkraxeln müssen. Damit ihr das nicht gelänge, hatten die Kornspeicher-Zimmerleute tellerförmige Steine zwischendurch angebracht, so konnten die Mäuse nicht weiter klettern, es sei denn, sie hätten sich angeseilt und wären wie Bergsteiger an dem Überhang entlang gehangelt. Es kann sein, dass Mäuse, die in der Schweiz geboren wurden, zum Beispiel in St. Niklaus im Oberwallis, solche Fähigkeiten besitzen. Aber am Mittelmeer? Da können die Mäuse windsurfen oder segeln, aber das Alpine beherrschen sie nicht. Trotzdem, um ihnen auch noch die letzte Chance zu rauben, hatte die Stadtverwaltung von Myra ein Übriges getan und Katzen angestellt, deren Aufgabe es war, Tag und Nacht, meistens nachts, rund um das Wasser zu tigern und den Mäusen Angst einzujagen.

Fassen wir zusammen: Eine tapfere Maus hätte sich an den Katzen vorbeischmuggeln, über den Teich schwimmen, an den Stelzen und um die Teller-Steine herum klettern müssen, damit sie ins Paradies käme. Dort wäre sie, wenn alles geklappt hätte, Zeit ihres Lebens geblieben und selig gestorben (denn eine so riskante Reise macht man nur einmal). Das war den myraner Mäusen natürlich bekannt. So etwas sprach sich herum. Keine wollte sich mit einer Katze anlegen oder einen breiten Teich überqueren. Um also an das begehrte Korn zu kommen, hatten sich die cleveren Mäuse etwas anderes ausgedacht. Sie versammelten sich im Hafen und schauten nach Schiffen aus, die Getreide bunkerten oder löschten. Wenn sie ein solches Schiff gefunden hatten, liefen sie über die Festmacher (das sind Trossen, mit denen man Schiffe an der Pier festmacht) bis zu einer offenen Verladeluke. Dort fanden sie dann, wenn sie Glück hatten, was sie suchten und wurden auf diese Weise zu Schiffsmäusen.

In Hungerszeiten sah es auch für die Mäuse schlecht aus. Da war Schmalhans Küchenmeister, und die Mäuse mussten ihren Gürtel enger schnallen. Es hätte sich auch kaum gelohnt, an den Katzen vorbei zu einem Speicher zu schwimmen. Just in einer solchen Hungersnot hatte Nikolaus, um hungernden Menschen zu helfen, bei dem Reeder Anarchos ein ausgemustertes Schiff geliehen, das für den Überseehandel zwar ungeeignet, aber für den Küstenverkehr noch tauglich war. Mit Spendengeldern konnte er Weizen billig einkaufen, denn die Bauern wollten sich von den Preisdrückern der Armee, die Getreide requirierten, nicht übers Ohr hauen lassen. So wurde das Schiffchen von Nikolaus voll. Die Mäuse hatten aufgepasst. Einigen von ihnen gelang es nämlich, an Bord zu klettern und zusammen mit dem Bischof in See zu stechen.

Unter den Mäusen war eine, die hieß Mus Domesticus. Das ist ungefähr so, als würde ich jemanden mit Dr. Homo Sapiens ansprechen, womit ich nicht mehr gesagt hätte, als dass der Herr Doktor ein weiser Mensch ist. Mus (wir nennen den Mäusemann beim Vornamen) spazierte oder lief, je nachdem, wie es ihm zumute war, auf dem Deck hin und her, denn er war eine kecke Maus, aber die Geschichte, dass er Seeräuber vertrieben haben soll, ist eindeutig gelogen.

Als Seeräuber das Schiff geentert hatten und die Besatzung der ´Mondstraße´ (so der Name des Schiffes von Nikolaus) herumkommandierten und ihnen befahlen, sie sollten alles herausrücken, was ihnen lieb und wert sei, da rannte Mus von der Ladeluke zum Hauptmast und kletterte einem Seeräuber, der zufällig dort stand, an seinem linken Bein hoch (oder an seinem rechten). Der schrie wie jemand, der Angst hat, dadurch erschraken die anderen Männer und auch Mus. Er fiel auf die Planken und lief über Deck, erst in die eine, dann in die andere Richtung. Die Piraten gerieten in Panik, sprangen über die Reling und schwammen zu ihrem Piratenschiff zurück. Aber wie gesagt: schlecht gelogen. Man kann über Seeräuber vieles sagen, auch was sie nicht gerne hören, aber so feige sind sie nun auch wieder nicht. Obwohl: gehört viel Mut dazu, beispielsweise ein Kreuzfahrtschiff zu überfallen? Sprich in der AG mit deinem Lehrer darüber, wie man am besten ein Kreuzfahrtschiff kapert! Es würde sich lohnen, denn die Passagiere sind keine Hartz-IV-Empfänger. Darauf möchte ich eine Wette abschließen.

Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: Das Schiff des Spediteurs und Bischofs Nikolaus brachte Getreide von Myra in das Erdbebengebiet von Kilikien, wo Wohnungsnot herrschte und der Hunger ausgebrochen war. Dass Nikolaus überhaupt hatte Weizen kaufen und die ´Mondstraße´ damit hatte füllen können und dass er damit ungeschoren über das Mittelmeer gesegelt war, das nennt man das Weizenwunder, denn dieses Unternehmen wurde nicht nur durch Glück begünstigt, sondern vor allem durch die Mildtätigkeit der Spender und durch die Tatkraft des Bischofs und seiner Leute. Woraus man lernt, dass einem Wunder nicht in den Schoß fallen. Sie sind nicht das Resultat von Hokuspokus, Räucherstäbchen und Weihrauch, auch nicht von Gebeten allein. Es heißt nämlich: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott. Anders ausgedrückt: Wer eine Prüfung schwänzt, wird keine Prüfung bestehen. Das könnte selbst der liebe Gott nicht bewerkstelligen, denn auch er ist nicht allmächtig. Soviel zu Wundern im Allgemeinen, und jetzt zurück zur Maus.

Mus ist nicht in Kilikien geblieben, obwohl er dort nach der Weizenlieferung satt geworden wäre, nein, er hatte sich auf der ´Mondstraße´ einen Vorrat angelegt und ist auf das Schiff zurückgekehrt, aus keinem anderen Grund als wegen der blinden Schiffskatze namens Felicitas, mit der er sich angefreundet hatte. Es gibt nämlich eine alte Regel auf Schiffen, eine Regel, die sich bis in die Gegenwart erhalten hat: Sehende Katzen jagen Mäuse, egal, ob diese jung oder alt, fromm oder frech sind, hingegen blinde Katzen brauchen keine Mäuse zu jagen. Das Besondere an Felicitas war, dass sie nie seekrank wurde, wie sonst die Katzen. Wenn der Wind pfiff und die Wellen mit dem Schiff kegelten, fühlte sie sich wohl, sie lag im Achterhäuschen und schnurrte. Nur dem Mus wurde dann blümerant (und auch der Nikolaus hatte schon einmal über die Reling gekotzt).

Als Nikolaus mit dem leeren Weizenschiff wieder in Myra anlegte, klemmte er sich die blinde Katze unter den Arm. Er stolperte, weil er Mus, der bei Felicitas lag, nicht tot treten wollte, und fiel hin. Da saß er auf den Planken, die Katze im Arm, rieb sich den Hintern und blickte in die Knopfaugen von Mus Domesticus, der nicht wusste, soll ich lachen oder weinen, soll ich fliehen und Felicitas im Stich lassen oder bleiben, damit mich der ungeschickte Mann womöglich noch totschlägt! Während Mus darüber nachdachte und mit einer für ihn günstigen Entscheidung rang, packte ihn der Nikolaus am Schlafittchen und steckte ihn in seinen Brotbeutel, den er am Gürtel trug. Dann rappelte sich der Bischof auf, ging zum Hafenamt, checkte ein und machte sich auf den Weg nach Hause zu seiner Frau und den Kindern. Die blinde Katze hockte ihm auf der Schulter, die Maus horchte im Brotbeutel nach Geräuschen, die ihr vielleicht verrieten, wohin die Reise ging. Zur Spedition. Dort angekommen, sagte Nikolaus zu den Kindern: „Ich habe euch ein Geschenk mitgebracht.“ Er entließ Mus aus seinem Gefängnis und die Kinder schrien: „Eine Maus, eine zahme Maus, das ist ein wunderbares Geschenk, darauf haben wir gewartet.“ Und Zenia, die Frau vom Nikolaus, bestätigte das: „Darauf habe ich gerade noch gewartet!“

Dein Einwand, ich hätte die Geschichte, wenn sie denn überhaupt eine ist, ebenso gut ´die Katze im Haus vom Nikolaus´ nennen können, ist so falsch nicht, aber ´die Maus im Haus vom Nikolaus´ klingt verrückter und trifft auch des Pudels Kern, weil in dieser Geschichte (wenn sie denn eine ist) mehr von Mäusen als von Katzen gesprochen wird.

Besuch von Harry Eppendorf

von Paola Reinhardt (copyright)

Alida schreckte an diesem Morgen mit einem kurzen Schrei aus ihrem Traum hoch, der sie minutenlang mit einer alten Bahnhofsuhr konfrontiert hatte. Der überlaut tickende große Zeiger war kurz vorher mit einem gewaltigen Gongschlag auf die Zwölf gesprungen und hatte sich dabei demonstrativ über den kleinen gelegt, der bereits dort stand.
Ein Traum, es ist ja nur ein Traum, dachte Alida erleichtert, als sie ihr Daunenlaken in den Händen spürte, an das sie sich noch immer festgeklammert hielt. Ihr Herz klopfte so stark, als wollte es durch die Haut springen. Völlig benommen stand sie auf, zog die Jalousien hoch und sah, wie sich die Sonne langsam durch ein diffuses Wolkengebilde ihren Weg bahnte. Noch gelang es ihr nicht, ihr volles Licht zu entfalten. Aber es würde ein schöner Tag werden, das konnte man schon jetzt sehen.
Alida ging zu ihrem Bett zurück, setzte sich aufrecht vor das hinter den Rücken geschobene Kopfkissen und begrüßte den frühen Morgen mit einem antrainierten Lächeln, das ihr heute allerdings schwer fiel. Papier und Kugelschreiber für ihre täglichen Morgenseiten lagen griffbereit auf der Konsole neben dem Doppelbett, von dem die eine Hälfte seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr benutzt wurde. Ein Umstand, den Alida allerdings nicht bedauerte. Daher hegte sie auch nicht den Wunsch, dies in absehbarer Zeit zu ändern.
Mit ihrer schwungvollen Schrift setzte Alida an den oberen Rand des Papiers das aktuelle Datum: 10.7.2008. Darunter schrieb sie in großen Buchstaben: Träume sind Schäume! Dann unterstrich sie diesen Satz und setzte ein dickes Ausrufzeichen dahinter. Anschließend begann sie sich alles von der Seele zu schreiben, was ihr gerade so einfiel und sie dazu verdammt hätte, mit angehäuftem Seelenmüll in den neuen Tag zu starten.
Scheiß-Traum! Ich weiß beim besten Willen nicht, was er zu bedeuten haben soll! Am besten, ich vergesse ihn. Also weiter im Text: „Das erste Vogelkonzert ist zu Ende. Schade. Die Gefiederten legen gerade eine Pause ein. Die Rotbuche müsste unbedingt im Wuchs gestutzt werden, sonst ragt sie zu sehr aus der Hecke Gruppe heraus. Man könnte meinen, sie wäre bevorzugt gedüngt worden. Haha! Das Rasenschneiden werde ich wohl auf den Abend verschieben müssen. Das Gras ist noch nass vom Tau. Ob mein Verleger wohl endlich das fällige Honorar für meinen letzten Roman überwiesen hat? Es ist Anfang Juli und die Abrechnung ist seit März überfällig. Hoffentlich hat der Verlag keine Insolvenz angemeldet. Auf meinem Konto sieht es zurzeit echt mies aus. Ich könnte wirklich jeden Cent gebrauchen. – Aha, jetzt geht das Vogelkonzert anscheinend doch weiter. Allerdings so leise, als wollten die Gefiederten die Nochschläfer kurz vorm Klingeln ihrer Wecker nicht stören. Was bewegt manche Menschen bloß dazu, so lange in den Betten liegen zu bleiben? Ich bin immer heil froh, wenn die Nacht vorbei und es endlich draußen wieder hell wird!“ Auch dahinter setzte Alida ein dickes Ausrufzeichen.
Jetzt unterbrach sie den Schreibfluss und trank einen Schluck Wasser aus dem bauchigen Glas, das neben dem Papierstapel stand. Es war inzwischen lauwarm geworden. Aber bestimmt gesunder, als eiskaltes Wasser auf nüchternen Magen. Ihren roten Lieblingskugelschreiber noch in der Hand, mit dem sie im Laufe der letzten Jahre schon einige Morde begangen hatte, reckte und dehnte sie sich nun erst einmal ausgiebig. Auf einmal war mit dem Gongschlag zwölf dieser Traum wieder präsent, als sei sie gerade erst daraus erwacht.
Alida erschrak. Sollt er vielleicht doch eine Bedeutung haben? Ach was, sie glaubte weder an Horoskopen noch an Hellseherei, auch nicht an Vorahnungen. Alles, womit sie diesen Traum in Verbindung bringen konnte war dieser Western mit Grace Kelly und Cary Cooper: Zwölf Uhr mittags. Sie hatte ihn mindestens drei Mal gesehen. Aber nicht gestern Abend.
„Schluss aus! Man darf sich nie zu lange bei einer Frage aufhalten, die man nicht lösen kann. Das verdirbt einem die Laune“, sagte Alida und sprang aus dem Bett Selbstgespräche gehörten seit langem zu ihrem Alltag, genauso wie die selbst gewählte Einsamkeit. Jetzt begannen die Routinearbeiten des Alltags: Kaffee kochen, Brötchen vom Gesterneinkauf aufwärmen, Tisch decken, Blumen gießen, frühstücken, die regionale Tageszeitung lesen und die drei Sudoku Rätsel darin lösen. Pünktlich um sieben Uhr würde sie, wie an jedem Morgen, an ihrem Schreibtisch sitzen und auf gute Einfälle für ihren neuen Krimi warten. Dieses Mal wollte es einfach nicht so recht voran gehen. Die ersten hundert Seiten hatte sie schon etliche Male umgeschrieben. Wahrscheinlich steckte sie gerade in einer Schreibblockade. Das sollte sogar bei Top Autoren vorkommen.
Alida sprang aus dem Bett. Ihr Kugelschreiber landete dabei achtlos auf dem grünen Veloursboden neben den bequemen Gummischlappen in der kitschig rosa Farbe, die sie nie angezogen hätte, wäre sie neben einem Mann aufgewacht.
„Keine Angst, das passiert mir so schnell nicht wieder! Ich habe es schließlich mehrfach getestet und dabei herausgefunden, dass Männer und Treue einfach nicht zusammen passen.“ Sie lachte und ging nach nebenan ins Bad, um die Jalousien hoch zu ziehen. Die Nachbarin, etwa dreißig Meter von ihrem Haus entfernt, ebenfalls eine Frühaufsteherin wie sie, begutachtete bereits in ihrem Garten das Wachsergebnis der letzten Nacht bei den Salat-, Tomaten- und Erdbeerenpflanzen. Wie üblich trug sie dabei ihren nachtblauen Satinmorgenmantel. Ihr weißer Pagenkopf leuchtete durch das Grün des Spalierobstes. Sie war eine harmlose alte Frau, die schlecht sehen und hören konnte und ein ausgesprochener Fan ihrer Kriminalromane war. Alida lächelte.
Als das Wasser der Toilettenspülung unter ihr rauschte, entschloss sie sich, auch in den Wohnräume den Morgen hereinzulassen. Mit einem fast feierlichen Schwung ließ sie kurz darauf die beigefarbenen Stoffbahnen zur Seite rauschen. Alida liebte den Blick auf die Terrasse mit den rosa blühende Oleanderbäume, die während der momentan anhaltenden Hitzeperiode täglich gewässert wurden mussten. Daran schloss sich der Rasen mit der dichten Laubhecke im Hintergrund, die sie vor neugierigen Blicken schützte.
Die Morgenluft war noch kühl, aber rein wie der junge Tag. Alida machte ein paar Atemübungen, drehte sich danach zehn Mal nach rechts, dann nach links im Kreis herum und beschloss, dass ihre Morgengymnastik heute damit beendet sei.
„Ich gehe jetzt die Zeitung holen“, sagte sie in die Stille der Diele hinein, die sie im Anschluss daran durchquerte. Plötzlich stockten ihre Füße. Hinter den dicken Glasscheiben der Haustür stand ein alter Mann, der ganz offensichtlich zu ihr wollte. Seine Augen, halb verdeckt von schweren Lidern, sahen sie über die randlose Brille hinweg prüfend an, als wollte er sich vergewissern, ob sie auch die Person sei, die er suchte.
Alida blieb einen Meter von ihm entfernt hinter dem schützenden Holz der Tür stehen und betrachtete ihn eingehend: Sein dichter Bart zeigte über der Oberlippe noch die leichten Spuren einer früheren dunkleren Farbe. Die restlichen Barthaare waren grau und leicht gekräuselt, genau wie sein Kopfhaar, das oben schon leicht schütter wirkte. Es stieß im Schulterbereich auf den Sakkokragen seines schwarzweiß gestreiften Anzugs, dessen Qualität erkennen ließ, dass es sich bei dem Fremden nicht um einen Vertreter des gewohnten Zeitungsboten handeln konnte. Sogar die drei tief eingegrabenen Falten auf seiner Stirn, von denen die eine wie ein leichtes V wirkte, waren von ihrer Position aus deutlich sichtbar.
Erst jetzt sah Alida den Brief in seiner rechten Hand, für den er offensichtlich den richtigen Adressaten suchte. Ihre Hand lag schon auf der Türklinke, als sie beschloss, den Fremden mit einer Geste auf den neben der Tür angebrachten Postkasten zu verweisen. Schließlich war er groß genug, eine Menge Briefe aufzunehmen. Doch dann zuckte es belustigt um ihre Lippen. Alida, du hast doch nicht etwa Angst vor einem alten Mann, dachte, dache sie. Und im Bewusstsein der Überlegenheit eines sportgestählten Körpers wischte sie alle Bedenken zur Seite. Ja, sie ignorierte sogar die Tatsache, dass sie nicht einmal einen Morgenrock über das weiße Nachthemd mit den Mohnblüten trug. Sie drehte den Schlüssel im Schloss einfach rechts herum. Die Tür öffnete sich mühelos.
„Guten Morgen“, sagte der Alte.
„Guten Morgen“, erwiderte Alida.
„Mein Auftraggeber hat mich angehalten, Ihnen diesen Brief persönlich zu überreichen. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, Sie schon um diese Zeit anzutreffen. Ich hätte natürlich auch noch auf Sie gewartet.“
Alida antwortete ihm nicht darauf. Der Abstand zwischen ihrer Hand und der seinen, in der sich der Briefumschlag befand, betrug nur wenige Zentimeter, als ihr Herz plötzlich wie wild zu rasen begann und das Blut schneller durch die Adern zu pumpte. Ein feiner Tabakgeruch stieg ihr in die Nase. Wahrscheinlich hatte der Absender des Briefes beim Schreiben eine Zigarre geraucht. Wer hatte ihr wohl etwas so Dringendes mitzuteilen, dass er schon morgens in der Früh einen Boten zu ihr schickte. Sollte das vielleicht eine Antwort auf die angemahnte Honorarabrechnung sein, für die sich der Verleger auf eine originelle Art bei ihr entschuldigen wollte?
„Mein Name ist Harry Eppendorf“, sagte der Fremde und unterbrach ihre Gedanken.
„Wie ich heiße wissen Sie ja, sonst hätten Sie mich nicht gefunden“, erwiderte Alida kühl.
„Ja. Allerdings frage ich mich, ob sie nicht ein wenig leichsinnig sind, einem Fremden um diese Uhrzeit die Tür zu öffnen?“ Dann lachte der Mann kehlig und verhalten wie über einen ausgeleierten Witz.
„Warum, ich habe keine Angst“, erwiderte Alida. Und um ihre Aussage zu bekräftigen, fügte sie spontan hinzu: „Wenn Sie einen Kaffee mit mir trinken möchten, dann lade ich Sie dazu ein. Ich wollt mir gerade einen aufbrühen.“ Während sie dies sagte, war sie sich durchaus der grotesken Situation bewusst, in der sie sich befand. Doch der vermehrte Adrenalinausstoß in ihrem Blut, übertönte die vorsichtige Warnung in ihrem Kopf.
„Gern“, erwiderte der Mann, der sich Harry Eppendorf nannte, schob die Tür noch ein wenig mehr zur Seite und folgte ihr in den Wohnbereich. Dort angekommen, setzte er sich ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten auf einen der Stühle, die um den langen Esszimmertisch mit der anthrazitfarbenen Rauchglasplatte standen. Alida zog indessen den Morgenmantel über, der noch auf einen der eckigen Sessel hing. Er war genau so farbenfreudig wie ihr Nachthemd.
„Margeritten, selbst gepflückt auf einer Wiese?“, fragte der Alte, als sie zurückkam und deutete dabei auf die runde Glasvase, die mitten auf dem Tisch stand.
„Ja“, antwortete Alida. Dann ging sie in die Küche, um die Kaffeemaschine mit Wasser zu füllen und gab anschließend vier gehäufte Dosierlöffel Kaffeepulver in den Filter. Sie stellte die Maschine an und die Dose mit dem gemahlenen Kaffee in den weißen Hängeschrank zurück. Aus einem anderen holte sie zwei weiße Tassen und Unterteller und dann noch die Dosensahne aus dem Kühlschrank. Kurz darauf war der Kaffee auch schon in die Glaskanne gelaufen und konnte eingegossen werden. – Draußen zwitscherten die Vögel jetzt frech und unbekümmert ihr Morgenlied.
„Ja, so trinke ich ihn gern, nicht zu stark und nicht zu schwach“, stellte Harry Eppendorf nach dem ersten Schluck anerkennend fest. Interessiert sah er sich dabei im Zimmer um als suche er ein bestimmtes Detail, das er auf dem ersten Blick noch nicht wahrgenommen hatte.
Vielleicht ist er gar nicht so harmlos wie er aussieht, überlegte Alida plötzlich, die ihn dabei aus den Augenwinkeln beobachtete. Auf jeden Fall schien er kein gesprächiger Typ zu sein. Der intellektuelle Ausdruck in seinem Gesicht hatte sie angezogen und nun war sie enttäuscht, keinen Gesprächspartner sondern nur den Überbringer einer simplen Nachricht vor sich zu haben. Am liebsten wäre sie ihn auf der Stelle wieder losgeworden.
Nun fiel ihr Blick auf den längliche Briefumschlag, der noch immer dort lag, wo sie ihn hingelegt hatte. Vor ihr auf dem Tisch. Alida nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn eingehend. Ihr Name war mit einem Füllhalter auf die Vorderseite geschrieben worden. Offenbar bevorzugte der Absender eine breite Feder. Die Anfangsbuchstaben fielen auffallend groß aus und die Unterlängen lang und eckig.
„Ich glaube, Ihnen steht heute noch ein aufregender Tag bevor“, sagte Harry Eppendorf plötzlich mit klarer akzentuierter Stimme, die sich fast feindselig anhörte.
„Aha. Wenn Sie wahrsagen können, dann erzählen Sie mir doch ein bisschen mehr über mich?“, spöttelte Alida und hielt ihm die Innenfläche ihrer rechten Hand entgegen. Harry Eppendorf ging ohne weiteres darauf ein und betrachtete eingehend die unterschiedlichen Linien und Verzweigungen darin.
„Ich sehe, dass Sie momentan unter einem enormen Druck stehen, ohne sich dies eingestehen zu wollen. Leiden Sie auch manchmal an Verfolgungswahn?“
„Nein!“, schrie Alida und fügte dann schnell etwas gefasster hinzu: „Ach, das ist doch alles Humbug. Ich glaube nicht an solche Mätzchen. Und außerdem dürfte ein guter Wahrsager seinem Klienten natürlich keine Angst machen.“
„Oh, wenn ich Ihnen Angst eingejagt habe, so tut es mir leid. Aber Sie müssen ja nicht glauben, was ich sage“, erwiderte Harry Eppendorf.
In diesem Moment kehrte Mimi, die schwarz-weiß gefleckte Katze, von ihrem nächtlichen Ausflug zurück und huschte durch die offene Terrassentür. Ihr Miauen klang erstaunt, als sie den Fremden witterte. Dann setzte sich neben Alidas Stuhl und hielt den Kopf hochgereckt und die Ohren gespitzt.
Harry Eppendorf versteifte sich augenblicklich auf seinem Stuhl, streckte seine blankgeputzten Schuhe mit den leichten Spitzen von sich, und für einen kurzen Moment sah es fast so aus, als wollte er Mimi einen Tritt damit versetzen.
Alida war bei dieser Geste zusammen gezuckt.
„ Ich mag keine Katzen“, sagte der Alte. „Ihre Haare lösen bei mir eine Allergie aus, die sich oft in Atemnot ausdrückt.“
„Verstehe“, erwiderte Alida irritiert.
Der Fremde wurde ihr allmählich unheimlich, denn er erinnerte sie in diesem Augenblick an einen Mann, an den sie nicht erinnert werden wollte.
Harry Eppendorf war inzwischen aufgestanden. Seine Schultern wirkten ein wenig eingefallen, als habe er früher einmal Sport getrieben, dies aber in den letzten Jahren stark vernachlässigt, so dass die Muskeln inzwischen leicht verkümmernt waren. Die Ärmel seines dunklen Blazers, unter dem er ein graues Strickhemd trug, reichten bis zu den dunkel behaarten Handrücken, auf dem deutlich blaue Adern hervortraten. Der Zeigefinger seiner rechten Hand trug eine leichte gelblichbraune Färbung und verriet den starken Raucher.
Alida hatte sich ebenfalls von ihrem Platz erhoben, nahm die Katze auf den Arm und streichelte sie. Doch Mimi, die Eigenwillige, sprang sofort wieder hinunter und verschwand fast panikartig, als hätten ihre feinen Nerven längst die atmosphärische Veränderung im Raum gespürt.
„Benötigen Sie eine Quittung?“, wandte sich Alida an den Mann und wedelte mit dem Brief in ihrer Hand.
„Eine Quittung? Nein! Wofür? Ich habe Ihnen doch nur einen leeren Umschlag überreicht.“ Harry Eppendorf griff in seine Brusttasche und zog eine goldene Taschenuhr hervor.
„Ach, sie ist mal wieder stehen geblieben, zeigt genau 12 Uhr an. Dabei müsste es inzwischen doch bereits sieben Uhr sein“, sagte er im Ton eines Selbstgesprächs.
Da war er wieder dieser Traum! Diese Uhr mit dem großen Zeiger, der mit einem Gongschlag auf Zwölf gesprungen war. Eine feine Gänsehaut kroch über Alidas Arme und von dort weiter bis hoch zum Nacken.
„Meine Zeit ist um. Ich muss gehen. Danke für den Kaffee. Schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennen gelernt haben. Ich glaube, ich hätte sie sogar gemocht“, sagte Harry Eppendorf.
Seine grauen Augen, die den Glanz der Jugend schon lange verbraucht hatten, wirkten plötzlich lauernd, als müsste er vor ihr auf der Hut sein. Und dann hörte sie, wie sich seine Schritte mit einer Geschwindigkeit entfernten, die sie dem Alten nie zugetraut hätte. Kurz darauf fiel die Haustür laut hinter ihm ins Schloss.
„Ich muss verrückt gewesen sein, als ich diesen Harry Eppendorf herein gelassen habe, was meinst du, Mimi?“, fragte sie die Katze, die inzwischen zurückgekommen war. Doch Mimi gab keinen Laut von sich. Da kniete Alida nieder und streichelte mit zitternden Händen das weiche Fell. Doch Mimi fauchte laut und zog ihr mit den scharfen Krallen eine rötliche Spur durch das Gesicht.
„Bist du verrückt geworden, Katze!“, schimpfte Alida. Doch Mimi nahm keine Notiz von ihr, rollte sich auf dem Boden zusammen, als sei sie völlig unschuldig an dem Geschehen.
„Das wirst du noch bereuen!“, schrie Alida außer sich vor Wut und stampfte mit dem Fuß auf, so dass Mimi sich blitzschnell entschloss, das Weite zu suchen. Alida schickte ihr einige Flüche hinterher, bei dem sich ihr ebenmäßiges Gesicht mit den tief dunkelblauen Augen und den vollen Lippen zu einer wütenden Grimasse verzerrte.
„Ich glaube, ich habe dieses Gesicht des Mannes, der sich Harry Eppendorf nannte, schon irgendwo einmal gesehen. Aber wo und wann?“, sagte sie laut. Doch dann lächelte sie. „Ruhig Blut Alida, verliert jetzt nur nicht die Nerven! Schließlich kann dir der Alte den Mord an Mark doch nicht nachweisen. Niemand!“
„O doch“, erwiderte der Mann, der plötzlich im Rahmen der Terrassentür stand und fügte hinzu: „Harry Eppendorf, Kriminalhauptkommissar Harry Eppendorf, kurz vor dem Ruhestand. Daher war es mir auch sehr wichtig, den ungeklärten Fall Mark Bongart zum Abschluss zu bringen.“
Hinter den Scheiben der Terrassentür sah Alida plötzlich fremde Männer in gelben Gummistiefeln, die sich auf ihrem Grundstück mit Spitzhacken und Schaufeln zu schaffen machten. Und etwas abseits von ihnen stand die alte Damen von nebenan, als habe sie ein Recht hier zu sein.
„Sie könnten uns die Suche erspare und sich das Warten, wenn Sie uns sagen, wo Sie ihn begraben haben“, sagte der Kriminalkommissar und hielt ihr erneut einen weißen Briefumschlag entgegen.
Alida starrte ihn fassungslos an. Diese Mal würde er nicht leer sein, sondern einen Durchsuchungsbefehl enthalten, das wusste sie ganz genau.
„Unter der Rotbuche“, entgegnete Alida leise. Dann ging sie langsam zum Tisch zurück und trank den letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Er war längst kalt geworden, aber er schmeckte köstlich, nach einer Freiheit, die sie bereits verloren hatte.

Das Silber der Mongolen (eine Kindergeschichte)

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Das Völkerkunde-Museum in Köln wurde zu Kaiser Wilhelms Zeiten von einem Unternehmer errichtet, der durch den Überseehandel reich geworden war. Er ließ an der neugriechischen Fassade Sandsteinfiguren anbringen: die Bewohner der Weltgegenden, zum Beispiel einen Austral-Neger, der ein Krummholz in der Hand hält und seinen freien Arm um ein Känguru legt, und einen Polynesier, der ein Paddel schultert und mit einer Hand die Augen schirmt, wie um sich gegen die Lichtreklame zu schützen, die abends von der Einkaufsstraße her über die Figurengruppe flackert. In der Nische über dem Portal steht ein Chinese, fast hätte ich gesagt: wie versteinert, denn er wirkt wie ein lebendiger Mensch, der versteinert aussieht. Er birgt seine Hände in weiten Ärmeln und starrt in die Fenster der gegenüberliegenden Bank. Wer das Museum besuchen will, steigt eine breite Treppe hinauf und muss unter dem Chinesen hindurch.

Im ersten Saal des hochgelegenen Erdgeschosses reckt sich ein Sioux-Häuptling vor seinem Tipi. Um ihn herum sitzt seine Familie. Der Indianer blickt über ein gemaltes Weizenfeld, das sich bis zum Horizont dehnt. Er sieht die Weizensilos, schwarz im gemalten Gegenlicht, und das Flugzeug darüber, das eine Fahne aus Kunstdünger hinter sich herzieht. Der Mann in seinem Lederhemd, in der Frisur zwei Federn, um den Hals eine Grizzlyklauenkette, schaut über die Plains, wo es keine Büffel, keine Büsche und keine freien Wasserläufe mehr gibt. In einer anderen Ecke desselben Raumes knien drei Eskimos neben ihren Schlittenhunden auf einer Styropor-Eisscholle. Jeder Jäger hält eine Harpune in der behandschuhten Faust und stiert über eine blaugrüne Lagune auf eine Reihe Kokospalmen.

In der Afrika-Abteilung sitzt ein Häuptling auf seinem Holzthron, der über und über mit Muscheln bestickt ist. Am Arm des Mannes hängt ein kleiner Stuhl als Zeichen seiner Würde. Der Neger-Häuptling thront vor dem Panorama einer Großstadt mit ihren funkelnden Hochhäusern und leuchtenden Autoströmen. Verschwunden sind die Pfade in das Dorf, dem er vorstand, zugeschüttet ist die Straße zur Lehmburg seines Fürsten, der Hof hielt hinter bronzebeschlagenen Toren.

Die Südsee-Abteilung befindet sich hinter fensterlosen Mauern im zweiten Stock. Boote, Werkzeuge und aus Holzstäben gefertigte Seekarten werden durch verborgene Lampen angestrahlt. Im letzten Saal der Abteilung hockt ein Polynesier. Er schreit ohne Stimme und spreizt die Hände gegen eine Fotomontage an der Wand. Sie zeigt einen weißen Pilz aus Wasserdampf, den der Deckenstrahler grell aus dem Halbdunkel herausschneidet und der einen über jedes Maß lauten Knall hervorbringt, so dass man nichts mehr hören kann.

Die Direktorin des Völkerkunde-Museums, Frau Professor Else Eben-Erdig, hatte diese Figuren in „nicht angemessene“ Panoramen stellen lassen und sich dadurch Ärger mit dem Kölner Stadtrat eingehandelt. Im Kulturausschuss wurde heftig darüber diskutiert. Die Lokalpresse publizierte Artikel über das Museum und brachte die Schlagzeilen: “Museum zeigt Schicksal der Ureinwohner, Direktorin im Streit mit der Stadt”. Die unerwartete öffentliche Aufmerksamkeit veranlasste Frau Eben-Erdig, in aller Eile die hochgesteckten Erwartungen zu erfüllen. Sie ließ weitere Ausstellungsstücke aus dem Keller holen und schrieb erläuternde Texte dazu. Außerdem organisierte sie zusammen mit dem Botschafter der Mongolei, der extra aus Berlin nach Köln geflogen kam, eine Sonderausstellung über Silberschmuck, die das handwerkliche Geschick der Asiaten in ein glänzendes Licht rücken sollte. Sie brachte “das Silber der Mongolen” in einem fensterlosen Saal des zweiten Stockwerks unter. Alte Handwerksmeister und junge Verkäuferinnen drückten nun ihre Nasen an das Glas, hinter dem, auf blauen Samt gebettet, die kostbaren Filigrane schimmerten.

Auf einmal interessierten sich viele Menschen für das Museum. Die Besucher durften gegen eine Gebühr ihre Kameras in die Ausstellungsräume mitnehmen. Den Eltern gefiel es, die Kinder mitten unter die Eskimos und ihre Schlittenhunde oder mitten unter die Papua-Neger und ihre Hausschweine zu stellen und für das elektronische Familienalbum zu fotografieren. Frau Eben-Erdig freute sich über den Zulauf an den Wochenenden. Und weil die Stadt kein Geld bewilligte, um die Überstunden zu bezahlen, machte der Neffe von Frau Eben-Erdig, der Student Volker Kunde, an manchen Abenden unentgeltlich Dienst.


Unter den Menschen, die neuerdings ins Museum gingen, waren auch Josef Huddel, genannt „dä Jupp“, und seine Freundin Wilma Wangenbein, genannt „au Backe“. Sie hatten sich für den Besuch einen regnerischen Februartag ausgesucht. Beiden gefiel die Kleidung des Indianerhäuptlings so gut, dass sie davon Fotos schossen. Das Pärchen beschloss, als Indianerin und Indianer auf den Juristenball zu gehen, denn Karneval stand bevor, und sie wollten ihre Kostüme so echt wie möglich aussehen lassen, um die anderen zu beeindrucken, die sich mit Papier- und Plastikkram aus dem Kaufhof verkleiden würden. Dä Jupp hatte vor, sich im Sanitärbereich (sprich Klo) des Völkerkunde-Museums unbemerkt einzuschließen, seinen Anzug gegen die Indianer-Montur zu tauschen und sich am Morgen des Weiberfastnachttages (paradox, wa?) in seinem neuen Kostüm unter die Jecken zu mischen, denn mindestens in der fünften Jahreszeit leben in Köln mehr Jecken als Gescheite (das geben die Kölner selber zu, darum muss man sie für besonders ehrlich halten), so dass er im Gedränge auf dem Ring, wo das Museum steht, als Indianer nicht auffiele – im Gegenteil: trüge er eine Krawatte, würde frau sich sofort auf ihn stürzen.

Es war gegen Abend an einem Tag im März. Herr Kunde saß noch in der Bibliothek des Völkerkunde-Museums (er schrieb an seiner Doktorarbeit). Außer ihm schien noch jemand anwesend zu sein, denn an der Garderobe hingen zwei Mäntel nebeneinander und taten vertraut, als kennten sie sich. Da hörte Herr Kunde ein Geräusch im zweiten Stock. Ist denn noch ein Besucher im Museum? Er musste ohnehin aufstehen, weil er an diesem Nachmittag schon die zweite Kanne Tee ausgetrunken hatte. Er würde beiläufig auch nach dem Rechten sehen. Einen tüchtigen Schrecken bekam er, als er auf dem Flur vor der Tür zum Silberschatz einen Indianerhäuptling in voller Montur antraf: Kopfschmuck, Lederhemd, Klauenkette, Leggings, Mokassins und nicht zu vergessen: den Tomahawk im Gürtel.

„Was machen Sie denn hier?“ rief Herr Kunde. Als hätte er sich die Antwort auf die Frage schon vorher überlegt, sprach der Häuptling ohne zu stocken:
„Ich komme aus der Nordamerika-Abteilung und vertrete mir die Beine, die mir im Stehen eingeschlafen sind.“
Volker Kunde rang nach Worten:
„Das ist ja wirklich ungewöhnlich, in der Tat. Ich kenne Sie gut, aber ich dachte bisher, Sie könnten oder wollten nicht sprechen! Ich werde einmal in die Nordamerika-Abteilung hinabsteigen, um nach Ihrer Frau und den Kindern zu sehen, die Sie vor Ihrem Tipi alleine gelassen haben, so etwas auch!“
„Tun Sie das nur, Herr Professor, tun Sie das“, rief der Häuptling triumphierend, „außerdem ist ja noch der Wolfshund da, der die Gepäckstangen hinter sich herziehen muss und aufpasst, dass den Kindern nichts zustößt.“
Volker Kunde grüßte zum Abschied „bis ein anderes Mal, Häuptling“ und stieg die Treppe hinab. „Was ich noch sagen wollte“, Herr Kunde blieb stehen wie weiland Inspektor Columbo und drehte sich um: „How!“ rief er und legte die flache Innenhand an die Stirn, weil ihm diese Geste indianisch vorkam. Dann verschwand er im Dunkel des Treppenhauses.

Der Indianerhäuptling wartete eine Weile und horchte Herrn Kunde hinterher. Nachdem er lange genug gelauscht hatte, schlich er zur Tür, vor der ein Wächterlöwe „Sitz macht“ und sein Maul aufreißt. Der Häuptling tätschelte ihm die Mähne und flüsterte:
„Dann pass auf, dass der Professor, der Depp, mir nicht nachspioniert.“ Was der Indianer flüsterte, klang so ätzend in der Stille, dass er selber erschrak, als hätte der Wächterlöwe gezischt: Du Depp, wer spioniert?

Die Tür zum Silberschatz war abgeschlossen. Selbstverständlich. Aber der Häuptling hatte vorgesorgt. Eine viertel Stunde brauchte er, dann war die Tür offen. Er stand nun in einem stockfinsteren Saal und wartete eine Minute, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Da glaubte er, etwas zu sehen. Etwas musste das wenige Licht, das durch Ritzen und Schlüssellöcher in den Saal gedrungen war, magnetisch anziehen, so dass es an einer einzigen winzigen Stelle geheimnisvoll leuchtete. Er erinnerte sich nicht, so nah an der Tür eine Holz- oder Steinfigur gesehen zu haben, die in der einen Hand einen glänzenden Gegenstand präsentiert und die andere Hand hoch gegen die Zimmerdecke streckt. Er konnte den tintenschwarzen Arm gegen den dunklen Raum nur erahnen. Hastig griff er nach dem Silberding: Was ich habe, das habe ich. Plötzlich schrie er. Der schwarze Arm hatte sich gesenkt und ihm eine Feder aus der Frisur gerissen! Wie von einer Stachelschweinborste gepiekst, sprang der Häuptling zur Seite, stolperte über ein Brett, fiel in einen Bottich und bekam einen nassen Arsch. Dann erscholl ein fürchterliches Lachen. Ein scharfes Licht fuhr durch den Saal, und es war taghell. Direkt vor ihm erhob sich eine schwarze Gestalt, in einen Mantel gehüllt. Sie sperrte die Augen auf und reckte beide Arme in die Luft, bleckte die Zähne und schien sich im nächsten Augenblick auf den Häuptling stürzen zu wollen. Der Indianer erlitt fast einen Herzkasper. Der Saal war kalt, ungemütlich und nahezu leer. Auf einer Kiste im Hintergrund saß Volker Kunde und lachte aus vollem Halse. Nun bewegte sich die schwarze Gestalt auf den Häuptling zu und streckte ihm die Hand entgegen.
„Nein! Nein!“ brüllte der Häuptling entsetzt, „was macht Ihr mit mir?“ Er strengte sich an, aus dem Bottich zu steigen. Es gelang ihm nicht. Da spürte er, wie eine Hand die seine umklammerte.
„Sie müssen etwas nachhelfen“, hörte er eine Frauenstimme. Jetzt erkannte der Häuptling eine schwarze Squaw, die ihn aus seiner feuchten Lage befreien wollte. Sie zog ihn, er stemmte sich empor. Dann stand er endlich wieder auf seinen Füßen und tropfte. Er war in einen Bottich voller Kalkbrühe gefallen. Der Indianerhäuptling schüttelte sich und schlenkerte die Brühe ab. Dabei trat er gegen eine Dose, dass es schepperte.
„Tschuldigen Sie bitte“, stotterte er.
„Was halten Sie denn da in der Hand?“ fragte Volker Kunde, der aufgestanden war und auf ihn zuging.
„Ein kleines Bowie-Messer, nur zum Skalpieren.“
„Was Sie nicht sagen! Es sieht aus wie ein Glasschneider. Eigentlich müsste ich Sie der Polizei übergeben“, meinte Herr Kunde. Er nannte seinen Namen und fuhr fort:
„Vor Ihnen steht meine Braut Ife Matabele, die ich in Uganda kennengelernt habe. Sie ist Völkerkundlerin wie ich.“
„Untersuchen Sie Ihren eigenen Stamm?“ fragte der Häuptling Frau Matabele und zog dabei ein dummes Gesicht.
„Nein, ich erforsche Sie und Ihresgleichen“, war die Antwort.
„Dann sind Sie eine Indianerspezialistin!“
Darüber mussten Herr Kunde und seine Braut lachen.
„Schlagfertig sind Sie, Häuptling! Sehen Sie, wir haben unseren Silberschatz vor kurzem ausgelagert. Wir wollen nämlich den Saal renovieren und eine neue Sicherheitsanlage einbauen. Sie haben nur nach einer leeren Gebäckdose gegrapscht. Vermutlich gehört sie einem Arbeiter, der Mutters Spritzgebäck darin aufbewahrte. Der Silberschmuck aber liegt gegenüber im Tresor der Bank. Sie müssten sich schon nach dort bemühen, gekälkter Büffel. Halt! Wohin?“
„Zur Bank“, rief der Häuptling, der sich davonmachen wollte.

Gerade in diesem Augenblick erschien ein uniformierter alter Mann an der Tür. Mit der einen Hand umklammerte er einen großen Schlüsselbund.
„Ich sah noch Licht, Herr Kunde, da wollte ich Ihnen sofort etwas sehr, sehr Merkwürdiges …“
Weiter kam er nicht. Er hob langsam seinen linken Arm und zielte damit auf den Häuptling, als wollte er auf ihn schießen.
„Aber da ist er ja! Er kann doch nicht von da unten hier herauf …“ Der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft drehte sich zur Treppe und wieder zu den Anwesenden:
„Ich wollte sagen, Frau Dr. Matabele, guten Abend, gute Nacht, ich verstehe gar nichts mehr. Ist er denn nicht ausgestopft? Der Indianerhäuptling steht nicht mehr in der Nordamerika-Abteilung!“ Der alte Mann war sichtlich verwirrt.
„Beruhigen Sie sich, Herr Kiekut, das ist ja nicht der Indianerhäuptling aus der Nordamerika-Abteilung, das ist Herr Josef Huddel, wohnhaft in Köln-Kalk, so sieht er jedenfalls aus.“
Der Häuptling zuckte zusammen.
„Wer hat Ihnen das verraten?“
„Sehen Sie, deswegen sollten Sie nicht einfach davonlaufen! Sie haben nämlich Ihre Windjacke im Waschraum neben der Toilette liegen lassen, dummerweise mit Ihrer Brieftasche darin. Berichten Sie aber zunächst Herrn Kiekut und uns, wo Sie den Indianerhäuptling versteckt halten.“
„Im Tipi. Ihm ist nichts geschehen, ganz bestimmt nicht.“
„Wenn das so ist, sollten Sie sich wieder umziehen, sonst erkälten Sie sich. Dann gehen wir gemeinsam in die Nordamerika-Abteilung, Sie stellen den Indianer wieder an seinen angestammten Platz und ziehen ihm seine Sachen an, den gekälkten Hosenboden bitte zur Wand.“

Nachdem das geschehen war und Herr Kiekut erleichtert seinen Rundgang fortgesetzt hatte, saßen die drei, Ife Matabele, Volker Kunde und dä Jupp, im Büro.
„Sie Spaßvogel, erzählen Sie Ife und mir, warum Sie ausgerechnet in einem Völkerkunde-Museum Silberschmuck klauen wollten.“
„Es ging mir gar nicht darum, Silber zu klauen und zu verkaufen. Au Backe, mit der ich …“
„Wie bitte?!“
„Meiner Freundin Wilma, mit der ich das Museum besucht hatte, gefiel der silberne Brautschmuck so gut, dass mir die verrückte Idee kam, ihn für sie auszuleihen, nur zu borgen!“
„Das ist etwas für Ife, sie interessiert sich nämlich für die Bräuche europäischer Eingeborener.“
Ife lachte und ihre Zähne blitzten:
„Ist es bei den jungen Männern Ihres Stammes üblich, vor der Heirat eine Mutprobe abzulegen, in ein verschlossenes Gebäude einzudringen und für die Zukünftige den Brautschmuck zu stehlen?“
Dä Jupp seufzte:
„Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.“
„Ein Sprichwort bei uns in Afrika sagt: Ein Löwe, der in die Grube gefallen ist, wird ausgelacht, bevor ihm die Jäger das Fell über die Ohren ziehen. Aber haben Sie keine Angst, Sie sehen mit Ihrer übrig gebliebenen Feder im Haar nicht so aus wie ein Löwe, sondern wie ein Huhn, das eine Katze geheiratet hat.“
Dä Jupp nestelte beschämt die Feder aus dem Haar und überreichte sie Ife.

Herr Huddel aus Köln-Kalk durfte das Museum als freier Mann verlassen. Er tat es reumütig und zerknirscht. Volker Kunde aber sah seine Freundin Ife Matabele lange an:
„Das Silber würde keiner Frau, außer vielleicht einer mongolischen Fürstentochter, so gut zu Gesicht stehen wie dir.“ Und in seinen Augen glitzerte es.

Amour fou (oder der Verrat), 1. Teil

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

Chris hielt es in seiner Bude nicht aus. Manchmal fuhr er ins Zentrum zu Studententreffs, Cafés, wo man tanzte, Kneipen, wo junge Frauen standen (keine Akademikerinnen, wenn man dem Augenschein traut). Das Gedränge, der Lärm, Parfum und Gelächter, das entspannte ihn, das machte ihn bettreif. Die Mädchen waren nicht wohlfeil, sie gingen nicht mit jedem. Zweimal brachte Chris das Mädchen, mit dem er getanzt hatte, zur Straßenbahn. Danach stolperte er nach Hause, die Erinnerung an Gerüche und Berührung widerkäuend. Sie vereinbarten nie (trotz des Verlangens), sich zu einer festen Zeit am selben Ort zu treffen. Sie überließen es dem Zufall, vielleicht glaubten sie: dem Schicksal, das für sie wählt. Die Einladung, mit ihr nach Hause zu fahren – er hatte sie ihr abgerungen – zerschlug sich durch die verfrühte Rückkehr ihrer Eltern. Er behauptete, er habe die Tochter heimgebracht, weil die Straßen unsicher seien. Dafür wurde er belobigt und gnädig entlassen. Danach nahm er vierzehn Tage hintereinander die Strapazen auf sich, ins Tanzcafé zu gehen, wo er die junge Frau getroffen hatte. Aber sie kam nie wieder. Und darum kehrte er zu seiner Gewohnheit zurück, sich im eigenen Viertel die Beine zu vertreten.

Der Schankraum war gegen zehn Uhr voll. Die Gäste im „Dreieck“ hatten seine Abwesenheit kaum bemerkt. Trotz der lauten Wortwechsel herrschte ein friedlicher Umgangston. Keiner wurde ausgegrenzt, auch nicht die Einsamen, die an den schmalen Tischen vor den Wandbänken am Bier nippten. Sie durften unbelästigt zusehen und ungestraft dazwischenrufen. Heute setzte sich Chris am Tresen nieder, um der Wirtin ins Dekolleté zu sehen. Sie trug keinen Büstenhalter unter dem ausgeschnittenen Pullover, nur ein Hemdchen. Sie wippte immer: Mit dem Hintern, wenn sie stand, mit den Schultern, wenn sie ging. Sie war rastlos und nervös vor den Männern, die ihr zuschauten und etwas zuriefen, ein unbeholfenes Kompliment, über das sie in Lachen ausbrechen konnte. Sie rief zurück, aufgedreht, übermüdet. Sie trällerte nach stets derselben Melodie, einem altmodischen Schlager, in dem Ascot vorkommt, Frauen, Hüte, Pferde, Wetten und die Erfüllung von Träumen.

Zwei Alabasterlampen hingen an kurzen Stielen unter dem Plafond, der eine eierfarbene Tönung erhalten hatte. Sie beleuchteten gewissermaßen die Dunkelheit, die sich von den Wänden und aus den Ecken nicht vertreiben ließ. Die Holztäfelung und die braune Lackfarbe oberhalb des Simses, der das Getäfel überdachte, schluckten die Helligkeit. Über dem Schanktisch war eine Reihe kleiner Leuchten angebracht, die das Licht unter Messingschirmen hervor auf das Tresenblech abstrahlten, so dass durch den Zigarettenqualm gesehen der Eindruck eines nächtlichen Lagerplatzes, eines wärmenden Versammlungsortes entstand. Am Tresen-Ende, wo man sein Bier auf dem Sims abstellen konnte (wenn man hoch genug hinauflangte), spielten zwei Frauen und ein alter Mann mit Würfeln. Eine der Frauen zog ihn an, trotz ihres verwahrlosten Aussehens und trotz ihrer Nervosität, worin sie der Wirtin glich.

Er hatte keine Zeit, sich Rechenschaft darüber abzulegen, denn die Tür wurde aufgestoßen, der Stoffvorhang beiseite geschoben. Ein kalter Luftstrom vertrieb die Schwaden und das Licht, das sich wie Goldstaub darauf niedergelassen hatte. Zwei Männer in Trenchcoats drängten sich an den Gästen vorbei, einer besetzte die Tür zur Toilette, der andere die zum Gesellschaftsraum. Ein dritter Mann blieb an dem Vorhang stehen, der jetzt noch einmal geteilt wurde und den Weg für einen freundlich wirkenden Herrn in Zivil freigab. Hinter ihm drängte sich eine uniformierte Frau in den Gastraum. Der Herr griff in die Manteltasche und sagte in gekünstelter Jovialität:
„Passkontrolle. Wenn Sie MEINEN Pass kontrollieren wollen, bitte.“
Er hielt mit priesterlicher Gebärde einen Ausweis hoch.

Die Frauen in der Ecke hatten ihr Würfelspiel eingestellt und sich auf den Hockern umgedreht, so dass Chris auf die Knie der Würfelspielerin, die ihm gefiel, schauen musste. Angesichts der Nacktheit, die durch zwei Löcher des Strumpfes leuchtete, bekam er eine Blutstauung. Er beugte sich vor, um niemanden im Gedränge zu berühren.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte der Herr in Zivil.
Chris griff mit einer Hand an den Bauch, um Übelkeit vorzutäuschen, und mit der anderen in seine Jackentasche. Er fand den Studentenausweis und zeigte ihn.
„Naja.“ Der Herr nahm den Ausweis und schwenkte ihn seiner uniformierten Kollegin an der Nase vorbei, als wollte er ihr Luft zufächeln.
„Sie täten besser daran, Herr Studiosus, nach Hause zu gehen und ihren Kopf in Bücher zu stecken.“
„Wenn ich mein Bier ausgetrunken habe, Herr Wachtmeister.“
Diese Bemerkung, obwohl ohne Witz vorgetragen, verursachte ein unterdrücktes Gelächter. Chris wurde rot vor Stolz.
„Ich könnte Sie natürlich auch aufs Präsidium bestellen, damit Sie mir Ihren Personalausweis vorzeigen, den Sie bei sich zu haben verpflichtet sind!“
Der überschnappende Ton des Mannes, der mit seiner Gemütlichkeit auch sein Alter abgestreift hatte und sich wie ein strammer Dreißiger vor Chris aufbaute, verhieß eine dramatische Wendung. Er riss den Ausweis in einer verweigernden Pose an seine Brust. Chris senkte den Kopf. Nach einem Augenblick der Stille, in der man den Schaum in den Biergläsern knistern hörte, drückte ihm der Zivilist den Ausweis doch noch in die Hand, wandte sich und schritt grußlos auf den Vorhang zu. Die bemäntelten Männer an den Türen verließen augenblicklich ihren Posten. Sie nickten wenigstens, als hätten sie lauter Bekannte getroffen. Chris konnte wieder aufrecht stehen.

Er schob sich an die Frau in der Ecke und rief:
„Jetzt brauch ich ein neues Pils. Ich spendier Ihnen auch eines.“
„Dass ich nicht lache, Herr Studiosus“, sagte die Frau mit den Löchern in den Strümpfen und hustete, „besorg mir auch Zigaretten, dann spielst du mit. Wir spielen um Nickelchips.“
Das Gespräch wurde übertönt durch Rufe nach Bier und Musik. Die Rückkunft des Rauches, der wie ein guter Geist, pelzig und gold gesprenkelt, aus den Schatten der Vorhänge schwebte, sorgte für die vorige Stimmung. Chris vergaß seine Demütigung und erinnerte sich nur an den Triumph. Hatte er die Bullen nicht zum Fortgehen bewegt? Man konnte es so sehen, und einige Gäste taten ihm den Gefallen. Er würfelte, zählte Augen, sagte an, verglich, blinzelte und dachte: Es ist ein Erlebnis. Nach der Bierbestellung und den ersten kräftigen Zügen begann das Tanzen. Es war mehr ein ausdrucksvolles Gehen nach der Melodie des Ascot-Schlagers. Chris blieb sitzen, schlug im Takt mit den Fingern auf das Tresenblech und blickte in das Gewirr der Beine. Die Wirtin wogte zwischen den tanzenden Paaren und berührte mit den Fingerspitzen die Schultern der Männer, eine Umarmung andeutend.

„Du hast es ihnen aber gegeben“, sagte sie zu Chris, zog ihn vom Hocker und machte mit ihm einen wiegenden Schritt, lachte, spreitete die Finger beider Hände und erteilte ihm einen Stups, so dass er, der im Gedränge einen schlechten Stand hatte, sich auf die durchlöcherten Strümpfe seiner Nachbarin setzte, die vom Tanz zurückgekehrt war.
„Pass auf, wo du hinfällst“, sagte sie. Er stützte eine Hand in ihre Leistengegend.
„Verdammter Fummler.“
„Tut mir leid, tanzen wir?“
Sie zierte sich, schaute desinteressiert zur Seite, bis sich die Falten um ihre Augen vertieften. Ein Lächeln.
„Okay, Fummler.“
Sie tanzten jeder für sich, und obwohl er mit den Augen fummelte, beachtete sie ihn nicht. Sie grüßte hierhin und dorthin, rief etwas über die Köpfe hinweg: Namen und Andeutungen, die nur kannte, wer lange genug Stammkunde war. Dadurch fühlte sich Chris ausgeschlossen. Als sie jemandem zurief: Glück im Spiel, Pech in der Liebe, und als der Angerufene darüber lachte, als wäre es der beste Witz, griff Chris hart nach ihren Armen, die sich sofort in die Tanzpose hoben, so dass er mit der Rechten um ihre Taille fassen konnte. Unter der Bluse fühlte er das grobe Gewebe eines Hemdchens hindurch, über das seine Hand auf dem glatten Kunststoff der Bluse hin und her rutschte.
„Na endlich“, sagte sie an ihm vorbei. „Herr Hauptmann“, fügte sie hinzu. Es kam ihm sinnlos vor, aber er traute sich nicht, sie danach zu fragen. Als die Körperwärme allmählich in seine Hand floss, schwoll der Kamm, und er schämte sich nicht, seine Hosentüte in ihren Schritt zu stemmen. Erst als er im Tabakschwaden, im gerinnenden Licht, im Gejohle des nie endenden Ascot-Schlagers seine beiden Hände auf die Bluse quetschte, zischte sie:
„Geh in den Puff!“
Bevor er beleidigt abziehen, ja bevor er eine Entschuldigung murmeln konnte, nahm sie seine Hände, die er hatte fallen lassen, und bog sie in die Position, die sie vor dem Überfall eingenommen hatten. Sie schaute ihn zwar nicht an, aber er fühlte jetzt zu seiner Verwunderung, dass sie ihn an sich zog. Die Wärme strömte auf breiter Fläche herüber.

„Ich heiße Christian.“
Sie bestätigte den Empfang der Neuigkeit mit einem Soso.
Er verstummte und rutschte mit der Hand über den Blusenstoff in die Nähe des BH-Verschlusses, als hülfe ihm die genaue Kenntnis der Lage, etwas Kluges zu sagen, das sie anerkennen würde.
„Ich studiere Elektrotechnik und wohne hier um die Ecke.“
„So genau will ich es nicht wissen.“
„Ich sage es dir ja nur.“
„Duzen wir uns?“
Chris schloss die Augen zum Zeichen des Verstummens, wozu der Mund alleine nicht ausgereicht hätte. Sie soll mich duzen dürfen, die ganze Zeit, und mir wäre es verboten? Bin ich ein Kind, ist sie meine Direktorin? Er ordnete seine Hände und rückte von ihr ab. Nach einer Weile, er hatte seine Augen wieder aufgemacht, fragte er vorsichtig:
„Wohnen Sie hier?“ Es sollte sein letzter Versuch sein. Eben noch durfte er ihre Brust durch die Bluse packen, jetzt gab sie sich wie eine Vorzimmerdame, die ihn bei dem Versuch ertappt, die Chef-Korrespondenz zu lesen.
„Ach komm, hör auf“, rief sie vor ihm aus. Es klang gequält. Sie ließ ihn stehen. Chris stand betäubt in dem Gedränge der Tänzer. Dann ging er zur Toilette. Er würde anschließend zahlen (das nahm er sich vor) und dann verschwinden und nie wieder hierher kommen.

Die Toilette lag im Dunkeln. Er musste die Türe zum Gastraum einen Spalt offen lassen, um nicht daneben zu pissen. Im Spiegel sah er den konturlosen Fleck seines Kopfes. Er wollte auf der Stelle herausfinden, ein wie blödes Gesicht er hatte, dass ihn eine Kneipenhure stehen ließ. Was bildet die sich ein! Und du, du bist ein großer Elektriker, ein Armleuchter! Ach leck mich. Er stieß die Tür mit dem Fuß auf und drängte sich zurück zum Tresen, der lang genug gewesen wäre, den Geldschein auch an einer anderen Stelle, als ausgerechnet neben der Kneipenhure hinzuknallen und auf das Wechselgeld zu warten (als Student war er auf seine Herausgabe angewiesen). Jetzt stand er neben ihr und verlangte nach der Bedienung. Auch so ein Luder, zieht einfach keinen BH an, und die Männer saufen zwei Bier mehr als sie vorhatten, nur weil sie einen Blick ins Dreidimensionale riskieren. Er sah blind auf eine Sammlung von Karnevalsorden, die in einer Vitrine ausgestellt waren. Eine Hand griff unter sein Kinn und zwang seinen Blick in die Richtung, die er meiden wollte.
„Nimmst du mich mit nach Hause?“ fragte dieselbe Frau, die ihn stehen gelassen hatte. Chris wollte Zeit gewinnen (nicht noch einmal hereinfallen).
„Natürlich, aber ich genehmige mir noch ein Bier, falls du nichts dagegen hast.“
Er kümmerte sich nicht mehr darum, ob ihr das Du gefiele. Sie nickte und setzte sich. Er musste neben ihr stehen bleiben. Er betrachtete ihr Haar und ihre Halsgruben. Sie war ungepflegt. Er mochte sie. Er würde sie bei sich schlafen lassen. Das macht keine Umstände, weil sich in dem Mietshaus, das er auf der zweiten Etage über einer Metzgerei bewohnte, bisher niemand um Besuch gekümmert hatte.

Er beugte sich zu ihrem Ohr.
„Was ist mit deiner Wohnung?“
Sie entschloss sich zu einer Antwort erst, als sie mit gewohnter Schnelligkeit das Bier vom Tresen nahm, das die Wirtin vor sie hingestellt hatte (wann habe ich es bestellt?).
„Ich lebe bei meiner Mutter, aber die hat Besuch. Ein Holländer interessiert sich für die alte Dame, seriös, im Urlaub kennengelernt undsoweiteretceterapépé. Wenn du nicht willst, können wir es lassen. Dann muss ich eben nach Hause. Guten Abend, hier bin ich, komme gerade aus der Volkshochschule. Kann ich dem Herrn zu Diensten sein oder regelt das meine Alte, die sich trotz Etepetete gerne bumsen lässt?“
Sie krächzte es mit gespielter Albernheit und drehte dabei ihre Arme wie ein Bali-Mädchen. Dann streckte sie die Zunge heraus und fand zu ihrer melancholischen Grundstimmung zurück. Sie blickte in eine Zimmerecke, wo die braune Wand mit der gelb gewordenen Decke zusammenstieß. Wollige Fäden, aus zerrissenen Spinnnetzen zusammengewickelt, hingen herab und schaukelten im Luftzug. Chris legte seine Hand auf ihr Haar. Es pappte. Sie wandte sich ihm zu und sah schmollend zu ihm auf, so dass er loslassen musste, sonst hätte er ihre Frisur derangiert.
„Wir können es ja lassen“, sagte sie noch einmal.
„Ich möchte dich einladen, bei mir zu schlafen.“
„Ich will mit dem Taxi fahren.“
„Ich wohne nur um die Ecke.“
„Trotzdem“, sagte sie, „sonst komme ich nicht mit.“
(Dann bleibst du eben hier, sieh zu, wo du pennst). Er fragte nach dem Telefon (es beißt dich, junger Mann) und ob er telefonieren dürfe (aber nur Ortsgespräch), erkundigte sich nach der Nummer der Taxizentralen (118) und orderte ein Mietauto zum Dreieck (keine Besoffenen). Chris wollte ihren Mantel holen. Sie hatte keinen. Sie zahlte selbst ihren Bierdeckel (sie ist keine Gelegenheitshure, viel zu alt). Chris schätzte sie auf Anfang vierzig (sie hat immer noch eine gute Figur).
„Wie heißt du?“ fragte er, als er ihren Arm nahm, um sie nach draußen zu führen.
„Sag ich dir später.“
Aber im Taxi sagte sie kein Wort.

In der Etagenwohnung über der Metzgerei gehörte ihm nur das Zimmer zum Hof. Die anderen waren an alleinstehende Rentner vermietet (eine Frau, einen Mann). Chris schloss leise die Wohnungstür auf. Seine Begleiterin streifte ohne Aufforderung ihre Schuhe ab, offenbar an solche Zustände gewöhnt. Als sie in seinem Zimmer standen, zeigte sie keinerlei Enttäuschung.
„Ich bin hundemüde, hast du was Trinkbares? Ich heiße Vera. Ich habe mir den beknackten Namen nicht ausgesucht.“
„Ich finde ihn schön.“
„Hör auf, Süßholzraspler. Darf ich mich vielleicht setzen?“
Er wies auf das Bett. Der einzige Stuhl war belegt mit Wäsche unter Büchern, die er an einem der wachen Vormittage, denen er sein Studium widmete, in der Uni-Buchhandlung gekauft hatte. Vera ließ sich fallen und tat zunächst gar nichts. Dann sagte sie gegen die Decke:
„Du bist ein netter Junge. Ich mach dir bestimmt keine Scherereien.“
Sie war bescheiden und gab sich mit Nescafé zufrieden.
„Du hättest viel lieber was Jüngeres in deinem Zimmer, das seh ich dir an.“
„Du bist schon richtig.“
Chris war wie ein Bruder, der sich mit ihr, zum ersten Mal fern vom Elternhaus, zu der mystischen Liebe von Geschwistern verabredet hatte. Vera legte ihre Nervosität ab. Sie sprach nicht viel. Chris konnte sich jetzt nicht vorstellen, mit ihr zu schlafen. Vorhin hatte er noch einen buschigen Schwanz, nur weil durch die Löcher ihrer Strumpfhose das Fleisch leuchtete.
„Es hätte nicht viel gefehlt, und der Bulle hätte mich eingesackt. Aber glaub nicht, dass ich eine Nutte bin. Wenn du das glaubst, hau ich auf der Stelle ab.“
„Weswegen?“
„Was weswegen?“
„Wollte der Bulle dich einsacken?“
„Lassen wir das. Seh ich vielleicht aus wie eine Etepetete? Wegen Landstreicherei, der Arsch. Ich habe noch nie für Geld mit einem Kerl geschlafen, eher spring ich von Gottweißwo runter.“ Sie fing an, sich auszuziehen und legte ihre Sachen über den Stuhl. Als er das Licht ausgemacht hatte und zu ihr ins Bett stieg, sagte sie:
„Lass mich schlafen, ja?“
Es war ihm recht. Ein säuerlicher Geruch dünstete aus ihrer Haut, als Chris an ihr schnupperte, und vermengte sich mit dem Achselschweiß und dem Duft des Haarfestigers, auch mit dem Zigarettengestank, der aus den Kleidern aufstieg und sich im Zimmer verbreitete. Sie atmete durch den Mund (Schnarchen konnte man es nicht nennen). Er drehte sich auf die andere Seite und bog seinen Rücken gegen ihre Schulterblätter. So schützte er ihren warmen Schlaf und reckte seine Rippen. Er döste. Die Geräusche des Hauses, ferne Stimmen, Rhythmen und Stühlerücken nahm er mit in seinen Schlaf.

Als er aufwachte, war es noch dunkel. Vera saß aufrecht neben ihm: „Ich muss mal.“ Chris drehte sich aus dem Bett. Ihn fröstelte. Er zog einen Pullover über und knipste das Licht an. Aus dem Schrank hob er seinen blauen Morgenmantel vom Bügel. Jedes kleine Geräusch kam ihm vor wie mutwilliger Krach. Vera saß mit eingefallenen Schultern auf dem Bettrand und kniff die Beine zusammen.
„Zieh das über“, sagte er und hielt ihr den ausgebreiteten Mantel vor. Sie gehorchte. „Du gehst ganz durch den Flur, dann durch die Etagentür, direkt links. Nimm den Schlüsselbund mit, der Schlüssel mit ´vico´ ist es.“
„Ohne Brille kann ich nicht lesen. Du hast eine alte Frau abgeschleppt.“
Sie lüftete den Mantel und stellte sich seiner kritischen Begutachtung.
„Deine Titten sind wunderschön.“
„Sind sie das!“
Sie zupfte ihren BH vom Stuhl und hängte ihn Chris vor die Beine.
„Komm wieder runter.“
Dann huschte sie aus dem Zimmer. Chris setzte Kaffeewasser auf. Als sie zurückkehrte, merkte er, dass sie sich gewaschen und mit dem Mantel abgetrocknet hatte. Er zog ihr den Morgenrock aus, schlüpfte selbst hinein und schlich auf den Flur hinaus. Jedes Knarren der Dielen erschreckte ihn.

Sie hatte sich wie eine Squaw in die Federdecke gehüllt, als er das Zimmer betrat, und hielt eine Tasse. Vera deutete mit dem Kopf in Richtung Kochplatte, wo eine zweite Tasse stand. Chris reichte ihr den Morgenmantel, aber sie wollte ihn nicht.
„Es geht mir gut, zum ersten Mal an diesem verdammten Tag.“
„Was erwartest du“, sagte er, „wir haben halb drei.“
Sie lachte, so dass Chris seinen Finger auf den Mund legte. Aber sie kümmerte sich nicht darum und sagte ausgelassen:
„Du siehst wie ein Löwe aus, oben Pullover und unten pullernackt.“
Er drängte sich an ihr vorbei und streifte sie mit seiner Rute. Er ließ sich neben dem Fenster mit dem Rücken an der Wand entlang auf den Boden gleiten.
„Wer holt mir jetzt den Kaffee?“
Zu seiner Überraschung wickelte sie sich aus der Decke, stand auf und schritt auf Zehenspitzen zur Kochplatte (sie tut es nur, um die Titten rauszudrücken). Sie holte die Tasse.
„Bitte, du Pascha.“
Sie beugte sich herunter. Er sah die schrundige Haut über den Brüsten. Sie küsste ihn aufs Haar. Er wollte trinken und verschluckte sich. Da nahm sie ihm die Tasse fort und zog ihn hoch.
„Ab ins Bett, es ist viel zu früh.“
Er stolperte zur Tür, warf die Tasse um, knipste das Licht aus, trat in die Kaffeelache und legte sich zu Vera.

Ohne Umschweife griff er nach ihren Brüsten. Er fiel zwischen Veras Beine. Nach vier Stößen, die er mit verzweifelter Kraft geführt hatte, stach ihn ein Schmerz und zwang ihn, sich zaghaft zu bewegen. Bei jeder Bewegung hätte schreien mögen. Dann hielt er still und folgte, umgeben von einem lichten Schmerz, der Dünung ihrer Hüften, dem mahlenden Kauen ihrer Kamelmaulfotze. Als aus einem fernen Punkt, wie Licht durch ein sich weitendes Loch, der Orgasmus seine Qual für kurze Zeit verdrängte, hörte er sie hecheln und spürte danach einen Biss auf der Schulter. Es verschlug ihm vor Schmerz und Jieper den Atem. Er zog sich langsam heraus und rollte sich auf den Rücken. Das Laken war nass. Er begann zu weinen. Sie küsste ihn.
„Baby, war es so schlimm? Ich konnte ja nicht wissen, dass es das erste Mal war.“
„Das ist es nicht“, presste Chris hervor, „ich glaube, ich habe mir den Schwanz aufgerissen.“

Sie warf die Decke zurück, erhob sich und verließ am Fußende das Bett. Sie machte Licht. Chris erkannte eine klaffende Wunde in der Vorhaut. Sie hatte schon zu bluten aufgehört. Er beruhigte sich allmählich.
„Es ist nicht schlimm“, sagte Vera beschwichtigend, „du musst darum keine Angst haben, sonst hätte es der Doktor sowieso gemacht.“
„Du bist unten zu eng.“
„Nein. Ich bin eine alte Frau und ausgeleiert, aber du bist wie ein Torpedo reingeschossen, das tut man nicht, Dummkof.“
Er grinste. Seine Wunde stammte aus einem ordentlichen Gefecht, wo er seinen Mann gestanden hatte. „Dummkopf“, sagte sie noch einmal. Damals wusste er nicht, wie töricht er sich angestellt hatte und wie genügsam eine Witwe ist, wie kunstvoll sie dem unerschlossenen Boden ihre Lust abgewinnt.
„Kindskopf, ich könnte dich lieben. Wo hast du Handtücher?“
Er zeigte auf die Schranktür. Vera kramte Handtücher hervor und deckte die nassen Stellen ab.
„Das kommt davon, wenn man eine männliche Jungfrau vögelt.“
Sie legte sich zu ihm und wölbte ihre Hand über das geschundene Glied.
Der grelle Schmerz wich einem gleichmäßigen Pochen. Wärme breitete sich aus, das angenehme Gefühl einer bestandenen Gefahr. Es war seine Feuertaufe. Er wunderte sich, als sie sagte:
„Dass Mütter ihren Söhnen das nicht beibringen können! Es gibt Kulturen, am Amazonas oder auf Borneo, wo es zu den elterlichen Pflichten gehört, den Kindern beizubringen, wie man vögelt.“
„Hättest du es gerne von deinem Vater gelernt?“
Statt zu antworten, stand sie auf und löschte das Licht.
„Rutsch mal.“ Sie streckte sich neben ihm aus, Chris steckte seine Hand zwischen ihre Beine, als hätte er es sich verdient, und flüsterte:
„Ich liebe dich.“ Er wischte sich die Hand an seinen Schenkeln ab und legte sie dann auf ihren Bauch. „Ich liebe dich.“
„Geiler Dummkopf, du liebst mich nicht.“
„Jetzt liebe ich dich.“
„Jetzt! Weißt du, wer ich bin? Ich bin eine, die jeder in den Arsch treten kann, die jeder mitnimmt, und nicht einmal für Moneten. Das bin ich. Zwei so große Idioten wie uns gibt es nicht auf der ganzen Welt.“

Chris wachte auf, als sie aus dem Bett stieg. Die Sprungfedern hoben ihn. Er beobachtete Vera zwischen den Wimpern hindurch beim Ankleiden. Nachdem sie den Rock eingehakt hatte, kniff er die Augen zu, um sich schlafend zu stellen. Sein Glied spannte. Jetzt, da er sich darauf konzentrierte, brannte es. Er bemühte sich, an etwas anderes zu denken. Mit der Badeanstalt würde er heute und morgen nichts werden. Er wollte so lange im Bett zu bleiben, bis er sich wieder unter die städtische Dusche stellen könnte. Der Putzhilfe des Metzgers würde er durch die geschlossene Tür zurufen, dass er krank sei. Er öffnete die Augen. Vera drehte sich im Hinausgehen zu ihm, ohne ihn anzusehen. Sie schloss die Tür hinter sich. Er lauschte auf die Schritte im Flur. Die Etagentür dröhnte hinter ihr (man kann sie nur offenlassen oder zuknallen, wenn man keinen Schlüssel hat). Er glaubte, ihre Schritte auf den Steintreppen zu hören. Es war zwecklos, danach zu lauschen, wie sie durch die tagsüber stets offene Haustür auf die Straße tritt und mit verwehendem Klappern davongeht. Er hatte sie ohne Abschied entlassen. Er fühlte sich elend. Erst als er sich einredete, alles zu unternehmen, um sie wiederzusehen, verflog die Unstimmigkeit und machte einer gedankenlosen Betrachtung Platz.

Es war eine Minute ganz still. Das ferne durch viele Fenster, Treppenhäuser und Hinterhöfe gebrochene Geräusch des Autoverkehrs umrahmte diese Stille rings im Zimmer. Er stierte gegen die Decke und hielt seine Augen offen, bis sie tränten. Er brach die selbst auferlegte Folter ab, als sich die Tür des Nebenzimmers in den Angeln drehte. Danach war es wieder ruhig, während die alte Nachbarin an seiner Tür lauschte. Er vernahm ein sich entfernendes Schlurfen und dann den Aufprall des Wasserstrahls im emaillierten Becken. Es klang hölzern, wie wenn schusterkugelgroße, in Leder eingenähte Wassertropfen auf Holzbohlen fielen, in beklemmender Nähe. Die Putzfrau schaute herein, sah ihn liegen und zog ohne besondere Rücksicht, wie er fand, die Tür ins Schloss. Er stand auf, stieß an die Tischkante, fiel auf den Stuhl, auf seine Wäsche und die Bücher, und krümmte sich fluchend. Er verdammte seine Geilheit und schwor, sich die nächsten Wochen nur dem Studium hinzugeben. Das Pissen brannte lichterloh. Er legte sich wieder hin. Auf dem Bett verhallte der Schmerz.

Amour fou (oder der Verrat), 2. Teil /Prosa

Amour fou (oder der Verrat), 2. Teil

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Mittags verließ er das Haus in kleinen Schritten. Kurzatmig erreichte er das Stehcafé, wo er frühstückte. Er holte sich am Ausschank eine Tasse Kaffee und ließ sich von einer willigen Bedienung zwei Croissants bringen (du Pascha). Dann nippte er an diesem Tag: Er verharrte, nahm wahr, fasste keine Entschlüsse. Er wollte alles überdenken und schaffte keinen Anfang. Vielleicht sollte er zum Arzt gehen, denn krankenversichert war er (das hatte die Hochschulverwaltung geregelt). Er sinnierte über den altväterlichen Ausdruck ´am Fleische´ und fand ihn passend. Der Schmerz war fleischlich, nicht nervlich. Man konnte ihn gut aushalten, ein Schmerz für Helden. Der Chirurg würde nähen oder die Vorhaut entfernen, ihn zum Juden oder Mohammedaner machen. Die Angst, Vera könnte ihn angesteckt haben, blieb aus. Er dachte die Angst nur, er fühlte sie nicht. Vera war keine Kneipenhure, sie tat es nicht für Geld, erwiesenermaßen. Sie war die erste Frau, die er richtig gefickt hatte (trotz seines Alters). Er müsste von Zeit zu Zeit nach ihr sehen, sich um sie kümmern. Er würde im Dreieck aufkreuzen und nach dem Rechten sehen, mit ihr Bier trinken und sie, wenn ihm danach ist, aufs Zimmer nehmen. Er würde ihr einen Schein in die Handtasche stecken, damit sie essen geht oder sich eine neue Strumpfhose kauft. Aber sonst? Er konnte sie nicht einkleiden, ihr keine Wohnung finanzieren, keinen Job besorgen. Und er würde sie niemals heiraten, dafür war sie zu alt.

Seine erste furchtbare Affäre, eine verpatzte Gelegenheit, hatte er mit der Bedienung des „Kurfürsten“. Sie war eine weitläufige Verwandte (Chris schätzte sie auf 5 Jahre älter, als er damals war), beileibe keine schöne Frau, aber sie hatte einen gewaltigen Arsch, der ihr Kleid über die Kniekehlen zog, die Chris als besonders aufreizend in Erinnerung hatte. Sie stand im Ruf, jeden dieser Schnösel am Tresen – alle in seinem Alter, also siebzehn – aufzuladen und galoppieren zu lassen. Beim Ball der freiwilligen Feuerwehr hatte er sie geknutscht in einer ähnlichen Situation wie gestern im Dreieck (nur mit besoffenen Feuerwehrleuten statt der Polizisten). Ihm war damals alles so schnell in die Hose gefahren, dass er ihr Angebot, dem jungen Herrn zu zeigen, was Sache ist, hatte ausschlagen müssen. Sie war erhitzt und ärgerlich gewesen und hatte zur Antwort unheildrohend gelacht.

Die erste sexuelle Bekanntschaft mit seinem Glied verdankte er einem pädagogischen Sendboten, der im Auftrag der Kirche die Sexualität als „köstliches Geschenk unseres Schöpfers“ pries. Der Mann stand, die Finger aneinander gelegt und geneigten Haupts, das mit rosa und silberner Farbe bedeckt war, vor den besetzten Stuhlreihen des Katechumenen-Raums, wo frühmorgens Psalmen aufgesagt und Dr. Martin Luthers Katechismus gelesen wurde, und erläuterte den Kindern, worin der Segen der Sexualwerkzeuge liege und worin ihr Abusus. Darin nun bestehe seine frohe Botschaft, dass der Herr gnädig ist und Verfehlungen, die einer bereut, nicht wie unsere Altvorderen zu glauben Anlass gesehen hatten, mit Schwachsinn bestrafe. Chris rezitierte diese Predigt im Geiste. Er erinnerte sich an die salbungsvolle, protestantische, bohnerwachsgetränkte Stimmung dieses der Sexualität gewidmeten Nachmittags, an das Wort Abusus, dessen Bedeutung sich ihm damals nicht erschlossen und von dem er geglaubt hatte, dass es eine wissenschaftlich ausgedrückte Eigenschaft der Sexualität sei. Noch am selben Tag hatte er die Bereitschaft seines Gliedes, sich aufzurichten, dazu genutzt, die ihm bis dahin verborgene Gabe zu erforschen. Der Lustgewinn war kurz und danach blieb sein Werkzeug abgestumpft gegen die heftigen Bemühungen dauerhafter Glückseligkeit.

Chris verschwendete den Tag mit nutzlosen Betrachtungen. Die Elektrodynamik erschien ihm unwirklich. Erstaunt, dass er sich damit befasst hatte, nahm er sein Lehrbuch in die Hand und wog es. Er legte es auf den Kleiderschrank und ließ es überkragen, so dass es nicht in Vergessenheit geriete, wenn er sich eines Tages damit würde beschäftigen wollen. Es war noch hell, als er sich hinlegte. Er hatte die Vorhänge nicht zugezogen. Aus dem Oberlicht eines Küchenfensters klang in der hohen spröden Tonlage eines Jungen vor dem Stimmbruch die Melodie von Maa-ama. Hinterhöfe waren für Chris nicht abstoßend. Sie hatten etwas Heimeliges, Ewiges. Verwitterte Fensterrahmen, abblätternde Farbe, zerbröckelnder Kitt, schieferndes Holz. Das verglühende vulkanische Rot der Ziegelmauern erinnerte ihn an den Birnbaum, der im Garten seiner Eltern die dreieckige Krone der Mauer zum Nachbarn eingedrückt hatte. Teppichstangen, Teerpappe, Holzschuppen. Er dachte an die holunderselige Enge halbverwilderter, keinem Hausmeister untergebener Höfe, an Farn, der sich aus dem Mauerwerk rollt, an Eisenhaken, Zinkfensterrahmen, an den Holzgeruch der Böden und an den Blick über Dächer in das Licht, das an den Heinrich-Heine-Abenden hinter Kaminen und Giebeln hervor durch die Baukastenkonstruktion einer Hochbahn hindurch den Hinterhöfen eine Gloriole verpasst hatte. Er wachte auf, als es längst dunkel war und die Lichter aus den Fenstern herüberleuchteten. Er drehte sich um, genüsslich langsam (und sehr vorsichtig) und schlief wieder ein.

II.

Nach drei Tagen der Normalität kam Vera. Sie klingelte kurz vor Mitternacht. Sie klingelte anhaltend, weil Chris lange nicht begriff, dass es ihm galt. Die Nachbarin pochte an seine Tür und rief: „Für Sie ist das.“ Sie wiederholte es in albtraumhafter Monotonie, bis er sich aufraffte und den Morgenmantel überwarf. Er öffnete, und vor ihm stand in einem Wust aus rosa Stoffbahnen die Nachbarin, übelriechend, die gelben Haare im Netz gefangen, mit geröteten Augen stand sie vor ihm und rief hinter den weißen Zähnen einer Prothese hervor:
„Für Sie ist das. Das Schellen gilt Ihnen, nicht mir, auch nicht Herrn Bösenacker, es ist für Sie, erst zweimal dreimal, dann war eine Pause, dann zweimal dreimal, dann war es weg, dann wieder dreimal hintereinander, es muss für Sie sein, ich bin wach geworden, obwohl es nicht für mich ist. Gehen Sie, sagen Sie Ihrem Bekannten, er soll aufhören, wir haben mitten in der Nacht.“
Sie wandte sich und wankte zu ihrem Zimmer, blieb dort stehen und beobachtete Chris, wie er in die Dunkelheit hineinging und am Flurende den Haustüröffner drückte. Erst als Absätze auf der Treppe hörbar wurden und Chris die Alte flehentlich ansah, verließ sie ihren Beobachtungsposten und schloss die Zimmertür hinter sich.

Vera zog die Schuhe aus, als sie die Wohnung erreichte. Sie war nicht betrunken (sie war nie betrunken), roch aber nach Alkohol. Sie nahm ihre Pumps in die Hand, ging wortlos an Chris vorüber in sein Zimmer und warf sich aufs Bett. Der Rock verschob sich. Von ovalen Löchern aus zogen sich Laufmaschen über die Strumpfhose. Vera hatte sich die Knie aufgeschlagen. Sie wischte das Blut fort. Die Handinnenflächen und die Kniescheiben waren hellrot verschmiert. Chris setzte sich neben sie und streichelte ihre Beine.
„Wir waschen das weg.“
Sie sah ihn an.
„Kann ich bei dir übernachten?“
„Ja, sicher. Bist du gefallen?“
„Gefallen! Der Idiot hat mich zu Boden gerissen.“
„Welcher Idiot?“
„Egal.“
„Müsste ich es wissen, ich meine, bevor mir jemand ein Messer …“
„Ach, so toll ist das nicht, kleiner Romeo. Du machst dich um mich verdient, wenn ich hier schlafen darf, bist du so lieb?“
„Also, es geht mich nichts an?“
Vera lachte. Ihr Lachen steigerte sich zu einem Kreischen, bevor Chris ihr die Hand auf den Mund drücken konnte. Eine Tür klappte im Flur, dann war es unangenehm ruhig.
„Die Alte horcht.“
Vera riss sich los und zischte:
„Na und! Mach auf, schick sie ins Bett, sie soll pennen!“
Trotz ihres schmutzstarrenden Äußeren fühlte er sich ihr unterlegen. Vielleicht machte es die Art, in der sie mit ihm sprach. Er wurde den Eindruck nicht los, dass sie ihn verachtete. Wenn ich anfange, sie zu schlagen oder herumzukommandieren, ob sie mich dann für voll nimmt? Er kannte sie nicht. Außer, dass sie Vera hieß und um die vierzig war, wusste er nichts von ihr, nicht einmal ihren Nachnamen.
„Hat er dich geschlagen?“
„Das genügt doch wohl!“
Sie hatte ihren Rock und die Strumpfhose ausgezogen und zeigte auf ihre Knie. Er sagte:
„Ich hol jetzt Wasser. Warte hier und rühr dich nicht vom Fleck.“
„Wenn die Alte reinkommt, behaupte ich, dass ich deine Mutter bin“, rief sie ihm nach.

Er schlich durch den Flur zum Emaillebecken und ließ so leise wie möglich Wasser in den Eimer laufen. Als er zurückkehrte, hatte Vera eine Schüssel in dem kleinen Haushalt aufgetrieben und ans Bett geschoben. Sie saß auf dem Bettrand und blätterte in einem Buch. Sie klappte es zu und legte es schnell zur Seite. Chris tat so, als übersähe er es, und sagte obenhin:
„Du bist eben meine Kusine aus Amerika.“
„Ach nee, und von wo aus Amerika?“
„Aus Tusculum.“
Sie schaute ihn lange an. Ihr Blick nahm Chris gefangen. Er konnte ihm nicht ausweichen. Sie sahen in den anderen hinein, jeder in des anderen Schädel.
„Du hältst mich wohl für schön blöd, du kleiner Cicero. Wenn ich nicht eine so versoffene Hure wäre, du Miststück, …“
Sie unterbrach sich, um nicht merken zu lassen, dass ihr nach Weinen zumute war. Chris stellte den Eimer hin und küsste sie auf den Mund. Sie ließ es gefallen, ohne Erwiderung. Er nahm den Eimer wieder auf und goss Wasser in die Schüssel. Er holte ein Unterhemd aus dem Schrank und gab es ihr.
„Benutz es als Waschlappen. Zieh die Bluse aus, du kriegst meinen Pullover.“
Sie gehorchte in allem und schwieg. Er fürchtete, dass es noch einmal schellen würde, dass ein randalierender Mann, der Anspruch auf diese Frau erhob, ein Messer zwischen den Zähnen, die Treppe heraufstürmte. Chris würde etwas unternehmen müssen: seine Tür verbarrikadieren und darauf warten, dass die Alte nebenan die Polizei riefe, oder sich auf einen Zweikampf einlassen. Eine Messerwunde auf der Backe könnte er in seinem Bekanntenkreis nur erklären, wenn er die Primadonna an der Staatsoper vor den Nachstellungen des eifersüchtigen italienischen Tenors hätte in Schutz nehmen wollen (so wäre er des Mitgefühls wenigstens der männlichen Bekanntschaft sicher). Aber diese Situation? Unmöglich.

„Was macht deiner?“
„Bitte?“
„Was macht dein allerbestes Stück?“
Er kam sich vor wie ein kleiner Junge. „Es geht“, sagte er, und dachte: Ehe denn die Berge wurden, ehe die Sonne bei Capri im Meer versinkt, werde ich dich ganz langsam ficken. Chris rezitierte lautlos in seinen Hals hinein, feierlich und albern, während er ihr beim Abtrocknen half. Als sie sagte: „Guck weg“, stellte er sich mit dem Gesicht zur Kochplatte und brühte den Instant-Kaffee auf. Er drehte sich erst wieder um, als er das Bett knarren hörte und sicher sein konnte, dass sie sich zurechtgesetzt hatte. Zugedeckt und an der Wand lehnend, nahm sie eine Tasse entgegen, und jetzt lächelte sie zum ersten Mal.
„Du bist ein lieber Junge, auch wenn du mich für blöd hältst.“
„Tut ja keiner“, murmelte er und setzte sich auf die Bettkante. Das Haus war ruhig, nicht gänzlich – eingepasst in die mitternächtlichen Geräusche einer Großstadt.
„Nur diese eine Nacht“, sagte sie nach einer Weile, „er ist ein Miststück, zwei Kerle haben ihn festhalten müssen. Du brauchst keine Angst zu haben, er hat mich nicht verfolgt, er konnte es gar nicht, er weiß nicht, wo du wohnst.“
„Und wenn er es wüsste“, fragte Chris leichthin, „müsste ich, um ihm vorgestellt zu werden, Karate lernen?“
„Aaa“, rief sie gedehnt, ohne laut zu werden, sie zeigte mit der Tasse in der Hand auf ihn, „du brauchst keine Angst zu haben, mein Schatz, er weiß nicht, wo du wohnst. Soll ich sagen, wer er ist?“
Sie fiel in ihr Schweigen zurück, nippte an der Tasse und schaute an Chris vorbei auf die Wand.
„Sag bloß, du stehst auf die!“
Chris hatte ein Bild aus einem Magazin ausgeschnitten und an die Wand geheftet. Vera belustigte sich.
„Ihr habt doch sonst nichts im Kopf, darin seid ihr alle gleich, abgesehen von den Schwuchteln. Vielleicht bist du so eine. Tarnst dich mit einer Tittentusse an der Wand, erzählst überall rum, dass du Frauen in Kneipen anbaggerst.“
Bevor er etwas sagen konnte, fuhr sie fort:
„Achwas, wer sich eine Naht aufreißt wie du, steht auf Frauen und weiß nur nicht, wie ers machen soll. Du bist ein Lieber. Komm zu mir.“
Er nahm ihre Tasse entgegen, die sie ihm entgegengestreckt hatte, und stellte sie mit seiner zusammen auf den Tisch.
„Du wolltest mir erzählen, wer der Kerl ist. Er hat dich immerhin tätlich angegriffen. Hast du schon mal ans Anzeigen gedacht?“
„Tätlich angegriffen! Anzeige! Hört sich an, als ob du Bulle studiertest und auf einer alten Triumph rumhacken wolltest: Name, geboren, Sternzeichen. Dieses Miststück behauptet, mein Verlobter zu sein, er ist über fünfzig, ein alter Sack, und macht Kohle mit Geschenkartikeln, sagt er.“
„Und? Bist du verlobt?“
„Komm jetzt und mach das Licht aus.“
Es sollte ihm egal sein. Er machte das Licht aus, lehnte das Fenster an, zog den Vorhang zu, tastete sich zu ihr ins Bett. Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihren Bauch.
„Du weißt, dass es jetzt nicht geht“, flüsterte er.
„Kindskopf, man kann jemanden auch ohne das Ding glücklich machen. Halt jetzt den Mund“. Beide glitten in einen unruhigen Schlaf, wachten mehrmals auf, drehten sich gegeneinander und miteinander auf der Suche nach der besten Packung der Rümpfe und Glieder in einem durchgesackten Bett. Mal war es ihnen zu kalt, mal zu heiß, und beide waren froh, dass der Wecker schrillte. Vera zog sich an und verabschiedete sich mit einem Kuss auf seine Haare. „Ciao, Cicero.“

Vera kam in unregelmäßigen Abständen. Sie verbrachten den Rest des Tages und den Beginn des neuen mit wortkargen Unterhaltungen, in einer spröden geschwisterlichen Liebe, solange Chris nicht wieder hergestellt war. Sie hatte stets eine besondere Begründung für ihr Kommen. Ihre Ankunft an der Etagentür war immer kurzatmig und wortlos. Ihre Nervosität verschwand, wenn sie auf dem Bett saß. Manchmal legte sie eine Hand auf die Brust und atmete tief. Sie wollte nie etwas zu essen haben. Sie begnügte sich mit Kaffee. Das Richtfest seiner wiederhergestellten Männlichkeit vollzog sich an einem regnerischen Tag um Mitternacht. Er hatte sie wie eine nasse Katze zur Tür hereingelassen. In aller Kurzatmigkeit streifte sie ihre Kleider ab und verlangte – aus Gründen der Gerechtigkeit – dasselbe von Chris. Da sie in ihrer weichen, gerade noch üppigen Gestalt vor ihm stand und in ihm wiederum den unbeherrschten Reflex des Zupackens auslöste, verweigerte sie sich und sagte:
„Wir machen es, aber wir machen es anders.“

Chris fürchtete ihre Hingabe, die bettelnden Versuche ihrer Hand oder ihres Mundes. Trotz ihrer spöttischen Rede, ihrer herausfordernden oder herabsetzenden Art, genoss sie ihn, aber in einer ihm unzugänglichen Weise, die ihn zwar jedesmal befriedigte, aber auch viel abverlangte an aufgezwungener Geduld, die sie durch herrische, schmerzhafte Zeichen der Hand, durch Kneifen, Klammern und Schlagen erzwingen konnte, so dass er ihre Erlaubnis, sich gehenzulassen, herbeisehnte. Wenn es soweit war, vergaß er jede Rücksicht. Dann trachtete er danach, das Bett zu zertrümmern und die Spannung der Sprungfedern zu brechen. Sie überstand diese Angriffe mit einem weinerlichen Ausstoßen hastig eingesogener Luft, was ihn wahnsinnig machte. Zum Schluss die Demütigung, der Klaps auf den flaumigen Teil des Rückens.
„So“, sagte sie dann, „das wäre geschafft, du tobsüchtiges Kind.“

Danach zeigte sich Vera ausgeruht, ja, sie neigte zu gesteigerter geistiger Aktivität. Sie schien ihm vor Augen führen zu wollen, dass er ein unfertiges Wesen sei, ein Mann, ein kleiner Student. Kneipenhure, dachte er und packte sie einmal an beiden Armen, in einer Mischung aus Wut und Gier.
„Komm doch“, sagte sie, „zeigs mir, das willst du doch, zeig mir, was du kannst.“
Er ließ sie los und flennte:
„Müssen wir so miteinander umgehen?“
Sie nahm ihn in die Arme.
„Ich werde dir lästig. Du hast Ärger meinetwegen. Du wünschst mich zum Teufel. Du bist froh, wenn die Zicke abhaut, aber erst fickst du sie in Grund und Boden, du reitest die Welle ab und siehst sie gern von hinten. Adieu Marie.“
„Nein“, schrie er und richtete sich auf. Und sie:
„Sag bloß das nicht, von wegen Liebe, amour, amore, I love you undsoweiteretceterapépé. Ich bin abgetakelt, Kleiner. Du kommst in die besten Jahre, wenn ich weg vom Fenster bin.“
Sie erhob sich, zog sich an und setzte hinzu:
„Außerdem komm ich nicht mehr.“
„Wo willst du denn jetzt hin?“
„Soll dir egal sein.“ Sie blieb unschlüssig stehen.
„Ist mir aber verdammt nicht egal!“
Er schrie es heraus. Sie wurde blass. Es war so ruhig, dass man das nahende Unheil spürte. Er ging zur Zimmertür, warf sich in den Morgenmantel, der auf dem Boden gelegen hatte, und dirigierte Vera in die Ecke hinter der Tür, damit sie niemand zu sehen bekäme, wenn der Fall eintreten sollte, den Chris befürchtete.

Das hohle Geräusch eines Lichtschalters durch die Wand, Ächzen, Bohlenquietschen, Schlurfen, eine Pause, die Chris endlos vorkam. Jetzt klopfte es. Chris zählte in sich hinein und öffnete zögerlich die Tür. Er kniff die Augen zusammen, um Müdigkeit vorzutäuschen.
„Ich kann nicht schlafen“, sagte die Alte von nebenan. Chris staunte über diese Eröffnung der Beschwerdeführerin, die wie ein Leichnam stank, nach allen Säften, die ein schlaffer Körper in seinen Kammern und Röhren nicht mehr kanalisiert, sondern auf die Haut entlässt. Er entgegnete:
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Sie sind so laut, laut. Sie schreien mitten in der Nacht. Es klingelt auch immer in der Nacht, dass unsereins nicht schlafen kann.“
Sie fasste sich an die Schläfe und machte keine Anstalten, wieder zu gehen oder ihrer Beschwerde etwas hinzuzufügen. Sie brachte nichts heraus und starrte ihn an, als hätte sie ihren Text vergessen, als müsste er ihn kennen und soufflieren. Chris sah sich deshalb zu der Antwort genötigt:
„Es tut mir leid, entschuldigen Sie. Ich habe geträumt, ich muss furchtbar geträumt haben.“
„Ja, ja“, versetzte die Alte, Vorwurf und Skepsis schwangen mit. „Geträumt!“
Sie versuchte, mit ihren farblosen Augen etwas vom Inneren des Zimmers einzufangen.
„Geträumt! Die jungen Leute können noch träumen. Wissen Sie, dass ich Schmerzen habe?“
Sie schaute ihn an mit den klugen Augen eines Tieres. Chris ließ sich dadurch bewegen, die Tür weiter zu öffnen.
„Soll ich Ihnen eine Tablette geben?“ Sie schüttelte den Kopf und schlurfte, ohne sich einmal umzusehen, in das finstere Loch ihres Zimmers. Chris fragte sich, ob sie es verriegeln würde. Ihm kam der Gedanke, dass seine Tür nie abgeschlossen war, auch nicht während er mit Vera schlief. Er merkte, dass die Alte ihre Tür nur angelehnt hatte. Er riss deshalb seine auf und entließ einen breiten Lichtstrom in den Flur, um die Alte zu bewegen, sich einzuriegeln. Vera kam aus ihrer Ecke, nahm ihre Schuhe auf und schlich, nach einem flüchtigen Kuss, auf Strümpfen durch den Flur zum Ausgang.

Veras bedrückende Inanspruchnahme war für heute vorbei, vielleicht (das hatte sie durchblicken lassen) für immer. Er setzte sich aufs Bett und blätterte wahllos in einem Buch. Er begann zu lesen, ohne etwas zu behalten. Nach einer Weile klappte er es zu und legte es auf den Fußboden. Er wollte die Alte von nebenan besuchen. Die klaglose, in einer Frage getroffenen Feststellung, sie habe Schmerzen, stand ihm deutlich wie ein Lehrsatz im Gedächtnis. Er dachte an die klar erfassenden und darum ergreifenden Blicke, die er schon einmal bei einem verletzten Tier gesehen hatte. Aber die Angst, missverstanden zu werden (als Dieb von Sparbüchern zu gelten), und die Angst, eine lange quälende Lebensbeichte hören zu müssen, hielten ihn ab, seinem Impuls zu folgen. Er verschob es auf ein anderes Mal und legte sich hin, nur in den Morgenrock gehüllt. Er vergaß, das Licht zu löschen. Als er spät am Morgen aufwachte, war es ausgeschaltet. Er hatte die Putzfrau nicht gehört. Der Papierkorb war leer.

In der übernächsten Nacht schellte es. Chris, der begonnen hatte, an die Normalität seines Lebens zu glauben, erschrak bis unter die Bauchdecke. Er spielte mit dem Gedanken, nicht zu öffnen, dann fürchtete er, dass Vera Dauerfeuer geben und die Greisin nebenan auf den Flur treiben würde. So öffnete er.
„Es ging nicht früher, Schatz.“
Vera sagte es gegen ihre Gewohnheit schon an der Etagentür. Dort blieb sie stehen und wartete auf ein einladendes Zeichen. Er berührte sie an der Schulter, sie zog daraufhin wie gewohnt ihre Schuhe aus und ging auf Zehenspitzen ins Zimmer. Chris fiel auf, dass sie beim Friseur gewesen war und sich sorgfältig geschminkt hatte. Sie trug einen grauen Pullover und ein schwarzes Minikleid. Chris sah ungepflegt aus, denn er hatte mit ihrer Ankunft nicht gerechnet. Er schmuggelte seine Zahnbürste in die Tasche seines Rocks und verließ das Zimmer, den Kessel in der Hand. Nach der Katzenwäsche und dem Kaffeebrühen, als Vera und er auf dem Bett saßen, räsonierte er über ihre neue Aufmachung, dass der graue Pullover ihr gut stehe und die Brust betone. Er war stolz, dass sie ihm gehören sollte. Seine ruppige Gier wehrte sie ab (die neuen Klamotten, zerreiß sie nicht). Wenigstens hatte er gelernt, seinen Unterleib nach Veras Anweisungen zu benutzen. Sie schaltete. Sie bestimmte den Rhythmus, während er mit beiden Händen ihre Brüste auftürmte, von den Rippen aufwärts. Immer siegte die Fülle ihres Fleisches über seine Hände, und er musste den schnappenden Mund zu Hilfe nehmen. Er ließ die Pferde aus der Koppel. Sie küsste ihn, dass die Zungenbänder schmerzten.

„Hast du keine Angst?“
„Wer nicht?“
„Heißt das, du lässt es drauf ankommen?“
„Das musste ja mal ins Spiel gebracht werden!“ Sie presste ein Lachen hervor. “Weißt du, mein kleiner Prinz, bei dir muss man sich um alles kümmern, die Ohren auswischen, die Nase putzen. Nein, mein Lieber, ich habe mich da ganz auf dich verlassen, du Überschwemmer meines Tales, Vater meiner Söhne.“
Chris sah sie fassungslos an.
„Ist das dein Ernst?“
„Deine Empörung kannst du dir sonstwo hinstecken. Du bist in allem ein Student. Ich bin die große Bums-Simulations-Maschine, ja? Getestet und keimfrei, und wer so galoppiert wie du, kriegt einen Übungsschein.“
Sie sprach leise, aber eindringlich. Sie hatte sich im Bett aufgerichtet und die Arme um die Beine geschlungen. Um ihre wachsende Wut zu bändigen, legte er seine Hände auf ihre Füße. Dabei sah er, dass ihre Nägel lackiert waren. Sie hat sich etwas von diesem Abend versprochen, jetzt ist sie enttäuscht und macht dich fertig. Ihr Ton war nicht verletzend. Gerade deshalb fühlte er sich ausgestopft, als läge ein Sack im Magen. Seine Seele hatte da wenig Platz. Vera war im Recht.
„Aber müssen wir so miteinander reden?” Das fragte er laut in ihren Redefluss, als sie angekommen war bei:
„… keine Kinder mehr.“
Sie entzog ihm ihre Füße und setzte sich auf die Bettkante.
„Du hörst mir nicht zu. Hast du verstanden, was ich sage? Zweiter und letzter Versuch.“
Sie wandte sich halb zu ihm und hob mit dem Zeigefinger seinen Kopf in Augenhöhe.
„Ich wiederhole es, mein Schatz, weil es auch für dich wichtig zu sein scheint: Ich hatte eine Operation. Du kannst dich auf mich verlassen.“
Chris traute sich nicht, sie in die Arme zu nehmen, weil er damit rechnete, dass sie sich entziehen würde. Er schaute zur Seite, der Halterung ihres Fingers entronnen. Das Blut schoss ihm in den Kopf. Er war eingezwängt in dicke, pulsierende Wände, von innen und außen beinahe erdrückt, von blutführenden heißen Schläuchen umwickelt. Vera griff zu ihrem Pullöverchen und zog es über.
„Was den Ton anlangt und ob wir so miteinander reden müssen, das liegt daran, dass …“, sie pausierte, dann sagte sie hastig, leise und undeutlich, aber auch unwiderruflich: „… ich dich liebe. Aber die Umstände sind nicht danach, und zwar überhaupt nicht, in jeder Beziehung nicht.“

Amour fou (oder der Verrat), 3. Teil /Prosa

Amour fou (oder der Verrat), 3. Teil

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Wie um das zu übertönen und vergessen zu machen, monologisierte sie:
„Ich war auf dem Weg wie du, Abitur, Studium. Ich darf gar nicht daran denken, ich habe Psychologie studiert. Da guckst du blöd. Arzt, hilf dir selbst. Wenn du der Messias bist, steig vom Kreuz herab. Ich bin ein Fall für die Klappsmühle, und zwar in jeder Beziehung, auch in deiner, du blöder Cicero.“
Während sie sprach, zog sie ihre Strumpfhose über die Beine.
„Ich habe dich nie um Geld gebeten. Kannst du mir jetzt 20 Euro geben, 15 genügen, mit 15 komm ich hin.“
Sie sah bekümmert aus, zart, ihre Stimme war die eines Mädchens. Chris wollte etwas sagen, er räusperte sich und wies mit dem Kopf auf seine Hose über dem Stuhl. Sie fingerte an ihr herum, achtlos warf sie dabei den BH zu Boden (sie hatte vergessen, ihn anzulegen). Sie zog das Portemonnaie heraus und blätterte in den Fächern.
„Pech.“ Sie klappte es wieder zu und legte es auf den Tisch.
„Das kann nicht sein“, rief Chris, „das kann überhaupt nicht sein!“
Er griff zur Börse und zog einen Hunderter hervor.
„Pass auf“, sagte sie, „es geht auch ohne.“
„Du nimmst jetzt das Geld. Wenn du willst, gibst du mir den Rest irgendwann zurück.“
„Und du lebst in der Zwischenzeit von Luft und Liebe, ja?“
Daran hatte er nicht gedacht. Er fragte kleinlaut:
„Wofür brauchst du es?“
Sie hob selbstvergessen den BH auf, stopfte ihn unter den Pullover und befestigte ihn. Chris stellte sich hinter sie und schlang die Arme um ihren Hals. Sie lehnte den Kopf zurück und sagte traurig:
„Ich wollte nicht den ganzen Weg zu Fuß, wenigstens einen Teil mit dem Taxi.“
„Wenn es das ist, Kleines, ist uns beiden geholfen. Du bleibst hier, ich kauf morgen ein, wir frühstücken, die Putzfrau kann uns mal, dann teilen wir uns den Rest vom Geld. In vier Tagen ist BAföG-Tag. Das überlebe ich.“
Sie setzte sich, drehte sich auf dem Stuhl zu ihm und begann zu weinen. Er hatte sie noch nie weinen sehen. Es war das erste Mal, und dann in dieser leisen Art, die ihm die Kehle zuschnürte.

III.

Diesen Morgen gab es noch für sie. Kaum ein Abschied, denn sie verschwand geschäftig, als hätte sie dringende Besuche zu machen. Sie war voller kleiner Pläne. Nach dem flüchtigen Kuss und ihrem zum zweiten Mal gewährten Mädchen-Blick, den Chris bei einer alten Frau nicht erwartete (und bei dieser schon gar nicht), glaubte er fest daran, dass es zwischen ihnen eine Beziehung gab, und er fragte sich, wie er sie ordnen, ihr zu einer Tradition verhelfen könne, zu einer zweckmäßigen (und das hieß bei ihm: einer bequemen) Abfolge von Terminen und Begegnungen. Die Frage wuchs sich zur Sorge aus. Er wollte nicht länger dulden, dass sie alle zwei Nächte Sturm schellte und in sein Zimmer wehte, ihn und seine Nachbarin um den Schlaf brachte, er wollte aber auch nicht mehr auf sie verzichten. Trotzdem, er konnte sich nicht vorstellen, welches Leben das mit ihr sein würde. Sie hatte gesagt, dass sie ihn liebt. Das ließ viele Deutungen zu (er hatte es ihr ja auch einmal gesagt). Während er über sich und Vera nachdachte – auf dem Weg zur Badeanstalt – kam ihm die Erleuchtung: Er würde in ein Haus ziehen, wo man mitternachts schellen und schreien darf. Ihm schwebte ein Gartenhaus vor, eine Wohnung inmitten alten Gerümpels. Diesen Gedanken kapselte er ein. Er wollte ihn erst wieder aufschließen, wenn er unter der Dusche stünde (seiner bevorzugten Einrichtung des öffentlichen Bades).

Unter der Dusche träumte er vom Gartenhaus, von einem gusseisernen Tisch, zwei eisernen Stühlen, einem Eisenbett, das alle Stöße zurückgibt. Er sah sich in seinem Schuppen unter der offenen Lüftungsklappe sitzen, durch die der schwere Duft der Rhododendren wie Bor auf ihn herabfällt. Oder er hörte den Regen aus den Siedesteinen felsgrauer Wolken, hinter denen mit Elektrizität gekocht wird, auf das Blechdach prasseln. Soviel wollte er für heute festhalten: Ich könnte ein Gartenhaus mieten, für uns alleine (und wenn ich täglich mit der Straßenbahn fahren müsste), damit ich diese Klingeljule jeden Abend ficken kann. Punkt 1: Das Klingeln in der alten Wohnung muss aufhören, sonst werde ich verrückt. Punkt 2: Ich werde sie im Dreieck besuchen und mit ihr alles bereden. Punkt 3: Ich glaube, ich liebe sie. Es ist verrückt, gegen jeden Komment, und ich glaube eigentlich, ich liebe sie nicht. Trotzdem, ich liebe sie augenblicksweise. Manchmal liebe ich sie mehr als die ganze Fickerei.

Der Gang zum Kaltwasserbecken war eine Pflicht. Er hätte sonst den Bademeister um den Sinn seiner beruflichen Existenz betrogen. Wenn er unter der Dusche mit sich in Reine gekommen war, einen Abschluss seiner Gedanken gefunden und die Wäsche beendet hatte (mit der zurückgelassenen Seife anderer, weil er den Transport nasser Seife verabscheute), watschelte er zu der Fliesentreppe und stieg in das grünklare, Kälte drohende Wasser, und sein einziger Schutz dagegen war die Überzeugung, dass es sein müsse, denn die Vorspeise gegessen und die nahrhafte Kost ausgeschlagen zu haben, würde im Buch der Gerechtigkeit aufgezeichnet und an einer unvorhersehbaren Stelle seines Lebens vielleicht eine Katastrophe auslösen.

Chris verbrachte den Rest des Tages damit, in seinem Studium Fuß zu fassen. Er zwang sich, in zwei Vorlesungen auszuharren, und nahm Termine wahr, die er wochenlang aufgeschoben hatte. Er kasteite sich in der Bibliothek und unterzog sich der beschämenden Prozedur des Buchausleihens. Er musste sich beleidigen und belehren lassen – von einer Frau, die er für eine typische Vertreterin ihres Faches hielt: anmaßend, flach, blond, blass, aber keine Brille vor den ausgewaschenen Augen (diesen schönen Augen von der Farbe des Weltmeeres). Er schob Karteikästen (die PC waren immer noch nicht angeschlossen worden), suchte Titel und Autoren, blätterte in Katalogen und notierte sich ein Werk, das er gar nicht haben wollte. Nur um nicht mit leeren Händen das Papier-Mausoleum zu verlassen, trug er das Buch zur Ausleihe. Er hatte das Falsche unvollständig aufgeschrieben und wurde ermahnt, das Richtige in lesbarer Schrift vorzulegen. Mit dem Hochmut einer Papier-Vestalin, die vor zehn Jahren die Kunst des Bücherverwaltens studiert hatte, wurde Chris belehrt, dass ein Studium damit zu beginnen habe, sich ordnungsgemäß Bücher auszuleihen. Dazu sei erforderlich, die Quellenangaben wissenschaftlicher Werke ernst zu nehmen, auch auf dem Hintergrund „der nicht unberechtigten Vermutung, dass Sie dereinst selbst ein akademisches Opus verfassen, an dem das Wichtigste die Literaturangabe sein wird.“ Chris war nahe davor, das Buch auf den gebohnerten Boden zu schleudern, aber er demütigte sich vor der Wahrheit, die er hatte hören müssen, vor der Weisheit dieser Hexe. Er quälte sich zu einem Lächeln und entblödete sich nicht, sie einzuladen, „mir nach Dienstschluss die Geheimnisse des Leihverkehrs zu offenbaren“. Sie warf ihm eine Benutzerordnung zu und blickte ihn mit Meeresaugen an.
„Wenn ich nun Ja sagen würde? Aber keine Angst.“ Was hätte er sich vergeben, wenn er heute, diesen einen Abend, mit ihr in ein Restaurant gegangen wäre? Als er die Kinokarte löste, wusste er es: Das Geld. Es reichte für die eine Karte (und das auch nur, weil er den Studentenausweis dabei hatte).

Gegen 22 Uhr stopfte er sich Servietten, die er aus der Mensa mitgebracht hatte, in eine Tasche des Morgenrocks, nahm seinen Stuhl in die Hand und begab sich mit heißen Ohren zur Etagentür. Er setzte den Stuhl leise auf, bestieg ihn und klemmte das Papier zwischen Klöppel und Schelle. Er wäre schlecht auf eine Frage vorbereitet gewesen, warum er die Klingel außer Betrieb setzte. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn vielleicht brauchte Vera gerade heute seine Hilfe. Aber er war der Ungewissheit ihres Kommens nicht mehr gewachsen. Die Alten in der Wohnung würden jetzt keinen Besuch mehr empfangen (und Hilfe würde niemand bei ihnen suchen). Als er auf dem Stuhl stand, um den Klöppel daran zu hindern, im Rhythmus des Wechselstroms auf die Eisenschelle zu schlagen, dachte er an die greisen Nachbarn. Herr Bösenacker hatte nie über ihn geklagt, auch nie mit ihm gesprochen, ihn nur gegrüßt, wenn er ihm auf dem Flur begegnet war. Dann verglich er seine Nachbarin, die immer Schmerzen hatte, mit der Bibliothekarin – der Augen wegen, die klug und leidenschaftslos aus dem Fleisch blickten, in das sie sich als selbstständige Wesen nur vorübergehend eingenistet zu haben schienen. Die Alte hatte ihm vor einigen Monaten, kurz nachdem er eingezogen war, eine Geschichte über Herrn Bösenacker erzählt.

Er dringt in langen Unterhosen ohne Anzuklopfen in mein Zimmer, als ich schon im Bett liege. Er sagt nichts, aber er tut auch nichts, er macht auch keine Anstalten, etwas zu sagen oder zu tun, er räuspert sich nicht, reibt auch nicht über die Tapete auf der Suche nach dem Lichtschalter. Nichts dergleichen, nur ein Luftzug, ein Schleifen und Schmatzen. Zuerst glaube ich, mein seliger Mann ist gekommen. Mein Mann war mir früher erschienen, lange bevor ich in dieses Loch ziehen musste, als noch die Katze bei mir wohnte. Er gab sich durch unerklärliche Geräusche zu erkennen, durch Geräusche ohne Ursache. Einmal glaubte ich, es sei die Katze in der Küche, die sich auf dem Zeitungspapier vor ihrem Klöchen herumdreht. Aber die Katze stand neben mir, auch sie hatte es gehört, denn sie spitzte die Ohren. Ein anderes Mal wollte ich vom Stuhl aufstehen, aber mein Mann hielt mich am Gürtel meines Umhangs. Ich sagte, lass das, Karl. Sofort fiel der Gürtel hinab, und ich hatte keine Mühe mit dem Aufstehen. Denn der Karl war ein guter Mann, aber das konnte er nie lassen, das Getue hier, das Getue da, das Rumzuppeln. Ich habe ihm immer eins auf die Finger gegeben, auch wenn andere Leute dabei waren. Er hat mich nie erschreckt, er hat auch nie etwas gesagt, die Katze hat ihn auch wiedererkannt, der hätten doch sonst die Haare zu Berge gestanden. Also ich glaube jetzt, mein Mann ist die Tür hereingekommen. Das wäre hier das erste Mal gewesen. Ich frage, bist du es? Und der Alte von nebenan, der ist es nämlich, sagt laut: ich bin es. Ich mach Licht an und sehe ihn da vor mir in langen Unterhosen. Ich sage: was wollen Sie hier, gehen Sie sofort hinaus! Er sagt: ich will nichts von Ihnen, und ich: Ja, wenn Sie nichts von mir wollen, was wollen Sie denn? Darauf er: Ich will mit Ihnen reden. Ich sage: Verlassen Sie sofort mein Zimmer, sonst schreie ich. Was bildet der sich ein, glaubt der vielleicht, ich verwahre mein Geld in der Schublade? Nehmen Sie sich vor dem in Acht, der ist nicht ganz richtig.

Chris erschrak, dass er beinahe vom Stuhl gefallen wäre. Bösenacker stand im Flur. Chris hatte ihn nicht gehört. Der Mann sagte:
„So ist es gut. Von mir aus können Sie die abreißen. Einigen Leuten dürfte das nicht Recht sein, Leuten, vor denen Sie sich hüten müssen. Montieren Sie die Klingel ruhig ab, schmeißen Sie sie ins Klo. Dann hats seine Ruh. Die Weiber!“
Er schlurfte an Chris vorüber zum Cabinet im Treppenhaus. Chris ging in sein Zimmer zurück. Er durfte morgen nicht verschlafen, weil er die Servietten rechtzeitig entfernen musste. Und morgen abend würde er mit Vera sprechen.

Ausgerüstet mit dem Konzept eines neuen Lebens (wenigstens eines neuen Anfangs in einem Gartenhaus) ging er ins Dreieck. Er hatte sich die Zeit zwischen abends zehn und elf ausgesucht, um sicherzugehen, Vera anzutreffen. Er schlug den ledergesäumten Vorhang zurück. Die Ascot-Musik spielte zwar, aber leiser als damals. Es waren auch weniger Menschen anwesend. Er hörte Bruchstücke der Unterhaltung heraus. Kein Rufen, kein Tanzen. Die Wirtin, heute im hochgeschlossenen Kleid, hob den Kopf und nickte kurz, als sie Chris erkannte. Sie sah ihn herausfordernd an, fast unfreundlich, nachdem er auf einem Hocker Platz genommen hatte. Er saß vor dem T-förmigen blanken Zapfapparat, in dem sich sein Gesicht spiegelte. Von hier aus konnte er bequem den Eingang beobachten. Die Wirtin hatte seine Bestellung nicht abgewartet und stellte ihm ein Bier vor die Nase. Er blickte sie an, als er sich bedankte, und konnte gerade noch sehen, wie sie ihre Augen zur Decke drehte. Er fühlte sich unbehaglich – als wäre er lästig.

Links von ihm saß ein Mann, Mitte fünfzig, den er hier noch nie gesehen hatte. Als Chris zu ihm hinüberschielte, drehte er schnell seinen Kopf weg. Der Mann hatte seinen Mantel nicht abgelegt. Sein Hut lag auf der Theke, daneben ein Paar schwarze Handschuhe. Chris schaute auf die Wirtin, um sie zu einer Blickäußerung zu bewegen. Sie stand mit dem Rücken zu ihm und blätterte in einer Zeitung.
„War Vera hier?”
Sie sollten wissen, weswegen er gekommen war.
„Interessieren Sie sich für sie?“
Der Mann neben ihm fragte ihn das. Von ihm hatte er die Frage am wenigsten erwartet. Der Mann lächelte ihn an, als wollte er damit sagen, dass jedes Interesse an einer Frau verschwendet sei. Die Unterhaltung mit einem Schwulen misshagte Chris. Ein anderes Mal würde er sich mit ihm unterhalten. Jetzt nicht. Außerdem hatte der Mann seine Gegenfrage in einem aufreizenden Ton gestellt. Chris fiel nichts Passendes ein (ihm würde eine Stunde später etwas einfallen) und so stellte er die Frage, die beleidigte Personen immer stellen, wenn sich Unbekannte des Verbrechens der Einmischung schuldig machen:
„Passt es Ihnen vielleicht nicht?“
Das Lächeln des Mannes gefror, auch die Beimengung, die Chris irrtümlich für schwul gehalten hatte, so dass er gezwungen war, für einige Augenblicke in das grinsende Gesicht zu glotzen, denn Wegsehen hätte ihn zum Unterlegenen auf freier Wildbahn gemacht. Der Mann bewegte seine Lippen so, als wäre der Mund ein Gummischlitz:
„Das kann man so nicht sagen.“
Chris war angewidert, er hatte keine offene Angst (aber hinter dem Gefühl des Angewidertseins hielt sie sich versteckt).

Er spürte einen Schmerz, als hätte er sich mit dem Rasiermesser geschnitten. Bier verbreitete sich wie ein kühler Lappen über seinem Gesicht. Er hörte den Schrei der Wirtin, das zerbrechende Glas und etwas später – selber schon im Fallen – den Hocker aufschlagen. Am Boden liegend riss er die Beine an sich und stieß sie zu seiner Verteidigung nach vorn, dabei traf er den Mann seitlich gegen die Knie. Der fiel und schrammte an einem Holztisch entlang in die Arme zweier Gäste. Chris erhob sich. Er fühlte, wie es an ihm heruntertroff, aber er merkte nicht, wie furchterregend er aussah. In der Euphorie, die ihm zu Kopf stieg, streckte er sich und riss seine Jacke herunter. Der Mann, der ihm das Glas ins Gesicht geschleudert hatte, hangelte sich an den Armen, die ihn stützten, empor, riss sich los und machte einen Schritt zum Ausgang, blieb dann stehen – wahrscheinlich, weil er die zurückgelassenen Sachen nicht aufgeben wollte – und musste sich gefallen lassen, dass Chris ihn ohrfeigte. Einer sagte dann zu dem Mann:
„Sie verschwinden jetzt am besten.“
Ein anderer stopfte ihm die Handschuhe und den gewrungenen Hut in die Manteltasche.

Chris spielte den komischen Helden. Das Sprechen fiel ihm schwer, weil die Oberlippe dick wurde.
„Das mir zugedachte Bier geht auf meinen Deckel, aber lass dich nie wieder hier blicken, du dumme Sau!“
„Das geht zu weit“, schrie der Mann. Er krallte sich an den braunen Stoff des Vorhangs an der Tür, um sich selbst an der Flucht zu hindern. Er wollte seine Ehre verteidigen:
„Der Bengel steigt meiner Verlobten nach. Wer ist denn hier …“
Chris hatte sich mit dem Taschentuch das Gesicht abgetupft und sah entgeistert auf den Stoff, der sich rot färbte. Theatralisch hielt er dem fluchtbereiten Mann das Tuch entgegen, eine japanische Fahne.
„Und das hier, das ist wohl nichts?“
Die beiden anderen Gäste schoben den Mann durch den Vorhang. Mit sanfter Gewalt hielten sie Chris davon ab, ihm zu folgen. Er wollte sich gar nicht prügeln, er wollte nur rechten. Deshalb schlug er die Hände zur Seite, die sich nach ihm ausstreckten und eine symbolische Schranke formten. Die Wirtin griff seinen Arm. Sie drückte Chris auf einen Stuhl hinter der Theke. Er überließ sich ihrer Obhut, entspannte sich und genoss die Pflege, die ihm zuteil wurde.
„Hemd und Jacke waschen Sie selber aus. Sie wissen, dass Blutflecken schwer rausgehen?“
Sie pappte ihm ein Pflaster ins Gesicht und schenkte ihm einen Klaren ein.
„Du gehst jetzt nach Hause und denkst nicht mehr daran.“
„Geld und Weiber“, sagte Chris, „ich kriege jedesmal eins auf die Fresse.“
Er kippte den Klaren und versank ins Brüten. Dann fragte er:
„Was ist nun mit Vera?“
„Du lässt am besten die Finger von ihr.“
„Warum, ist sie eine Mafiabraut?“
„Du siehst ja, was du davon hast.“
„Was kann Vera dafür, dass sie einen so dämlichen Alten hat?“
Die Wirtin zuckte die Achseln. Chris legte eine Münze auf den Tresen und ging. Am Vorhang drehte er sich um:
„Vielen Dank, war nett von Ihnen. Tut mir leid. Immer wenn ich hier bin.“
Er hob die Hand. Tschüss. Als er in der Schleuse stand, zwischen Vorhang und Eingang, beschloss er, vorsichtig zu sein. Er öffnete die Tür und trat schnell auf die Straße, bereit, einen Schlag abzuwehren.

Er hätte beinahe eine Frau angerempelt. Es nieselte. Als er ihn sah, erschrak er: Der Mann wartete an der Omnibus-Haltestelle auf dem Christiane-Vulpius-Platz. Chris schaute auf die Uhr (halb zwölf). Er wollte es hinter sich bringen, sich nicht in den Seitenstraßen vergewissern müssen, ob der Mann ihm folgen würde. Darum ging er auf ihn zu und hoffte, dass der Bus käme. Ich habe mir den Schwanz und die Schnauze verletzt, ich mache reinen Tisch. Er steckte die Hände in die Tasche und reckte sich. Der Mann hatte seinen gewrungenen Hut in Form gebracht, aufgesetzt und die Handschuhe übergestreift. Wenn er nicht so klein, so hässlich wäre, so dicklich, könnte er schon ein mittlerer Angestellter der Mafia sein, einer, der einen Derringer bei sich trägt. Chris dachte daran, wie er sich die Begegnung mit dem Fremden an der Wohnungstür vorgestellt hatte. Jetzt ist es doch so ähnlich gekommen. Er blieb grinsend vor ihm stehen. Die Schnittwunde pochte. Er wusste nicht, was er tun würde. Die Situation machte ihn sich selber unberechenbar. Der Mann hielt den Blick gesenkt auf den Widerschein der Bogenlampen und Leuchtreklamen. Ohne aufzublicken, sagte er:
„Sie können mich ruhig zusammenschlagen.“
Als Chris nicht antwortete und nichts unternahm, fuhr er fort:
„Sie sind jung. Ich will nicht sagen, dass Sie überlegen sind, aber Sie könnten mich zusammenschlagen. Ich habe sogar Angst davor.“
Jetzt hob der Mann das Gesicht. Chris sah die leere Ausfallstraße entlang. Er versuchte, den Bus, der diese verheißungsvoll glänzende Straße herunterkommen würde, möglichst früh zu erkennen.
„Ich bin nicht sicher, ob ich mit der dummen Sau Recht habe“, sagte er endlich an dem Mann vorbei.
„Ich würde Sie wohl schwerlich vom Gegenteil überzeugen können“, hörte er ihn neben sich sagen, „ich möchte mich entschuldigen. Es sind die Nerven, Sie können das nicht verstehen.“
Chris wollte nicht von sich aus auf Vera zu sprechen kommen. Er wartete, dass der andere davon anfangen würde.
„Haben Sie mit ihr geschlafen?“ fragte der Mann. Chris sah sein Gesicht und wusste, dass er ihn verletzen könnte.
„Wir haben uns im Dreieck getroffen. Soviel ich weiß, wohnt sie bei ihrer Mutter.“
Der Mann rührte nicht mehr an seine Frage. Er schien froh über die ausweichende Antwort zu sein.
„Ich bin Geschäftsmann“, sagte er und schob eine Hand in den Mantel. Derringer oder Brieftasche. Der Mann zog einen Umschlag hervor.
„Schmerzensgeld. Es sind zweihundert Euro.“
„Stecken Sie es weg.“
„Vielleicht hatten Sie Auslagen, Kosten durch meine Verlobte.“
„Stecken Sie es verdammt nochmal weg.“
Der Mann steckte den Umschlag wieder zurück.
„Lieben Sie sie?“
„Es sieht ja so aus, als wollten Sie Vera kaufen.“
„Lieben Sie sie?“
Chris wusste es nicht, und es hätte ihm auch nicht gepasst, mit dem Mann darüber zu diskutieren.
„Sie ist mir sympathisch, wir haben gewürfelt.“
„Eine x-beliebige Frau in einer dreckigen Kneipe ist Ihnen sympathisch?“
Der Mann betrachtete ihn höhnisch.
„Passt es Ihnen vielleicht nicht?“
„Mir passt nicht, dass Sie mit ihr würfeln, wie Sie das nennen!“
Als Chris das veränderte, böse Gesicht sah, fiel ihm der Zustand ein, in dem Vera eines Tages bei ihm aufgetaucht war, blutige Knie, zerrissene Strümpfe.
„Mir passt nicht, dass Sie sie schlagen, Sie Drecksack.“ Und als er alles vor sich sah: Die blutigen Knie und wie der kleine Dreckskerl sie auf das Pflaster zerrt und wie dieses Arschloch ihm ein Bierglas ins Gesicht wirft und wie dieser Wichser alles mit lumpigen Scheinen begleichen will, trat Chris zu, blindlings. Er hatte sich die Stelle nicht ausgesucht. Aber als der kleine Mann vornüberknickte, stieß Chris ihm sein Knie ins Gesicht.

Der Bus war aus einer Seitenstraße eingebogen. Chris hatte ihn nicht kommen hören. Als das beleuchtete Wageninnere den Schauplatz erhellte, geriet er in Panik. Er rannte fort und suchte enge Straßen, wo der Bus nicht würde folgen können. Er stellte sich vor, wie der Wagen mit laufendem Motor an der Haltestelle vibriert, wie sich der Fahrer über den Toten beugt, dann hochschaut in die Richtung des Flüchtigen, wie sich der Fahrer strafft, in den Bus zurücksteigt, ein Fach öffnet, die Pistole herausnimmt und durchlädt, wie er sich an der Haltestange abwärts schwingt und dem Täter hinterher läuft, auf Socken (denn zu hören war ja nichts). Chris gehorchte seiner Einbildung. Sie scheuchte ihn durch unbefahrene Wohnstraßen. Es war nicht die Angst vor der Pistole. Ach was, die Pistole ist lächerlich. Er strich sie aus seiner Fantasie und beließ es dabei, dass sich der Fahrer über die Leiche beugt und, nachdem er sich vom Exitus überzeugt hat, die Polizei ruft.

Chris blieb stehen. Er hielt es nun für besser, sich selbst der Polizei zu stellen und zu erklären, dass er gar nicht beabsicht habe, diesen Mann, den Verlobten seiner Freundin, anzutasten, obwohl der Kerl ihn verletzt hatte, wie leicht an der Färbung seines Pullovers festzustellen sei (ist es nicht vielmehr das Blut des Verstorbenen? Was?). Nach zwei Stunden des Umherirrens, und nachdem die Müdigkeit ihn dazu gezwungen hatte, etwas Endgültiges zu unternehmen, um den Rest der Nacht schlafen zu können, bog er in die Richtung, aus der er geflohen war. An der Haltestelle begegnete er dem Wind, der sich durch die Einfallstraße in die Stadt zwängte. Außer dem Wind war nichts. Alles in sich verschlossen, die Fenster und Türen hatten keine Augen, nur die Straßenmündungen ruhten hellwach, aber gleichgültig gegen Chris. Der Lichtkegel über dem H-Schild zitterte. Es lag am Wind oder an der Nervosität. Hier kann nichts stattgefunden haben. Der Ort war leer, so leer wie irgendein schwarzes Loch ohne Zeit. Also: keine Leiche, kein Blut, keine Fetzen, die aus dem Fleisch herausgerissen wären. Es erschien ihm alles so unwirklich, dass ihm der Gedanke an die Polizei absurd vorkam. Er ging mitten über die Straße nach Hause. Er würde sich nicht wundern, wenn Vera im Hauseingang stünde. Er hoffte es. Er sehnte sich danach.

Seine Mutter hatte ihm eine Pistole vorgehalten. Der Traum gefiel ihm nicht. Die Wirklichkeit gefiel ihm auch nicht. Darum blieb er den ganzen Tag im Zimmer. Der Putzfrau gestattete er, die symbolische Zimmer-Reinigung vorzunehmen. Sie hatte sich abgewöhnt, Fragen an Chris zu richten, wenn er angezogen auf dem Bett lag, seine Hände hinter den Kopf verschränkte und im Craquelé der Zimmerdecke nach Spuren einer Gesetzmäßigkeit forschte. Was suchen Sie da, hatte sie ihn einmal gefragt. Nach Erzeugenden. Sie hatte seine Antwort als Frage wiederholt. Und er: Wenn es Ihnen nicht passt, bleiben Sie doch draußen oder besser, Sie sagen Ihrem Metzger, er soll die Spinngewebe abhängen und die Decke weißen. Sie hatte damals sofort Kehrt gemacht und dem Vermieter mitgeteilt, dass der Student Frauen bei sich übernachten lasse, wodurch ihr Mehrarbeit entstehe, die sie nicht bezahlt bekommt. Sie war nicht älter als Vera, und die Beschwerde hätte ihr darum als Eifersucht ausgelegt werden können. Der Metzger mit der ewigen Zigarre in der Schnauze, der überall im Wege stand, der alte Chef mit den intelligenten Schweinsaugen, hatte ihr das auf den Kopf zugesagt. Sie kam also wieder, unverrichteter Dinge, so nackt wie Putzfrauen sind, wenn sie einen Kittel anhaben, der wegen Bückens nicht durchgehend zugeknöpft ist. Chris hatte sich entschuldigt, und sie hatte geantwortet: lassen Sie mal. Wie es ihr gehe, fragte Chris heute. Aus lauter Verlegenheit schlug sie das Staubtuch vor ihm aus.
„Ihnen gehts heute wohl nicht so gut“, versetzte sie, „soll ich Ihnen was holen, ich muss sowieso für den Alten auf die Straße, und für Sie“, fügte sie spöttisch hinzu, „mach ich doch alles.“
Er nahm ihr Angebot an und ließ sich eine Tageszeitung bringen.

Chris blieb auch an den nächsten Tagen in seinem Zimmer, jedenfalls die meiste Zeit. Nur wenn die Putzfrau kam, tat er so, als wäre er im Aufbruch, um ihre Dienste nicht wieder in Anspruch zu nehmen. Er verließ dann für eine Stunde die Wohnung, drückte sich an Mauern vorüber und setzte sich im Volkspark, einem grünen Dreieck inmitten von Häusern der Gründerzeit, auf eine Bank und versuchte, in einem Buch zu lesen. Die Schatten der Zweige wischten über die Seiten. Das Schwirren der Taubenflügel, das Brummen der Autos in den Alleen, Stimmen, die ihn nicht riefen, alles das lenkte ihn ab. Ganz anders im Hörsaal: Dort könnte er sich konzentrieren, dort wäre er sicherer aufgehoben als hier, dort käme niemand auf die Idee, er hätte den Verlobten seiner Freundin ermordet. Aber er blieb im Viertel und las den Regionalteil der Zeitung. Er zwang sich, auch die Abende im Zimmer auszuharren, und hoffte, dass Vera wieder auftauchen würde, um alles zu erklären. Dann bekam er Heißhunger auf eine Frau. Darum passte er die Putzfrau ab. Während sie ihren Eimer durch das Zimmer trug und den Gegenständen einen feuchten Lappen zeigte, als wollte sie ihnen mit einer deutschen Wäsche drohen, tat er so, als läse er Zeitung oder studierte seine Skripte. Er schnupperte und beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Dann aber erschien ihm der Gedanke absurd, sie an Veras Stelle zu nehmen.

Die Zeit verknotete sich. Es passierte nichts. Keiner verhaftete ihn, niemand verhörte ihn. Er hatte also niemanden ermordet. Aber das Gefühl, ein Mörder zu sein, setzte sich in ihm fest und verfolgte ihn bis in die Träume. Ihm war, als hätte ihn schon, auch lange vor dem Zwischenfall, das Gefühl bedrückt, jemanden umgebracht zu haben. Er beschloss, die Stadt zu verlassen und sein Studium woanders von vorn zu beginnen. Chris war ein kindischer Mann. Er malte sich ein Bild von Vera, das Bild einer Heiligen wäre falsch ausgedrückt, denn ihm waren Heilige kein Begriff, außer in dem Sinne betender Weiber, die von einem Mann nie etwas anderes als das Gesicht zu sehen bekommen. Es war das Bild (von Vera selbst begünstigt) einer Allzweckfrau, einer Frau fürs Grobe UND fürs Feingewirkte. Nur, wollte er sie? Er ließ in seiner Fantasie alle Leute, auf deren Rat er hören würde, sagen, dass eine Frau in dem Alter sowieso kein Verhältnis für einen Studenten sei, der sich anschickt, in Berlin neue Erfahrungen zu sammeln. Außerdem war Vera von sich aus verschwunden. Schließlich gab es jemanden, der Ansprüche an sie stellte und der sich ihretwegen in Händel eingelassen hatte. Sie war für Chris eine blutige Erinnerung, und er redete sich ein, dass die Affäre darum echt gewesen sein müsse. Veras flüchtiges Liebesbekenntnis nahm er als ein günstiges Zeugnis für seine Männlichkeit und seine Befähigung, eigene Wege zu gehen – nach Berlin zu reisen, um das Leben, das sich dem Vernehmen nach dort wie in einer Ausstellung präsentiert, besser kennenzulernen als hier. Aber zum Gefühl, jemanden ermordet zu haben, gesellte sich das Unbehagen, auch ein Verräter zu sein.

29. Oktober

von Pablo Wezel (copyright)

Die Haut auf beiden Seiten seiner Augen spannte sich beim Nachdenken mehr, als es ihm lieb war. Wie Flüsse auf einer Landkarte, schlängelten sie sich unaufhaltsam weiter. Bahnten sich ihren Weg, auf einer Landkarte, welche zwar noch nicht ganz fertig war, aber deren Konturen immer deutlicher wurden. Noch war es verfrüht, etwas endgültiges an ihr erkennen zu wollen. Aber man konnte bereits mit dem Gedanken spielen, für eine endgültige Beurteilung so langsam Luft zu holen. Der Gedanke, endgültig zu sein, liess ihn in absoluter Hilflosigkeit ertrinken. Die stumpfen Blitzgedanken daran, dass es bereits Einschränkungen zu verzeichnen gab, das ewige Bilanz ziehen, um letztendlich unter dem Strich in roten Zahlen zu ertrinken, das hilflose Kindergeschrei eines erwachsenen Menschen, wo denn all die verflogenen Jahre hinseien, der stetige, unaufhörliche und doch so sinnlose Kampf, nicht alles besser wissend, mit kugelrundem Bauch an einem Stammtisch herumzurülpsen, der ewige Blick auf die Uhr, das Aufbäumen gegen eine Gesellschaft, deren Bestandteil man letztendlich ja doch ist, an diesen Einsichten drohte er regelmässig zu ersticken. Und vollkommen egal wie sehr er sich auch bemühte. Die Einsichten kamen immer zu spät. Der grösste Makel unserer Spezies besteht darin, wirklich schlechte Dinge erst dann zu erkennen, wenn sie bereits geschehen sind.
Bestimmt und diktatorisch beendete ein „Klick“ das Werk der Sparlampen im Treppenhaus. Es verstrichen einige seiner wertvollen Atemzüge, ehe sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Die Betonmassen umschlangen ihn und er dachte an reiche, ganz alte Damen, wie ihnen beim Hinausgehen ihr schwerer Mantel von der gut bewachten Garderobe, über die runzligen Schultern gelegt wird. Tote Tiere auf fast toten Menschen.
Seinen Körper, seine Seele und seine Lebensgeschichte hatte er ganz bewusst auf jener Treppenstufe niedergelassen, mit derer Hilfe seine ältere Tochter einst ihren ersten Milchzahn verlor. Für sein Alter bedenklich schnell, erhob er sich und drückte die tiefschwarzen Betonmassen ein kleines Stückchen von sich. Mit einer Portion Vorsicht, jedoch nicht tastend, führte er seine Schritte zur Wohnungstür. Wohl eher unbewusst aber reichlich weise, gönnte er den Sparlampen die Arbeit und griff nach der beneidenswerten Türfalle. Nicht gänzlich abgeneigt augenblicklich mit ihr zu tauschen, umklammerten seine knochigen Finger das Eisenwerk. Nichts, worüber sich die Türfalle hätte Gedanken machen müssen. Kein Bilanz ziehen. Erspart wurden ihr all die schier unerträglich wichtigen Entscheidungen. Ihre Berufung von Beginn an bestimmt, erkannt und akzeptiert. Hatte er sie vor vielen Jahren noch verflucht, weil seine jüngere Tochter an ihr hängen geblieben war und sich dabei ihr zartes Handgelenkchen brach, so dankte er ihr heute für die zärtlichen Erinnerungen, jedes Mal wenn er sie berührte. Er trat ein und liess den schwarzen Beton solange vor der Tür warten. Auf Teppichsocken zog er an der Küche vorbei und dachte daran, was sie mit ihm vor langer Zeit einmal dort angestellt hatte. Dinge, welche er in seinem Herzen mitnehmen würde, ohne sie jemals irgendjemandem preiszugeben. Ob seine Kinder mittlerweile denselben „Küchengedanken“ in sich hüteten, wollte er nicht wissen.
Das Schlafzimmer trug ihren Duft. Und dies bereits seit tausenden von Tagen. Und noch immer hatte er Angst, diesen durch seine Anwesenheit zu verändern. Ihn seiner Perfektion zu berauben. Und er sah seine Angst als gerechtfertigt. Nur die kleinste Abweichung ihres Duftes, seines Seelenfutters hätte eine Katastrophe zur Folge gehabt, deren Ausmass zu erkennen die Menschheit nicht im Stande gewesen wäre.
Am Bettrand sitzend, liess er seine Augenlieder hinuntergleiten. Dunkel. Nur ohne „ Klick“. Atemlos legte er seine Beine neben ihre Wärme und kam nach Hause.

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