Ein Schwanenhals

von Andreas Züll (copyright)

Sie saß dort auf der Parkbank und sah den Schwänen auf dem See zu, wie sie einander umkreisten, so wie die Gestirne ihre Bahnen um die Sonne zogen. Ihr Blick wanderte umher. Sie träumte den Schwänen nach, wie sie ihre Schwingen ausbreiten und weit, weit in den Himmel ziehen würden. Wie die Sonne ihr reines, unschuldiges Weiß in tausend Richtungen wiederspiegelte und die Schwäne das Licht in alle Welt tragen würden! Der ein oder andere tat es wirklich, einen kurzen Moment lang breitete er seine Flügel aus und erhob sich, kurz, nur einen Augenblick des Erhabensseins lang, dann reihte er sich wieder in die Bahnen seiner Gefolgsleute ein. Ein treuer, weißer Schwan in einem ewigen Kreisen des Umeinanderdrehens. Wer war sie? Nein, sie war kein Schwan. Nicht so anmutig wie einer, nicht so weiß und unbefleckt. Und ihre Flügel? Gestutzt. Eine handvoll Federn war ihr davon geblieben. Nichts mehr …
Nun saß sie dort, auf der Parkbank. Umgeben von den mächtigen, sich in den Himmel wuchtenden Bäumen, dem knirschenden Kies auf dem Weg, keuchenden Joggern und greisen Paaren, die sich verliebt wie am ersten Tag an den Händen hielten, und nichts sonst mehr zu haben schienen, als einander, als zusammen hin und her zu schlendern. Nein, dachte sie, man sieht kein junges Paar im Park. Irgendwo jenseits des Sees hörte sie eine Geige spielen, sanft und ohne jeden Misston, und einen Stift rau über Papier kratzen. Vögel sangen. Und die Schwäne kreisten um sie und mit ihnen ihre Gedanken. Gemeinsam zogen sie in den Himmel, vorbei an den Wolken, die sie wie weicher Schaum, wie Watte und warmes Badewasser einlullten, zur Sonne hin, deren Strahlen sie einfingen, ihren Körper umschmeichelten, von den Zehen bis in die letzte Haarspitze. Und ihre Füße waren plötzlich so leicht und ihre Strähnen blonder als Gold. Sie trug ein Kleid aus Silber, mit glitzernden Steinen bestickt. Neue, starke Flügel schienen ihr zu wachsen. Ein wohliger Schauer fuhr über ihren Rücken, ihre Nackenhaare richteten sich auf. Und von weit unter ihr, aus dem grünen Fleck der der Park sein mochte, konnte sie das sanfte Geigenspiel noch hören, und den Stift, der rau über das Papier kratzte. Und sie stellte sich vor, dass diese Melodie nur für sie gespielt wurde, wie aus dem einzelnen Instrument ein ganzes Orchester wurde. Und aus dem Kratzen wurden Pinselstriche über eine riesige Leinwand, sie allein darauf, inmitten eines Meeres aus Schwänen, die sie, die strahlende Prinzessin mit den goldenen Haaren, auf ihren weißen Schwingen davon trugen. Unbefleckt und rein, eine schaumgeborene Göttin, unberührt und wunderschön. Und sie liebte die Welt und die Welt liebte sie.
Dann fiel sie. Tief, tiefer. So tief man fallen konnte fiel sie: Zurück in die Realität. Ein stummes Orchester, ein letzter Pinselstrich. Unvollendet … Wie lange saß sie schon hier? Es war noch dunkel gewesen, als sie hierher gekommen war. Als es geschah, dämmerte es nicht einmal. Die Sonne, die sie so umschmeichelt hatte in ihren Träumen, hatte sie allein gelassen, ihre Augen geschlossen, und es geschehen lassen. Dann die Parkbank. Die Schwäne. So unerreichbar fern. Wer war sie? Sie hatte es im Kreisen der Schwäne vergessen. Ein Schwan … Sie wünschte es sich so sehr …

Am anderen Ufer des Teiches saß ein junger Mann mit einem Zeichenblock im Gras, nah beim Wasser, und sah zu einer jungen Frau in zerschlissenen Jeans und zerzausten Haaren hinüber. Sie saß dort, schon als er gekommen war, die Turmuhr von St. Rochus musste Sieben oder Acht geschlagen haben, und hatte sich seither kaum bewegt. Keine Regung gezeigt. Mit leeren Augen starrte sie auf den See hinaus, dort wo die Schwäne kreisten. Unweit neben ihm spielte ein einsamer alter Herr, der auf einer der vielen Bänke saß, Geige, einen abgetragenen Hut zu seinen Füßen. Hier und dort schimmerte es an einigen wenigen Stellen aus dem Hut hervor, wenn die Wolken den Weg der Sonne wieder frei gaben. Ein kurzes Aufblitzen, so wie die Schwäne und das jähe Ausbreiten ihrer Flügel, ehe sie sich wieder einreihten in die Kreise der anderen. Ein trauriges Spiel, eine sanfte Melodie, der Geige begleitete ihren Zug. Er lächelte und setzte den Bleistift wieder an. Rau fuhr er über den Block. Von dem kratzenden Ton richteten sich die Haare auf seinem Handrücken auf. Er schaute wieder zu ihr hinüber. Gerade eben war er an ihrem Hals angelangt. Immer wieder musste er damit neu beginnen. Wie sollte man einen Schwanenhals zeichnen?
Er versuchte es sanft, mit schwachen, kaum sichtbaren Strichen, dann wieder hart, mit dünnen tiefschwarzen Linien, die sich kaum ausradieren ließen. Manchmal schien es ihm, als würde seine Hand vom Geigenspiel getragen, immer wieder in ferne Bahnen und Welten, die seinen Stift vom Papier abbrachten, zu dem Mädchen hin trugen, wo er sich mit ihr im Kreisen der Schwäne verlor … Ein Schwanenhals … Er liebte sie. Ja, er liebte sie wirklich, jeder Gedanke kreiste um sie, jedes Gefühl, jeder Gedanke berührte ihre anmutige Gestalt und ihren Schwanenhals. Und er lebte nur, um sie zu malen, in einem Meer aus unzählbaren Schwänen. Er begehrte sie nicht, nicht ihre Lippen und nicht ihren Schwanenhals, er vergötterte sie. Ihn überkam Angst vor dem Moment, an dem sie aufstehen, ihn alleine im Park zurücklassen, würde. Aber sie blieb dort sitzen, still, unberührt, einsam auf einer Bank unter vielen, starrte mit ihren leeren Augen auf den See hinaus, und saß ihm Model, ihm allein. Der stille, der heimliche Maler, der sich hinter den Schwänen versteckt hielt, und auf sie alleine wartete, es nicht wagte, zu ihr zu gehen, sie anzusprechen. Nein, ein einfacher nutzloser Maler konnte nicht einfach vor den Thron einer Prinzessin ziehen und um ihre Hand anhalten. Das ging nicht. Wenn sie ihn doch nur sehen würde! Mit ihr würde er überall hingehen, wenn es sein musste, würde er sie bis zur Sonne tragen, eine Treppe aus Träumen und Wolken bauen und mutig genug sein, sie zu begehen, mit ihr, dem weißen unberührten Schwan auf seinen Armen. Und die Schwäne würden sie umkreisen, sie begleiten und ihnen den Weg zeigen, den sie selbst nicht kannten. Sie war sein Schicksal … Sie, der Schwan, und er, das hässliche Entlein, dass die Flügel ausbreitete, nur um ihr ebenbürtig zu sein. Die ewige Geschichte, auf den weißen Schwingen der Schwäne, die sie rein erstrahlen ließen. Wer war er – war es nicht gleichgültig? Er liebte sie, was musste er sonst wissen? Und er sah sich mit ihr die Treppen besteigen, höher und höher hinaus, begleitet vom Geigenspiel und dem Glitzern aus dem Hut, dass sie umspielte und mit dem Strahlen der Sonne verschmolz.Dann fiel er. Tief, tiefer. So tief man fallen konnte fiel er: Zurück in die Realität. Und er sah auf die Uhr. Es war Zeit, Zeit zu gehen. Sehnsüchtig sah er zu ihr hinüber, sah auf seinen Block. Da war sie. Weiß und rein, wie er sie dort sitzen sah, um sie herum die Schwäne, die einander umkreisten. Das Geigenspiel … Behutsam riss er die Zeichnung von den anderen Blättern ab, faltete sie und hielt sie ans Herz. Sah zu ihr hinüber. Der Schwan, der leer zu seinen Artgenossen schaute, und doch nicht zu ihnen zog.
Der junge Mann war ging und ließ sein Schicksal im Park zurück. Er würde morgen wieder kommen, doch sie würde nie wieder auf dieser Bank sitzen, ihm alleine Model stehen. Alles, was er malen würde, waren greise Paare, die sich verliebt wie am ersten Tag an den Händen hielten, als hätten sie nichts weiter mehr, als einander und das gemeinsame Schlendern um den See. Und oft dachte er an sie und das es so hätte sein können. Er und sein Schwan … er wünschte es sich so sehr …

An diesem Abend fand ein alter Mann, der einen abgetragenen Hut und eine Geige bei sich trug, am Ufer eine verwaschene Zeichnung, die ein junges Mädchen mit langen Haaren und einem weiten Kleid inmitten von Schwänen zeigte. Sie hatte auch einen Schwanenhals, befand er und lächelte. Und er schaute zu der Bank am anderen Ufer. Dort, wo sich ein trockener Streifen Blut über den brüchigen Lack auf der Bank zog. Dort, wo ein gefallener Schwan gesessen hatte, den er nicht hatte retten können. Eine einzelne Träne lief über seine raue, gegerbte Wange. Ein Schwanenhals, dachte er …

Die Tränen des Prinzen

von Andreas Züll (copyright)

- Für Anne -

Diese Geschichte zu schreiben mag nicht das Einfachste sein, und die Zeit, die seitdem vergangen ist, zu überbrücken, scheint mir schier unmöglich. Doch ich muss und ich werde sie schreiben, allein schon um Rechenschaft abzulegen vor der Person, die eine Antwort verdient, auf Fragen, die ich mit gesprochenen Worten nicht beantworten könnte. Ich will versuchen, nichts auszulassen, von Anfang an erzählen, auch wenn es keinen wirklichen Anfang gibt, so wie es nie ein Ende geben wird und all unser Handeln mit allen Konsequenzen ewig währt. Es spielt keine Rolle, wie alt oder jung ich bin. Ich würde diese Geschichte heute nicht anders schreiben als in dreißig Jahren. Denn so wie sie hier steht, ist sie geschehen, als unauslöschbarer Teil von mir.
In meinem allzu kurzen Leben hat es so manches Hoch und Tief gegeben, und ungeachtet der Tatsache, dass noch so manche davon folgen werden, so reicht es doch aus, um einige Geschichten darüber zu schreiben. Doch das Ereignis, das ich mir von allen ausgesucht habe, um den Menschen davon zu berichten, mag gleichwohl das intimste von allen sein. Bisher legte ich euch meine Seele zu Füßen, die ihr ebenso übergehen wie bestaunen konntet, ließ euch Teil haben an meinen Träumen und Gedanken, meinem Zorn und meiner Liebe. Nicht aber an meiner realen, meiner greifbaren Liebe. Zu heikel das Thema, zu ungeschickt die Worte, die beschreiben könnten, was in mir vorging in der Nacht in der sich diese – meine und unsere – Geschichte zutrug.
Ich habe viel über diese Nacht nachgedacht, oft mit schmerzlicher Gewissheit, dass sie einmalig war, oft aber auch mit freudiger Erinnerung gerade daran, dass sie nur einmal stattgefunden hat und nie wieder stattfinden wird. Wie es geschah, was passierte, sind nur Fetzen in meiner Erinnerung. Vieles ist schon zu lange verdrängt, stetig darauf wartend, wieder ans Licht geholt zu werden. Es war ihr Name, der wie die Erfüllung all meiner Träume und Wünsche in mir klang, so hell und wunderbar. Und all meine Gedanken, mein Leben kreiste in diesen Tagen um diesen einen Namen, wie die Gestirne, die sich um die Sonne drehen, ohne das Wie und Warum zu kennen. Ich werde nie vergessen, wie sie mich das erste Mal umarmte, wirklich umarmte. Wie sich ihre Arme um mich legten und ihr Kopf sich sanft in meinen Nacken lehnte. Seltsam, an solche Momente ein ganzes Zeitalter lang nicht mehr zu denken und plötzlich hat man sie wieder so klar vor Augen, so unglaublich nah, als wäre kein Tag, nicht eine Sekunde vergangen. Ihre Arme, ihre Wärme, ihre blonden Haare. Sie war ein Traum, der nicht wahr sein konnte, so unglaublich schön und strahlend. Ich habe mich um sie gedreht, ohne das Wie und Warum zu kennen, ohne danach zu fragen. Heute weiß ich, dass alles so kommen musste, wie es gekommen ist, und dass aus den bittersten Trümmern oft die buntesten Blumen wachsen.
Es gibt einen Ort, den ich seit dieser Nacht nur ungern aufsuche, ein Knotenpunkt zwischen den Dörfern, ein Weg führt zurück nach Hause, der andere weit in die Eifelfelder, der dritte und letzte aber trägt einen an den Ort, an dem sie dir deine Träume nehmen und Hoffnungslosigkeit dafür geben. Dort haben wir gestanden, mitten auf der Straße, eng umschlungen, in der einzigen Nacht, die mir mit ihr geschenkt wurde. Mein Dorf, mein Zuhause, ist so wunderschön, wenn die Sonne untergegangen ist. Ich spüre die warme Sommernacht und ihre Lippen noch heute, wenn ich lange genug in mir danach suche, höre das scheue „ Ich liebe dich” und den Klang ihrer Stimme. Irgendwo tief in mir selbst ist dieses Gefühl immer noch in einer Glaskugel verschlossen. Ich muss sie nur finden und hervorholen. Und dann ist alles plötzlich wieder da. Ihre Stimme, ihr Geruch, die Zigaretten. Wir gehen spazieren, jedes Mal lenke ich unsere Schritte an der Haustür vorbei, finde einen neuen Weg, um dem Unausweichlichen zu entkommen. Mein Herz schlägt. Nie bin ich glücklicher gewesen.
Dann mein Zimmer, das Gefühl, mit ihr auf dem Boden zu liegen, zu schweben. Es gab da diesen Song von HIM, ich weiß nicht, einige kennen ihn sicher. Ein wunderbarer Rocksong, griffige Gitarren, Ville Valos gnadenlos depressive Nikotinstimme, das alles hat mich sehr mitgenommen: „Poisongirl”. Und sie war es, mein Poisongirl. I did it all just for her … loves Heart is death for me and my Poisongirl …Right here in my arms!
In diesem Moment hätte ich nie gedacht, dass es anders sein könnte. Aber lange danach hat mir Ville Valos verdammte Stimme noch die Tränen in die Augen getrieben. Plötzlich ging alles so schnell, eben noch waren wir durch die Sommernacht spaziert, hatten kaum ein Wort miteinander gesprochen, und dann schwebten wir zusammen über den Boden.
„ So soll es immer sein!”, hat sie gesagt, an solche Sätze erinnere ich mich ein Leben lang.
Ich beuge mich über sie, hauche einen mehr als schwachen Kuss auf ihre Lippen. Seltsame Küsse sind das. Die ersten, die ich erlebe. Den ersten habe ich ihr im Treppenhaus gegeben, unsere Lippen haben sich dabei kaum berührt, an derselben Stelle wie kein Jahr später dem Mädchen, das wieder Licht in mein Leben brachte. Ironie des Schicksals. Aber jetzt sind es seltsame Küsse. Und schöne. Ich warte bis sie sich zu mir vorbeugt, denn ich wage nicht, sie einfach von selbst zu küssen, ohne ihr Einverständnis. Sie ist eine wunderschöne Skulptur aus Glas, ich würde daran zugrunde gehen, sie zu zerbrechen. So soll es immer sein …
Ich habe nicht mit ihr geschlafen. Wie sollte ich es sonst ausdrücken? Wir haben nicht, lieber Leser! Tut mir Leid, Sie enttäuschen zu müssen. Aber wir haben nun einmal nicht. Nicht nur, weil ich sie nicht zerbrechen wollte, aber es ist nicht geschehen. Warum nicht? Ja, warum nicht? Vielleicht wollte keiner von uns, vielleicht hatte ich Angst. Sie nicht, sie war auf ihre Weise mutiger, erfahren. Ich weiß das Warum nicht. Damals schien es so, als dürften wir nichts überstürzen, als hätten wir alle Zeit der Welt. Denn wir liebten uns in dieser einen Nacht so unendlich und mit soviel Macht, dass sie hätte Ketten sprengen können. Eine Nacht voller Erotik, Wärme und Gefühl. Sie kam aus dem Bad in ihrem T-Shirt und Boxershorts, so ganz und gar nicht edel und doch schöner als alles, was ich in meinem Leben gesehen hatte.Und sie setzte sich zu mir auf die Bettkante, strich mir durch meine zerzausten Haare und lächelte. Lehnte sich an mich, küsste mich. Ich spürte ihre Nähe, ja wirklich, ihre Nähe. Nicht nur körperlich. Sie war nah und alles andere war so weit fern. Alle Freunde, alle Sorgen, der verdammte Alkohol und die Hoffnungslosigkeit. Alle Schmerzen waren weg. Da war nur sie und ich. Und wir liebten uns. Die Zeit stand still, nur die nikotingetränkte Luft und das Sternlicht waberten um uns. Dann kam der Morgen. Und wir wachten auf. Der ganze Zauber war vorbei.
Ihr Name. Leise flüstere ich ihn vor mich hin. Er strömt aus mir wie ein frischer Atemzug. Immer noch. Aber ich habe keine Tränen mehr. Ich konnte den Gedanken an sie und ihren Verlust so lange nicht ertragen. Ihr Name kam mir nicht über die Lippen, er war ein Gespenst in mir. Ihren Geruch, ihre Stimme, ihre Wärme, alles packte ich in Kisten und verstaute sie tief in den dunklen Abgründen meines Seins. Alles. So lange. Aber sie ist nicht tot, sie lebt. Auch für mich lebt sie wieder. Ich habe ihr verziehen. Ich hoffe, sie mir auch. Sie hat mein Leben verändert, sie ist der wichtigste Eckpfeiler. Ohne sie wäre ich nicht das, was ich jetzt bin noch was ich sein wollte. Ich habe die ersten Nächte nach ihr auf dem Boden geschlafen, neben Flaschen und Aschenbechern. Ich konnte es nicht ertragen, allein in meinem leeren Bett zu liegen. Sie hatte nur ein einziges Mal darin gelegen. Aber wenn ich mich zu ihrer Seite wandte, sah ich sie ganz deutlich neben mir, verschwommen und wunderschön. Ich konnte nicht. Ich habe Zeit gebraucht. Wenn wir heute davon sprechen, klingt es, als wären wir die Überlebenden ein und derselben Katastrophe und nur der eine kann den anderen verstehen. Kein Außenstehender. Ich liebe sie immer noch. Anders, nicht so wie früher, aber ich liebe sie. Als Freund und Verwandte. Und als Leidensgenossin. So werde ich sie in meinem Herzen behalten. Bis ich sterbe.

Wenn ich München höre…

von Sigrid Kriener (Copyright)

Einen Tag, nachdem Marilyn Monroe an einer Überdosis Schlaftabletten gestorben war, am 6. August 1962, fuhr ich ich zum erstenmal mit dem Zug von Hamburg nach München. Am Hauptbahnhof schlug mir die traurige Neuigkeit von allen Titelseiten der Tageszeitungen entgegen. Ich war geschockt. Zu jener Zeit bedeuteten Stars für mich noch etwas, und Marilyn war eine der ganz großen für mich. – Ich kaufte mehrere Zeitungen. Unterwegs vertiefte ich mich in die Berichte. Ich war damals 19 Jahre alt, und fast nicht aus Norddeutschland heraus gekommen, und keineswegs so selbstsicher wie heutige junge Frauen. Dass man in diesem Alter damals „Fräulein” titulierte wurde, paßte also sogar, jedenfalls für mich.
Diese Reise war mein erstes Stück Selbstständigkeit… Verreisen, zum ersten mal ohne Begleitung. Als Studentin hatte ich wenig Geld, und hatte mich daher für einen Sonderzug entschieden der preisgünstig war, dafür aber zwanzig Stunden unterwegs. Also, hatte ich genügend Zeit die Nachrufe zu lesen, die Abbildungen der schönen Verstorbenen zu betrachten und mich zu fragen, wie es mir wohl ergehen würde, wenn ich erst einmal 36 Jahre alt wäre, ob auch ich Angst davor hätte zu altern und nach und nach meine Schönheit zu verlieren.
Schönheit. – Wie wichtig das für mich war! Bis dahin hatte ich kaum etwas vorzuweisen in meinem Leben. Man bewunderte mich, weil ich schön war, das war alles. Und nun hatte sich Marilyn davongemacht und liess alle Ängste zurück… war nicht mehr. Ihre Schönheit nur noch Zelluloid
Tod. – Das war bis kurz zuvor noch ein Begriff gewesen, der nichts mit mir zu tun hatte und nun war es schon der zweite Tod, der mich erschütterte. Nur wenige Wochen vorher war mein Professor, den ich bewundert und geliebt hatte gestorben, ebenfalls zu früh, im Alter von 42. Zum ersten mal war ich von Trauer und Trostlosigkeit geschüttelt gewesen, hatte mich kaum beruhigen können. Nie wieder habe ich später bei Beerdigungen geweint… es war als hätte ich alle Tränen, die ich für solche Ereignisse hatte, auf einmal vergossen. –

Und war ich auf dem Weg nach München.
Zwei Ziele hatte ich dort. Erstens sollte ich Verwandte aufsuchen, die durch die Scheidung meiner Großmutter meiner Familie entrückt waren, und die von meiner Existenz keine Ahnung hatten. Keiner hatte mich dort angekündigt und ich selbst war auch nicht auf die Idee gekommen.
Zweitens war ich dort mit einen Studienkameraden verabredet. Dieser wollte mich mit seinem Freund bekanntmachen, der ebenfalls ein ehemaliger Schüler unseres kürzlich verstorbenen Lehrers war. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Der Freund wohnte am Viktualienmarkt und hatte dort auch sein Atelier. Eine Ganze Ausstellung erwartete uns, an die vierzig Bilder, abstrakt surrealistisch, in einer faszinierende Technik. Farbig besprühte Spinnweben, die er auf dem Lande in alten Scheunen fand, montierte er auf dunkle Bildgründe wie schwebende Plazenta oder Lungenschmetterlinge. Ich durfte mir ein Bild aussuchen und besitze es heute noch. Wir aßen Käse und tranken Rotwein aus einer zwei Liter Flasche. Am nächsten Tag reiste auch noch mein Liebster an. Ich schwebte auf einer Wolke… teilte meine Zeit mit drei jungen Männern in München, einer Kunstmetropole. Wir besuchten Ausstellungen und Galerien, diskutierten über Kunst und sprachen von Leben und vom Tod. Eine neue Welt tat sich für mich auf. Ich – Landpommeranze, behütete Tochter, hatte so ein ganz klein wenig das Gefühl von Bohème und Existentialismus.
Als ich am späten Nachmittag die Klingel an einer Wohnung meiner Verwandten in Maximilianstrasse drückte, geschah zunächst gar nichts. Ich versuchte es ein zweites mal. Da wurde die Tür einen spaltbreit geöffnet . Ein älterer Herr spähte hinaus in das Halbdunkel des Flures, dahinter erkannte ich eine Frau. Onkel Adolf und Tante Karla , Schwager und Schwägerin meiner Grossmutter… nach anfänglichem Zögern wurde ich eingelassen in die dunkle Altbauwohnung mit den schweren Ledermöbeln. Ich erklärte den Grund meines Besuchs, es nützte nichts… die Stimmung blieb reserviert. Zwanzig Minuten später stand ich wieder unten auf der Maximilianstrasse und fühlte mich so frei … so frei…. Familie..bah! Was hatte ich damit zutun? Das war was für Spießer…Bourgoises! Sollte meine Mutter sehen wie sie Kontakt zur Familie ihres Vaters bekam. Mich interessierte das nicht. Ich war Künstlerin, meine Freunde waren Künstler …und am Abend würden wir in Schwabing einen drauf machen.

Der Tod hat ein Gesicht

von Eduard Breimann (copyright)

Eigentlich beginnt der Tag, wie Ralf ihn sich gedacht hat. Nichts deutet darauf hin, dass er anders enden könnte, als all die Tage vorher, an denen er dabei sein durfte.
Sie gehen schweigend, wie immer, wenn sie den Wald, die Gerüche und Geräusche genießen. Er träumt gerne, denkt sich Bilder, betrachtet sie versonnen, während seine Füße automatisch den richtigen Weg finden. Er kann sich Tag und Nacht Bilder machen. Mit ihnen versteht er einfach alles besser.
Neben ihm geht sein Onkel, trägt einen Farbeimer und einen Pinsel in der Hand. Er verehrt seinen Onkel – oder besser, er hat ein Gefühl für ihn, wie er es gerne für seinen Vater hätte – wenn er einen hätte. Dieser stille alte Mann ersetzt ihm den Vater – er ist sein Freund.
„Wir müssen immer Freunde bleiben. Versprochen, Onkel Franz?“, hat er an einem gefühlstaumeligen Heiligen Abend zu ihm gesagt, als er einen Stabilbaukasten von ihm geschenkt bekam. Und Freunde sind sie auch geblieben – bis zu diesem heißen Sommertag.
Er weiß nicht viel über die Vergangenheit seines Onkels. Onkel Franz spricht wenig – und über sich schon gar nicht. Dass er bei der SS gedient hat, das ist im Ort bekannt, das weiß er und er weiß durchaus, was die SS gemacht hat. Sie haben in der Schule viel darüber gehört, Bilder gesehen und Schuldzuweisung, aber auch Entschuldigungen zur Genüge gehört. Niemand im Dorf spricht über die SS-Vergangenheit von Onkel Franz, es ist ihnen nicht wichtig.
„Mein Onkel ist dabei gewesen – klar. Aber so einen Scheiß hat der nicht gemacht – so was nicht! Leute totmachen und so, das könnte der nie! Der kann keinem was tun“, hat er seinem Lehrer gestern gesagt, als der abfragte, ob er ein SS-Mitglied kennen würde. Es war der letzte Schultag vor den Ferien und im Geschichtsunterricht hatten sie mit der Befreiung der Menschen aus den Konzentrationslagern das Kapitel „Das dritte Reich“ abgeschlossen. Der Geschichtslehrer hatte umständlich den Bildwerfer aufgebaut, während sie rumgealbert hatten. Als im verdunkelten Raum das erste Bild aufleuchtete, war es still geworden.
Dieses Bild geht jetzt in seinem Kopf herum, will immer wieder untersucht werde. Ein Menschenberg! Oder waren es Puppen? Tote, grinsende Gesichter, verrenkte Arme und Beine – alles nackt. Ein Uniformierter, der an einem weißen Arm zieht. Er sieht ihm die Anstrengung an; seine Gesichtszüge sind verzerrt.
„Eine Verpflichtung durch die Besatzer. Sie verlangen es, dass ihr es euch anseht. Wenn es nach mir ginge, würde … Jedenfalls beenden wir damit das Kapitel deutscher Geschichte“, hatte der Lehrer gesagt und die Bilder so schnell gewechselt, dass sie sie kaum richtig ansehen konnten.
Aber er, Ralf, hat es nicht abgeschlossen, es rumort in ihm und kann noch nicht abgelegt werden. Er denkt daran, wie das im letzten Jahr war, als er ins Bad gerannt kam und seinen Onkel zum ersten Mal nackt gesehen hat – ganz nackt. Erst hat er nicht verstanden, warum sein Onkel so wütend wurde, als er auf das blau-schwarze Zeichen unter seinem Arm gezeigt hat.
„Was ist das denn?“, hat er gefragt und mit dem Finger drauf gefasst.
Da ist Onkel Franz wütend geworden wie noch nie; so als schäme er sich, weil Ralf das Zeichen befühlen wollte. Richtig geknurrt und gegrummelt hat er.
„Ist eine SS-Nummer. Geht dich nichts an. Hast du nicht gesehen – verstanden? Und geredet wird darüber schon gar nicht!“
„Warum? Ist das denn schlimm? Das weiß doch jeder – das mit der SS.“
„Das ist scheißegal! Es gehört nicht ans Tageslicht; es ist vorbei! Weg! Nie mehr wird das eine Rolle spielen! Bin nicht achtzig geworden, um mich in diesem biblischen Alter noch an den Pranger stellen zu lassen! Von keinem, hast du gehört?“
Der Tag beginnt, wie er sich die warmen Tage der Sommerferien vorgestellt hat; er darf seinen Onkel auf den Streifzügen durch die Wälder begleiten, lässt sich Bäume und Pflanzen erklären, lauscht mit ihm auf den Ruf der Eichelhäher und muss immer wieder über komische Geschichten lachen, die sein Onkel einstreut.
„Weißt du, warum die Eichhörnchen auf den Bäumen leben? – Nein? – Weil ihr Schwanz so steil nach oben zeigt – und da haben sie angenommen, das wär ein Hinweis, dass sie nach oben klettern sollten. – Wirklich, kannst du mir glauben!““
Er glaubt ihm meistens, aber bei solchen Geschichten ist er eher misstrauisch.
„Hörst du sie? Die Industrie-Bahn kommt!“
Sie sitzen am Abhang, lassen sich von der Sonne wärmen, hören, wie ein Zug klackernd und rumpelnd die Weiche hinter der Tannenschonung überrollt. Er muss an dieser Stelle langsam fahren, denn die Abzweigung ist alt und der Untergrund nicht gerade fest. Die Züge bringen Material zum Steinbruch und fahren mit Wagons voller Bruchsteine zurück.
„Da ist er! Siehst du den Dampf?“
Ralf zeigt auf den blauen Himmel über den schwarzgrünen Bäumen. Hinten, über dem Kiefernwäldchen, steigt ein Gemisch aus weißem Dampf und dunkelgrauem Rauch in die klare Luft, wandert von Wipfel zu Wipfel, senkt sich nur langsam auf die Schonung und verschwindet sehr zögerlich. Die schwarze Lokomotive kriecht um die Ecke, zieht sieben völlig geschlossene Wagen hinter sich her.
„Warum fahren die noch immer, diese uralten Dinger? Gibt doch heute bessere Loks mit Dieselmotor?“
„Na ja, da hat sich der Besitzer der Industrie-Bahn seinen größten Wunsch erfüllt. Der hat in den Fünfzigern etliche alte Loks und Wagen aufgekauft, bevor sie verschrottet wurden. Dampfloks und alle alten Wagen, die hat der schon immer auf Bildern gesammelt. Der ist ja auch Mitglied in so einem Verein.“
Ein kleiner Lüftungskamin steht auf jedem Dach, lässt die Wagen wie Häuser auf Rädern aussehen. Die schweren Rolltore sind mit Bolzen aus Metall gesichert. Die grüne Farbe an den hölzernen Wänden wirkt selbst aus der Entfernung alt und schorfig.
„Ich mag diese alten Züge auch, Onkel Franz. Sie sind schöner als die neuen – und sie haben bestimmt viel erlebt. Dieser Zug ist sicher schon vor dem Krieg gefahren, den Typ kenn ich gut“, sagt er und Onkel Franz stimmt nickend zu.
„Seid ihr damit an die Front gefahren worden, damals?“
„Auch, aber mit anderen Wagen. Da waren Fenster drin und richtige Türen. Später haben diese Dampfloks andere Transporte, mit Wagen wie diesen hier, also mit Viehwagen, machen müssen.“
Der Zug fährt rechts an ihnen vorbei, schiebt sich hinter einen Hügel und das Schnaufen der Lokomotive wird immer leiser; sie können die Vögel wieder hören, die über ihnen in den Eichen sitzen.
„Stinkige Viehwagen? Bah! Wofür wurden sie benutzt?“
„Ach lass! Heute ist ein so schöner Tag, zu schön für alte, hässliche Geschichten. Hörst du den Häher? Riech nur mal die wunderbare Luft.“
„Ich möchte es trotzdem gerne wissen!“„Später mal. Komm, Ralf! Ich muss was tun.“ Er packt den Henkel des Farbtopfes und den zerfaserten alten Pinsel und steht auf.
Onkel Franz ist kräftig, untersetzt, hat einen völlig haarlosen, vom Schweiß glänzenden, mächtigen Kopf. Man sieht dem Mann sein Alter nicht an; sein breites Gesicht ist faltenlos, wirkt immer freundlich, gemütlich – und oft, wie gerade jetzt, sehr nachdenklich.
Er arbeitet eigentlich schon lange nicht mehr, aber als der Gutsbesitzer ihn gefragt hat, ob er nicht einmal im Jahr die Auswahl der zu fällenden Bäume übernehmen könne, da hat er sofort zugesagt.
„Sagt der doch glatt, es gäbe im ganzen Umkreis keinen, der mehr davon verstünde als ich. Wollte mich wohl ködern, der alte Gauner“, erzählt er mit unverhohlenem Stolz, bevor es an die Holzauswahl geht.
Ralf springt auf, klopft sich den Waldboden von der Hose und nimmt Onkel Franz den Farbtopf aus der Hand. Sie gehen tiefer in den Eichenwald, laufen scheinbar ziellos den Hügel herunter; mit suchendem Blick bewertet Onkel Franz die alten Bäume. Hin und wieder befühlt er ihre Rinde, blickt senkrecht am Stamm hoch, sucht totes Holz oder abgebrochene Äste.
Ab und zu verharrt er, fasst den Stamm an, streicht über die Rinde und nickt bedächtig, öffnet die Farbdose und malt ein großes X auf den Stamm, genau in Augenhöhe. Seltener, nur bei besonders schön gewachsenen Stämmen, setzt er ein S hinzu. Das soll „Selbstverbrauch“ heißen, erklärt er und das sei die Nachricht für die Holzfäller, den Stamm nicht abzutransportieren.
„So ähnlich haben sie damals die Juden gekennzeichnet! Frei zum Abschuss!“, sagt er grimmig dem Stamm, den er gerade anmalt.
„Mit Farbe?“
„Hab dich ganz vergessen, Junge. – Nein, anders; aber sehr deutlich und wirkungsvoll. Ach Quatsch, was soll das alles.“
„Warum magst du nicht darüber reden, Onkel Franz?“
„Worüber?“
„Na, das mit den alten Zügen und mit den Juden. Ich bin ja nicht doof!“
„Nein, das bist du nicht. Aber noch sehr, sehr jung.“
„Und? War das denn schlimm, das mit den alten Zügen? Du sagst mir nie was.“
Er antwortet nicht, erledigt wortlos sein Tagespensum. Die Holzfäller wollen am nächsten Morgen mit der Arbeit beginnen; der Gutsbesitzer macht mächtig Druck, weil er Geld braucht.
Am frühen Nachmittag erreichen sie den Waldrand auf der anderen Seite. Von hier erblicken sie den Fluss, der breit und schwarz, sehr langsam durch die Wiesen strömt. Dahinter dehnt sich flaches Weideland bis zum Horizont.
„Hier machen wir Rast; der Ausblick ist schön; er hat fast kein Ende; ich mag das, wenn etwas ohne ein Ende erscheint“, sagt Onkel Franz und sie setzen sich auf den alten Baumstamm, an dem die morsche Rinde in Fetzen hängt; Käfer krabbeln geschäftig über den Stamm, lassen sich kaum stören.
Sie packen ihre Brote aus, die sie in Umhängetaschen, zusammen mit einer Blechflasche voll Tee, auf dem Rücken getragen haben. Sie essen, trinken, betrachten die Fischreiher, die angeberisch über die Wiese stolzieren, beiläufig ins Wasser schielen und ansonsten nichts tun.
Er spricht ganz leise, kaum vernehmbar, wischt sich dabei mit dem Handrücken über den Mund. „Du weißt, was ich im Krieg gemacht habe?“
„Na klar. Du warst bei der SS; ich hab doch deine Nummer gesehen. – Und vorher warst du Polizist; da haben sie dich und Bruno, deinen Freund, zur SS eingezogen – hast du mal erzählt.“
„Genau! Hast gut aufgepasst. Was wir da machen mussten, das weißt du aber nicht? Du hast mich nie gefragt.“
„Warum? Was habt ihr schon gemacht? Gekämpft, geschossen, Verbrecher erschossen, Partisanen aufgehängt und so was.“
„Junge, Junge! Habt ihr das in der Schule gehört?“
„Auch! Und gelesen hab ich eine Menge. Gibt doch viele spannende Soldatenbücher. Hab ich aus der Bibliothek der Kirche – die hole ich mir jeden Sonntag nach dem Gottesdienst. War schon toll, was ihr damals gemacht habt.“
„Glaubst du? – Ich will dir meine Geschichte erzählen – wenn du willst. Sie ist nicht schön, toll schon gar nicht. – Aber das mit den Zügen, das kommt auch darin vor.“
„Ich bin schon dreizehn! Mir kannst du alles erzählen – alles.“
Es wird still; Ralf wartete gelassen und gleichzeitig gespannt. Wenn Onkel Franz erzählt, muss man Zeit haben und hier im Wald, da haben sie immer alle Zeit der Welt.
Er kennt seinen Onkel Franz gut; da ist er sicher. Er ist der netteste Mann, den er kennt. Eigentlich ist er nicht sein richtiger Onkel, aber da spricht man nicht drüber, hat seine Oma gesagt, die mit ihm zusammen ist.
Nach dem Krieg ist er angekommen und hat als Möbelschreiner auf dem Gut gearbeitet. Den Beruf hätte er früher, bevor er Polizist wurde, gelernt, hatte er Ralf erzählt. „War damals so. Konntest nur Polizist werden, wenn du vorher was Anständiges gelernt hattest.“
Ralf hat ihn oft beobachtet, wenn er mit seiner schwieligen Hand über das glatt gehobelte Holz streicht – zärtlich, genau so, wie er seinen Kopf streichelt, wenn er ihn tröstet. Und das ist oft der Fall in der letzten Zeit, wenn er mit Mutter über Kreuz liegt, weil die so viele Sorgen hat – und ihn nicht verstehen will. Bei ihm fühlt er sich sicher und geborgen – eigentlich nur bei ihm.
„Im Februar 42 sind wir abgefahren, in so einem Zug – aber mit Fenstern. Bruno und ich sind zusammen geblieben – aus Zufall wohl. Wir wurden ins Generalgouvernement verlegt, also nach Polen – genauer, nach Warschau. Da war dieses Judengetto. Wir mussten täglich Juden rausholen, verladen und wegschicken. Da gab es vor der Mauer, mitten zwischen hohem, abgestorbenem Gras und krüppeligen Büschen, einige Gleise – einen vergammelten Verschiebebahnhof.“
„Da wurden die Juden verladen, stimmt´s?“
„Ja, da wurden die Juden verladen. – Hast du einen Freund?“
„Ja – David; er ist Jude, sagt er wenigstens. Aber bei ihm weiß man nie ob er daran glaubt, weil …“
„Aha! Macht dir das was?“
„Was? Das mit dem Juden? Wieso? Sollte es das?“
„Nein, nein! Ich meine nur. Ich habe in Warschau, im Getto, viele Juden gesehen – danach nie mehr.“
„Hast du welche umgebracht?“, fragt Ralf leise, mit verschwörerischer Stimme, Vertrauen signalisierend.
Franz antwortet nicht, blickt ihn nur forschend an, als wolle er prüfen, wie die notwendige Antwort wirken würde. Mit der klobigen Rechten fegt er ein paar Brotkrümel von der Hose, stiert auf den trägen Fluss, als suche er dort eine Antwort.
„Nicht direkt, will ich mal sagen. Wir haben bei dem Aufstand im Getto natürlich geschossen. Aber ob ich einen getroffen oder getötet habe, weiß ich nicht.“
„War ja auch richtig wie im Krieg, oder?“
„Ja, das war Krieg. Da hatte ich auch keine Probleme mit. – Die hatte ich erst später, nach diesem Tag.“
„Da hast du welche erschossen, ja?“„Nein! Du hast eine völlig falsche Vorstellung – und wie du das sagst. Deine Bücher sollte ich mir mal ansehen. Das war kein Spiel. Und jemanden erschießen oder umbringen ist furchtbar, es ist das Letzte, was man tun sollte.“
„Ich hab immer gesagt, dass du keinen umgebracht hast – mit Gas oder so.“
„Nein, aber ich war dabei, wenn sie die Juden auf dem Verschiebebahnhof in Viehwagons und andere Güterwagen verladen haben. Das war nach der Gettoauflösung. Sie brachten sie alle ins Konzentrationslager; Treblinka hieß das. Viele wurden dort umgebracht, auch vergast. Aber selber einen getötet? Nein, da hatte ich nichts mit zu tun.“
„Habt ihr viele Juden verladen?“
„Was nennst du viele?“
„Mehr als tausend?“
„Mehr – eine Menge mehr.
„Unser Kaplan hat im Religionsunterricht mal darüber gesprochen. Er meinte, es wär schon hart gewesen, aber die Juden wären auch nicht unschuldig. Immerhin hätten sie Jesus umgebracht; brutal und unmenschlich. Die meisten Juden hätten keine Seele, sagte er.“
„Wenn er meint. Der muss es ja wissen. Direkt nach dem Kampf in Warschau haben sie siebentausend Juden vergast; und dreißigtausend erschossen. Auch brutal und unmenschlich, oder? Ob das reicht, als Rache für den getöteten Jesus? Wie viel will denn dein Kaplan dagegen aufrechnen? Was meinst du?“
„Weiß nicht … Sicher, ja, schon … irgendwie kann ich mir das alles nicht vorstellen – so viele Tausende. So viele hat unser Dorf nicht mal.“
Die folgende Stille ist anders als sonst. Noch nie hat er solche Fragen gestellt und noch nie jemandem gesagt, wie viel er davon weiß. Jetzt muss er über alles Gesagte nachdenken. Er schaut auf die Wiese, auf der ein paar Kühe grasen, und versucht sich den Verschiebebahnhof vorzustellen
Er hat Mühe, tauscht das sattgrüne Gras gegen verdorrtes, flach liegendes, aus, schafft sich einen schienendurchzogenen Platz, vom Wind gebeugte, blattlose, niedrige Sträucher, die er planlos, achtlos, wie hingeworfen, verteilt. Noch kommt es ihm nicht trist genug vor, nicht für so eine Geschichte. Da muss noch was her.
Er findet den Winter schrecklich; also lässt er nassen Schnee fallen, der das bräunliche Gras kaum bedeckt. Schwarze Vögel denkt er sich noch an den Winterhimmel und lässt sie langsam über den Platz kreisen.
Dunkel gekleidete Gestalten mit Kopftüchern oder großen Hüten müssen jetzt in endloser Reihe über die dünne Schneedecke wanken. Er gibt ihnen Reisekoffer in die eine und kleine Kinder an die andere Hand, malt junge und alte Gesichter und legt ihnen traurige, verzweifelte Augen zu.
Neben die Gleisanlage stellt er uniformierte Männer mit Gewehren auf den Schultern und Pistolen in der Hand. Dem vordersten Soldaten, dem, der seine Waffe in der Pistolentasche trägt, gibt er das Gesicht von Onkel Franz und betrachtet seine glanzlosen Augen, die so traurig blicken wie heute – wie an manchen anderen Tagen.
„Nein“, denkt er, „ich will’s nicht sehen! Bestimmt war’s anders.“
Er schüttelt den Kopf und wirft das Bild raus. „Mehr! Ich will mehr hören! Bitte!“
„Ach Junge! Wir sollten das nicht tun.“
„Doch, Onkel Franz – du musst! In meinem Kopf sind jede Menge Bilder und die sind bestimmt falsch.“
Onkel Franz bricht ein Stück der morschen Rinde ab, beobachtet die hektisch krabbelnden Käfer, die fettleibige, weiße Made, die sich langsam krümmt.
„Ja, du hast Recht; was soll’s. – Eigentlich war es immer derselbe Ablauf. Sie kamen in endlosen Kolonnen aus dem Getto. Vor uns mussten sie über eine Rampe in die Wagons steigen – so viele wie eben rein gingen; ein paar von uns mussten ordentlich quetschen und kräftig nachdrücken, damit sie keine Lücken ließen. Zuerst taten mir die Juden Leid; sie sahen ärmlich und verhungert aus. Kinder, Frauen, alte Männer. Aber jeden Tag war es dasselbe Bild. Da stumpfst du ab, du merkst es überhaupt nicht.
Wir trieben sie auf die Rampe, drückten sie in die Wagen, bis nichts mehr ging. Sie schrieen uns an, wehrten sich, spuckten uns an. Sie waren nicht wie Lämmer, eher wie störrische Esel – besonders die Frauen, wenn sie Kinder hatten.“
„Die wollten sie doch beschützen, oder?“
„Sicher, klar. Aber irgendwann wirst du wütend. Du machst ja schließlich nur deine Arbeit. Und hinter uns standen sie, die Kettenhunde und die Aufpasser mit dem Lametta an der Uniform. Bruno sagte am Abend oft, dass er Angst gehabt hätte, sie würden ihn auch da rein schieben. Besonders vor den Lamettaträgern hat er sich gefürchtet. Bruno hat oft leise mit den Juden gesprochen, hat sie getröstet und beruhigt – trotz seiner Angst.“
„Mit den Juden? – Und du nicht? Hast du sie gehasst?“
„Nein, nein. Ich hab keinen gehasst, nicht einen. Auch die Frau nicht, die mir zwischen die Beine getreten hat, als ich ihr das Kind vom Arm nahm; ich wollte ihr ja nur helfen, damit sie leichter die Rampe hoch kam.“
„Konntest du nichts machen – ich meine wegen der Kinder. ‚Die nicht! Lasst die hier’, konntest du nicht sagen?“
„Du hast keine Ahnung, Junge. Sicher wollte ich gerne was machen, aber es gab keine Möglichkeit, ihnen zu helfen. Und trösten konnte ich nicht – womit denn? Ich hätte selber Trost gebraucht. Alle wussten, was denen blühte. Treblinka! Und alle, die Gebrechen hatten, alle Alten und Kranken gingen sofort in die Gaskammer. Wir wussten es genau. Unsere Kameraden, die immer die Züge begleiteten, erzählten uns die tollsten Geschichten, wenn wir am Abend zusammen saßen.“
„Und dann? Du bist ja früher zurückgekommen, als die anderen Soldaten – hast du gesagt.“
„Was denkst du von mir? Bin ich stark? Bin ich so einer, wie du ihn gerne magst; kräftig, ohne Angst; ein richtiger Mann also?“
„Ja sicher, Onkel Franz. Du bist stärker als alle Männer, die es im Dorf gibt.“
„So? Das hab ich mir gedacht. Ich will dir mal was erzählen. Ja, ich bin in Warschau, im Getto umgefallen; Nervenzusammenbruch haben sie gesagt. Ich konnte den Geruch der toten Kinder und Frauen nicht mehr ertragen. Ich hab geschrien und geweint. Sie haben mich weggebracht, in ein Lazarett. Danach wollten sie mich nicht mehr.“
„Aber … Warum denn? Ich meine … Du konntest doch nichts dafür, hast du gesagt.“
„Nein, wohl nicht, aber ich war nicht nervenstark. Ich war noch so jung und hatte vorher noch nie einen Toten gesehen – außer meinen Großvater, als der friedlich im Bett lag, mit gefalteten Händen.“
„Warst du deshalb ein Kriegsverbrecher? Haben sie dich verurteilt?“
„Nein. Ich war ihnen nicht wichtig genug. Meine Schuld liegt wo anders. Es ist vorher passiert, als wir sie der Reihe nach raus holten aus dem Getto und abtransportierten.“
„Und das war schlimm, das hat dich getroffen?“„Ja“, sagt er nachdenklich, „es fing damit an, dass sie mir erst egal wurden und ich sie plötzlich sogar verachtete – das kennst du doch auch, das Gefühl. Jedenfalls, nach einigen Wochen war das Mitleid weg. Du musst dir diese riesigen Schlangen, grau und dunkel gekleideter Leute vorstellen. Sie krochen aus den Ruinen, über den Platz, du sahst kein Gesicht, keinen Menschen; es waren nur noch Transporteinheiten. Mehr nicht. Du stumpfst erst ab und dann geht es schnell. Du ärgerst dich über jeden Widerstand, über unnötige Verzögerungen. Irgendwann kommt die Wut und du gibst ihnen die Schuld an der ganzen Scheiße. Du weißt genau, dass jetzt der Moment ist, wo du versagst – trotzdem wirst du zum Unmenschen und bedauerst es nicht einmal.“
„Du hast die Juden gehasst, weil du versagt hast?“
„Ich weiß nicht. Hass ist was anderes. Hass hat man auf ein bestimmtes Gesicht, in das man rein hauen möchte. Da war kein Gesicht. Vielleicht – vielleicht war das alles auch nur ein Alptraum.“
„Aber sie haben dir nichts getan – und du ihnen auch nicht. Das war doch damals so. Du konntest nichts dafür.”
„Wenn du dich da man nicht irrst. An einem Tag, Anfang Juni 42, standen Bruno und ich vor dem Verschiebebahnhof und dirigierten die Schlange in die Wagen. Es musste schnell gehen; der ganze Abtransport dauerte ihnen zu lange. Wir sollten mächtig Druck machen, sagten sie. Bruno stand mir gegenüber und wir schimpften mit den Leuten, schoben sie vorwärts. Eigentlich war Bruno an dem, was passierte, schuld.“
„Du sagtest doch, dass Bruno …“
„Ja, aber ihm ging’s wie mir. Er war auch abgestumpft. Er stieß eine Frau mit dem Gewehrkolben – nicht vor den Körper, das hät er nie gemacht – nein, er schlug auf den Koffer, den sie mühsam trug – und der platzte auf. Er war wohl ziemlich alt, dieser Pappkoffer, nur mit Schnüren und Bändern gehalten. Er klappte auf und alles flog in den Dreck. Es war heiß an dem Tag, staubig, und wir waren genervt von den ständigen Unterbrechungen. Mal konnte eine alte Frau nicht mehr gehen, und sie trugen sie erst, wenn man sie anbrüllte, mal fiel einer einfach um und blieb liegen; es stockte pausenlos. Und dann dieser Mist mit dem Koffer!“
„Die hab ich gesehen, auf den Bildern. Die trugen immer solche Pappdinger mit Riemen und Bänder drum.“
„Ja, so einer war das. Die Frau hatte ein leichtes, geblümtes Sommerkleid an und einen grauen Staubmantel auf dem Arm. Und da lag plötzlich ihr ganzer Besitz im Dreck: Unterwäsche, Strümpfe, Kleider, Briefe, zwei Bücher. Sie wollte sich bücken und alles wieder einsammeln. Stell dir das vor, sie hielt den ganzen Transport auf wegen dieser erbärmlichen Sachen.
„Na ja! Wenn meine Klamotten da gelegen hätten … Durftet ihr nicht helfen?“
„Bist du verrückt? Sie hätten uns anschließend erschossen oder ins Lager gesteckt – glaubte ich damals wenigstens; es wurde uns immer erzählt. Nein, nein. Ich brüllte also diese Frau an, sie solle den Mist liegen lassen und weitergehen. Aber die hat mich nicht mal angesehen; sie fiel auf die Knie und sammelte alles ein – hastig, sehr hastig, machte sie das. Sie raffte alles einfach zusammen und warf es in den Koffer. Zuerst die Wäsche, die Briefe und … Stell dir vor, sie wollte die Bücher abstauben. Vielleicht war das ihre Bibel, was weiß ich. Stell dir das vor! Es dauerte einfach zu lange; ich sah schon rot. Ich hab sie angeschrien: ‚Los, los! Voran!’, hab ich geschrien. Alles stand doch still und am Wagen warteten sie.“
Er atmet schwer und holt sein riesiges kariertes Taschentuch raus. Ralf sieht die schweißnasse Stirn und den roten Schädel, auf dem die Wasserperlen glitzern. Onkel Franz putzt sich über den Kopf und schnauft kräftig und laut ins Tuch, faltet es sorgfältig und steckt es langsam wieder in die Hosentasche.
„Mir ist ein bisschen schlecht“, stöhnt Ralf, „ich hab das Brot nicht vertragen – und ich hab schreckliche Bilder im Kopf.“
„Komm, wir gehen lieber. Es wird Zeit.“
„Nein, nein! Die Bilder verschwinden doch nicht mehr.“
„Also gut. Obschon das Schlimmste … Es dauerte einfach zu lange. – Ich weiß nicht, wie es kam, ich bin einfach wütend geworden, furchtbar wütend. Ich hab geschrien und mit dem Gewehrkolben zugeschlagen. Auf den nackten rechten Arm. Es hat gekracht, als der Knochen brach. Der Arm hing einfach runter. Es war ganz still rundum. Sie hat nicht geschrien. Wär mir lieber gewesen, sie hätte es getan. Nur angeschaut hat sie mich, nur … – Bruno hat es gemacht, er hat ihr den Rest eingepackt, hat den Koffer zugebunden und in ihre linke Hand gedrückt.“
Ein grauer Reiher erhebt sich, zieht seine langen Beine nach hinten, streicht über die Wiese und lässt sich am Ufer sanft ins seichte Wasser runtergleiten.
Ralf friert plötzlich, die Übelkeit ist schlimmer geworden. „Mir ist kalt“ sagt er flach.
Er glaubt, dass es am auffrischenden Wind liegt, der vom Fluss kommt, über das Gras streicht und sich in den Bäumen fängt.
„Es gibt anderes Wetter“, sagt Onkel Franz, als ein heftiger Windstoß in die Bäume fällt; es rauscht und die Äste knarren.
„Was wurde mit Bruno?“
„Nichts! Gar nichts. Bruno war nicht dumm. Er hat einfach laut dabei gelacht und der Frau nachgerufen, sie soll nächstens aufpassen, sonst müsse er sie selber in den Koffer stopfen. Da haben die Kettenhunde gelacht, alle anderen auch. – Ich nicht! – Ich wusste was ich gemacht hatte. Ich hatte sie zum Tode verurteilt, sie einfach umgebracht.“
„Was? Wieso das? Du hast sie doch nur einmal geschlagen. War doch nur ein Armbruch.“
„Du weißt nichts, gar nichts. Ich hab sie in die Gaskammer geschickt, direkt nach der Ankunft in Treblinka ist sie hingerichtet worden“, sagt er so heftig, dass Ralf zusammen zuckt.
„Was? Deswegen? Woher weißt du das?“
„Ach Junge, das ist einfach; es war halt so; sie brachten alle sofort um, die zu alt, die gebrechlich oder krank waren. Die konnten eine Frau mit zersplittertem Arm nicht gebrauchen für die Arbeit; sie war nichts mehr wert.“
Ralf schluckt. Er versteht nur ganz langsam, jetzt begreift er das lange Zögern von Onkel Franz. Sein Bild, sein schönes, in Jahren gebasteltes Bild gerät ins Wanken, als zerre ein heftiger Sturm daran. Er versucht zu retten, sucht fieberhaft nach Entschuldigungen; er braucht jetzt Hilfe, viel Hilfe – das spürt er und fühlt sich furchtbar im Stich gelassen.
„Onkel Franz! Überleg doch mal. War die Frau nicht schon alt?“
„Nein, sie war jung, sehr jung.“
„Wie jung denn, fünfzehn, zwanzig?“
„Mehr, dreißig – sicher.“
„Siehst du! Also doch schon ganz schön alt. Da hätte sie auch so vergast werden können.“„Nein, lass das sein. Sprich nicht so über das Vergasen. Du weißt nicht, worüber du sprichst.“
„Aber. – Ich meine doch nur … Wenn sie doch sowieso …“
„Nein! Nein! Sie war zu jung.“
„Bitte! Onkel Franz, bitte …“
„Ich kann dir nicht helfen“, sagt Onkel Franz leise, als er das Salzwasser in den Augen des Jungen sieht. „Ich kann nichts anderes sagen.“
Er steht auf, wischt fahrig über den Hosenboden und greift seine Sachen.
„Komm, wir müssen gehen. Es wird Zeit.“
Sie laufen wortlos in den Wald; Ralf schlägt mit einem Ast an jeden Baum, der ihm im Wege ist. Es klingt wie ein Trommelschlag durch den Wald. Sie sehen das rote Dach ihres Hauses schon zwischen den Birkenbäumen, als Ralf plötzlich stehen bleibt und den Stock weit in den Wald wirft.
„Wie sah sie aus, Onkel Franz? War sie schön?“
Franz schaut ihn verwirrt an; er war weit weg mit seinen Gedanken. Er lehnt sich an einen Birkenbaum, stemmt die Beine in den weichen Boden. Er sieht den Jungen an, der ihm so wichtig ist wie sein eigener Sohn.
„Warum willst du das wissen?“
„Ich will an sie denken; ich muss an sie denken können. Gib ihr ein Gesicht, bitte.“
„Nein! Hör endlich auf! Es war schon mehr als genug.“
„Wie sah sie aus?“
Es dauert lange, bis Onkel Franz redet, halb für sich selber. „Ich war ein Narr, dass ich diesem unreifen Jungen – den ich auch noch so gerne mag – das erzählt habe. Ich hätte es nicht tun dürfen – seinetwegen.“
„Ihr Gesicht!“
„Ach Junge! Das eben war mein Problem, – das kannst du nicht verstehen. Es gab auf einmal ein Gesicht – und was für eins! Die Juden hatten tatsächlich Gesichter. Es waren Menschen. Richtige, normale Menschen. Frauen, jung und hübsch. Alte, die ihre Falten hatten, aus denen man das Leben ablesen konnte. Nichts war mehr wie vorher. Aus den anonymen Menschenschlangen war ein Gesicht heraus gekommen – alle hatten solche und ähnliche Gesichter, das wurde mir klar.“
„Und sie? Wie war sie?“
Onkel Franz macht den Mund kaum auf; seine schmalen Lippen bewegen sich nur unmerklich. Ralf starrt in das Gesicht, das ihm so vertraut ist, liest jedes Wort ab.
„Ihre Haare waren schwarz, schulterlang; ihr Gesicht schmal, sehr blass mit hohen Backenknochen. Ihre Augen! Mein Gott – Augen machen es, nur die Augen. Sie waren grün, ja, richtig grün. Ihr Kleid hatte einen Ausschnitt. Man konnte … ich … an ihrem Hals pulsierte eine blaue Ader, schnell wie bei einem ängstlichen Tier. Ihre Augen. Sie hat mich nur angesehen – ich hätte mich am liebsten versteckt. Sie hat nicht geweint, nicht geschrien, sie hat mich nur ewig lange angesehen.“
Ralf hat das Bild nachgemalt, in seinem Kopf ist es fertig. Sie ist wunderschön und zart, gebrechlich fast. Er starrt seinen Onkel an; ihm ist eiskalt und als er in seine Augen blickt, sieht er keine Regung. In diesen Augen ist nichts, was ihm helfen könnte.
„Ist das mein Onkel, mein Taufpate – mein Freund? Ist das der Mann, der aus dem Stall gehen muss, wenn ein Schwein geschlachtet wird?“
Der Halt, den er für sicher gehalten hat, an dem er sich geklammert hat, wenn’s schwierig wurde, der nie infrage stand, gibt plötzlich nach, stützt ihn nicht mehr. Er weiß nicht, ob er alles verstanden hat, ist unsicher und hat Angst, dass es eine ganz andere Wahrheit geben könnte, als die, die er bisher gekannt hat.
„Ich will nichts mehr davon hören, nichts!“, sagt er sehr leise. Onkel Franz nickt und schweigend gehen sie auf´s Haus zu.
„Er hat dieses Mädchen einfach geschlagen! Warum?“, denkt er verzweifelt. „So was kann doch keiner machen, verdammt!“ Er drückt die Tränen herunter. Nie wird er wegen dem Mädchen weinen, schwört er sich. Nie! Und plötzlich hat er Angst vor der Nacht und grünen Augen.

Rechtskräftig verurteilt

von Eduard Breimann (copyright)

„Eine Kaserne bleibt eine Kaserne“, dachte Frauke, wie jedes Mal, wenn sie aus der Neubausiedlung kam und mitten auf dem großen Platz den wuchtigen Bau erblickte. „Aber eigentlich kommt’s mir vor wie ein Gefängnis – das noch eher.“
Der Rauputz zeigte Schlieren, geschwungene Dreckfahnen zogen sich von der Dachrinne bis zum Boden und die Farben verliefen vom hellen Grau bis ins Anthrazit.
Das alles, dazu die unzähligen Fenster – gleichmäßig in vier Reihen geordnet, mit abgeblätterter Farbe und meistens ohne Gardinen – bildete die Visitenkarte: ‚Achtung! Hier wohnen Armut und Mangel, gepaart mit Laster und Sünde.’
Drei hölzerne Doppelflügeltüren ohne Fenster und mit uraltem Anstrich wirkten nicht gerade einladend. Und über allem lag ein Geräuschteppich, der einem schon von weitem auf die Nerven ging. Schrille Heavy Metal Musik stritt sich mit schnulziger Volksmusik, dunkles Gebrüll und keifende Frauenstimmen wurden von hellem Kindergeschrei übertönt.
An der Hauswand lehnten ein paar Fahrräder, deren Teile erkennbar aus anderen Rädern zusammengesetzt waren. Ein rostrotes Auto mit drei Rädern stand auf dem Platz vor dem Haus; unter der rechten Vorderachse hatten sie vier graue Steinplatten aufgeschichtet. Ansonsten war der Platz, auf dem der Wind Papierschnipsel tanzen ließ, völlig leer.
Der Kasten mit seinen grauen Satellitenschüsseln, der einen breiten Schatten auf den Platz warf, stand weit ab von den anderen Häusern, die sich verschämt hinter ausladenden Nussbäumen und dichten Kirschlorbeerhecken duckten.

Der Fußweg aus der Siedlung führte am Spielplatz vorbei, der an der Schmalseite des Blocks endete. Ein kleines Mädchen hockte im schmuddelig wirkenden Sand, sang leise vor sich hin und stocherte in ihrem Eimerchen herum.
„Willst du auch ein Eis haben, Tante?“, rief sie Frauke nach, die Mühe hatte, ihren Zwillings-Kinderwagen über den sandigen Weg zu bugsieren.
Sie reagierte nicht, schaute mit halb zugekniffenen Augen starr auf den Weg, schob den Wagen zur mittleren Tür des Wohnblocks, lehnte Schulter und Po an die schorfige Haustür und drückte sie mühsam auf. „Frauke, dir fehlen Saft und Kraft – aber das ist ja auch kein Wunder“, stöhnte sie.
Die Tür schrammte über graue Fliesen und fügte den unzähligen Schleifspuren vielleicht noch eine hinzu. Sie schob sich rückwärts in den Hausflur, zog den Wagen über die ausgetretene Stufe und hielt dabei mit der Linken die Tür fest. Durch ein kleines Flurfenster fiel etwas Licht auf die Steinplatten. Sie tastete nach dem Druckknopf des Lichtschalters, schlug heftig mit der Faust drauf und wusste, dass der Zeitschalter sie gleich wieder aufregen würde. „Ich krieg noch die Krise bei diesem Sparding“, dachte sie wütend.
Die kugelförmige Deckenlampe beleuchtete einen langen, schmalen Flur. Drei braune Wohnungstüren unterbrachen die quittegelb gestrichenen Wände. Schroff hob sich das aufdringliche Graffito ab, leuchtete grün und rot, an manchen Stellen aber auch bedrohlich schwarz. Kaum lesbare Hieroglyphen, obszöne Zeichnungen und bösartige Sprüche bedeckten fast die ganze Wand, bis zum Treppengeländer.
Neben der Galerie der blechernen Briefkästen hatte ein Witzbold einen dicken Pfeil gesprayt und darunter ‚Lottogewinne in den dritten Kasten’ geschmiert. Der achte Kasten von links gehörte ihr und Peter.
Sie atmete schwer, lehnte sich an das Bild einer nackten Frau mit der verschnörkelten Inschrift ‚Fuck you’ und strich sich die Haare aus der Stirn. Ihr Blick glitt über die schlafenden Jungen, Felix, dessen Harre schweißnass waren und Carlo, der mit leicht verzogenen Lippen lächelte. Sie waren gerade ein Jahr alt geworden.
„Ein echter Witz. Ausgerechnet Felix musste Peter ihn nennen; Felix der Glückliche“, dachte sie. „Und ob Carlo jemals wirklich der Tüchtige wird – ich weiß nicht.“ Die Kinder hatten ihre Gesichter einander zugewendet und schliefen fest.
Ihr Blick glitt zur Holztreppe, die schwarz und steil in das Obergeschoss führte. Von irgendwoher wehte ein Geruch nach Frittierfett. Sie überlegte, in welcher Reihenfolge sie alles nach oben schaffen sollte.
„Immer die Klamotten zuerst“, hatte Peter kürzlich gesagt, als er die Kinder unten hatte stehen lassen; sie hatten vor Wut oder Angst das halbe Haus zusammen geschrieen. „Ist doch egal. Die Klamotten klauen sie, die Schreihälse wohl kaum.“
Sie bückte sich und zog die blaugelbe Plastiktasche mit dem Werbeaufdruck des Discounters aus dem Netz unter dem Kinderwagen. Nach einem nochmaligen Blick in die Kindergesichter stieg sie die Treppe rauf. Sie dachte daran, dass die dritte Stufe stark knarrte, machte einen großen Schritt, wäre fast ins Straucheln geraten und fluchte leise vor sich hin.
Im Obergeschoss gab es sechs Türen; braunrot gestrichen und keine mit einem Namensschild – auch ihre nicht.
Sie pochte mit dem Ellenbogen gegen ihre Wohnungstür, wartete einige Sekunden, murmelte „Scheiße!“, suchte in der Jackentasche den Schlüssel, fand ihn nicht, ließ die Tragetasche zu Boden gleiten, entdeckte den Schlüssel in der Handtasche, schloss auf und drückte die Tür mit dem rechten Knie nach Innen.
„Drecksbude!“, dachte sie und der Kloß war wieder da; dieser Druck im Hals, den sie meistens spürte, wenn sie ihre Wohnung betrat. „Von wegen Zuhause! Nicht diese Bude!“
„Peter?“, rief sie scharf. Und als es still blieb: „Na prima! Wie immer.“
Sie stellte die Tüte ab und ging zurück ins Erdgeschoss. Gerade als sie auf dem ersten Absatz war, verlosch das Licht. Sie tastete sich herunter, suchte den nächsten Türrahmen, fand den Schalter und schlug mit der geballten Faust drauf.
Die Jungen schliefen fest, als sie beide gleichzeitig auf die Hüften nahm und nach oben trug. Sie legte sie im Schlafzimmer ins Kinderbett, ging noch einmal runter und schob den Kinderwagen unter den Treppenaufgang. Das Licht verlosch schon wieder.
„Mist! Verdammter Mist!“, fluchte sie halblaut, als der Wagen sich nicht reinschieben ließ. Sie fand den Lichtschalter neben der nächsten Wohnungstür und sagte noch einmal „Mist, verdammter!“, als sie die Plastiksäcke entdeckte, die unter der Treppe lagen.
Wütend über sich, weil sie schon wieder solche Ausdrücke benutzt hatte, und über den ‚Schweinehund’, der das gemacht hatte, zerrte sie drei städtische Abfallsäcke raus und warf sie in den Flur. Es schepperte mächtig und Glas klirrte.
Das Licht ging mit einem satten ‚Klack’ aus. Sie lauschte mit angehaltenem Atem. Aus der Tür neben der Treppe dröhnte eine Stimme. Diese Stimme! Sie hörte sie fast täglich. Meistens röhrte sie heiser, schwang sich manchmal zu einem schrillen Tremolo auf, endete in unartikuliertem Geschrei. Die Worte fielen ineinander, Ausdruck schierer, sinnloser Wut.
Jetzt war die Stimme noch verständlich: „Fass mal an, du Drecksau … Du Hure! … Hau ab! …“Oben wurde eine Tür geöffnet und aus einem Radio plärrte ein Sänger ‚Kill me or kill my wife’ und eine Frauenstimme schrie irgendetwas dazwischen. Die Tür knallte zu, der Sänger war nicht mehr zu hören, die Frau auch nicht. Schwere Schritte polterten die Treppe herunter. Jemand grunzte, spie aus und sie hörte, wie die Spucke auf die Fliesen klatschte.
„Schwein, elende Drecksau!“, dachte sie und schämte sich, weil sie nur noch vulgäre Ausdrücke fand, um ihre Wut oder ihren Abscheu auszudrücken.
Als die Haustür zuknallte, trat sie langsam aus der Dämmerung des Treppenüberhangs, schlug mit der Faust auf den Lichtschalter und ging nach oben.

Als Peter in die Wohnung trat, hörte Frauke vom Flur mehrere Frauenstimmen, die hitzig ihre gegensätzlichen Standpunkte vertraten.
„Hallo! – Na?“, fragte sie und lächelte ihren Mann an.
„Was, ‚Na’?“
„Hallo! Sag erst mal Hallo“, antwortete sie spitz. „Hast du was erreicht?“
„Erreicht! Frag nicht so einen Mist! Wie soll ich denn was erreichen – he?“
Sie presste die Lippen aufeinander und quetschte sich in die kleine Kochnische, in der gerade eine Person Platz hatte; das freute nur Peter, der sich deshalb vor dem gemeinsamen Abwasch drücken konnte.
„Ich dachte ja nur … Wolltest du nicht fragen, ob die im Baumarkt eine Stelle frei haben? Du sagtest doch …“
„Hör auf! Klar hatten die eine. Lagerist! Kartons auspacken und die Gänge fegen. Glaubst du wirklich, dass ich mich dafür hergebe? Du scheinst nicht zu wissen, wo ich herkomme, was ich bisher gemacht habe. Ich bin kaufmännischer Geschäftsführer!“
„Gewesen!“, sagte sie.
„Und? Büroleiter, Geschäftsführer – das kann man annehmen. Aber so eine Hilfsarbeitergeschichte? Nee! Man muss wissen, was man wert ist.“
„Ja, das muss man wohl. Besonders, wenn man hier wohnen muss – in einer alten verlotterten Kaserne, einer städtischen Unterkunft für Strandgut, und nur noch Sozialhilfe bekommt.“
„Du machst mich verrückt mit deiner Nörgelei. Meine Zeit kommt schon noch.“
„Wann?“, fragte sie schnippisch und wollte nicht mehr drüber reden. „Es gibt Erbsensuppe – aus der Dose. War im Angebot, im Aldi. Würstchen auch. Ich hab gleich drei Dosen von jedem mitgebracht.“
Er gab keine Antwort, aber sie hatte auch keine erwartet. Für Erbsensuppe machte er sich die Mühe nicht. Dabei hatte er früher oft gesagt, dass Erbsensuppe sein Lieblingsgericht sei. Aber das war vor hundert Jahren oder noch früher.
„Das Geld ist fast alle. Ich weiß nicht ob …“
„Hör mit der Jammerei auf. Das ist doch jeden Monat derselbe Mist. Du musst eben mehr sparen.“
„Na klar. Wie der Herr befehlen. Wo soll ich denn anfangen? Die Würstchen weg lassen? Oder für Felix und Carlo die Milch?“
Der zerkratzte Wohnzimmertisch war niedrig und sie mussten sich tief bücken, um nicht zu kleckern. Peter aß die Würstchen kalt und zog sie mit den Fingern aus dem Glas.
„Holst du Meike gleich ab? Ist noch ’ne halbe Stunde. Brauchst dich nicht zu beeilen.“
„Hm“, machte Peter und sah Frauke an.
„Du hast Erbsensuppe auf der Oberlippe“, sagte er mit vorwurfsvollem Unterton und angewidertem Gesicht.
„Na und?“, sagte sie und wischte mit dem Handrücken über den Mund. Sie sah ihn müde an, betrachtete seine schlanken Finger, die ein Würstchen aus dem Glas angelten.
„Nimm die Gabel. – Die Würstchen sollten eigentlich für zwei Mal reichen“, sagte sie und diesmal hatte ihre Stimme den vorwurfsvollen Unterton. „Sparen, nicht wahr?“
Er warf aus seiner gebückten Haltung einen scharfen Blick hoch und schlürfte den Löffel leer.
„Muss das sein? Kann die nicht endlich alleine …“
„Nein, verdammt! Fang nicht schon wieder an. Du hast Zeit genug und dir fällt keine Zacke aus der Krone, wenn du bis zur Grundschule spazierst“, sagte sie erregt.
„Du machst dich verrückt und mich wahnsinnig mit deiner unnötigen Angst. Hat sie schon mal einer belästigt? Nein, hat noch keiner gemacht. Aber du musst sie ja verängstigen. Du tust so, als wenn wir in einem Getto leben würden, in dem nur Kriminelle wohnen. Verdammt!“
„Ist es denn nicht so? Aber darum geht’s nicht mal. Gestern hab ich sie abgeholt, weil du wieder nicht da warst. Einer muss sie abholen. Die sollen sehen, dass Meike eine Familie hat, einen Vater und eine Mutter. Weißt du, warum? Nein, natürlich nicht. Was weißt du schon von deiner Familie! ‚Sozi’, rufen sie die Kleine! ‚Sozi!’, hast du verstanden? Sozialhilfeempfänger! Verprügelt haben sie unser Mädchen, diese gutbürgerlichen Arschlöcher aus den schönen neuen Häusern der Siedlung, weil sie keine tollen Klamotten an hat.“
„Du sollst nicht so gewöhnlich, so primitiv daher quatschen und fluchen. Das ist nicht unser Stil.“
„Ach ja? Unser Stil? Was ist denn unser Stil? Das hier?“, fragte sie scharf und zeigte hektisch auf die Wände, „Das hier, das ist unser Stil, was? – Und außerdem lasse ich Meike hier nicht ohne Begleitung durch das Treppenhaus gehen, in dem ständig das Licht ausgeht – nie!“
„Ok, ok! Hab verstanden. Aber danach hab ich noch was vor. Ich muss mal raus hier, aus diesem Loch. Ich ersticke sonst noch. Ich will mal mit dem Rad zu Borchers fahren, weißt ja, meinem ehemaligen Kollegen, den sie frühpensioniert haben. Der hat ’ne Menge Beziehungen. Vielleicht weiß der, was ich …“
„So? Du musst raus hier?“, unterbrach sie ihn. „Ich fass es nicht! Hab ich uns in diese Bude gebracht oder du? Wer hat denn den Mist gebaut? Ich etwa? Wer hat in seiner Firma betrogen und sich erwischen lassen? Ich?“
„Halt den Mund, Frauke! Ich musste das …“
„Du musstest? Nee, mein Lieber! Nee! Du hast uns die ganze Kiste eingebrockt – du ganz alleine. Ich war nicht daran beteiligt, mich hast du nicht gefragt und nicht einmal entschuldigt hast du dich bei uns, bei den Kindern und mir, für das, was du uns angetan hast, was wir hier unser Scheißleben nennen müssen“, schrie sie erregt und knallte den Löffel in den leeren Teller.
„Was soll das werden? He? Willst du mich noch einmal anklagen? Irgendwann muss man auch mal abhaken. Es ist vorbei! Denk daran, welche Ausbildung ich habe, wie hoch ich qualifiziert bin. Und? Haben die mich entsprechend gefördert oder bezahlt? Ich musste was ausgleichen.“
„Was ausgleichen? Belüg dich doch nicht selber. Du hast deine Firma mit einer Riesensumme betrogen. Und wo ist das Geld? Weg! Weg! Nur die Schulden, die haben wir behalten. Bis auf den letzten Cent müssen wir alles zurückzahlen.“„Bin ich nicht genug gestraft? Und du weißt genau, dass ich das nur für euch getan habe. Ihr solltet es besser haben und das Geld war nur für euch – nicht ein Cent war für mich. Es ist halt bloß … Hab mich verkalkuliert. Ein saublöder Tipp von dem saublöden Bänker war das – mit dieser Bahamafirma. Alles weg, alles.“
„Oh, mein Gott! Ist das neu? Schuld sind immer nur die anderen. Wenn ich daran denke, wie wir vor acht Jahren gedacht und geplant haben, als wir heirateten. Wie habe ich mich auf unser Leben gefreut. Bloß gut, dass man vorher nicht weiß, wie es wirklich kommt. – Ach, was soll’s“, seufzte sie und ihre Augen wurden feucht.
„Mach jetzt bloß nicht auf rührselig. Ich hab dir keinen Himmel der Glückseligkeit versprochen, ich nicht.“
„Nein, das hast du nicht. Aber du hast vergessen, dass du für eine Familie zuständig bist; für Meike und mich. Und du hast gewusst, dass da was unterwegs war. Jetzt bist du rechtskräftig verurteilt wegen Betrug in einem besonders schweren Fall, weil du ein Mehrfachtäter bist. – Und wir alle sind mitverurteilt!“
„Euch hat keiner was getan, keiner hat euch beschuldigt.“
„Ach nein? Der Richter hat uns alle verurteilt. Meike, Felix und Carlos genau so wie mich. ‚Ich weise euch in einen städtischen Saustall ein; bei gerade so viel Geld, dass ihr nicht sterben müsst. Um euch herum soll Elend und Dreck sein.’ – Das war die Strafe deines Richters für uns – für deine Familie. Und stimmt es nicht, dass wir mehr darunter zu leiden haben als du?“
„Das ist mies. Mach es mir nicht noch schwerer.“
„Ach? Und wir? Du musst hier mal raus? Na prima! Was denkst du, was ich möchte? Was glaubst du, wie mir ist, wenn ich in dieses Haus komme? Was fühl ich wohl, wenn mich die besoffene Sau von nebenan im Treppenhaus an die Brust fasst? Welche Angst hab ich wohl, wenn Meike mal unbeaufsichtigt durchs Treppenhaus läuft? Und du bist nie da. Nie!“
„Ich suche Arbeit!“
„Ach ja? Als Prokurist? Als Geschäftsführer? Auf dich haben die gerade noch gewartet. Was steht denn in deinem Abgangszeugnis? Mir hast du das nie gezeigt. Du musst aufhören mit deinen Fantastereien, such dir eine vernünftige Arbeit und wenn es im Steinbruch ist.“
„Du bist verrückt. Noch mal: Man muss wissen, was man wert ist! Und ich kann eben was – ich mach so einen Türkenjob nicht. Nicht dein Peter!“
„Genau das hast du denen auf dem Arbeitsamt ja auch um die Ohren geschlagen. Warum haben die dir denn sonst das Arbeitslosengeld gestrichen? Na? Weil du ein eingebildeter Kerl bist und jeden vernünftigen Job pauschal abgelehnt hast. Du willst gar nicht arbeiten!“

Sie war immer noch wütend, als sie die Teller ins Waschbecken stellte. Diese Diskussion, das wusste sie, brachte nie was – und trotzdem musste sie es immer wieder tun; sie wär sonst an ihrer Wut erstickt. Peter war wie immer. Er war der Arme, der Unglückliche. Und niemand verstand ihn. Keiner begriff, dass er zu Höherem geeignet war. Und seine Verfehlung? Ach Gottchen, das war doch alles abgestraft und das sollte man gefälligst vergessen. Sie und die Kinder?
„Ha!“, dachte sie und warf die Löffel ins Waschwasser. „Wie wir leben, das beschäftigt ihn wohl nur am Rande. Der Spinner!“
Während sie den letzten Teller abtrocknete, reifte ihr Entschluss. Sie ging leise ins Schlafzimmer, bemüht, die Zwillinge nicht aus dem Mittagsschlaf zu wecken, zog sich um und kämmte sich im Dämmerlicht vor dem Kommodenspiegel.
„Ich muss mal weg, Peter. Pass bitte auf die Kinder auf, ja? Meike, wenn du fertig bist mit den Hausarbeiten, kannst du etwas Fernsehen gucken.“
„Ja, Mama. Darf ich danach raus?“
„Nur mit Papa und unseren Kleinen zusammen, wenn sie ausgeschlafen haben.“
„Wie? Wenn sie ausgeschlafen sind? Wann willst du denn wieder hier sein? Was hast du überhaupt vor?“
„Ich muss … Ach … Warte ab. Ich muss los. Bis nachher.“
Auf sein „Aber …“ reagierte sie nicht mehr. Sie war schon im Flur, als sie laut „Kann spät werden!“, rief.

„Ich brauch eure Hilfe, Mama. Wir sind … Ach – Mama, ich hab mir da was ausgedacht.“
„Oh, mein Gott! Kind! Muss das sein? Ihr seid doch eine eigenständige Familie. Könnt ihr nicht alleine zurecht kommen – wie andere auch?“
„Mama! Weißt du nicht mehr, dass du immer gesagt hast: ‚Dies ist und bleibt dein Zuhause. Wenn du mal Sorgen hast, komm zu uns. Papa und ich sind immer für dich da.’ – Hast du’s gesagt?“
Sie saß im Wohnzimmer auf der Couch, auf der sie schon als Kind gesessen hatte; ihre Eltern waren sparsam, konnten nichts wegwerfen. Jedes Möbelstück hier erinnerte sie an ihre Kindheit. Ihre Mutter lag im Fernsehsessel, hatte die Beine hochgelegt, die wieder mal ‚unerträglich’ schmerzten – wie immer, wenn es unangenehme Sachen zu besprechen gab.
Ihr Vater hockte am Schreibtisch und sortierte seine Münzen. Mit dieser Sammelleidenschaft war sie aufgewachsen. Er beugte sich nach vorne und sie sah nur seinen Rücken und den weißen Haarkranz. Er war abgetaucht; seine Münzen hatten denselben Zweck wie Mutters schmerzende Beine.
„Kind!“, sagte ihr Mutter und strich mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam über ihr rechtes Bein. „Damals war alles noch anders. Papa und ich waren noch gesund, du hattest eine gute Zukunft vor dir und ihr hattet noch keine drei Kinder zu versorgen.“
„Hilfe braucht man nicht, wenn’s einem gut geht.“
„Mussten denn die Zwillinge noch sein? Konntet ihr nicht aufpassen? Nimmst du keine Pille? Jeder nimmt die doch heute.“
„Nein, die konnten wir uns schon da nicht mehr leisten – und Peter hat eben nicht aufgepasst. Was erzähl ich dir das eigentlich? Außerdem ist das nicht das Problem. Du lenkst nur ab.“
„Belehr mich nicht! Jedenfalls hat sich seitdem vieles geändert. Du hast doch einen gesunden Mann!“
„Mein Mann! Der ist doch gerade das Problem. Er ist arbeitslos – nein, noch viel schlimmer: Er ist Sozialhilfeempfänger! Weißt du, was das heißt? Wir bekommen Sozialhilfe, um unseren Grundbedarf an Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Heizung decken zu können. Die nennen das ‚soziokulturelles Existenzminimum’. Und genau so leben wir; im Existenzminimum, wer immer das auch definiert hat. Wir vegetieren in einer Umgebung, in einer Art, die mich krank macht. Wir müssen da raus, bevor die Kinder – eure Enkelkinder – kaputt gehen.“
„Wir können doch nichts tun. Wir haben auch nur unsere Rente.“
„Ich will kein Geld von euch. Nicht einen Cent! Ihr habt ein großes Haus mit ungenutzten Zimmern und …“„Dein Mann hat sich geweigert, mit uns in diesem Haus zu wohnen.“
„Ja, ja! Damals. Meinst du, ich wüsste das nicht mehr? Es geht auch nicht darum; er will das noch immer nicht. Stolz oder so – du kennst ihn ja. Ich möchte nur, dass ihr die Kinder am Tage nehmt, nur die Zwillinge. Morgens brächte sie Peter zu euch und abends würde ich sie wieder abholen. Es sind doch nur zwei S-Bahnstationen von uns zu euch. Das würde alle Probleme lösen. Mit Meike, die ist schon so vernünftig, ginge das schon; das bekäme Peter schon hin.“
„Weißt du, was du uns da zumutest?“, sagte ihre Mutter und die Hände fuhren rhythmisch die Beine rauf und runter. „Ich kann ja kaum noch laufen und so kleine Kinder …“
„Wenn du mal Hilfe brauchst – du kannst immer kommen, was?“
Der Rücken ihres Vaters war rund wie ein Bogen; sie konnte nicht mal mehr den Haaransatz sehen.
„Kind, ich …“
„Du hast mich nicht mal gefragt, warum ich euch das zumuten wollte. Das ist dir gar nicht wichtig. Ach, scheißegal …“
„Frauke! Versündige dich nicht! Mäßige dich im Ton. – Wir würden dir – euch – ja gerne helfen, anderseits … Wenn Papa gesund wäre, dann … Ich weiß auch nicht wie, aber so einfach …“
„Lass nur. Ich war blöd und naiv“, sagte Frauke, stand schnell auf, hauchte ihrer Muter einen Kuss auf die Stirn und dem Vater in den Nacken.
„Bis dann“, sagte sie und sah sich nicht mehr um.

„Mama! Das stinkt!“, schrie Meike. „Iiiiiih! Da geh ich nicht durch. Guck mal! Da hat einer gekotzt!“
Frauke starrte auf die obersten Treppenstufen, auf denen sich das Ausgebrochene breit ausdehnte und bestialisch stank. Auf jeder Hüfte trug sie einen der Zwillinge.
„Peter! Komm mal!“, rief sie in die Wohnung.
„Was ist denn?“, fragte Peter unwillig und steckte den Kopf durch die Tür. „Verdammt! Das stinkt!“
„Eben. Wie soll man da durchkommen? Klingel mal nebenan, bei dem Säufer. Der hat bestimmt wieder … Ein Schwein, dieser, dieser, na du weißt schon … Der soll das gefälligst weg machen.“
„Ich? Meinst du …?“
„Ja, ich meine! Oder soll etwa ich?“
Peter ging langsam zur Nachbartür, zögerte lange, bevor er den Klingelknopf drückte. Er legte den Kopf an die Tür und lauschte. Frauke balancierte an dem Erbrochenen vorbei, hielt die Luft an. „Hörst du was?“, fragte sie und blieb vor der Wohnungstür stehen.
„Still, der kommt.“
Die Tür flog auf und ein bulliger Mann starrte sie an. Bis auf eine schmuddelige Jeans war er nackt und an den Füßen trug er ausgetretene Latschen. Er schwankte leicht, hielt sich an der Türklinke fest, drehte den Kopf hin und her, stierte Peter mürrisch an.
„Wat willste? Is wat? “
„Haben Sie auf die Treppe gekotzt? Wenn ja, machen Sie das bitte weg. Das stinkt.“
„Wat geht dich dat an? Bisse vom Ordnungsamt oder wat?“
Er trat in den Flur, zog dabei die Linke aus der Hosentasche und funkelte Peter zornig an. Der wich einen Schritt zurück und warf einen abschätzenden Blick auf die rettende Wohnungstür.
„Sie wissen genau, dass wir Ihre Nachbarn sind. Tun Sie nicht so. Und machen Sie den Dreck weg. Was würden Sie sagen, wenn wir vor Ihre Tür kotzen würden?“, rief Frauke.
„Wat willste, du Nutte?“, schrie der Mann, wankte auf sie zu und stieß ihr die Faust vor die Brust.
Sie schrie auf, taumelte und kippte nach hinten. Schwer atmend lehnte sie sich an die Wand, hielt die Zwillinge mit letzter Kraft fest.
„Lassen Sie meine Frau in Ruhe, Sie Subjekt, Sie!“, schrie Peter, rannte zur Wohnungstür und zog Meike mit sich.
„Frauke! Komm! Lass den. Wir rufen beim Sozialamt an, dann kriegt der, was er braucht. Und die Polizei ruf ich auch!“, schrie er, während Frauke rückwärts in die Wohnung ging.

„Na, du warst ja ein besonderer Held. Was hättest du gemacht, wenn der weiter auf mich eingeschlagen hätte?“
„Die Polizei gerufen – was denn sonst? Mit so einem Pack kann und darf man sich nicht anlegen. Das bringt nichts. Die sind hemmungslos.“
„Ach nein? Merkst du nicht allmählich selber, was ich hier ertragen muss, Peter? Jetzt reicht es mir! Ich mach das nicht mehr mit. Ich will hier raus. Wenn du heute nicht zum Arbeitsamt gehst und dich anbietest, dann …“
„Was dann? Was dann? Was meinst du mit ‚anbieten’? Soll ich etwa jeden bescheuerten Job annehmen? Ja? Meinst du das? ‚Ach, lieber Mann, geben Sie mir doch die Stelle bei der Müllabfuhr. Wissen Sie, bei uns hat einer auf die Treppe gekotzt und deshalb wollen wir unter allen Umständen da raus. Darum nehme ich sofort jede Stelle an.’ – Du spinnst!“
„Ja? Ich spinne? Gut! Gut! Dann war’s das. Ich bleibe hier nicht mehr. Jetzt ist Schluss mit lustig. Du bist ein Versager, ein Nichtstuer. Wir sind dir doch völlig egal. Du träumst nur von einem Managerjob, den es nicht gibt – wenigstens nicht für dich.“
„Mensch, Frauke! Mach doch nicht alles noch schlimmer. Euch geht’s doch nicht so schlecht. Ihr braucht doch nicht zu hungern“, rief Peter, sichtlich erschrocken über ihre Reaktion.
„Hungern? Als ob’s darauf ankäme. Schau dir nur Meike an. Das Kind ist völlig verstört. Da schlägt so ein Schwein ihre Mutter und muss nicht mal um Entschuldigung bitten. Das hier ist die letzte Absteige – ich beende mein Leben nicht in diesem Dreckstall. Und auf eine Lösung durch dich warte ich auch nicht mehr – nicht einen Tag.“
Sie stürmte aus der Wohnung, knallte die Tür zu, hielt sich am Treppengeländer fest und sprang über das Erbrochene.

Es dämmerte bereits, als sie zurückkam. Etliche Jungen und Mädchen spielten im Sandkasten neben dem Haus. Peter saß auf der Bank davor, hatte den Kopf auf beide Hände gestützt und stierte auf die Kinder, die ruhig mit Förmchen spielten und Sandburgen bauten. Die Zwillinge wühlten mit den Händchen im lockeren Sand, warfen Sand in die Luft und krähten dabei vor Vergnügen. Meike hockte auf der Umrandung und sah den Kleinen zu.
„Hallo, ihr!“, rief Frauke und trat hinter Peter.
„Mama!“, rief Meike und winkte.
Peter sah demonstrativ lange auf seine Armbanduhr. „Wo warst du?“, fragte er und sie hörte die unterdrückte Wut in seiner Stimme. „Ich sitz hier wie ein Blödi und pass auf die Kinder auf. Die Leute lachen ja schon über mich. Wo warst du?“
„Später! Lass uns erst mal die Kinder ins Bett bringen. Dann reden wir. – Meike! Komm, es wird Zeit. Abendessen und danach geht es ab ins Bett. Ihr schreibt morgen eine Mathearbeit!“
„Die Kotze ist weg“, murmelte Peter. „War an der Telefonzelle; hab die vom Sozialamt angerufen; die haben eine Putzfrau geschickt. Der Kerl von nebenan wird verlegt. Brauchst dich nicht mehr aufzuregen“, sagte er, widerwillig mit kaum geöffnetem Mund.
Sie warf ihm einen rätselhaften Blick zu, nahm Meike an die Hand und ging ins Haus.„Also?“, sagte Peter und sah sie an. „Was willst du beichten?“
Er hatte während des Essens und auch, als sie die Kinder ins Bett brachte, kein Wort gesprochen. Eine ziemliche Spannung hatte sich aufgebaut und sie fürchtete einen seiner plötzlichen Ausbrüche. Seine Gesprächseröffnung kam ihr wie ein Unheil verkündendes Wetterleuchten vor.
„Beichten? Ich? Nichts. – Also, Peter. … Also … Ich bitte dich nur, werd’ nicht laut, ja? Lass die Kinder schlafen. Sie hören nebenan jedes Wort.“
„Wieso? Gibt’s denn einen Anlass zum Schreien?“
„Vielleicht. – Ich kenn dich zu gut. Also! Ich habe dir gesagt, dass ich das hier nicht mehr lange aushalte. Versteh das, bitte. Ich musste was unternehmen, weil du nichts tust, damit wir in einer normalen Umgebung leben können – und ich habe eine Lösung gefunden.“
„Du? Ich. Ich hab was unternommen. Der Scheißtyp, der dich angepackt hat, der zieht aus. Und ich suche jeden Tag nach einer Lösung für uns – für mich. Und du, du hast sie so mir nicht dir nichts gefunden?“
„Mach dich nicht lächerlich. Mir ist es egal, was du unternimmst. Ich gehe wieder arbeiten – das ist es, was ich heute festgemacht habe. Du weißt, ich bin eine ausgebildete Drogistin und wollte als solche wieder arbeiten. Ich habe überall in den Drogeriemärkten und Parfümerien nachgefragt – vergeblich. Trotz guter Zeugnisse hatten sie angeblich keine Stelle frei. Ich …“
„Wem erzählst du das? Ich weiß doch, wie’s mir ergeht. Gute Leute werden nicht gebraucht.“
„Ja, aber das ist der Unterschied. Ich hab mich bewegt. Ich hab meine Ziele angepasst. Im Supermarkt, beim Aldi, du weißt ja, wo ich immer einkaufe, da hat es geklappt. Die kennen mich ja als Kundin. Die haben mich sofort genommen – als Kassiererin. An diesen neuen Kassen, wo man nichts mehr eintippen muss, du weißt doch. Ich kann schon am Montag anfangen und …“
„Halt! Halt! Ganz langsam, damit ich mitkomme. Du willst in dem Billigladen arbeiten, wo nur die Minderbemittelten kaufen – an der Kasse? Das ist ein Witz, ja? Sag, dass das ein Scherz war. Dann lach ich auch.“
„Minderbemittelte wie wir, die kaufen da auch, ja. Und alle anderen auch. Nein, mein Lieber, das ist kein Witz. Ob du lachst oder nicht, das ist mir egal. Ich halte mich nicht an dein bescheuertes: ‚Man muss wissen, was man wert ist.’ So hätten wir nie eine Chance. Ich verdiene gut, da an der Kasse. Das reicht für ein Ziel, für ein bisschen Hoffnung.“
„Was für ein Ziel? Was ist, wenn ich morgen eine Stelle bekomme? Du nimmst deine – unsere – Kinder mit zur Arbeit? Haben die etwa einen Kinderhort? Und wenn ich keinen Job bekomme? Verdienst du genug, um die Lohnpfändung, die Miete und unseren Lebensunterhalt davon zu bestreiten?“
„Oh nein, mein Lieber! Kein Kinderhort. So nicht! Du wirst ab Montag den Hausmann spielen. Unsere gemeinsamen Kinder wirst du betreuen, Windeln wechseln und Dosengerichte aufwärmen – das schaffst du bei deiner Qualifikation. Ja, ich muss tatsächlich noch zwei Monate meinen Lohn teilweise pfänden lassen. Dann ist Schluss damit. Ich war bei der Bank und hab einen Kreditvertrag abgeschlossen.“
„Das geht nicht. Keine Bank gibt uns einen Kredit.“
„Oh, doch. Du vergisst: Ich habe einen Arbeitsvertrag. Nur einen Monat Probezeit, bis ich die Stelle und den Kredit habe. Mit diesem Kredit wird der Schaden, den du verursacht hast, Euro für Euro gelöscht. Die monatlichen Raten sind so angelegt, dass wir zwar noch lange abzahlen müssen, aber mit dem Rest wie normale Menschen leben können.“
„Ich glaub das einfach nicht“, sagte Peter tonlos. „Ich will das nicht glauben. Wenn das wahr sein sollte, bist du mich los. Das kannst du mit mir nicht machen. Ohne mich zu fragen! Geht als Kassiererin in so einen Laden! Und ich soll Kochen und Kinder hüten? Hausmann? Nicht mit mir!“
„Ja, Peter. Stell dir vor: Damit habe ich gerechnet. Es gibt zwei Möglichkeiten für dich – für uns: Du machst mit und wir bleiben zusammen oder ich gehe. Im zweiten Fall, wenn du nicht mitmachst, zieh ich zu meinen Eltern ins Haus und nehme mir bei denen im Ort eine Halbtagsstelle; ich finde schon was. In diesem Fall wirst du hier in Dreck und Kotze ersticken. Im ersten Fall suchen wir uns gemeinsam draußen vor der Stadt eine klitzekleine Wohnung, nicht größer als diese, und leben als normale Menschen. Es wird schwer werden, wir werden enorm sparen müssen, aber wir leben.“
Er schaute sie lange an und sie hielt den Blick aus. Wortlos stand er auf, zog die Jacke vom Haken und ging raus.

Sie lag mit offenen Augen im Bett und lauschte auf die Atemgeräusche der Kinder. „Es ist aus. Das macht er nicht mit. Ich wusste es. ‚Man muss wissen, was man wert ist’. Ja, so ist er; der ändert sich nie.“
Sie weinte still und trocknete die Tränen nicht ab. Noch einmal ließ sie den Tag passieren, rechnete durch, was der Mann in der Bank mit ihr besprochen hatte, dachte verächtlich an das überhebliche Gelaber des Mannes im Sozialamt und erst, als sie sich an die nette Filialleiterin beim Discounter erinnerte, hörte sie mit dem Weinen auf. Als Peter leise ins Zimmer kam, war sie eingeschlafen, wurde erst wach, als er sich auf die Bettkante setzte.
„Kommst du mal mit raus?“, flüsterte er.
Sie stand langsam auf, schlüpfte in die Hausschuhe und folgte ihm ins Wohnzimmer. Sie fror, verschränkte die Arme vor der Brust und zitterte. Er blieb mitten im Zimmer stehen und sah sie traurig an.
„Wo warst du? Du siehst so – so traurig aus.“
„Musste mal alleine sein und nachdenken.“
„Das kannst du nicht hier, bei mir?“
„Nein. Du machst es dir zu einfach, Frauke, viel zu einfach. Ich – ich bin doch der Mann, ich bin doch für euch zuständig.“
„Aber warum änderst du nichts? Warum sitzt du da und wartest auf ein Wunder? Hast du dir da draußen nur das überlegt, weiter nichts?“
„Doch, doch. War ’ne harte Nuss. So einfach geht das alles nicht. Für mich steht ja auch viel auf dem Spiel. Also … Ich hab’s mir überlegt. Also … Fall eins.“
„Was? Was meinst du? Fall eins? Ach so! – Oh, mein Gott! Oh, mein Gott! Er hat’s begriffen! Du bist einverstanden?“
„Sag ich doch. Hausmann. Komm mir zwar saublöd vor, aber …“
„Peter! Brauchst du nicht, nein!“, rief sie und ihr war nicht mehr kalt, das Zittern war weg. „Wir schaffen das!“, rief sie und legte die Arme um seinen Hals. Sie drückte ihre Brust den ganzen schmalen Körper an den Mann, der ihr immer so viel bedeutet hatte. „Komm“, flüsterte sie in sein Ohr. „Komm ins Bett, kuscheln, wie früher.“
„Mal sehen. Jedenfalls haben wir wieder ein Ziel. Und du brauchst mich ja. Ohne mich, also Fall zwei, das würde doch nur schief gehen. Ohne mich geht’s eben nicht.“
„Oh, Mann! Man muss eben wissen, was man wert ist, was?“
„Na klar!“ sagte er und drückte sie an sich. „Sag ich doch immer. Selbst zum Kuscheln brauchst du mich. Stimmt’s“

Was kostet die Wahrheit?

von Eduard Breimann (copyright)

Ihre Wimpern zucken, der Rücken schmerzt und die Beine sind taub; sie denkt an den gestrigen Tag und wie lange sie schon hier hockt.
„Setz dich da hin!“, befahl der Polizist, als er sie am Abend auf den Eisenhocker stieß. „Und rühr dich nicht! Wenn du aufstehst, wird es schlimm für dich. Wir beobachten dich – lass also alles sein, was uns wütend machen kann.“
Sie wollte ja warten; warten auf den, der ihr die Freiheit zurückgeben sollte. Aber niemand kam und die Qual wuchs, wurde beinahe unerträglich. Sie hat still gesessen in völliger Dunkelheit und angespannt gelauscht. Erst nach Stunden konnte sie sich aus dem Krampf lösen und in gute Gedanken versinken.
Dass der Tag begann, das sah sie an dem fahlen Schimmer, der durchs Kellerfenster kroch und die Gitterstäbe schwarz werden ließ.
„Jetzt werden sie kommen. Sie mussten ja schlafen und essen. Bestimmt sind sie jetzt ausgeruht und zufrieden“, dachte sie matt.
Aber sie kamen nicht. Ihr Durst wurde stärker, aber die Schmerzen im Rücken überdeckten alles. Das Fenster wurde sehr hell, der Durst noch heftiger; ihre Lippen sprangen auf und der Rücken brannte wie Feuer. Stunden später wurde das Fenster wieder grau.
Plötzlich war er da. Lautlos kam er in den Raum, stellte sich dicht hinter sie und sie konnte seinen Atem fühlen.

„Shi Yingbay heiße ich“, sagt eine weiche Stimme und sie fühlt eine Hand, die mit ihren langen Haaren spielt.
„Ich bin der Leiter der Gruppe, die sich die Aufgabe gestellt hat, die Wahrheit zu finden. Die ganze Wahrheit, verstehst du? Gemeinsam werden wir sie suchen – und wir werden sie finden, die unwiderlegbare Wahrheit“, sagt er leise und setzt sich vor das Fenster.
„Ich lüge nicht“, sagt sie. „Nie!“
„Schön. Das freut mich. Sie kostet ja auch nicht viel, die Wahrheit – aber die Lüge! Die Lüge ist teuer, sehr teuer“, sagt er und lacht laut. Es ist ein falsches Lachen, wie bei den Männern, die im Reisfeld ihre Witze über die Jungfrauen machen.
„Dein Name?“
„Zhan Jinyan.“
„Wie alt?“
„Neunzehn – fast zwanzig.“
„Oha! So jung? Schön, sehr schön. Woher kommst du?“
Sie schweigt, blickt den Mann an, dessen Gesicht genau vor dem vergitterten Fenster schwebt. Die Frage kommt so leicht und unschuldig daher, aber sie weiß, dass sie darauf nicht antworten darf – das erwarten alle, die sie liebt. Ihre Antwort bedeutet Tod.
„Wo lebst du? Wo leben deine Eltern?“
Die Wände sind weiß, kein Bild, kein Regal, nichts unterbricht die Trostlosigkeit. Nur dieses Fenster, vor dem der Mann sitzt – und die Tür im Rücken, durch die man sie gebracht hat, sonst gibt es da nichts.
„Ob sie mich wirklich an den Beinen aufhängen?“, denkt sie und kann sich keinen Schmerz ausmalen, der dazu gehört. „Keiner kann sich so etwas denken.“ Sie spürt eine Gänsehaut auf dem steifen Rücken.

Sie hat es nicht hören wollen, als die Frau davon sprach. Aber Liu Deyi, die verrückte Alte in der Zelle, hat es ihr ins Ohr geflüstert, hat gesagt, dass man, wenn man lange genug mit dem Kopf nach unten hängt, ganz komische Sachen hört.
„Du hörst Musik und sogar Stimmen. Quatschen durcheinander, alle gleichzeitig. Hi-hi. Fühlen kannst du nur noch den Schmerz, den schlimmsten der Welt. Der wächst und wächst, bis du meinst, du würdest sterben. Aber du stirbst nicht – nicht daran. Hi-hi.“
Liu Deyi muss es wissen, weil sie schon alles hinter sich hat. Alles. Sie ist nur noch Körper und Schmerz; ihre Seele haben sie gelöscht, hat sie gesagt und dabei wie irre gekichert.
„Deine Seele stirbt zuerst, mein Kind“, hat sie geflüstert. „Oder hast du keine? – Hast du eine? Lass sie hier – bei mir – da ist sie gut aufgehoben. Gib sie ihnen nicht!“
„Also! Noch einmal: Woher kommst du? Ich finde es ja doch heraus – egal wie. Du wirst es mir sagen, ganz sicher. So sicher, wie die Tatsache, dass die Sonne an jedem Morgen im Osten aufgeht.“
Sie schweigt und schaut in seine tiefschwarzen Augen. Er sieht so aus wie der Mann, von dem sie immer geträumt hat. Fast in jeder Nacht, wenn sie auf der Reismatte lag, dachte sie an ihn. So einen wie ihn, den gab es im Dorf nicht mehr; die jungen und kräftigen Männer waren längst weggezogen.
Der Mann ihrer Träume lächelt, und sein Lächeln kommt aus den Augen – aber die Augen dieses Mannes lächeln nicht.
„Du willst nicht reden? Das ist gut. Wirklich! Dann werde ich deinen Mund öffnen dürfen.“
„Er hat gelächelt, als er kam?“, denkt sie. „Ja, obschon … Ach egal, ich habe Glück, er ist nicht böse. Liu Deyi und die anderen haben es schlechter getroffen.“
Zhan reckt sich, versucht das Feuer im Rücken zu löschen. Der Mann steht auf, verdeckt das Fenster. Er geht langsam um den Tisch herum; dicht vor ihr bleibt er stehen. Sie blickt zu ihm hoch, spürt, wie sich ihre Nackenhaare aufstellen, als sie den Glanz in seinen Augen sieht.
Er lächelt verzerrt, seine Mundwinkel zucken, als er sich bückt, ihre Beine auseinander drückt, sich dazwischen zwängt und sie fast vom Eisenstuhl kippt.
„Nicht“, denkt sie, „geh weg. Du bist zu nahe; niemand darf so nahe an ein fremdes Mädchen …“
Sie sieht seine Hand nicht kommen; blitzschnell ist sie da und knallt auf ihr linkes Ohr. Ein stechender Schmerz schießt durch ihren Kopf und im Ohr tost ein Wasserfall; die Schläfe pocht und im Mund schmeckt sie Blut.
„Die Wahrheit, habe ich gesagt. Verschweigen ist Lüge. Woher kommst du?“
„Schweigen ist keine Lüge, hat Mutter gesagt, damals, 1968, als sie Großvater gesucht haben, während der Kulturrevolution – nur weil er Dorflehrer war“, denkt sie.
Sie bleibt still. Er tritt zurück, dreht sich weg, geht zum Fenster und schaut hoch.
„Weißt du, was ein Arbeitslager ist? – Antworte!“
„Nein – doch. Arbeiten in einem Lager, wo man … – also, wo man wohnt, denke ich oder …“
„Du bist ein dummes Huhn! Ich werde dich ins Frauenarbeitslager Chongqing Jiangbei Maogiashan schicken – wenn ich hier mit dir fertig bin. Dort wirst du zu einer guten Chinesin umerzogen. Dann erst, wenn du’s hinter dir hast, weißt du, was ein Arbeitslager ist.“
„Was machen sie nur mit Laihe?“, denkt sie. „Er ist doch noch ein Kind.“
„Du glaubst an die Irrlehre des Gründers eurer Sekte, dieses Li Hongzhis?“„Es ist keine Irrlehre. Wir wollen nur Gutes …“
„Halt den Mund! Du würdest dein Leben hingeben, um Vervollkommnung zu erreichen? Wie heißt euer Wahlspruch?“
„Zhen – Shan – Ren“, sagt sie klar und hell, trotz der Schwellung im Mund; sie ist froh, dass sie das aussprechen darf.
„Gut! Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht willst du üben. Zhen also; die Wahrheit, die Wahrhaftigkeit. Wie steht es damit? Willst du mir alles sagen, die ganze Wahrheit?“
„Ich lüge nie.“
„Ha-ha; das sagt man euch nach. Aber stimmt es? Ihr zerstört alle, die den Glauben an euch verlieren; ihr akzeptiert keine andere Meinung.“
„Ich weiß nichts davon. Das ist eine …“
„Eine Lüge? Sie haben dich verführt, die Meister der Falun Gong. Hör zu! Ich habe nur noch wenig Zeit. Sehr wenig. – Du gefällst mir. Du bist schön. Ich möchte, dass du so bleibst. Tu etwas dafür! – Die Lüge ist furchtbar teuer. – Die Wahrheit gibt es umsonst.“
„Ich lüge nicht.“
Er dreht sich zu ihr um und drückt gleichzeitig eine Taste auf dem Schreibtisch. Sie schließt die Augen, als ein greller Lichtstrahl aufblitzt, genau in ihr Gesicht fällt.
„Nein? Nun denn: Willst du meine Fragen beantworten?“
„Ja. – Nein. – Nicht alle; nur die, die niemandem wehtun.“
„Oh! Die deinen Freunden nicht wehtun? So sehr seid ihr verschworen?““
„Nicht verschworen. Nur – nur … Ich will niemandem schaden.“
„Tss! Dann musst du eben selber Schmerzen ertragen, sehr viel schlimmere Schmerzen. Weißt du überhaupt, was Schmerz ist? Ich meine, richtiger Schmerz.“
Zhan schweigt und fühlt ihren Rücken. Sie sieht den Frager nicht, das Licht lässt alles in Schwärze versinken. Sie blickt verzweifelt zu Boden, sieht verschwommen ihre kleinen nackten Füße, deren Zehen sich wie im Krampf biegen. Sie hört, dass sich die Tür hinter ihr öffnet. Schritte hallen auf dem Betonboden. Zwei Männer.
„Hübsches Kind. Könnte mir gefallen. Lass mir was von ihr übrig“, sagt einer und kichert.
„Steh auf!“, befiehlt der Mann, der sich als Shi Yingbay vorgestellt hat.
Sie drückt sich hoch; endlich ist sie aus dem Licht heraus. Sie steht, schwankt, die Beine kribbeln von den Zehen bis an die Pobacken. Sie muss sich am Schreibtisch abstützen; Nebelspiralen verdecken die Sicht, drehen sich immer schneller.
Langsam nur lichtet sich der Dunst, sie spürt die Nähe der Männer, kann ihren Schweiß riechen. Der Lichtkegel schwankt, hebt sich, sucht erneut ihr Gesicht, erfasst es, und wieder steht sie in der Schwärze.
„Du sagst mir jetzt, wie dein Meister heißt. Wer führt dich?“
Sie presst die Lippen aufeinander, die trockene Haut bricht.
„Zieht sie aus. Langsam, immer nur ein Stück. Sehr langsam. Ihr wisst, wie ich es mag.“
Sie spürt harte, klobige Hände, die sie betasten, die Knöpfe ihrer Bluse öffnen und ihre Haut streicheln.
„Wie heißt dein Meister? Schläfst du mit ihm?“
Sie zieht die Luft durch die Nase, fühlt den Schweiß, der im Nacken herunter läuft.
„Die Hose – schön langsam.“
„Wie heißt der Mann, der dir die Befehle erteilt?“
Sie ziehen sie vollständig aus, harte Hände betasten sie. Sie zittert und die Scham lässt alle ihre Muskeln verkrampfen. Sie war noch nie nackt, wenn ein Mann im Zimmer war – noch nie durfte sie einer anfassen.
„Ihr könnt gehen. Haut ab!“, schreit er und sein Atem geht stoßweise.
Sie hört ihre Schritte; ihr Kichern und Grunzen, bis sich die Tür hinter ihnen schließt. Sie zuckt zusammen, als er sie anfasst. Die Hand ist glühend heiß; sie liegt auf ihrer linken Brust; er spielt mit ihr, streichelt sie.
„Bist du noch Jungfrau?“
Sie schweigt, versinkt in Gedanken und Bilder. Blaue Hügelketten säumen die Felder; warmer Wind treibt im Sommer manchmal Blüten vor sich her, legt sie auf die Straßen und Plätze. Sie tanzt auf dem staubigen Weg, sieht sich lächeln, als eine blaue Blüte sich auf ihren nackten Fuß legt.
Der Schlag wirft sie zurück, der Hocker ist im Boden verankert und sie fällt rückwärts über ihn, schlägt mit dem Kopf auf den Boden

Als sie wach wird, liegt sie lang ausgestreckt auf dem Beton; es ist kalt und dunkel. In ihrem Kopf hämmert es und ihr ist, als ob sie sich immer schneller um die eigene Achse dreht; scharfe Säure steigt ihr in den Hals. Sie bewegt den Kopf sehr vorsichtig und trotzdem schießt der Schmerz vom Hals bis in die Haare.
„Du bist wach?“, sagt die weiche Stimme und das Licht flammt auf. „Dann können wir weitermachen. Die Wahrheit; du erinnerst dich? Steh auf!“
Ihre Beine knicken bei der Belastung ein; sie mag die Schmerzen nicht zeigen, steht schwankend vor ihm. Sie weiß, dass sie nackt ist.
„Du kannst stehen? Na also! Das ist gut. – Du bist schön. Sehr, sehr schön. Kannst du dir vorstellen, was ich denke? Was ich möchte?“
Sie verschließt ihre Gedanken, schweigt und blickt in die Lichtflut. Sie weiß, dass er sie immer noch betrachtet, und fühlt trotzdem keine Scham mehr.
„Du bist hier in einer anderen Welt. In meiner Welt; hier befehle nur ich. Ich bestimme! Ich kann mit dir machen, was immer mir gefällt. Du kannst nicht weg von hier– bis ich mit dir fertig bin. Hast du das schon begriffen?“, fragt er sehr leise.
„Ja“, denkt sie. „Ich habe es verstanden. Ich bin nicht mehr Zhan Jinyan. Ich bin nur noch ein Körper für ihn. Mir bleibt nur ein Weg: Ich muss fliehen – in meine Gedanken, in glückliche Erinnerungen. Das nimmt mir keiner.“
„Ihr könnt in eure Gedanken fliehen – sagt man. Täusche dich nicht. Ich kenne die Mittel, die dich da raus holen.“
„Er kann meine Gedanken lesen!“, denkt sie entsetzt und spürt Todesangst – zum ersten Mal, seitdem sie in diesem Untersuchungsgefängnis Chaoyang in Peking ist.

Sie hat nie in diese große Stadt gehen wollen. Laihe, ihr kleiner Bruder, hat sie überredet. Sie sollte ihm helfen Zettel zu verteilen; er hat sich danach gedrängt, ist ein fanatischer Anhänger der verbotenen Lehre – sie eher nicht. Dabei hat sie ihn dazu gebracht. Als er noch nicht lesen konnte, hat sie ihm die Regeln vorgelesen, die Li Hongzhi in seinem Buch festgelegt hat. Sie hat gesehen, wie er vor Eifer glühte.
Obschon sie nie so eine Leidenschaft verspürt hat, lebt auch sie nach diesen Regeln, ist glücklich und zufrieden, liebt die Tage und Nächte in ihrem Dorf.
„Wir müssen es tun. Die Sache ist es wert“, hat Laihe gedrängt. „Was können sie schon machen? Sie nehmen uns die Blätter weg – na und? Wir drucken neues Material und gehen wieder in die Stadt.“
Sie hat sich trotzdem gefürchtet. Alles war so unwirklich in den Häuserschluchten und auf dem großen Platz des Friedens. Es war anders als in ihrem Dorf; da lachte man, wenn man sich begegnete und grüßte sich freundlich. Die Menschen in der quirligen Stadt rannten um sie herum, hasteten, hatten keine Augen für sie und ihre Blätter. Starre Mienen ängstigten sie – kaum ein Passant lachte und keiner grüßte; manche sahen sie an, als ob sie Mitleid mit ihr hätten, schüttelten den Kopf und gingen schnell weiter. Nur einer hat sie angesprochen, ein krummer, weißhaariger Alter, dessen Augen kaum aus den Falten schauen konnten.
„Geh, Kind. Geh nach Hause, bevor sie kommen. Das ist es nicht wert“, hat er gemurmelt, so leise, dass sie ihn kaum verstand.
Sie hat sich nach ihrem Dorf Hebei gesehnt, nach dem Vater, der immer so still ist und nach der Mutter, die sie nicht um Erlaubnis gefragt hat.
„Noch eine halbe Stunde“, hat Laihe gebettelt, „dann fahren wir zurück.“
Es ging schnell, fast wie ein Spuk lief es ab. Die Männer kamen mit einem Mannschaftswagen. Sie sprangen während der Fahrt aus dem Auto, rissen ihnen die Papiere aus der Hand, prügelten sie mit Knüppeln und Fäusten in das vergitterte Fahrzeug. Im Gefängnishof wurde sie von ihrem Bruder getrennt.
Man brachte sie in den Keller, zog ihr den Gürtel aus der Hose, riss ihr die Schuhe und Socken von den Füßen.
Wortlos stieß man sie die steile Treppe hinunter, die in den feuchten Keller führte. Verdreckte Deckenlampen beleuchteten den unendlich langen Gang. In der Zelle hockten viele Frauen, lehnten an den Wänden und sahen sie wortlos an. Nur mühsam fand sie einen freien Platz.
„Darf ich?“, fragte sie mit unsicherer Stimme.
Die Alte, neben der sie sich an der Wand herunter gleiten ließ, blickte nicht hoch. Kurz bevor die Wächter kamen, spürte sie plötzlich einen heftigen Stoß in der Seite.
„Schlaf nicht. Hier musst du immer wach sein. Hi-hi. Ich bin Liu Deyi. Hi-hi. Ich bin schon so lange hier, dass ich nicht mehr weiß, ob wir Sommer oder Winter haben. Ist jetzt Sommer?“
„Was? – Ja – es ist warm.“
„Ah! Die warme Sonne! Ich träume immer vom Sonnenaufgang – manchmal sehe ich die rote, die sterbende. Erzähl mir von ihr. Als ich ein Mädchen war …“
„Warte! Wer sind diese Frauen hier? – Was haben sie – was hast du getan?“
„Ich? Weiß nicht mehr. Sie haben alles raus geholt und es aufgeschrieben. Die anderen? Keine Ahnung. Hi-hi. Werden schon was verbrochen haben. Jede ist allein hier. Sie haben uns alle in eine Einzelzelle gesteckt.“
„Wieso? Die vielen Frauen hier …“
„Du bist trotzdem allein; alle sind hier allein. Fühlst du die Gitter? Hier, um dich herum? Fühl mal“, sagte die Alte und zerrte ihre Hand hoch. „Die da hinten, die sprechen nur noch mit sich“, flüsterte sie und zeigte auf die anderen Frauen.
„Was machen die mit mir? Foltern die oder …“?
„Aber ja! Sie werden dich gleich holen. Hi-hi. Es geschieht immer auf die gleiche Art. Sie können nicht anders. Es gehört dazu. Hi-hi.“
Sie richtete sich auf, als sei sie aus tiefem Schlaf erwacht; sie flüsterte, erzählte, was man draußen nicht zu berichten wagte.
„Keiner von denen hat Mitleid mit dir – fast keiner. Aber sie sind nicht alle gleich; manche machen es nur, weil sie müssen. Vielleicht haben sie Schwestern? – Manche haben nicht mal eine Mutter; glaub´s mir. Hi-hi.“
„Hör auf. Ich will das alles nicht hören.“
Aber die Alte wollte sprechen. Zhan dachte an die Eltern, die sich bestimmt sorgten, an Laihe und an ihr kleines Haus. Sie schloss die Augen und begab sich in tiefe Gedanken. Sie waren zu Dritt, rissen sie wortlos hoch und stießen sie aus der Zelle in den langen Flur.

„Nenn mir nur deinen Meister. Wer führt euch?“, sagt er ganz dicht vor ihrem Gesicht und sie riecht seinen Atem.
Noch einmal, sehr leise. „Seinen Namen, mehr nicht.“
Sie denkt an die Reisfelder, die vom Wind spielerisch bewegt werden, schmeckt die Luft, die morgens von den Bergen fällt und durchs Dorf treibt.
„Sag schon!“, schreit er und sie zuckt zurück.
Der Schlag kommt aus der Dunkelheit, trifft sie in die Seite. Die Luft bleibt ihr weg, ein stechender Schmerz rast durch den Körper und sie taumelt gegen die Schreibtischkante.
„Du vergisst nicht, was ich dir gesagt habe? Du bist ohne Ausweg; du kannst nicht in deine Gedanken versinken, nichts wird dir helfen.“
„Ich –“, sagt sie und stockt.
„Ja? Du willst reden?“
„Ich – ich, bitte! Ich – habe nichts verbrochen – nichts.“
„So? Du gehörst nicht zu diesen Umstürzlern, die unseren Staat nicht anerkennen?“
„Nein, bestimmt nicht. Ich will nur meinen Frieden und meine Freiheit. Und – bitte – lasst meinen kleinen Bruder frei. Er ist nur mitgelaufen. Er weiß nichts.“
„Dein Bruder? Oh ja! Richtig! Ich hab ihn schon gesehen und er mich auch; er hat mich schon kennen gelernt. Was der alles erzählt …“
„Oh! Nein, nicht, ich …“, sagt sie und dreht sich zu der Stelle, an der sie seine Stimme gehört hat. „Er ist so klein und schwach. Er tut niemandem etwas. Ich habe ihn angestiftet – zum Verteilen von Zetteln. Er tut nichts Böses.“
„Das stimmt. Nicht mehr; jetzt nicht mehr“, sagt er und lacht.
Sie ist starr und gefühllos; sie weiß, dass sie nichts mehr verbergen wird. Sie wird ihm alles sagen.
„Bitte! Ich sage alles, lasst ihn frei. Dann … Lebt er …?“
„Ich habe jetzt zu tun“, unterbricht er sie. „Es gibt noch andere, die mich kennen lernen müssen. Später, wenn ich fertig bin, hole ich dich. Nur wir zwei! Wir werden sehen. – Du bist also noch Jungfrau? Wir werden sehen. Zieh dich an.“
„Ich wollte doch alles sagen“, denkt sie und ist verzweifelt. „Warum will er es nicht mehr hören? – Weil er mich … Oh nein!“
Der blendende Lichtstrahl verlöscht, lässt alles schwarz werden. Es dauert, bis sich ihre Augen gewöhnt haben. Es ist nicht dunkel; ein gelbes Licht, warm und freundlich, fällt von der Schreibtischlampe auf den Boden; am Rand des Lichtkegels sieht sie den Haufen ihrer Kleider.
Die beiden Männer von vorhin kommen herein; sie erkennt sie an ihrem Gekicher. Langsam bückt sie sich, zieht die Kleider hoch und bedeckt ihre Blöße.
Sie sitzt mit dem Rücken an der Wand, spürt den Arm eines Menschen an der Seite. Der Boden ist feucht und kalt; sie zieht die Hosenbeine über die nackten Fersen.
„Ich bin Tai Jurong“, flüstert eine Stimme dicht an ihrem Ohr. „Wie heißt du?“
„Zhan Jinyan“, flüstert sie. „Ich komme aus Hebei.“
„Warst du bei Shi Yingbay?“
„Ja. Er – er will mich wieder holen. Gleich, wenn er fertig ist, hat er gesagt.“
„Ja. Er wird dich holen lassen. Heute will er dich, morgen eine andere. Du bist jung. Er liebt junge, sehr junge Mädchen. – Shi Yingbay ist nicht sein richtiger Name.“
„Warum? – Was tut er mit mir?“, flüstert sie.
„Er macht alles, was ein Mädchen fürchten muss. Er ist ein Teufel.“
„Er sieht so gut aus – nur seine Augen …“
„Der Teufel kommt nie als hässliches Wesen. Aber er hat die Augen des Teufels. Ja, er ist der Böse – der Urböse. Aber du bist nicht alleine. Wenn du aus der Hölle kommst, nachher, wenn du bei ihm warst, wirst du uns hier finden; wir sind bei dir. Hörst du? Denk immer daran, du bist nicht allein! Egal, was er dir antut, dieser Satan.“„Liu Deyi hat gesagt, dass niemand hilft, dass ihr alle allein seid.“
„Liu Deyi? Ach die! Hör nicht drauf. Die ist nicht mehr bei sich.“
„Gibt es keinen Ausweg, nichts …? Kann man nichts tun?“, fragt sie und ihre Stimme zittert.
„Oh nein! Hat er dir nicht gesagt, dass es aus dieser Hölle keinen Ausweg gibt? – Du hast ihm nichts verraten, stimmt´s?“
„Nein. Nichts. Er hat geschlagen und sie haben mich ausgezogen. Drei waren es. Er und zwei Männer – und ich war ganz alleine.“
„Mein armes Kind“, seufzt die Frau und sie spürt eine Hand auf dem Arm. „Ja, das liebt er. Er hätte einen Wutanfall bekommen, wenn du gesprochen hättest. Er will dich langsam zerbrechen und zerstören. Wen er hat, den vernichtet er. Er braucht das“, sagt sie und Zhan spürt, wie die Hand ihren Arm fest drückt.
Sie rutscht tiefer an der Wand herunter, will den Kopf auf den kalten Boden legen, will klare Gedanken haben. Die Frau schweigt; leise rascheln Kleider, wenn sich Körper im Schlaf bewegen. Lange liegt sie still und die Schmerzen im Rücken lassen nach. Sie dreht den Kopf, sieht hoch zur Decke, die schmutzig grau über ihr hängt.
„Ich kann die Decke sehen!“, staunt sie und bewegt den Kopf noch weiter.
Ein Fenster! Hoch oben, fast an der Decke! Es ist Nacht, eine Nacht mit einem Mond, der kaltes Licht in den Hinterhof und an das Kellerfenster wirft. Sie sieht die Gitterstäbe und trübes, fleckiges Glas.
Sie schließt die Augen, begibt sich auf die Reise. Sie läuft durch ein Reisfeld, sieht ihren Bruder Laihe, der übermütig einen Strohhut nach ihr wirft. Sie rennt hinter ihm her, will ihn fangen und zu Boden werfen. Er ist so schmal, zwei Jahre jünger als sie, aber schnell, viel schneller als sie. Er klettert die Leiter hoch, verschwindet im Schober. Sie rennt, stolpert, klettert ihm hastig nach, hätte ihn fast am Fuß erwischt.
„Jetzt bist du gefangen!“, ruft sie ihm nach.
Es gibt nur diese eine Leiter. Laihe steht am Ende des Dachbodens, lacht, sieht sie triumphierend an, zieht blitzschnell das knielange Gewand über den Kopf, schlingt den Ärmel um einen Dachsparren, fasst das Hemd, schwingt sich vom Bretterboden, gleitet am Stoff herunter, springt das letzte Stück und verschwindet lachend. Er hat nur seine kurze Hose an und sein Rücken ist nass vom Schweiß.
„Doch“, denkt sie matt. „Doch! Es gibt einen Ausweg. Du wirst böse sein, Shi Yingbay. Sehr böse. Ich kann doch entkommen – ich weiß den Weg.“
Die Frau neben ihr schnarcht und röchelt leise. Zhan steht auf und streckt sich; alle Glieder sind steif. Sie ist klein, aber wenn sie auf den Zehenspitzen steht, kann sie das Gitter anfassen. Langsam knöpft sie die Bluse auf, zieht sie aus.
Ihre Fingerspitzen berühren gerade noch das unterste Ende eines Eisenstabes. Trotzdem kann sie den Ärmel am Gitter verknoten. Sie zieht und der Knoten hält. Sie steht still, wartet, sucht in dem Nebel, der ihren Kopf füllt. Da ist nichts mehr, gar nichts; dumpf und leer ist es.
„Ich gehe“, flüstert sie und knotet sich den Ärmel um den Hals.
Ihre Hände zittern. Sie weint und schämt sich. Sie denkt an Laihe; sein Gesicht schiebt sich vor ihre Augen. Er lacht! Er spricht zu ihr!
„Laihe! Mein Bruder. Wo bist du? Was …?“, schreit sie flüsternd, will nach ihm greifen, ihn rufen, aber es ist zu spät. Sie lässt sich fallen und versinkt.

Das Glück später Erinnerung

von Eduard Breimann (copyright)

Die beiden Alten biegen von der Straße ab, schwenken ein in den schmalen Wirtschaftsweg, der auf den Weinberg führt. Der Mann sieht sich sichernd um, lächelt zufrieden, als er die menschenleere Landschaft sieht.
Es ist still hier, nur ihre Schritte sind zu hören. Sie gehen langsam, vorsichtig, weichen den Spuren der Wagenräder aus. Tastend schieben sich die Füße der Frau vor, ohne dass sie den Boden verlassen; sein Schritt ist kräftiger, passt sich mühelos ihrem Rhythmus an.
Sie ist zierlich, fast dürr; die grauweißen Haare wirken ungepflegt, hängen bis zur Schulter herunter. Sein rechter Arm umfasst ihre Taille, führt und stützt sie so. Hin und wieder hebt er den Kopf, hält Ausschau nach seinem Ziel. Der Weg steigt nicht sonderlich stark an, windet sich um den Berg und man sieht nur wenige Meter voraus.
„Komm!“, sagt er und sein Atem ist schwer. „Komm, du schaffst es. Nur noch bis da vorne – es ist nicht mehr weit.“
Sie gehen weiter, schweigend, setzen Fuß vor Fuß. Über ihren Köpfen hängt ein Krähenschwarm, lässt sich nach rechts abkippen und verschwindet zwischen den Reben.
„Siehst du die Bank? – Ja? – Da, kurz vor der nächsten Biegung?“, fragt er leise und drückt sie aufmunternd.
Sie sagt nichts, schlurft weiter, setzt automatisch einen Fuß vor den anderen. Er lenkt ihre Schritte so, dass sie zwischen den Furchen gehen kann, die schwer beladenen Fuhrwerke in den Boden gepresst haben.
„Nicht schlapp machen! Wir haben’s uns doch vorgenommen für heute. Was hab ich zu dir gesagt? Lass uns noch einmal zu unserer Bank gehen, hab ich gesagt. Wer weiß, wie oft wir’s noch können. So viele Jahre waren wir nicht mehr hier, aber du wirst dich an sie erinnern. Es war doch immer unsere Bank – schon seit damals. Du musst dich erinnern! Du musst!“
Er ist nicht viel größer als sie, auch nicht sonderlich kräftig, und man sieht an seinen verzerrten Gesichtszügen, dass die Last ständig schwerer wird.
„Halt! Warte einen Moment“, sagt er, keucht und drückt die Faust in die Seite.
Sie geht weiter, gleitet aus seinem Arm, hängt schräg da und ihre Beine verheddern sich. Er stolpert ihr nach und umfasst sie mit beiden Armen.
„Na, na! Das war knapp“, sagt er vorwurfsvoll. „Kannst nie auf deinen Mann hören, was? Bleib mal kurz so stehen, bis ich wieder bei Kräften bin. Runter geht’s nachher leichter.“
Er lässt sie nicht mehr los, atmet tief durch, bis die Seite nicht mehr so schmerzt. Langsam gehen sie voran, heben nicht einmal den Kopf, sehen nicht auf zu den Rebstöcken, die sich rechts, oberhalb der Stützmauer endlos dehnen. Die Blätter sind schon voll entfaltet, die schlanken Triebe haben sich um die Drähte gewunden, treffen Vorbereitungen für die schweren Lasten, die sie bald tragen müssen.
„Weißt du noch, wie du plötzlich von der Bank aufsprangst, wenn ich dich zu sehr drängte? Wie wir verlegen gelacht haben und dabei talwärts gerannt sind? Der Duft der Trauben hing in der warmen Luft; wir waren erhitzt von – von unserer Liebe. Du liefst immer vor, wolltest den Wind spüren, der dein Kleid anhob. Deine nackten Beine flogen nur so – und du hattest die Hoffnung, dass ich dich einholen würde. – Sag nicht, das stimme nicht! Wenn ich dich dann hatte – da hinten, da, wo sie die Treppe in den Weinberg gebaut haben, hab ich’s meist geschafft – dann drehtest du dich um und fingst mich auf. Weißt du noch, wie …“, sagt er und schweigt – wie sie, die starr an seinem Gesicht vorbei zur Bank blickt.
„Wie du geduftet hast! Nie vergesse ich das. Deine Haut hatte einen Duft! Konntest mich ganz verrückt machen.“
Sie steht starr, die Augen blicken ins Leere, als suche sie nach einer Erinnerung.
„Komm, mein Mädchen“, sagt er leise. „Komm. Kannst dich nicht erinnern, was? Ist lange her; viel zu lange. Vielleicht kommt’s ja noch, wer weiß …“
Sie ziehen weiter, langsam, Schritt für Schritt. Vor der Bank bleiben sie stehen, atmen schwer; er schiebt sie mit dem Rücken zur Sitzfläche, lässt sie sanft herunter gleiten, drückt sie an die Rückenlehne, die voller Symbole der Liebe ist. Mit dem Messer eingeritzte Herzen, vom Pfeil durchbohrt; Buchstaben ineinander verschlungen, sich geheimnisvoll, rätselhaft fast, einen neuen Sinn gebend. Und krakelig geritzt, kann man die Botschaft lesen: ‚Ich liebe dich – E. B.’
„Sie ist wohl immer noch der Treffpunkt der Liebenden“, sagt er und setzt sich zu ihr. „Weißt du noch, wie oft sie schon besetzt war, wenn wir hier ankamen? Hat mich immer mächtig gewurmt, wenn da Fremde auf unserer Bank saßen.“
Still sitzen sie da, sehr lange, rühren sich nicht. Er blickt auf die Wiese, die vor ihren Füßen in sanften Schwüngen talwärts läuft; die Frau hat den Kopf noch nicht bewegt, ihre Blickrichtung ist nicht genau bestimmbar.
Leise erst, zögernd, als warte sie auf Zustimmung, beginnt eine Glocke zu läuten. Dann mischt sich eine zweite ein, webt ihre tiefen Töne um die schlanken, umfasst sie, bis sie eins werden.
„Ist gleich Andacht. Waren lange nicht mehr in der Kirche, was mein Mädchen?“
Hinter den Kirschbäumen, die den Weg auf der Talseite ein Stück säumen, sieht man den nadelspitzen Kirchturm und hinter halbdichten Büschen ein Gewirr roter Dächer.
Der Blick der Frau ist leer; sie nimmt die Amsel nicht wahr, die gegenüber im Gras trampelt, um die Würmer an die Oberfläche zu locken; sie sieht nicht, dass ihr Mann seinen Arm hebt und auf den aschefarbenen Platz zeigt, der da unten, am Dorfrand, gerade noch zu sehen ist.
„Da, man sieht ihn heute noch wie früher von hier oben – den Festplatz, meine ich. Ja, schön ist es hier. Sie haben alles so gelassen, nichts zugebaut. Nur wir beide, wir haben uns mächtig verändert, was?“, sagt er heiser und lacht.
Und wieder wird es still. Es raschelt im Gras und hinter ihnen steigt der Krähenschwarm wütend protestierend aus dem Weinberg hoch. Weit hinten schlängelt sich das bleigraue Band der Mosel.
Sein Blick gleitet vom Tal rüber zur Rechten, wo sich die Weinberge im Dunst dehnen und am Horizont ihre Konturen verlieren. Steil steigen sie hier an, der Hang muss gegen das Abrutschen durch eine Mauer gestützt werden, die den ganzen Weg säumt. Viele Male ist er hier aufgestiegen, die schwere Kiepe auf dem Rücken, hat gesungen – wie die alten Frauen von der Hunsrück-Höhenstraße, die täglich zur Weinlese abgeholt wurden.
„War eine prächtige Zeit, damals, was?“, sagt er und denkt an die Feste, die sie gefeiert haben, wenn die Ernte eingebracht war. „Was konnten wir damals tanzen! Da waren die Knochen noch elastisch. Aber jetzt? Alte Knochen sind morsch, sagte mein Vater früher immer, morsch und brüchig. Na ja, es sind ja auch mehr als fünfzig Jahre vergangen, seit damals. Fünfzig Jahre! Und mir ist, als wär’s gestern gewesen. Denkst du auch so? Ich weiß noch genau, wie es damals war. Du auch? – Erinnere dich!“
Sie schaut blicklos zum Kirschbaum, knapp an seinem Blätter- und Blütendach vorbei. In ihrem Gesicht regt sich nichts. Das rechte Auge hängt ein wenig schief nach unten, der rechte Mundwinkel glänzt vom Speichel, läuft leicht abwärts.
„Ja, ja. Besonders das eine Winzerfest werde ich nie vergessen – und ich glaube, du auch nicht. Es war das erste Fest nach dem Krieg und alle waren so voller Hoffnung und Freude. Das ganze herrliche Leben lag vor uns. Musik war in der Luft.“
Er versinkt in Gedanken, die Vergangenheit rauscht vorbei, Bilder und Klänge – Fetzen nur und Bruchstücke. Langsam kommt er in die Gegenwart zurück, stampft energisch mit dem rechten Fuß auf, als wolle er ein Ausrufezeichen setzen. Die Amsel bleibt stehen, beäugt ihn misstrauisch.
„Sag mal, weißt du eigentlich, dass du mich ganz wild gemacht hast, weil alle Burschen dich zum Tanz holten? Und du hast sie angelacht! Menschenskind, was war ich eifersüchtig. Wirklich, ich war da schon verliebt in dich, konnte es nur nicht zeigen – war damals wohl ziemlich schüchtern.“
Er fasst ihren Kopf mit beiden Händen, dreht ihn, der nicht widerstrebt, sanft nach links, bis sie zur Kirchturmsspitze schaut, von der die letzten Glockenschläge ertönen.
„Da haben wir geheiratet; schon sechs Monate nach dem Winzerfest. Es konnte uns alles nicht schnell genug gehen. Quirlig waren wir, so richtig zappelig vor Ungeduld. Damals wartete man noch auf den Tag – die erste Nacht – und genoss die Spannung. Wir hätten uns nicht getraut es zu tun. Obschon – was meinst du, wie’s mich gedrängt hat. Aber damals …“
Vorsichtige dreht er ihren Kopf zurück, in die alte Blickrichtung. Man sieht seine feingliedrigen Finger, ahnt, dass sie nicht für schwere Winzerarbeit geeignet waren.
„Eigentlich wollt ich schon in dem Jahr zur Uni gehen. Bloß gut … Wer weiß, wie alles … Jedenfalls, ich kam gerade aus dem Zelt, hatte mir einen Schoppen Wein geholt. Das Weinglas wär mir fast aus der Hand gefallen – du ahnst nicht, wie erstaunt ich war, als ich dich erblickte. Du hocktest auf der Bank, auf meinem Platz, und hast mich angelächelt. Du hattest längst bemerkt, dass ich immer deinen Blick suchte. Ja, mein Mädchen, ich weiß, du hast nur mit mir gespielt, wolltest sehen, ob ich eifersüchtig wurde. Oh ja! Du warst ein richtiges Aas.“
Er lacht und wischt sich mit dem Jackenärmel über das faltige Gesicht, in dem die Bartstoppeln einen blauen Schatten zeichnen.
„Komm, hast du gesagt, komm und setzt dich, ich rücke. Es war eng auf der Bank, wunderbar eng. Ich hab meinen Wein vergessen, hatte mich ja eigentlich deinetwegen besaufen wollen. Dein Arm lag zwischen uns, dein nackter Arm. Ich hab mir fast in die Hose gemacht vor Angst, dachte, du würdest gleich aufspringen und mich auslachen. Aber ich konnte nicht widerstehen. Weißt du, was ich meine? Wie ich mich rangetastet habe?“
Er nimmt vorsichtig ihren rechten Arm, zieht die leb- und gefühllose Hand von ihrem Schoß auf die Bank und betrachtet sie. Da liegt sie, völlig ausgestreckt, wie tot, der Handrücken voller Altersflecken, die geschrumpelte Haut in Falten. Seine Finger schweben zittrig darüber, senken sich langsam, berühren die Haut kaum, gleiten höher, bis zum nackten Arm, an dem ihre Knochen die Konturen zeichnen.
„Weißt du’s noch? So – genau so – vielleicht noch zittriger als heute, wo ich nicht mehr die Gewalt drüber habe. Was hab ich gezögert, damals. Ich spürte in den Fingerspitzen die Wärme deiner Haut, ich fühlte, wie sich die feinen Härchen aufstellten, zu meinen Fingerspitzen strebten. Du bewegtest dich nicht – du sahst mich nur an. Ich konnte nicht aufhören; noch nie hatte ich eine solche Haut gespürt, so glatt, so weich, so warm, die sich meinen Fingern anbot“, sagt er leise und sieht zu ihr hin.
Sie schaut ihn an!
„Was ist da …? Hat sie den Kopf gedreht?“, überlegt er verwirrt und wundert sich.
Sie sieht ihn an!
Die Leere scheint weg zu sein aus ihren Augen; er sieht sich da drin, glaubt ein Lächeln zu sehen, das Lächeln, das er damals gesehen hat, als sie nebeneinander auf der Bank saßen.
Er schluckt und reibt sich verstört das Stoppelkinn. Er blickt weg, rüber zur Kirche und dann erneut in ihre Augen, die ihn starr ansehen. Er merkt nicht, dass er noch immer mit hauchzarter Berührung ihren Arm streichelt, den faltigen Handrücken, die Finger.
„Damals – damals“, sagt er und seine Stimme ist kratzig. „Hörst du? Damals, als wir uns zum ersten Mal geküsst haben – das war hier auf der Bank –, da hast du gesagt, dass ich dich verführt hätte, mit dieser – na ja, also mit dieser Berührung. So, hast du gesagt, hat mich noch keine Hand berührt; so hat mich noch nie eine einzige Berührung für ein ganzes Leben gefesselt. Das hast du gesagt und mich dabei angeschaut wie jetzt.“
Er hört wieder ihr Lachen, das so leicht und hell war; er sieht sie tanzen und fühlt noch einmal ihr Glück.
„Später hast du oft gesagt, ich sei ein Zauberer, ich würde dich mit meinen Händen verzaubern“, sagt er leise. „Hast du alles verstanden? Du verstehst alles, nicht wahr mein Mädchen? Kannst es eben nicht mehr so zeigen.“
Er weint ein wenig; die Tränen holpern über seine faltigen Wangen. „Komm, ist schon gut. Wir beiden, wir …“, sagt er und seine Stimme wird immer leiser.
Sie sieht ihn an; ihre Augen sind starr und sie bewegt sich nicht, als er sie federleicht auf die Augen küsst.

Heimkehr nach Jacobsund

von Reinalde Wahnrau-Sander (Copyright)

Heute Morgen bin ich auf unseren Hof zurückgekehrt. Göran, mein Sohn, bewirtschaftet ihn jetzt. Er ist inzwischen achtundzwanzig Jahre alt, und seit einem Jahr ist er mit Elisa verheiratet. Sie ist eine hübsche, junge Frau mit blondem Haar, einer rundlichen Figur und einem fröhlich freundlichen Gesicht. Es sieht so aus, als könnte sie meinen ernsten, traurigen Göran glücklich machen. Glücklich macht ihn gewiss der Anblick, wenn sein kleiner Sohn Ole an Elisas praller Brust seinen Hunger stillt. Der Kleine ist zwei Monate alt und ein prächtiger Bursche. Auch ich fühlte nach so langer Zeit wieder so etwas wie ein kleines bisschen Glück, als ich die beiden sah.
Jetzt schlafen sie schon, die drei. Ich sitze hier auf der Veranda und schaue in den noch hellen Himmel. Sie sind lang, die Abende hier oben im Norden von Norwegen, aber nur in den Sommermonaten.
Elisa hat für mich das Zimmer eingerichtet, dessen Tür auf die Veranda führt, die an der Westseite des Hauses verläuft. Früher einmal war es Georgs und mein Schlafzimmer. Ob Elisa das gewusst hat? Sie hat mir ein schönes, großes Bett hineingestellt mit weichen, weiß bezogenen Federkissen. Darüber hat sie die Bettdecke gebreitet, die ich als junge Frau an den langen Winterabenden, die es hier in Norwegen gibt, gearbeitet habe. Georg hat neben mir gesessen und die Armlehnen für den Lehnstuhl geschnitzt. Den hat Elisa mir auch ins Zimmer gestellt, dazu den alten, bunt bemalten Schrank, den es schon auf dem Hof gab, als ich als junge Ehefrau hierher gekommen bin. Georg sagte, seine Großmutter hätte ihn mit in die Ehe gebracht. Ein Tisch und zwei Stühle fehlen auch nicht in meinem Zimmer. Auf den Tisch hat Elisa einen Fliederstrauß gestellt. Göran hat Großvaters Schaukelstuhl für mich repariert, damit ich auf der Veranda darin sitzen kann. Sie haben sich solche Mühe gegeben, es mir gemütlich zu machen.
Es ist so lange her, dass ich zum letzten Mal hier war, hier auf dieser Veranda, hier in diesem Haus, hier in diesem Zimmer. Fünfzehn Jahre! Fünfzehn Jahre war ich fort. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit und dann doch nur wie ein Augenblick. Es ist mir hier alles so vertraut und doch so fremd. Ich habe heute den Schrank gestreichelt, in den ich einst mein Brautkleid gehängt hatte. Ich habe mit Befremden den modernen Anbau an das alte Haus gesehen. Göran und Elisa wohnen dort. Sie haben Zentralheizung und elektrisches Licht.
Ja, es hat sich viel getan in den fünfzehn Jahren, die ich fort war. Jacobsund ist eine Stadt geworden. Früher war da nur ein Bahnhof und der Krämerladen vom alten Johannson. Heute sind wir über asphaltierte Straßen an schmucken Häusern vorbei gefahren, manche sogar aus Stein und drei Stockwerke hoch. Aber auch rot und gelb gestrichene Einfamilienhäuser, traditionell aus Holz gebaut, mit weißen Fensterrahmen und gepflegten Vorgärten habe ich gesehen.
Die Wiese hinter unserer Scheune sieht aus wie immer und die Schafe darauf auch. Aber es werden wohl nicht mehr die gleichen sein. Die alten Birken unten am Fluss sind noch älter geworden, genau wie ich. Der Rosenstrauch an der Südseite des Hauses, den ich gepflanzt habe, rankt bis zum Dach und blüht in üppigem Rot.
Ich sehe hinaus in die Weite des Abends. Ich mag noch nicht in dies Zimmer gehen, das Elisa so liebevoll hergerichtet hat und das für mich so voller Erinnerungen ist, Erinnerungen an dich, Georg. Hier in diesem Zimmer haben wir unsere Hochzeitsnacht verbracht. Hier bin ich deine Frau geworden. Weißt du noch, Georg? Ich war so ein junges Ding, so voll Lebensmut und Fröhlichkeit. Ich habe dich so sehr geliebt, Georg! Wir waren glücklich hier, hier in diesem Zimmer, hier auf dieser Veranda. Hier haben wir an den langen, hellen Sommerabenden gesessen, die so waren wie der heutige Abend, und über den vergangenen Tag und unsere Träume für die Zukunft geredet. Hier hast du meine Hand gehalten, Georg. Hier hast du mich geküßt. In diesem Zimmer habe ich unseren Sohn Göran empfangen und ge-boren und unsere Tochter Sigrun, die mich jetzt verachtet, weil ich nicht zulassen konnte, dass sie je erfuhr, was wirklich geschehen war. Hier haben wir die Kinder aufwachsen sehen. Ja, fast! Hier waren wir glücklich bis zu dieser unseligen Nacht vor mehr als fünfzehn Jahren.
Es war ein langer, harter Winter gewesen. Aber der April brachte unerwartet ein paar schöne, sonnige Tage. Der Schnee auf dem Südhang fing an zu schmelzen, und an manchen Stellen lugte schon das Gras hervor. Georg hatte die Schafe auf die Wiese gelassen, damit sie von dem Gras fressen konnten. Als Göran sie abends wieder in den Stall treiben sollte, kam er atemlos auf das Haus zugelaufen.
„Vater, zwei Schafe sind tot. Irgend ein Tier hat sie gerissen, vielleicht ein Wolf.“
Georg besah sich den Schaden.
„Das war kein Wolf. Das war ein Bär. Sieh dir die Spuren an, mein Sohn! Es war ein großer Bär.“
„Ich wusste gar nicht, dass Bären so nah an die Häuser kommen.“
„Sie haben Hunger, Göran. Es gibt kaum noch etwas zu fressen für sie nach dem langen Winter. Da kommen sie schon manchmal in die Nähe der Menschen.“
Ich hörte dem gelassen zu. Bären waren schon häufiger bis zur Siedlung gekommen. Mein Großvater hatte mal einen geschossen. Das Fell hatte er gerben lassen und in seinen Lehnstuhl gelegt. Ich erinnerte mich, dass ich als Kind die Weichheit dieses Felles geliebt hatte. Bären machten mir keine Angst. Aber Göran war dreizehn Jahre alt und witterte das Abenteuer.
„Wenn der Bär unsere Schafe reißt, müssen wir ihn doch töten, Vater. Gehen wir auf Bärenjagd?“
„Nein, mein Junge,“ lachte Georg, „wir passen nur auf, dass der Bär nicht noch mehr von unseren Schafen frisst.“
Es war stockfinstere Nacht. Zunächst wusste ich nicht, was mich geweckt hatte. Ich hörte Georgs leichte Atemzüge neben mir. Auch er war wach und horchte. Aber dann merkte ich es. Es hörte sich an, als ob Holz splitterte. Es rumorte und tobte. Dazwischen hörte ich das tiefe Brummen des Bären und das ängstliche Blöken der Schafe. Der Bär war da. Ich griff nach den Streichhölzern auf meinem Nachttisch.
„Nicht,“ sagte Georg leise und hielt mein Hand fest, „mach kein Licht. Das vertreibt ihn nur. Ich versuche ihn zu erwischen.“Ich hörte das Rascheln, als Georg seine Hose und Jacke anzog, das Klicken der Tür, als er sein Gewehr aus dem Waffenschrank nahm. Sehen konnte man in der tiefschwarzen Dunkelheit nichts. Klick! Georg entsicherte das Gewehr. Krrr! Die Haustür knarrte. Ich tappte zur Tür und starrte in die absolute Dunkelheit. Ich strengte mich an, etwas zu sehen. Aber da war nur Finsternis! Schwere Wolken verdunkelten den Himmel, kein Stern, kein Mond, nichts! Noch nicht einmal die Schneereste leuchteten auf. Ein leises Rascheln hinter mir! Ich drehte mich um. Aber im Haus war noch weniger zu sehen. Dann wieder das unheimliche Rumoren am Stall.
Der Knall des Gewehrschusses erschreckte mich fast zu Tode. Im Mündungsfeuer von Georgs Gewehr sah ich die beiden für einen kurzen Augenblick. Hochaufgerichtet stand der Bär keine drei Meter vor Georg. Ein zweiter Schuss aus einem Gewehr direkt neben meinem Ohr ließ mich fast taub werden und vor Schreck erstarren. Dann Totenstille. Nach einer Ewigkeit, wie mir schien, sagte Göran neben mir:
„Ich glaube, ich habe ihn getroffen.“
Ich tastete mich auf Göran zu und nahm ihn in die Arme.
„Vater wird gleich zurück sein.“
Aber Georg kam nicht. Als das frühe Dämmerlicht des Morgens ein paar Konturen erkennen ließ, gingen Göran und ich zitternd in den Hof. Da lagen sie, der Bär und Georg. Ihr warmes Blut hatte die Schneereste geschmolzen, und der Frost des Morgens das Blut gefrieren lassen. Der Bär hatte ein Einschussloch in der Brust, Georg im Rücken.
Ich weiß nicht mehr, wie laut und wie lange ich geschrien habe.
Auf einmal waren sie alle da, unsere Nachbarn Erik und Anna, Frederik und Brigitta, das ganze Dorf. Göran stand da mit kreidebleichem Gesicht. Tränen strömten über seine Wangen. Er hatte sich erbrochen.
„Ich habe geschossen,“ schrie ich, „ich habe doch nur auf den Bären geschossen.“

Vor Gericht habe ich es immer wieder gesagt: „Ich habe geschossen. Ich habe auf den Bären geschossen.“
Niemand hat Göran gefragt. Er hat nie etwas gesagt. Er saß im Gerichtssaal mit versteinertem, kalkweißem Gesicht.“
Sigrun war erst elf. Der Hass erstickte ihre Stimme, als sie mir entgegen schleuderte:
„Du hast meinen Vater umgebracht.“

Heute Morgen bin ich nach fünfzehn Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. Ich werde jetzt zu Bett gehen, das in diesem Zimmer steht, in dem ich zuletzt mit Georg geschlafen habe. Aber ich werde das Licht nicht ausmachen. Ich lasse die Lampe die ganze Nacht an. In allen Nächten.

Der andere Tod

von Eduard Breimann (copyright)

Endlich ist wieder Lichtzeit. Sie fühlt sich leicht, schwebt körperlos in einem konturlosen, unfassbaren Raum. Sie entspannt sich – wie immer, wenn die Dunkelzeit der Lichtzeit weicht. Sie treibt in den unendlich langsamen Wogen seismischer Rhythmen, wie in einem Ozean, bewusstseinsfern – und doch hilflos und ungeschützt.
Trotzdem hat sie keine Angst. Hier ist sie sicher – das weiß sie. Nie mehr will sie weg von hier, nie mehr zurück in diese andere Welt, von der ihr manche Träume erzählen. Hier ist alles gut und ohne eine Zukunft, die sie fürchten müsste.
‚Hier?’, hat sie manchmal gedacht. ‚Was ist hier?’ Aber weiter dachte sie nie. Lange schon ruht sie in der Stille, dem Auf und Ab, dem Wechsel von Dunkelzeit und Hellzeit, der Zeit ohne Schwingungen und der Zeit mit den wohltuenden Wellen, den Zeiten mut guten und bösen Träumen.
Ihre Gedanken reihen sich sorgfältig, wie Perlen auf einer Schnur. Sie wartet stets ab, bis der Vorgang abgeschlossen ist. Sie befühlt und betrachtet jeden Gedanken, lange, ausführlich und ohne Hast. Es eilt nicht; sie hat genügend Zeit.

Heute beginnt die Hellzeit anders. Sie spürt eine Unruhe, die ihren Geist vibrieren lässt. Da ist etwas, dass sie nicht kennt, das eigentümliche Schwingungen auslöst.
Sie fühlt einen Druck, der ihre Gedanken langsamer werden lässt. Sie horcht in sich, tastet den Raum ab. Sie forscht voller Spannung nach diesem neuen Gefühl, sucht nach Erfahrung und nach Gründen.
‚Vielleicht sind es diese Stimmwellen?’, denkt sie träge. – ’Woran erinnern sie mich?’
„Bleib draußen!“
Verzögert, weit gedehnt, perlen Töne in ihr Bewusstsein. Die Melodie bleibt gerade noch erkennbar, zeigt ihre Schönheit noch in dieser neuen Zeitform. Die Töne erklingen leise, gedämpft wie durch dichten Nebel, fallen sanft in ihre Gedanken, lassen sie erzittern.
Noch nie sind solche Töne zu ihr durchgedrungen. Sie verdrängen die lautlos dröhnende Tiefe, in der sie schwebt. Einzelne Tonfolgen, kurz, zerhackt, die ihr immer ein Rätsel waren, die kennt sie.
Heute aber laufen sie fast ungehindert, in stetiger, unendlich langer Folge, in ihr inneres Ohr. – Heute ist die Lichtzeit klarer als sonst. Der Nebel fehlt und weit hinten erkennt sie ein weiß strahlendes Viereck.
Die Klänge berühren sie, laufen in Wellen, wie das klare, warme Wasser eines Sees, durch ihren Geist. Sie lässt sich treiben, sucht nach ihren Träumen.

Traumbilder kommen nur in der Lichtzeit; in der Dunkelzeit zieht sich ihr Geist in eine Tiefe zurück, die keine Träume zulässt. Sie versinkt langsam, spürt, dass die Gedanken sie verlassen. Die Dunkelzeit ist Todzeit. Nie finden Traumbilder den Weg in die Dunkelheit. Sie sehnt sich nach den Träumen – nach den guten Bildern.
Oh! Jetzt kann sie träumen. Endlich! Ein stimmloser Traum füllt ihr Bewusstsein, Bilder strömen bunt und lebendig vor ihre Augen.
Sie betrachtet die junge Frau, die in einem hellen Kleid barfuß über einer Wiese schwebt. Das Kleid schwingt, flattert und zeigt lange, sehr braune Beine. Sie tanzt auf Zehenspitzen, berührt kaum die Grashalme; ihr Gesicht ist zur Sonne gedreht.
Das Haar schimmert blond, fast weiß und die ausgestreckten Arme fahren in Abständen in den Nacken, werfen die langen, seidigen Haare in die Luft. Sie schweben, flirren und legen sich wie in Zeitlupe auf die Schultern zurück. Das Mädchen dreht sich, schwingt in der Hüfte – und zeigt ihr lautloses Lachen.
So oft schon hat sie dieses Mädchen gesehen. Sie kennt sie, fühlt sich eins mit ihr. Sie ahnt, dass das Mädchen für sie tanzt. Jetzt blickt das Mädchen zu dem jungen Mann, der auf einer bunten Decke liegt, sich ausstreckt und sie fordernd, verlangend ansieht.
Ihn will sie nicht sehen, will nicht wissen, was das Mädchen tun wird. Sie schaltet den Traum ab. Diese Träume kann sie ausknipsen. Andere nicht.

Die Wellen der Musik werden unregelmäßig, andere, unbekannte Töne laufen quer durch die weichen Schwingungen. Sie sind hart und unrhythmisch. Stimmen!
„Ich sagte … draußen bleiben!“
„… spinnst! … ändert sich nie mehr. Guck sie doch an, diesen … Mach endlich die Musik …“
Ein Traum. Ein Stimmentraum. Solche Träume sind schrecklich. Sie sind außen, nicht bei und nicht in ihr. Diese Träume kann man nicht abstellen. Sie sind nicht oft da. Wenn sie auftauchen, möchte sie abschalten, fliehen.
Ihr Geist zittert, spürt Gefahr und will sich verstecken. Aber in ihrem Raum gibt es keinen Schlupfwinkel; sie schwebt offen und ohne Deckung, liegt bloß und verletzlich vor dieser Stimme. Es ist unmöglich für sie, die Klänge und Worte zu ordnen, sie zu begreifen. Aber die Wellen, die sie machen, sind eine greifbare Gefahr, sind böse – und wollen sie vernichten.
„Das werde ich nicht; sie freut sich über Musik, das weiß ich“, sagt eine andre, sanfte und leise Stimme.
Das ist die gute Stimme, die sie erträgt. Sie kennt diese Stimme – schon immer; sie ist ihr Schutz und ihre Zuflucht in den bösen Träumen.
Sie kann sich auch gute Geschichten träumen, in denen diese Stimme vorkommt. Die lassen sie lächeln. Aber manchmal kommen die anderen Träume, die ihr Angst machen wollen. Dann ist diese Stimme die letzte Zuflucht. Sie weiß nicht genau, wie sie diese Stimme nennen soll, aber es ist ihr auch nicht wichtig.
„Du spinnst doch … Seit … Monaten liegt sie jetzt hier? Zehn? Zwölf? Sie … noch zwanzig Jahre so …, wenn wir nichts dagegen tun.“
Ihr Geist verkrampft sich; ein Schmerz durchschießt sie. Sie hat keine Möglichkeit diesem Schmerz auszuweichen oder ihm Ausdruck zu geben. Sie kann nicht schreien, nicht weinen.
„Ja, ja. Elf Monate. Na und? Es ist mein Kind. Meine Tochter. Und sie lebt. Du – du – du weißt doch nichts, gar nichts. Für dich ist sie eine Hirntote mit einem primitiven pflanzlichen Leben. Du glaubst, du kannst sie ausreißen wie Gemüse oder Unkraut, ja?“
Die kantigen Stöße der vertrauten Stimme sind fast noch schwerer zu ertragen als die der bösen Stimme. Sie fühlt die harten Wellen, die ihren Geist treffen, spürt wachsende Angst und Entsetzen.
‚Was ist das?’ – ‚Was wollen diese Stimmen?’ – ‚Ich will euch nicht hören. Lasst mich.’
Noch nie ist sie vor der guten Stimme geflüchtet. Noch nie hat sie einen Traum mit ihr abgeschaltet. Jetzt möchte sie ihn ausknipsen. Er tut weh. Sie versucht in andere Träume zu flüchten, aber es gelingt nicht. Sie muss bleiben.
„… bist bettelarm geworden, erhältst … Sozialhilfe … gehst nie mehr aus … Ich will … tanzen gehen, ich will mit dir … Strand liegen. Ich will, dass du … lachen kannst. Du bist … ein Wrack – sieh dich doch an. Füttern, Hintern abwischen, waschen, massieren, eincremen und … diesem Torso. … sie riecht. … Haufen Fleisch ohne Gehirn … wert?“
„Hör auf! Wenn … regieren würde, wärst du längst … und hättest … Euthanasie. Du Unmensch! Du … Angst. Lebenswert oder Lebensunwert. Mehr kennst du nicht. Warum … geliebt? Ich brauchte … Hilfe … deinen Hass.“
Es geht nicht mehr. Jetzt muss sie endlich weg von hier. Sie will diese Stimmen nicht mehr hören. In riesigen Wellen überspült sie die Angst.
‚Ich will nicht.’ – ‚Bitte – bitte.’ – ‚Lasst mich in Ruhe’, schreit sie lautlos.
Sie spürt die anströmende Panik, die von jeder Wortwelle angeschoben wird, die sie überflutet. Endlich – endlich – kommt ein Traum und sie will aufatmen und entspannen.
Sie sieht die junge Frau, die sie so gut kennt. Sie trägt noch immer dieses helle, weite Kleid. Es ist dunkel. Straßenlampen hängen wie blasse Monde am Himmel. Grelle Autolichter blitzen. Die Frau steigt in ein Auto. Sie weiß, dass es ein Auto ist. Einfach so. Die Hände verkrampfen sich am Steuer. Die Frau weint unaufhörlich.
Ihre Augen sind geschlossen; sie weint. Tränenspuren spiegeln das Licht der entgegen kommenden Autos. Sie fährt direkt auf einen Bus zu, öffnet den Mund, stemmt die Arme auf das Lenkrad, reißt die Augen weit auf, schreit und schreit.
Die Stimme gellt und tobt durch ihr Bewusstsein und sie will den Traum abschalten. Sofort. Aus. Schnell aus. Plötzlich ist alles schwarz, dann weiß – und es ist wieder Hellzeit.

Sie hasst diesen Traum, der schon so oft da war. Und trotzdem haben ihr die Angstschreie heute geholfen. Die Frau hat für sie geschrien, hat für sie alle Angst und Panik heraus gebrüllt. Jetzt kann sie ihren Geist zurückfallen lassen. Sie ist erschöpft.
Ein neuer Traum. Die Stimmen sind wieder da. Harte Wellen stoßen sich an ihrem Körper, quälen sie unsäglich.
„Wenn es nach mir ginge, würden wir … dieses unwürdige Leben zu beenden. Frag sie doch. Wenn sie … könnte, dann würde sie … Mama, mach Schluss … Zustand. Töte mich endlich.“
„Halte den Mund, du Ungeheuer. Verschwinde! Raus, raus, raus!“
„Sie wollte … selber Schluss …, damals. Das hast du … gesagt. Wegen … Idioten, … betrogen …, ein Kind angedreht … dann abgehauen. Stimmt das nicht? Warum sollte sie, ohne … Verstand, weiter leben …? Sag es mir.“
Wieder diese Schmerzen; stechende, rasende Wellen in ihrem körperlosen Verstand. Sie versucht zu fliehen. Wohin? Wohin? Es gibt kein anderswo. Sie ist Außer-sich-selbst.

Der andere Traum ist wieder da. Sie sieht die junge Frau auf der regennassen Straße liegen, schwebt über der Straße, unmittelbar über dem verrenkten Körper der Frau.
Rot gekleidete Männer stehen um sie herum. Grelles Blaulicht blitzt, zeichnet die Gesichter der Helfer um, legt harte Schatten unter die Augen der Zuschauer. Sie kann die aufgerissenen Augen der Gaffer erkennen, die sich an die Absperrung drängen.
Stimmen gehören nicht in diese Träume. Diese Traumbilder sind ohne Stimmen. Nur manchmal, wenn sie in Not ist, dann kommt die gute Stimme. Sie hilft ihr, den Traum zu beenden.

Die Traumbilder wechseln, sie ist verwirrt. Es geht so schnell, viel zu schnell.
„Los, raus jetzt. Endgültig! Wir sprechen über …, über mein Kind. Es lebt! Weißt du … hören kann?“
„Du … verrückt!“
Der Traum schweigt. Stille. Eine gute Stille. Die Töne der Musik sind weg. Die harten Wellen sind weg. Sie entspannt sich. Was für ein Traum. Ein böser Traum. Einer, der sich nicht abschalten lässt.
Oh, sie hat viele Träume, und sie hat Zeit für Träume. Sie liebt ihre Träume. Nicht alle! Diesen nicht! Er war böse und sie will ihn nicht mehr träumen. Ihr Vorrat an schönen Träumen ist noch nicht aufgebraucht; sie ist voll davon.
‚Schön ist es hier – nur hier.’ – ‚Es gefällt mir’, denkt sie langsam, entspannt sich und kann wieder lächeln.

„Liebes! Kleines! Hörst du …? Komm, gib … Zeichen, … mich hören …“
Die Stimme ist gut, sie ist ihre Zuflucht, die sie heute so dringend braucht. Die Lichtzeit geht zu Ende; sie spürt bereits die einströmende Dunkelzeit.
„Beweg … Pupille, ja? Drück … Hand! Mach …, bitte!“
Die Stimme hallt in ihr nach; aber sie hat nichts verstanden. Worte sind Schwingungen. Sanfte und streichelnde. Kantige und schmerzhafte. Sie haben keine Bedeutung.
„… keine Angst, … Liebes. Ich bin … für dich … Soll er doch … Ich pass … auf“, flüstert die sanfte Stimme; sie tut gut und gibt Sicherheit.
„Ich erzähle dir …, was wir … auf dem Bauernhof erlebt … Weißt du …?“
Die Worte fließen in sie hinein, suchen und finden Bilder in ihrem Kopf. Sie lösen etwas aus, ohne dass sie es will, ohne dass sie es begreift.
Neue Bilder, bunt und leicht. Sie erblickt ein Pferd, das ohne Sattel wild, voller Übermut, über eine Wiese galoppiert, spaßig die Hinterbeine in die Luft wirft. Seine Mähne fliegt hoch, schwingt im Rhythmus der Sprünge und dann hört sie etwas. Es gibt doch noch andere Traumgeräusche. Nicht nur die gute Stimme. Ein lang gezogenes Wiehern ertönt, legt sich auf ihre Brust und verklingt langsam. Es ist, als hätte das Pferd gelacht.
‚Pferd’, denkt sie langsam und ihre Gedanken irren umher, springen über Wiesen und Felder.
Sie sieht die Bilder eines Ferkels, das sich an den warmen, dicken Bauch seiner Mutter schmiegt. Und sie sieht auf einer Bank eine junge Frau sitzen, die mit einem Kind spielt.
Die Frau ist nicht sie. Sie weiß ganz einfach, dass es die Frau ist, die zu ihr spricht. Sie lächelt und als die Dunkelzeit kommt, versinkt ihr Geist ohne Angst.

Die Hell- und Dunkelzeiten kommen und gehen. Sie kann immer häufiger die Schwingungen der Musik empfinden. Die Töne werden lauter, klarer und dichter.
Sie lächelt, wundert sich, als sie erkennt, dass eine besonders schöne Tonfolge immer wieder, bei jeder Lichtzeit, erklingt. Sie mag diese Töne, denen sie keinen Namen geben kann. Sie weiß von einer anderen Zeit, in der sie so etwas gehört und gemocht hat.
„Liebling! Wie geht es dir?“
Die Stimme verwebt sich mit den Tönen der Musik, schwingt im Gleichklang, zerstört die weichen Wellen nicht. Das Wort ‚Liebling’, denkt sie; das Wort ist gut. ‚Liebling.’
‚Das Wort ist in meinen guten Träumen’, denkt sie glücklich und versinkt wieder in sehr bunten Bildern.
Der harte Schall der Schritte wirkt wie Donner; vom Steinboden prallen die Geräuschwellen in ihr Bewusstsein, reißen sie aus einem Traum.
Atem! Ein heftiger, schneller Atem ist direkt über ihr, streicht über den Körper. Es ist der Atem der bösen Stimme. Sie verkrampft entsetzt, sucht nach einem Ausweg.
‚Weg! Weg! Nicht dieser Traum. Nicht dieser.’
Der Traum lässt sich nicht abschalten. Schmerzen befallen sie, sind überall. Der Traum stülpt sich über sie, umhüllt sie, legt sich schwer auf sie.
Die Lichtzeit wird geteilt. Es ist nebeneinander Dunkelzeit und Lichtzeit. Noch nie, noch nie waren sie beide gleichzeitig da. In der einen Hälfte bleibt es hell, in der anderen wird es schwarz; dicht über ihrem körperlosen Bewusstsein liegt diese Schwärze. Dann wird es total schwarz, geraten die Wellen in konfuse Strömungen.
‚Es ist doch noch keine Dunkelzeit.’
Sie sitzt im Auto. Sie! Lichter tauchen auf, Straßenlampen werfen ihr Licht auf nassen Asphalt, Scheinwerfer bohren zittrige Strahlen in die Schwärze. Sie verkrampft ihre Hände um das Lenkrad. Die Scheinwerfer des Omnibusses sind direkt vor ihr, blenden sie. Das ist das Ende!
‚Aus! Abschalten!’, schreit sie, aber der Schrei bleibt lautlos, verhallt im konturenlosen Raum.
Die Angst wird unerträglich; sie öffnet den Mund, weit, schmerzhaft weit.
Sie schreit!
„Neiiiiin!“
Die Lichter verwischen sich, verstecken sich hinter dichtem Nebel. Ihr Schrei hallt mit tausend Echos durch den Raum. Plötzlich treibt sie weg, fließt zurück in ihren Körper; sie spürt ihre Glieder.
Sie ist wieder In-sich-selbst.
Arme und Rücken schmerzen unerträglich, die Kehle brennt. Es sind neue Schmerzen, andere. Sie bekommt keine Luft. Will atmen. Will leben.
Mit beiden Armen, die sich nur schwer heben lassen wollen, stößt sie sich vom Lenkrad ab, spürt Widerstand, drückt und stemmt heftiger.
Sie weiß plötzlich, dass sie nicht in einem Auto sitzt, sie stemmt sich nicht gegen ein Lenkrad, fährt nicht vor einen Bus.
Sie bäumt sich auf, spürt einen Körper, der ihr etwas vor den Mund drückt.
Sie schreit in das Kopfkissen, bis sie in unendlicher Schwärze versinkt. Ein erstickter, letzter Schrei flieht aus ihrem Mund. Er hört nicht auf, lässt sich nicht abschalten. Dann ist die Schwärze weg.
Sie sieht!
Sie sieht einen tiefschwarzen, riesigen Schatten, der an der Wand neben dem Fenster hoch wächst. Ihr Atem rasselt, ihre Brust brennt, ihre Glieder, der Kopf und der Rücken schmerzen so stark, dass sie schreien muss, immer wieder. Sie schreit, tobt und wimmert; sie will nicht in diesem Traum sein. Sie muss zurück. Sofort. Zurück in das schützende Außer-sich-selbst.
Erschöpft liegt sie da, stiert in das helle Viereck vor ihren Augen. Es ist still im Raum. Es ist eine andere Stille, als die, die sie bisher kannte.
Sie hört ihren eigenen Atem. Er rasselt und grunzt. Und andere Geräusche sind da. So viele Töne. Regen peitscht gegen das Fenster. Es prasselt, Tropfen fallen auf das Fensterbrett, klatschen auf die Scheibe. Vor dem Fenster wuchtet sich das Dreieck einer Fichte in den grauen Himmel, lässt sich widerstrebend vom böigen Wind bewegen.

Sie weiß, dass die Zeit der Träume vorbei ist; sie weint, möchte zurück in ihren Traum, in ihre Sicherheit. Es dauert lange, bis sie aufgibt.
Der Regen hat aufgehört, es wird heller im Zimmer. Die Wände haben Farbe. Sie sind lindgrün. Blumen stehen auf einem Tisch. Bunte Bilder hängen an den Wänden.
„Ich bin – ich bin Tina!“, denkt sie.
Und sie hört die leichten Schritte ihrer Mutter vor der Tür. Diese Schritte kennt sie. Sie kennt sie, wie alles, was sie jemals von ihrer Mutter gehört hat.

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