Neonlicht

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

I.

„Die Ärzte verschweigen alles.“
„Sie haben die Pflicht, alles zu erklären.“
„Sprich du mit ihnen. Vielleicht sagen sie dir, was los ist.“
Sie stieß die Tasse fort, so dass der Inhalt auf ihre Hände spritzte und die Zahl brauner Flecken auf der Haut vermehrte. Brosheim blickte verstohlen auf die Arme, die wie Äste aus dem Nachthemd hervorragten. Es war aufgeknöpft bis zum Bauch.
„Die Ärzte hüllen sich in Schweigen.“
Sie pumpte ihren Atem in den letzten Satz und stierte auf Brosheim. Er beugte sich zu ihr.
„Hast du dein Ohr angestellt?“
„Ja, der Pfleger hat es untersucht. Er ist höflicher als die Schwestern. Sie sind grob zu mir. Eine ist frech.“
„Warum ist sie frech?“
„Warum?“
„sie frech ist!“
„Sie kommt aus Polen.“
„Sie ist doch nicht frech, weil sie aus Polen kommt!“
„Das Wort Polen kenne ich gar nicht. Wir hatten früher nichts damit zu tun.“
„Doch.“
„Was?“
„Denk an deinen Onkel. Der hatte polnische Zwangsarbeiter, Ar-bei-ter im Blei-werk!“
„Onkel hat sie immer gut behandelt. Warum sind sie frech?“
„Dein Großvater stammt aus Polen.“
„Du sprichst undeutlich.“
„Dein Groß-va-ter! Ho-he Ta-tra!“
„Das habe ich früher nicht gekannt.“
„Was hast du nicht gekannt?“
„Die vielen Ärzte. Die kosten Geld. Wer bezahlt das alles? Nehmen sie es von meiner Rente?“
„Nein. Hast du was zu lesen?“
„Was?“
„zu lesen!“
„Meine Brille, ich kann sie nicht finden.“
„Da liegt sie doch.“
„Die Schwestern haben sie versteckt.“
„Aber jetzt liegt sie an ihrem Platz.“
„Bald ist sie wieder weg.“
„Ich muss bald gehen.“
„Frag aber vorher die Ärzte!“
„Die Ärzte wollen dein Bein untersuchen.“
„Sie wollen mein Bein abschneiden.“
Sie schlug die fleckigen Hände vor ihr Gesicht. Die weißen Haarsträhnen umrahmten es. Die Haut warf sich zu einer Falte auf. Dadurch wirkte das Gesicht monströs, wie das eines augenlosen Höhlentieres mit einer langen, in sich zurückgewendeten Nase, eine Leiche im Zustand der Verwandlung von einem Menschen zu einem Wesen der Erde. Sie wird eine Operation nicht überstehen, dachte er und sagte:
„Sie werden alles versuchen, es dranzulassen.“
Sie schüttelte den Kopf. Das Wesen brabbelte durch die Hände und schnaufte. Er berührte widerwillig ihren Arm, der sich wie ein Stock anfühlte. Mit einem langgedehnten Seufzer entblößte sie ihr Gesicht, das jetzt dunkelrote Flecken zeigte. Die Hautfalten glänzten von Schweiß.
„Warum muss ein Mensch so alt werden?“
Er hasste solche Fragen, auf die er nicht antworten konnte.
„Ich werde mit dem Arzt reden.“
„Was willst du mit ihm bereden?“
Sie sah ihn ängstlich an und griff mit ihrem Handknochen nach ihm.
„Sie sollen mit dem Bein voranmachen, damit du bald entlassen wirst. DAS will ich mit dem Arzt bereden. Damit du deinen 90. Geburtstag feiern kannst!“
„Der Arzt ist ein guter Mann“, sagte sie, „die Schwestern helfen ihm. Eine ist in der Lehre. Jede Schwester hat eine Mutter. Meine Mutter ist nicht so alt geworden. Ich bin siebzig. Ich erinnere mich an den achtzigsten Geburtstag. Du warst nicht dabei.“
„Doch.“
„Aber Wilhelm nicht. Wilhelm war auch da mit seiner Frau. Er hat doch eine Frau?“
Er nickte verzweifelt.
„Ich muss jetzt gehen.“
Das verstand sie, weil sie sah, dass er sich erhob.
„Wenn du jetzt gehen musst, grüß die schöne Welt von mir. Ich habe nicht mehr die Kraft. Ich kann mich nicht auf die Seite rollen. Ich werde den Arzt fragen, ob man in meinem Alter alles können muss.“
Ein Schweißtropfen hing an ihrem Kinn.
„Ich werde mit den Ärzten sprechen“, sagte Brosheim.
„Mit den Ärzten?“
„Ja. Sie sollen dir sagen, was du in deinem Alter alles können musst.“
Er spürte die Angst, dass er mit ihnen über ihren Tod verhandeln würde. Aber er mutete ihr nicht zu, ein Gespräch darüber anzufangen, dass Ärzte in einem katholischen Krankenhaus niemals den finalen Schlaf verordnen. Er berührte ihre knochige Schulter und wandte sich zur Tür. Gegen seinen Rücken krähte sie:
„Vater im Himmel, erlöse mich!“
Er hasste sie wegen dieser Versatzstücke, die sich in dem skelettierten Gedächtnis festgehakt hatten. Sie würde nicht sagen können, wer Brosheim ist, aber die Gebete ihrer Kindheit, dieses Vater-im-Himmel-Gequatsche, das kam aus ihr heraus.

II.

Sie nahm seine Anwesenheit lange nicht zur Kenntnis, obwohl sie ihn ansah wie ein Wild mit kühler Neugier – oder mit dem nackten, ja göttlichen Blick junger Katzen. Sie versuchte wahrscheinlich, sich seine Anwesenheit zu erklären. Ein jenseitiger Blick, noch nicht oder nicht mehr säugetierhaft, wie der Blick eines Reptils, forschend, aber nicht erkennend. So muss man sich den Blick Gottes vorstellen. Verstohlen sah er an ihr entlang. Die Decke wölbte sich nicht. Das rechte Bein war weg.
„Hast du Schmerzen, Schmer-zen?“
Sie rollte den Kopf im Kissen. Er neigte sich zu ihr, weil er merkte, dass sie reden wollte.
„Ich kann nicht mehr, ich soll heute operiert werden.“
Brosheim erschrak. Er nahm ihre Hand zwischen seine Finger und schob sie von dem Stumpf weg auf die Bettdecke.
„Du hast es schon überstanden. Du bist schon operiert.“
„Die Ärzte kommen mich holen.“

Er war erleichtert, als Schwester Judith hereintrat. Er flüsterte:
„Sie glaubt, sie habe die Operation noch vor sich.“
„Es ist alles vorbei!“ schrie sie, „die Operation – gut verlaufen! Alles gut.“
Sie ging nah heran, so dass die Patientin von den Lippen lesen konnte.
„Sie sind schon operiert!“
Ihr vertraute sie und lächelte in das breite Gesicht der Schwester, die lachend eine frohe Botschaft verkündete. Er bewunderte es, wie sich die junge Frau über die alte beugte und so tat, als wäre die faltige Haut, die um die Augen lila schimmerte, die eines Babys.
„Ich hatte schon Angst, ich könnte was falsch machen“, murmelte er.
„Ach was!“
Sie stieß sich von der Bettkante ab, richtete sich auf und musterte ihn gleichgültig.
„Die übersteht das, Herz normal.“
„Phantomschmerzen?“
„Hat sie nicht. Hier werden die Nerven ordentlich abgeschnitten und verpackt. Sie ist noch benommen von der Vollnarkose.“
Judith verließ das Zimmer, und er fragte sich, warum sie gekommen war.
„Ich habe keine Narkose“, flüsterte es aus dem Bett.
„Du bist aus einer Voll-nar-ko-se aufgewacht. Die Operation ist gut verlaufen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Doch, Herrje!“
„Wann kommt der Arzt?“
„Der Arzt sagt, du sollst ausruhen von der schweren Operation.“
„Werde ich denn nicht operiert?“
„Du bist gestern operiert worden und hast bis heute durchgeschlafen.“
Wie sie ihn ansah, ließ vermuten, dass sie nun verstanden hatte. Im Winkelkreuz des Fensters erschien einmal der Erlöser als Zimmermann. Sie war erleuchtet.
„Ich habe kein Bein mehr?“
„Du hast keine Schmerzen mehr.“
„Wird das Bein verpackt?“
Sie war 90 Jahre mit diesem Bein zusammen gewesen, mit einer Folge von Beinen, die eines aus dem anderen hervorgewachsen waren. Mit dem ersten hatte sie gegen die Wände der Gebärmutter gestoßen. Jetzt wollte sie wissen, was mit dem brandigen letzten geschähe.
„Amputierte Gliedmaßen werden verbrannt.“
Sie wartete noch auf eine verständliche Antwort und ließ ihn darum nicht aus den Krötenaugen.
„Verbrannt!“ rief er verzweifelt.
Sie drehte die Augen von ihm fort. Vielleicht dachte sie nach. Auferstehung des verbrannten Fleisches. Gott kann alles. Gott kann das Unmögliche. Das Unmögliche geschieht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wunder passieren nie jetzt und sind nicht wiederholbar.
„Aber es ist Sommer“, sagte sie zur Wand, „heiß! heiß!“
„Brennt die Wunde?“
„Der Angriff, der Kriegsangriff, wann?“
„Meinst du den 29. Mai 1943?“
Sie lächelte verzückt und flüsterte:
„Alles brannte. Die Juden haben die Antoniter-Kirche angezündet. Die schrecklichen Bomben!“
„Du bist total verrückt!“ schrie er, „es waren die Eskimos!“
„Schrei nicht! Was hast du gesagt?“
„Du bekommst einen Rollstuhl.“

III.

„Moment mal, sie wird gerade fertig gemacht!“
„Dauert es lange?“
„Es dauert, solange es muss!“
Er war ausgeschlossen. Er setzte sich in den schäbigen Sessel am Ende des Flures, an dem die Krankenzimmer aufgereiht waren, und blickte durch das gardinenlose Fenster auf Dächer, Kamine und auf eine Brandmauer. An ihr klebte ein Stück Rohr, das schräg zum Himmel wies. Es diente keinem erkennbaren Zweck, war höchstens dazu geeignet, den Regen nach dem Kosinus-Gesetz weiterzuleiten. Heute dorrte alles vor sich hin. Die Fenster waren geschlossen, um die heiße Luft des Stadtkörpers von den neonkühlen Fluren des Hospitals fernzuhalten. Der wolkenlose Himmel hing aufgespannt zwischen Fernsehantennen und Baukränen und gab dem planlosen Gegeneinander von Immobilien einen Rest von Zusammenhalt. Brosheim suchte vergeblich nach einem vertrauten Bauwerk. Die Stadt hatte das Innere nach außen gewendet. Ein langer Pfiff stieg aus einem Hinterhof. Jemand rief. Brosheim stand auf und legte seine Stirn an die Scheibe. In dem Augenblick wurde die Alte aus ihrem Zimmer herausgefahren. Judith schob sie über den Gang. Ihre breiten Kniekehlen, ein Kraftzentrum, verteilten Stöße unter den kurzen Rock und ließen den Arsch rollen. Sie hatte Brosheim nicht Bescheid gesagt. Sie erwartet, dass sich ein Besucher nicht ablenken lässt und jeden Augenblick über den Stand der Krankenpflege informiert sei. Er ging also hinter dem Arsch der Schwester her und trug eine Wutstange bei sich. Es hätte nur eines kleinen Ausschlags nach vorn bedurft, um das Allerheiligste des Pflegedienstes zu streifen. Da lehnte sich die Schwester über die winzigen Schultern der Alten und rief:
„Sie haben Besuch!“
Die Alte, die wie eine Hitchcockpuppe in ihrem Rollstuhl hing, antwortete nicht, und Brosheim hatte Angst, sie würde sich umdrehen und ihn aus einem Krokodilsgesicht anstarren.
„Aauuh“, schrie die Alte, als sie einen Tisch auf sich zurollen sah und versuchte, den einzigen Zeh, der nackt aus einem Wickel herausragte, seitwärts zu bewegen. Die Schwester war mit diesem Ortungssystem längst vertraut und verließ sich darauf. Jetzt hielt sie an und schwang den Rollstuhl herum.
„So, da sitzt ja auch die Frau Roleber, meine Liebe.“
Vor dem gläsernen Stationszimmer standen die beiden Krankenstühle mit den dürren Frauen darin, Reisig in einem Schlitten auf einem neongrünen Gletscher. Bleib hier, bleib hier, meine Schwester, ich fürchte mich. Judith stieß ihn an. Er bekam einen Schwall ihres Atems ins Gesicht, als sie fragte:
„Sie sind der Sohn?“
Und der Vater und der Heilige Geist. Er wackelte mit dem Kopf und antwortete unbestimmt. Judith rief etwas gegen den Aufenthaltsraum, wo hinter Glasscheiben eine Kollegin Zeitung las und dabei eine Tasse Kaffee auf halbem Weg zum noch geschlossenen Mund balancierte. Brosheim verstand Kardio oder Kaffee, Karton oder Kartoffel. Er wüsste gerne, ob er sich, wenn er wollte, mit Schwester Judith verabreden könnte. Seine Probierstange stieß gegen die Hose. Dann sah er auf das Reisig hinab, und er ließ sich hängen. Wie immer begann er sein Gespräch mit der Alten
„Wie gehts?“
Und wie immer antwortete sie:
„Ich kann nicht mehr.“
Aber dann brabbelte sie:
„Was ich in den letzten Wochen alles gehört habe, das glaubst du nicht, das habe ich in hundert Jahren nicht erlebt. Woher weißt du, dass ich hier bin?“
„Vom Doktor.“
„Vom Dr. Hollerath?“
Brosheim nickte.
„Das ist ein feiner Mann. Die Holleraths sind alle Anstreicher. Warum setzt du dich nicht? Im Stehen schlafen nur Soldaten. Bist du ein Soldat?“
„Bitte? Was?“
„Bist du schwerhörig? Ob du ein Soldat bist!“
„Ich bin Ingenieur.“
„Das ist mein Benjamin auch. Kennst du meinen Benjamin?“
„Wie sieht er aus?“
„So wie du.“
„Dann werde ich ihn kennen.“
Brosheim wandte sich zum Dienstraum, wo die Schwester ihre Tasse abgestellt hatte und über einem Formular nachsann.
„Schwester?“
Die Frau schaute hoch. Indem, wie sie es tat, fand Brosheim eine Aufforderung zum Sprechen.
„Hat man der alten Dame irgendwas gegeben? Sie redet in ganzen Sätzen und fragt mich, ob ich schwerhörig bin.“
„Wer?“
„Die Dame in dem Rollstuhl.“
„Welche?“
„Links.“
„Und, sind Sie schwerhörig?“
„Ja schon, aber doch nicht so, dass mich eine Neunzigjährige das fragen müsste!“
„Warum wollen Sie wissen, ob ihr jemand was gegeben hat?“
„Die alte Dame ist so aufgekratzt, völlig anders als sonst, als hätte sie ein Aufputschmittel gekriegt.“
„Am besten, Sie fragen den behandelnden Arzt. Ich bin nur jetzt hier.“
„Sie wollen in der Pause Ihre Ruhe haben, das versteh ich.“
„Sie haben mich nicht gestört.“
Sie verzog gegen ihren Willen den Mund zu einem Lächeln und sah aus wie ein schmollendes Kind, das jemand zum Lachen gebracht hatte. Er grinste und ging wieder zu der Alten, die an den Handrädern ihres Rollstuhls zerrte und in einer deutlichen Stimme den Befehl gab:
„Setz dich endlich. Hol dir einen Stuhl von dahinten. Ich könnte jetzt einen Zwieback essen. Ist das hier die Gemüseabteilung?“
Brosheim holte ein Kinderstühlchen, das einsam an der schattenreichsten Stelle des Flures stand. Er stellte es neben den Rollstuhl und hockte sich nieder. Er hörte der Alten zu:
„Dr. Hollerath hat uns Bezugsscheine besorgt, ein feiner Mann. Ohne die Bezugsscheine hätten wir keine Care-Pakete gekriegt. Onkel Hans war in Amerika.“
„Hans war nicht in Amerika“, funkte die Roleber dazwischen.
„Doch“, sagte Brosheim, und die Roleber:
„Unser Hans hat die Tochter vom Dr. Bergrat Braun geheiratet. Den kennt jeder. Der Dr. Braun hatte eine Villa in Duisburg, aber er war nie in Amerika. Kannst du mir auch einen Zwieback bringen?“
„Ja natürlich. Ich werde euch beiden einen Zwieback bringen.“
„Mit wem redest du denn da?“
„Mit der Dame an deiner Seite.“
„Ach die! Die redet zuviel. Hast du MICH besucht oder DIE?“

IV.

Eine schlanke Frau stand vor ihnen. Sie hatte sich den dreien unbemerkt genähert – auf weißgepuderten Turnschuhen, darüber weiße Söckchen und reklamebraune Beine. Schwarze Härchen lagen in zart geschwungenen Wellen darauf. Die wunderbare Flucht der Härchen, nach denen die Hand zuckte, um mit dem Zeigefinger darüber zu streichen, endete unter dem Knie. Darüber war porige Haut, die unter dem weißen Saum einer Schwesterntracht verschwand. Um den energischen Schritt, den auch das akademische Pflegepersonal am Leibe hat, nicht hemmen zu müssen, ist bei allen Frauen des Krankenhauses, von den Ordensdamen abgesehen, der unterste Knopf nicht eingelocht, so dass sich die Beine genügend Raum verschaffen. Brosheim saß auf dem Stühlchen nur einen Kopf weit von der Direttissima entfernt. Er hob seine Augen schuldig empor und blickte in ein Gesicht, das noch brauner war als die Beine, und von einer solchen Schönheit, als käme die Frau von einer Party unter Palmen.
„Die alte Dame hat Hunger. Sie konnte zwei Tage nichts essen“, sagte er.
„Das gibt es nicht.“
„Sie will einen Zwieback, die andere Dame auch.“
„Ich bin die Laborärztin. Wenden Sie sich an eine Schwester. Die wissen, wo es Zwieback gibt.“
Sie nahm die Hand der Greisin auf.
„Schön ruhig halten. Es hat noch nie weh getan, nicht wahr?“
Die Alte steckte ihre Zunge heraus.
„Wer tut denn sowas!“
Schnell wischte die junge Ärztin über die Fingerspitze, stach hinein, pipettierte einen Blutstropfen und gab ihn auf ein Glasscheibchen.
„Es hat wie immer nicht weh getan“, sagte sie kokett und ging. Die hat einen Architekten zum Freund, wie die gebaut ist, die fickt nicht unter Stand, dachte er. Sie hat ein Geduldsstudium hinter sich. Sie macht unter dem Neonhimmel ihre Arbeit gut. Sie hat mehr Respekt verdient! Also beschränk dich bitte auf das Sachliche, darauf, wie man zu Tee und Zwieback kommt!
„Die kann ich nicht leiden.“
„Ich finde die Ärztin respektabel.“
„Jaja, eine Hexe ist sie.“
„Ich habe keine Hexe gesehen.“
„Du bewegst den Mund!“
„Ich HABE KEINE HEXE gesehen!“
Und die Roleber: „Es war noch dunkel.“
Die Alte: „Sie hatte einen Morgenrock an.“
Die andere: „Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“
Die eine: „Das Wunder musste geschehen.“
Die andere: „Ja freilich, sonst wär ich längst kaputt.“
Die eine: „Die Ärzteschaft bemüht sich um meine Zähne.“
Die andere: „Ich bin so schwach.“
Die eine: „Ich bin ein Wunder.“
Die andere: „Sie zwingen mich zu laufen.“
Die eine: „Sind die Ärzte in Amerika benachrichtigt worden?“
Die andere: „Mein Lebensabend ist nicht mehr lange.“
Die eine: „Ich könnte glatt einen Zwieback essen.“
Zwei ineinander verhakte Monologe. Die Frauen redeten vor sich hin. Hintergrundstrahlung nahe dem Nullpunkt. Brosheim brauchte nicht zu antworten. Er hätte seinen eigenen Gedanken nachhängen können, wenn welche zustande gekommen wären. So hörte er auf beide wie auf Uhrticken, bis Judith, als hätte sie Bälle unter den Füßen und überall sonst in ihrem Schritt, den Neonweg heraufkam und sich vor dem Glashaus zum Stehen brachte, vibrierend. Brosheim hörte nur noch ein Summen um sich herum, das aus dem Neonlicht und der Schwester strahlte, darum sprach er laut, um sich selbst zu verstehen:
„Sagen Sie mir bitte, wo die Küche ist, den Tee für die Damen mache ich dann selbst. Wenn Sie auch noch Zwieback haben?“
Als hätte sie es längst gewusst, was jemand am Ende des Flures zu ihr sprechen würde, öffnete sie eine Tür neben dem Glaskasten. Und nach einer Weile kam sie mit einem Tablett heraus, auf dem sie Tee und Zwieback trug.

Brosheim fütterte die Greisinnen abwechselnd.
„Ich brauche ein Kissen“, sagte die Alte.
Brosheim gab ihr den Tee zu halten und sagte:
„Ich bring dir das Kissen.“
Also ging er den Neonflur hinunter zum Zimmer der Alten und holte das Kopfkissen, kam den Flur wieder herauf, mit dem Kissen auf dem Arm, und grüßte in die erstaunten Gesichter derjenigen, die ihm zur Seite auswichen, denn er kam wie ein heidnischer Priester durch die Mitte im grünen Glanz des Neonlichts, den magischen Gegenstand in seinem Besitz. Als er das Flurende erreichte, wartete eine Schwester vor dem Aufzug gegenüber den alten Damen. Sie lehnte sich über das Gestell eines fahrbaren Bettes, ihre Kniekehlen leuchteten wie Rücklichter. Brosheim streifte sie, so dass er Grund hatte, sich zu entschuldigen.
„Entschuldigung, ich gehöre zu der Dame“, sagte er und zerrte den Kopf der Greisin nach vorne, um ihr das Kissen in den Nacken zu klemmen.
„Sie brechen ihr ja das Genick“, sagte die Schwester und puffte ihn, „machen Sie es so.“
„Ich war noch nie krank“, sagte die Alte, während sie ins Kissen gedrückt wurde, „ich kann noch zwanzig Jahre leben!“

V.

Die Patienin in dem fahrbaren Bett, deren Alter Brosheim auf etwas über sechzig schätzte, mischte sich ein:
„Ich war mein ganzes Leben lang krank. Mein Mann war immer gesund und musste so früh sterben.“
Brosheim hatte sich gesetzt und bemerkte trotz des flachen Blickwinkels, dass die Patientin schön war. Er stand wieder auf und fragte nach dem Alter.
„Einundsiebzig.“
„Sie sehen nicht so aus, als wären sie immer krank gewesen.“
„Er war im Vincent-Krankenhaus und ist von da weggelaufen. Er glaubte, dass sein Geschäft ohne ihn nicht auskommt. Er ist auf der Straße zusammengebrochen.“
Er lebte und starb treu ergeben unserer heiligen katholischen Kirche, deren Heilsmittel zeitlebens, insbesondere während seines langen Leidens, sein Trost und seine Stärkung waren.
„Es tut mir leid. Das Geschäft?“
„Buchbinderei und Einrahmungen, Schul- und Büroartikel, Lieferung sämtlicher Zeitschriften und Drucksachen. Das Geschäft habe ich vor zwanzig Jahren verkaufen müssen.“
„Strengt es Sie nicht zu sehr an?“ fragte Schwester Linda ihre Patientin mit Blick auf Brosheim. Die Frau im Bett bewegte den Kopf zur Verneinung.
„Das Geschäft steht heute noch, aber mein Mann ist tot.“
Vollkommener Ablass, dem Verstorbenen zuwendbar, für alle, welche nach würdiger Beichte und Kommunion dieses Gebet vor einem Bilde des Gekreuzigten verrichten und noch fünf Ave Maria: Siehe, o guter und süßester Jesu. Sie liebte ihren Mann, und dieser Trottel war gestorben. Der Aufzug kam. Linda schob die schöne Frau hinein.
„Warten Sie noch einen Augenblick. Halten Sie an!“
„Was gibts?“
„Ich muss die Dame noch was fragen. Wieviel Kinder haben Sie?“
„O Gott“, rief die Schwester.
„Vier“, sagte die Patientin.
„Vier?“ fragte Brosheim eifersüchtig.
„Sie sind alle erwachsen und haben alle einen ordentlichen Beruf.“
Als dann das Leben ernster ward und Kummer und Tränen mir brachte, du, Mutter, mir tröstend ins Auge sahst und heiter und fröhlich mich machtest. Nachdruck verboten. Alleinvertrieb durch den Verfasser.
„Das glaube ich Ihnen.“
„Keiner wollte das Geschäft, einer ist Richter am Landgericht.“
„Wie lange wollen Sie noch den Fahrstuhl blockieren?“
Brosheim starrte zur Antwort die Schwester an. Ihre Augen flackerten. Na also.
„Ich wünsche Ihnen baldige Genesung.“
Die Patientin lachte schwach aus der Brust heraus.
„Ich bin schon so lange krank.“
„Dafür sehen Sie sehr schön aus.“
„Komplimente werden hier nicht gemacht!“ sagte Linda.
„Schwester, Sie sind mir auch eine Schönheit!“
Seraphim und Cherubim, lobet den Herrn. Die möchte ich stopfen, dann hört sie auf, mir reinzureden. Flötenkessel: Ach, lieber Herr Brosheim, Sie könnten uns noch ein Stückchen begleiten. Wir fahren mal eben zur Neurologie. In der Kapelle sind wir dann ungestört, dort diene ich gern dem Herrn.
„Diese Dame ist mir sympathisch. Sie hat ihren Mann gern gehabt. Nochmals, alles Gute.“
Zufallsbegegnungen sind die besten. Diese Patientin – eine menschliche Wirkmaschine. Sie wirkt an der Erinnerung zwanzig Jahre. In dieser Zeit sackt eine Grabplatte durch, bekommt einen Riss, wird abtransportiert und in ein Mahlwerk gesteckt. Das Angebot ist noch eingeklemmt in einem von Feuchtigkeit verbogenen Ordner auf einem Keller-Regal neben den Einmachgläsern voll Schimmel. Für Ihre Anfrage zum Liefern danke ich bestens und offeriere wie folgt, Inschrift in Blanc Clair, fix und fertig gestellt zum Preise von 1.300 DM. Ihrem geschätzten Auftrag entgegensehend zeichne ich. Hochachtungsvoll.
„Was ist da los?“ krähte die Alte.
„Ich habe der Schwester beim Reinfahren geholfen.“

VI.

Brosheim hatte sich vorgestellt, er würde sie aus dem Bett heben müssen, über den Flur tragen, mit ihr auf dem Arm die Treppe hinuntersteigen und draußen auf das Taxi warten. Er hatte sich den Ablauf nie anders denken können. Tatsächlich war alles leichter. Sie saß schon gewaschen und angezogen in ihrem Rollstuhl, ein wenig nach vorn gebeugt, so dass sie immer auf den Linolboden starrte. Er brauchte nur noch in dem Schrank nachzusehen, ob ihre Wäsche herausgenommen worden war, aber er vertraute darauf, dass die Schwestern alles in der Tragetasche, die zugezogen auf dem Tisch stand, verstaut hatten.
„Oaa.“
„Hast du was gesagt?“
Sie strengte sich an, den Kopf zu heben, und wiederholte:
„Oaa“, breit ausgesprochen und gegen ihn gerichtet, also eine Botschaft, kein Schmerzenslaut.
„Hast du dein Ohr nicht?“
Sie wurde energisch und schlug mit den Fäusten auf die Armlehnen ihres Rollstuhls, dann schloss sie erschöpft die Augen, aber sie sammelte ihre Kräfte, um zu sagen:
„Meine Oaa weg.“
„Die Uhr auf dem Nachttisch, du meinst die Uhr?“
„Natürlich!“
Natürlich meinte sie die Uhr, sonst wüsste sie ja nicht, wieviel Uhr es ist, und dann wüsste sie gar nichts. Sie hatte sich noch nicht fallen lassen, sonst wäre ihr die Uhr egal. Es war ihr immer wichtig, die Uhrzeit zu wissen, die strengen Termine einer Hausfrau. Wann gibt es was zu essen, wann gibt es Kaffee, wann wird gewischt, wann ist die Schule aus, wann kommt der Mann, wann schließt die Post, wann geht der Zug. In den letzten Jahren hatte sie nachts auf die Uhr geschaut, extra dafür das Licht angeknipst, dann sofort wieder gelöscht, um niemanden zu wecken, sie hatte nur die Phosphorziffern zum Leuchten angeregt und das Vergehen der Zeit am versiegenden Licht studiert. Als sie noch bei Verstandeskräften war, konnte sie jeder ungewöhnlichen Regung der Nacht eine Zeitmarke anheften. Sie hätte alles minutiös bezeugen können, Schüsse und Schreie, dass sie selbst in den Verdacht der Täterschaft gekommen wäre. So sehr lebte sie von der Zeit. Ihr Zeitverbrauch war unfruchtbar.
„Ich frage die Schwestern, ob sie die Uhr gesehen haben.“
„Sie haben mir die Uhr weggenommen!“
„Ich frage die Schwestern nach der Uhr.“
Er verließ die Alte und verabschiedete sich von den Pflegerinnen. Nach der Uhr fragte er nicht.
„Sie ist in der Tasche“, sagte er, als er wieder ins Zimmer trat und ohne eine Bemerkung abzuwarten den Rollstuhl in den Flur schob, die Tasche über die Schulter gehängt.

Der Aufzug öffnete sich. Er war voll Jugendlicher, die zu einer Clique gehörten, einem mullbehangenen Orden, dessen Auftrag zu sein schien, durch Umwickeln und Abspreizen von Gliedmaßen und durch kreischendes Lachen die Kranken aufzuheitern. Als sie die Maske der Greisin im Rollstuhl sahen, schnippten sie mit den Fingern, winkten und schrien: Auf Wiedersehen, Hals- und Beinbruch. Der eiserne Vorhang des Fahrstuhls schloss sich faltenfrei. Niemand war ausgestiegen, niemand hätte zusteigen können.
„Geduldig muss man sein, gell.“
Die Lippen im teigigen Gesicht der Ordensschwester zitterten noch unter dem Anprall der Weisheit von innen heraus. Brosheim deutete seine Bereitschaft zum Lächeln an.
„Wir nehmen den nächsten.“
„Wo solls denn hingehen?“
Er tat, als wäre die Frage nicht an ihn gerichtet worden. Er leitete sie durch einen Blick an die Alte weiter. Sie wurde darum nicht beantwortet, denn die Alte saß versunken vor der verschlossenen Bühne, die sich aufgetan und Engel und Hirten gezeigt hatte, zottige Akteure eines Krippenspiels in dem grellen Licht, das von den Spiegeln eines Aufzugs reflektiert mehrmals seine Bahn durchlief.
„Schön gesund werden, auf Gott vertrauen.“
„Mehr kann man nicht machen, Schwester.“
Sie neigte ihr behäubtes Haupt, ihre Wangen röteten sich. Sie ging in den glänzenden Flur hinein, in dem das Chrom der Gestelle und das Linoleum blinkten. Sie schritt jugendbewegt, und ihre Gestalt zerschmolz im Licht. Ein Lautsprecher sabberte Musik. Die Alte verharrte pharaonisch. Wenn jetzt der heilige Franziskus in Gestalt eines gelben Hundes daherkäme und stellte sich unter den starren Blick der Alten, würde sie dann anfangen zu bellen? Hätte sie dann ihren Ausdruck gefunden, ihren Einklang mit der Natur? Der Fahrstuhl war leer zurückgekehrt.

VII.

Im Hochparterre rollte er die Alte aus dem Lift in das Foyer an die Sitzgruppe. Dort arretierte er den Krankenstuhl und versuchte, vor den Blicken einer Frau hinter dem Empfangstresen, die Alte herauszuheben. Die Greisin schrie anhaltend hell, als wollte sie sich in eine Tonlage einsingen. Sie beruhigte sich erst wieder, als Brosheim sie fallen ließ. Sie blieb wie eine Sackpuppe hängen. Er sah zum Tresen hinüber. Die Frau dort raschelte in Papieren. Unmöglich, dass sie nichts gehört hatte, außer sie war taub oder abgehärtet. Er konnte den Rollstuhl nicht mitsamt der Alten die Treppe zum Ausgang hinuntertragen. Sie wäre ihm kopfüber herausgefallen, ohne dass er ihres schnellen Todes hätte sicher sein dürfen. Die Alte sollte ihm nicht entgleiten wie ein toter Thunfisch aus dem Arm eines Fischers. Er ging die Treppe hinunter durch den Spalt, den die Automatiktüre freigab, und hielt nach dem Taxi Ausschau. Der Fahrer hatte sich in der Empfangshalle aufgehalten und war hinter Brosheim getreten. Er sprach seinen Kunden von hinten an:
„Ich will bestimmt keinen Ärger haben. Dauert die Fahrt mit der vielleicht lange?“
Brosheim drehte sich erschrocken um:
„Sie wurde operiert. Sie hat geschrien, weil ich wahrscheinlich an ihre Wunde gekommen bin. Die Fahrt dauert nicht lange, 15 Minuten aus der Stadt raus, höchstens.“
„Naja, ich stehe dahinten. Ich will keinen Ärger haben. Wissen Sie, was neue Bezüge kosten?“
Er ließ Brosheim stehen und verschwand.
„Sie warten doch?“ rief Brosheim hinter ihm her.
„Hätte ich mir sonst die Mühe gemacht?“
Brosheim fasste unter das Bein, griff unter den Arm der anderen Seite und hob die Alte aus dem Stuhl. Er wunderte sich, wie schwer sie war. Als sie durchhing und er sie mit dem Knie zurechtrücken musste, hob sich ihr faltiges Gesicht in die Höhe seines Ohres, in das sie unisono schrie, einen hellen Ton wie aus der Flöte eines Kessels. Diesmal kümmerte er sich nicht darum. Und keiner sonst. Er trug sie schnell die Treppe hinunter und über die Straße zum Taxi. Dort drückte er sie durch die Öffnung des Verschlages und ließ sie in das Polster fallen. Da erst hörte sie mit dem Schreien auf. Zum ersten Mal an diesem Tag belebte sich ihr Gesicht durch das Interesse an dem ungewohnten Bild hinter der Scheibe, das einen Sog nach vorn ausübte, in Bäume und Häuser hinein.
„Ist das eine Fabrik?“ fragte sie den Fahrer.
Der wartete in Ruhe ab, kopfschüttelnd, bis Brosheim den Rollstuhl zusammengeklappt und in den Kofferraum gelegt hatte. Dann sagte er:
„Sie fragt, ob das eine Fabrik ist.“
„Sie meint das Krankenhaus.“
„Ach-nee. Und warum guckt sie dann woanders hin?“
„Die Weberei Molineus“, ließ sich die Greisin hören, „beim Angriff ist sie abgebrannt. Die Amerikaner haben alles wieder aufgebaut.“
„Warum wird die entlassen?“ fragte der Fahrer.
„Sie kommt in ein Pflegeheim.“
Der Chauffeur sah die Alte von der Seite an, dann startete er den Motor. Als er vor der Ampel an der Kreuzung Fürsten- und Baumstraße stehenbleiben musste, sagte er gegen die Windschutzscheibe:
„Meine Mutter ist schon mit 51 gestorben.“

Und gespült zurück

von Willi van Hengel (copyright)

Er wusste immer, dass er einmal der reichste Oberbrucher wird. Und dass ihm irgendwann mal die richtige Idee kommen würde, war ihm auch klar. Nur dass es so einfach sein würde, hätte er nie gedacht. Er wartete auf Klaus, der seinen Besuch für halb neun angekündigt hatte. Klaus fuhr am liebsten Motorrad, da brachte ihn keiner von ab. Und was Klaus am wenigsten leiden konnte, war ein Sozius hinter ihm. Selbst seine eigene Freundin, wenn er denn mal wieder eine hatte, mochte er nicht hinter sich wissen. Was er aber überhaupt nicht ausstehen konnte, war, wenn sie sich an ihm festhielt und von hinten ihre Arme um ihn geschlungen hatte. Wenn Klaus schon mal jemanden mitnahm, dann sagte er gleich, dass er das nicht mochte. Wem er nichts erklären musste, war seine süße Gummipuppe. Deshalb nahm er die auch am ehesten von allen mit. Obwohl er am liebsten immer noch alleine Motorrad fuhr. Und das würde auch so bleiben, bis an sein Lebensende. Das ließ Klaus immer wieder durchblicken. – Dass er damit aber Joschy zu einem reichen und deshalb angesehenen Oberbucher machen würde, konnte natürlich keiner ahnen. Klaus kam wie verabredet gegen halb neun um die Ecke gefahren. Joschy stand schon draußen vor der Tür, es waren schon sechs Minuten nach halb neun, und er hatte heute Lust, in die Kiste zu fahren. Dort war es am diesem Tag immer am schönsten. Es war viel los, aber nicht so überfüllt von so vielen uninteressanten Leuten wie am Wochenende. Mittwochs war Philosophentag. Man freute sich die ganze Woche darauf. Als Klaus um die Ecke gefahren kam, sah Joschy, dass jemand mit einer ganz komischen Farbe hinten drauf saß, ohne sich an Klaus’ Bauch festzuhalten. Sie saß sogar etwas nach hinten gebeugt dort, so dass man Angst haben musste, dass sie rücklings hinunterfallen würde. Sachte brachte Klaus die Maschine zum Stehen. Joschy traute seinen Augen nicht. Er erkannte sie als besagte Puppe mit Helm auf dem Kopf. „Nimm ihr den Helm ab“, sagte Klaus, nachdem er sein Visier hochgeklappt hatte, „und klemm sie zwischen uns“. Joschy zögerte. Er wollte sie erst kennen lernen. „Willst du sie mir nicht vorstellen?“ fragte er ihn. „Sie heißt Evelyn und kann verdammt gut blasen“, antwortete Klaus etwas genervt. Er wollte zur Kiste. Merkte aber auch, dass Joschy sich noch sträubte. Also drehte Klaus sich um, während die Maschine ins Wanken geriet, Joschy aber geistesgegenwärtig nach dem Lenkrad griff und sie wieder ins Gleichgewicht brachte, und zog ihr den Helm aus. – „Sie sieht etwas komisch aus“, sagte Joschy, der sich mit ihrem Mund nicht gleich anfreunden konnte. Klaus stieß einen langen Seufzer aus. – „Evelyn, das ist Joschy, er hatte immer schon Probleme mit Frauen, also sei artig. – Können wir jetzt fahren?“ – „Is’ ja schon gut“, erwiderte Joschy, während er sich den Helm aufsetzte und hinter Evelyn auf dem Motorrad Platz nahm. In der Kiste stellten die drei sich zwei Meter hinter dem Tresen zwischen die Stehtische. Evelyn mit Helm in ihrer Mitte. Jeder, der eintrat und an ihnen vorbeigehen wollte, wunderte sich zunächst darüber, dass jemand den Helm anbehalten hatte. Dann erspähten sie allmählich einen rosaroten Körper, nackt. Und als sie ihr Auge schamvoll darauf fallen ließen, wurde es immer größer. Sie erkannten eine Plastikhaut. Und als Klaus das Visier von Evelyns Helm hochzog und sie den weit offen stehenden Mund wahrnahmen, wurden die einen wütend, die anderen lachten laut auf und verneigten sich vor Evelyn, die ihnen natürlich vorgestellt wurde. Irgendwann an diesem Abend fragte zu später Stunde ein Fremder, der Evelyn unbedingt näher kennen lernen wollte, ob er die Sau mal ausgeliehen haben könnte. Der Kunde konnte kaum noch stehen und hatte nur noch Augen für die Kleine. – „Aber nur für zwei Bier und zwei Cola“, sagte Klaus. Nickend drehte der Fremde seinen Kopf zur Seite, wie Betrunkene es nun mal tun, langsam und bedächtig, und bestellte die Getränke. „Und zehn Euro“, schoss es aus Joschys Mund, der eigentlich gar nicht so war. Deshalb sah Klaus ihn auch so überrascht an, genau so überrascht wie die vielen Leute, die an diesem Abend an ihnen vorüber gegangen waren. – „Klar“, antwortete der Fremde und begann nach seinem Portemonnaie zu suchen. Er legte zehn Euro auf den Tisch. – „Und wie wissen wir, dass du damit nicht abziehst“, fragte Klaus ihn. Da legte der Fremde seine Geldbörse neben die zehn Euro auf den Tisch. – „Ich komm wieder, ehrlich“, stammelte er, „aber ohne Helm“, fügte er hinzu. Klaus nahm Evelyn den Helm ab und sie ließen den Fremden mit ihrer Puppe gehen. Nachdem die beiden ihre Getränke ausgetrunken hatten, sagte Klaus, dass der Typ bestimmt abgehauen sei, weil in seinem Portemonnaie nur noch 22 Euro waren. Pass und Bankkarte waren nicht darin. Da blickte Joschy auf. Nach einer kurzen Denkpause bat er Klaus mitzukommen. Er führte ihn über den Parkplatz in eine gegenüberliegende Hecke aus Koniferen. Er bewegte sich von Pflanze zu Pflanze, bis er plötzlich aufschrie. – „Siehst du, da liegt er.“ Der Fremde war über Evelyn eingeschlafen. Die weiße Haut seines Hintern blinzelte den beiden entgegen. Klaus sah Joschy fragend an. Das veranlasste ihn, einen Ast der Konifere abzubrechen und leicht damit auf die weiße Haut zu schlagen. Keine Reaktion. Etwas strenger. Immer noch keine Reaktion. Dann härter. Erste Regung. Noch härter. Ein erstes Lebenszeichen. Ein Knattern in der Stimme. Ein erstes Wort. Ein Satz fast. – „Eij, was soll das!“ – „Eij, du Penner, steh auf, du bringst unsere Evelyn um. Sie erstickt. Hast du se nicht mehr alle.“ Der Fremde regte und räkelte sich. – „Wollt’ ich nich’, sorry“, entschuldigte er sich, während er aufstand und sein Gleichgewicht zu finden suchte. – „Warst du zufrieden?“ fragte Joschy. – „Toll!“, antwortete der Fremde. – „Okay, ich glaub dir. Hier hast du dein Portemonnaie zurück.“ Der Fremde wurde plötzlich munter. Er bedankte sich überschwänglich, indem er Klaus um den Hals fiel, ihn dann losließ, um Joschy ebenso zu umarmen. Die beiden nahmen es hin. Und während sie dem Fremden hinterher blickten, sagte Joschy ganz trocken: „Der erste Freier!“ Klaus, der nicht hingehört hatte, sagte nur: „Und wer macht sie nun sauber?“ Einige Tage später rief Joschy seinen Freund Klaus an und fragte ihn, ob der ihm Evelyn überlasse. Klaus war froh, die Puppe los zu werden. Er mochte sie nicht mehr anfassen, seitdem dieser Typ sie hatte. Das war der Tag, an dem Joschy seine Chance sah. Mit diesem Tag setzte er seine Idee in die Wirklichkeit um. Nun ließ er die Puppen für sich tanzen. Bis hierher war es immer umgekehrt. Bis sie zuletzt überhaupt keine Achtung mehr vor ihm hatten, und ihn nur noch mit Helm herumlaufen ließen. Und es dauerte nicht lange, da konnte er sich eine zweite Puppe anschaffen, und eine dritte… eine vierte meldete sich fast von alleine. Die nämlich bekam er auch geschenkt, wie die erste, Evelyn, die nach wie vor sein bestes Plastikpferd im Stall war. „Pfand: 50 Euro und gespült zurück!“ Das war sein Werbespruch. Und alles lief wie am Schnürchen. Klar, hin und wieder kam die eine oder andere Puppe nicht wieder. Aber das machte gar nichts. Er hatte ja die 50 Euro als Pfand. Was für ihn aber am Wichtigsten war: Es war nie Evelyn, die wegblieb! Sie kam immer wieder zu ihm zurück! Auch wenn sie mit der Zeit, was nicht ausblieb, älter und verbrauchter wurde, so gab es Freier, die nur sie haben wollten. Mit der Zeit nämlich hatte sie Ecken und Kratzer entwickelt, die den Jungs gut taten. Verdammt gut. Sonst wäre sie nicht so gefragt gewesen. Und das Schönste war, dass sie den glatteren Mädels so einiges beibringen konnte. Joschy wollte eigentlich gar nicht reich werden. Er wollte nur unabhängig sein. Das einzige, was er wollte, war, sich einen weißen Anzug zuzulegen, wo er doch die ganze Zeit schon weiße Schuhe trug. Der weiße Anzug war für ihn wie eine weißer Mercedes mit weißem Lenkrad. Einmal aber war es beinahe vorbei mit seinem Geschäft. Ein Zuhälter aus dem Nachbarort hatte es auf seine Puppen abgesehen. Denn mit der Zeit wurde die eine oder andere Puppe angegriffen, attackiert von fremden Fingern mit fremden Nadeln. Und es wurde immer schwerer für Joschy, das seinen Kunden klar zu machen. Sie blieben mit der Zeit weg. Joschy wusste aber, dass sie niemals echte Haut vorziehen würden. – Joschy war der beste Psychologe der Umgebung. Und er hatte recht. Mit der Zeit kamen alle seine Freier wieder zurück. Da halfen keine Nadelstiche. Irgendwann fuhr Joschy mit Evelyn in ein Geschäft, stellte sie ohne Helm als seine Evelyn vor und bat den Verkäufer mit ausgestreckter Hand diese herrliche Harley Davidson an seinen besten Freund Klaus zu verschicken: mit besten Grüßen von J. und E. – nach 20 Jahren! Der weiße Anzug war zwar etwas verwaschen, und Evelyn brauchte schon seit einiger Zeit nicht mehr zu arbeiten. Die beiden waren aber immer noch verliebt wie am ersten Tag, als Klaus sieben Minuten nach halb neun mit ihr um die Ecke bog und Joschys Leben sich von da an absolut auf den Kopf gestellt hatte.

Die Kunst, ihr zeitloses Empfinden

von Willi van Hengel (copyright)

Zwischen Ekel und Ekstase.

Warum nur ist es so beschwerlich, „bis der Mensch lernt, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen“, fragt sich Nietzsche mit dem sein ganzes Werk durchziehenden Gedanken, dass das Leben nur ästhetisch zu rechtfertigen sei. Was aber heißt es nun, etwas Kunst in seine Gefühle zu legen bzw. das Leben ästhetisch zu rechtfertigen? Ist es vielleicht so, dass man in der Kunst anders berührt wird als im gewöhnlichen Sinne? Und ist es der künstlerische Mensch, der am ehesten den Mut aufbringt, eine andere Art von Berührung zuzulassen?
Die Antwort ist zunächst eine einfache. Der Künstler verkörpert eine andere Lebensform, sonst wäre er kein Künstler. Er geht gegen den „normalen Geschmack“ an, mit Vielen übereinstimmen zu wollen. Er geht damit gegen die Grenzen des Schemas an, in dem man sein Leben gemeinhin ausdrückt. Er sucht andere Ausdrucksformen, die diese Grenzen, d.h. das alltägliche Bewusstsein, übersteigen. Konkreter ausgedrückt heißt das, dass er sich der Sprach- und Begriffslosigkeit seiner innersten und ureigensten Gefühle und Empfindungen, in denen er lebt, nicht mit allgemeinen gültigen Begriffen überstülpen will. Er nimmt nuanciert wahr, dass das, was im Leben geschieht, in einem Begriff niemals entsprechend wiedergegeben werden kann. Dieses Zwischen zwischen den Geschehnissen, seinen Empfindungen und der Sprache, die man gebraucht, ist für ihn unüberwindbar. Man kann auch sagen, dass dieses Zwischen der eigentliche Charakter des Daseins ist und es keine Mittel und Möglichkeiten gibt, diesen Spalt einzuebnen.
Der Künstler lebt also unentwegt im Unmöglichen, was ihn immer wieder zu neuen Kreationen antreibt. Es ist unmöglich, eine Entsprechung zwischen seinen Gefühlen und den Ereignissen im Leben zu finden. Dennoch macht er sich daran, diese Unmöglichkeit zu überwinden und vielleicht doch eine Entsprechung zu finden. Er versucht sich an der unmöglichen Möglichkeit und begibt sich somit in eine absurde Lage. Die aber ist der unablässige Quell seines Schaffens bzw. seines Schaffen-Müssens. Er hat keine Wahl! Denn die Absurdität seines Tuns einzusehen, heißt, seinem künstlerischen Impetus weiter zu folgen, ja folgen zu müssen!
In genau diesem Sinne spricht Nietzsche von „Zwang“ bzw. „Zwingen“. Die Unmöglichkeit, das Zwischen zwischen Gefühl und Begriff mit einem adäquaten und eindeutigen Ausdruck zu überbrücken, zwingt ihn immer wieder dazu, es dennoch aufs Neue zu versuchen. Das macht ihn zwar zu einem „Narr“2, zugleich aber auch zu einem Wesen, das den Mut aufbringt, für die negative Wahrheit des Daseins, eben keine Entsprechung zu finden, einzustehen. Im Grunde verkörpert er ja nur den Zwiespalt, den der Mensch überhaupt empfindet.
Das, was der nicht-künstlerische Mensch weniger stark empfindet, nämlich den Zwang, sich zu erschaffen, bringt den Künstler zu sich selbst. Während der nicht-künstlerische Mensch sich ein Lebens- und Weltbild schafft, das einen festen Rahmen und feste Grenzen haben soll, um jegliche Zweifel und Abgründe zu übermalen, lebt der Künstler in seinem lebensnahen Zwiespalt, in seinem Zerrissen-Sein!
Das ist freilich in einem doppelten Sinne zu verstehen. Er stellt den Zwiespalt des Lebens dar, er verkörpert ihn im Grunde, indem er Werke schafft, die mehr oder weniger wie eine Katze um den heißen Brei herumschleichen, weil eine Entsprechung zwischen Gefühl und Begriff nie erreichbar ist. Das aber wäre der Moment absoluten Glücks: die gestillte Sehnsucht, deren Inbegriff Gott heißt. Eine körperlose Gestalt, die alles im Griff hat.
Dagegen schafft der Künstler sich in seinem Werk eine Behausung in seiner eigentlichen Obdachlosigkeit; dies gilt aber nur für die Zeit, in der er kreativ und versunken in seinem Tun ist. Das ist die eine Seite seiner Existenz.
Auf der anderen Seite bereitet er mit seiner Kreativität sein immer wiederkehrendes Scheitern vor. Schließlich weiß er ganz tief in seinem Inneren, dass sein Werk keine Entsprechung ist und er auch keine Form findet, um den Zwiespalt zu überwinden. Er schafft sich also auch in dem Sinne, dass er sein Gebäude wieder einreißen muss. Zwischen Aufbauen und Zerstören zergeht sein Leben.
Man schreibt dem Künstler immerfort eine gewisse existenzielle Depression oder Melancholie zu. Das ist richtig. In dieser Phase ist er zu absolutem Nichtstun verurteilt. Schließlich liegt sein Werk, nachdem es entstanden ist, wie nach einem heftigen Sturm oder Erdbeben brach. Nun aber verhilft ihm der Gedanke der Unmöglichkeit, von dem wir vorhin gesprochen haben, dass es also unmöglich ist, jemals den Zwiespalt des Lebens zu überwinden, wieder auf die Beine. Schließlich ist nichts zu Bruch gegangen, was die Entsprechung verkörpert hätte. Es ist nur eine Illusion zerstoben oder ein Bild aus dem Rahmen gefallen, das nicht mehr taugte, um sich vorzumachen, mit dem Leben eins zu sein.
Wenn die Wahrheit des Lebens eine nur negative ist, dass es also keinen Begriff gibt, der sein Gefühl, gar eine Lebensform einhellig zugibt, dann kann es auch kein Werk geben, das sie (positiv) verkörperte oder wiedergäbe. Es kann gar nichts geben. Außer das Schaffen selbst! Es geht also darum, sich eine Illusion zu verschaffen, in welcher man sich für eine gewisse Zeit aufgehoben fühlt. Beim Künstler ist das freilich auch wiederum zweifach zu verstehen. Einmal im gewohnten Sinne des sich geborgen Fühlens, zum anderen aber dass sich sein existenzielles Geborgensein mit jeder Begriffsfindung sogleich wieder auflöst. So heißt es bei Nietzsche: „Ein Werden und Vergehen, ein Bauen und Zerstören, ohne jede moralische Zurechnung, in ewig gleicher Unschuld, hat in dieser Welt allein das Spiel des Künstlers und des Kindes. Und so, wie das Kind und der Künstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in Unschuld – und dieses Spiel spielt der Aeon mit sich […] thürmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt er das Spiel von Neuem an. Ein Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von Neuem das Bedürfniß, wie den Künstler zum Schaffen das Bedürfniß zwingt.“3 In beidem aber zeigt sich das Leben, weil beides ein Kraftaufwand und damit der einzige „Beweis“ ist, dass man da ist. Und genau das ist es, was das Leben ästhetisch rechtfertigt die Empfindung seiner Kraft und Energie.
Nun sind wir dem Wesen des Künstlers ein gehöriges Stück näher gekommen. Er berührt das Unmögliche und damit das Leben. Er greift in den Zwiespalt, als sei es das Nichts, so wie er nichts begreift von dem, was er macht und woher sein kreativer Drang herkommt. Vielleicht bedrängen uns Kunstwerke deshalb so ungemein. Vielleicht berühren sie uns wegen ihres Ausdrucks der Kraft, mit der der Künstler sich immer wieder aus fest gewordenen Konventionen zu lösen versucht. Insgeheim ist der künstlerische Gestaltungswille wohl auch ein Synonym für die Überwindung der Resignation, nämlich davor zu resignieren, dass es im Leben niemals eine Entsprechung zwischen dem Einen und dem Anderen und damit keine Erlösung gibt, aus dem Spalt jemals heraus zu gelangen.
Vielleicht faszinieren uns Kunstwerke wegen ihres melancholischen Wissens um die Wahrheit des Daseins und ihrer Auflehnung dagegen? Selbst in der kindlichen Zerstörung ist diese Faszination zu spüren, weil auch sie eine Kraft ausdrückt, die dem Leben ganz nah ist.

II.

Es ist also kaum verwunderlich, wenn man behauptet, dass das Leben des Künstlers sich zwischen Ekel und Ekstase abspielt. Es ist das Spiel des Aeon4: Wirklichkeit versus Berührung. Fremdbestimmung versus Selbsterfahrung. Festgewordenes versus die ewige Lust des Werdens.
Ausgangspunkt ist die zaghafte Empfindung der Inspiration. Damit aber endet auch schon alles, zumindest all das, was auf eine begriffliche Beherrschung dieses Zustandes ausgerichtet ist. Inspiration ist, so könnte man sagen, eine andere Art von Wissen oder die künstlerische Erfahrung, in welcher man spürt, dass man niemals der eigentliche Urheber und Schöpfer seiner Werke ist. Es ist also ein Wissen um die Begriffslosigkeit und die Unbeherrschbarkeit dessen, was sich ereignet, während man dabei ist. freilich ist es ein begriffsloses Wissen: eine fast reine Berührung, bei der es um die sprachlose Seite des Lebens geht.
Und während, so wollen wir hier poetisch ausdrücken, der Künstler in den Spalt Wörter, Farben, Linien und Versuche und Töne hineinschüttet, hallt aus seiner unendlichen Tiefe die milchige Stimme, die nichts dartut und nichts anderes zeigt als ihre hautliche Leere. Und eben die berührt er, ohne mehr zu wollen, ja, ohne mehr wollen zu dürfen. Denn sie, die Stimme, die Haut, die Leere, entzieht sich sogleich. Man vermag nicht nach ihr zu greifen, vermag sie nicht zu begreifen. Es führt stets auf das Gleiche hinaus. Und es führt nichts auf das Gleiche hinaus. Es führt überhaupt nicht irgendwo hinaus.
Dennoch, es gibt etwas, was dem künstlerischen Menschen dazu verführt, sein Dasein anders zu verstehen als viele Andere um ihn herum, und sich dem Nicht-Verstehen hinzugeben. Es gibt eine Kraft, der er sich anvertraut, wie nichts und niemandem sonst in seinem Leben. Es ist die Inspiration. Er steigt ihr nach. Er gibt sich ihr hin. Verführt sie und lässt sich von ihr verführen. Ihm bleibt keine Wahl. Er muss es tun. Muss sich ausliefern. Dabei geht es weniger um die Frage nach einem freien Willen oder nicht. Es geht vielmehr um die Kraft, es durchzustehen. Und dann begibt er sich immer mehr in ihre Geheimnisse, in die Geheimnisse der inspirativen Antwortlosigkeit.
Der Künstler ist also alles andere als frei. Er ist gezwungen. Nicht nur in dem Sinne, sich zu einem existenziell ausweglosen Narren zu machen, sondern auch darin, seine Obdachlosigkeit auf der Welt zu bezeigen. Und er ist gezwungen, zu schaffen, sich unentwegt neu zu erschaffen, so wie auch sich zu schaffen im Sinne seiner produktiven Zerstörung, eben so wie er sich fortwährend veranlasst sieht, alles immer wieder in Frage zu stellen. Sein Sein ist, so betrachtet – und wie anders sollte man es tun -, eine erotische Auflehnung. Eros wäre zu verstehen als die Quelle des Kreativen oder als des Willens zur Unbeherrschbarkeit. Wo mehr als in ihm will man sich vergessen? Zu wem mehr fühlt man sich hingezogen, als zu diesem kleinen Fleischkloß auf diesem schnellen Pferd ins Unendliche, ins Sprachlose und Unsichere. Denn was ist unsicherer als unsere eigene Identität? Warum gibt es allenthalben und überall im Leben Verträge in einer Sprache, die Allgemeingültigkeiten wiedergibt und ins überindividuell Sichere zu führen trachtet? Sind wir unserer selbst also nie sicher! Und wo bleibt dabei unsere Persönlichkeit? Denn schließlich drängt alles in uns immer nur danach, einzigartig und unverwechselbar zu sein. Das Persönliche ist Ausdruck des Willens zu einem eigenen Stil. Dafür muss das eigene Leben aber zu einem Thema werden, zu einer großen Sehnsucht und Suche mitsamt der Kraft, seine Grenzen aufzubrechen.
Der erotische Zustand des Schaffens und Umsetzens seiner Phantasie in die Form des Nachvollziehens durch einen Anderen versetzt den Künstler in eine außergewöhnliche Empfindsamkeit. Er ist außer sich. Ekstatisch. Die Grenzen seines Bewusstseins verschwimmen. Die Schuld des Tages vergeht. Der Rausch beginnt. Endlich fühlt sich der Künstler nicht mehr schuldig und verantwortlich für das, was er tut. Endlich streift er das Gefühl, von anderen in Form von Blicken, Regeln und Gesetzen bestimmt zu werden, von sich ab wie eine Schlange ihre altgewordene Haut. Endlich beginnt, so seine inspirative Empfindung, das Leben. Natürlich nur im Alleinsein, ja, in der Einsamkeit. Denn die Anwesenheit eines anderen Lebewesens gebiert wiederum das Gewissen, Grenzen und Gebote der Sprache einzuhalten. So sucht er immerfort einen Raum, der ihn zu seinem Selbst verführt. Es ist der Raum der reinen Phantasie, die noch übersetzt worden ist in eine verständliche Ausdrucksform. Ein Raum der Unschuld. Denn zuletzt ist alles Werdende unschuldig, es kann nicht sprechen und will es auch gar nicht, es kann nur sein! Im Sein nicht-sein. Ist das möglich? Nein, das ist die Unmöglichkeit, die ihn erfasst hat.
Nur zu sein in der Erotik begriffloser Hingabe – wie geht das?
In einem solchen Zustande will man nicht beherrscht werden und auch nicht beherrscht werden. Das ist Eros’ Seele. Sich hingeben und fallen lassen, nicht an die Folgen denken und auch nicht an die Mittel, sie zu erreichen. Immer wieder erfasst zu werden von einer unheimlichen Kraft, die einen ins Leben treibt.
Diese Heimtücke, dieser entblößte Nicht-Sinn ist verbandelt mit dem Schönen. Das ist ja das Begriffslose. Danach treibt es den Künstler letztendlich. Das ist sein unstillbarer Drang. Nun geht aber jeder Kraft, und das ist nun einmal ihr Wesen, immer wieder die Puste aus. Und er stürzt hinab ins Bodenlose, ins Absurde: in die Wirklichkeit. Das verschafft ihm Übelkeit. Und eigentlich, will man ehrlich bleiben, nicht nur Übelkeit, sondern vielmehr als das. Das Dasein ekelt ihn.
Er wird zurückversetzt in die Kausalität der Begriffe. Das aber widerspricht genau seiner Erfahrung des Schönen. Da musste sich nichts erklären. Da musste sich nichts begreifen. Da durfte er so sein, wie er sich fühlte. Da war er – zwar auch nicht in der Wahrheit, aber zumindest nicht in der Lüge!
Und doch muss er, der Künstler, sich gleichwohl wieder „fremd“ bestimmen lassen, nämlich von seiner eigenen Kraft sowie von der Einsicht, dass alles, was er tut, nur der Illusion dient… einer lebensnotwendigen, weil lebenserhaltenden Illusion, in der sich herkömmliches Verstehen darstellt. Der Künstler würde liebend gerne seine dionysischen Zustände als Wahrheit begreifen, das aber ließe ihn sich wieder finden in einer sprachlichen Ordnung, die ja gerade seinem Drang nach Auflösung und Verletzung dieser Ordnung widerstrebt.
Dieser Widerspruch in ihm offenbart seine grundsätzliche Angst. Die Angst nämlich, dass ihn seine inspirative alles bezweifelnde Kraft irgendwann versiegen könnte! Dann bliebe ihm nur der Ekel. Allein im Zustand des Schaffens spürt er diese Angst nicht. Sie schreit erst auf, wenn seine Kraft nachlässt. Und die nachgelassene Kraft, die Kraftlosigkeit heißt, wie wir festgestellt haben, Wirklichkeit. Sie fordert Verstehen, Gewissen und Gehorchen. Denn in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wird man ausgegrenzt, wenn man nicht verständlich erscheint. Es ist der Instinkt der nicht Angetastetwerden-Wollenden, für die der Zweifel nichts bedeuten soll. Für die ihre Identität das Erstrebenswerteste ist, obwohl sie sich gerade damit aufs Unsicherste einlassen. Und diese instinktive Unsicherheit veranlasst sie zu einer Phalanx, die antritt, um sich gegen die Kunst zu wehren. Man gehorcht, wenn man sich selbst nicht hören will. Dies soll kein Plädoyer gegen die Realisten sein, sondern für die Offenheit und Aufmerksamkeit gegenüber den Vorurteilen, die einem die eigene Kehle zuschnüren.
Auf den künstlerischen Menschen bezogen, hieße das: Es geht ihm um die einzigartige Schönheit seiner Berührung mit dem Sein. Dies nicht unentwegt und tief genießen zu dürfen, und zwar über alle Maßen hinaus, macht ihn zynisch, traurig, sarkastisch, ironisch, gehässig, lebensfeindlich, lüstern, interessant, unberührt, unsicher, ungehalten, arrogant, hautlich, zart, liebevoll, stolz, vergangen, sprachlos… Das alles sind Eigenheiten seines Ekels und damit des Wissens, letztlich nichts darstellen zu können, was dem Geschehen des Seins entspricht. In der Realität wird die Kluft zwischen Leben und Begriff, Wirklichkeit und Kunst, Ekel und Ekstase ein weiteres Mal gespiegelt zwischen Innen und Außen. Bei allem, was er tut, empfindet und denkt der Mensch am innigsten das, was nicht zum Vorschein kommt. Sein Verhalten und seine Sprache wollen eher verbergen als offenbaren, was in ihm vorgeht.

III.

Wir wiederholen uns. Mit Absicht. Denn alles wiederholt sich unendlich oft im Leben. Zumindest der Form nach. Die Abfolge zwischen Ekstase und Ekel ist ein sich ewig wiederholendes Geschehen. Für den Künstler bedeutet das die ewige Wiederkehr des Gleichen. Aber nur für ihn. Und auch nur aus dieser Perspektive ist der tiefste Gedanke Nietzsches zu begreifen. Was bedeutet dem künstlerisch veranlagten Menschen überhaupt etwas? Um es kurz zumachen, sowohl in Ekel als auch in Ekstase bedeutet ihm nur das Persönliche etwas.
Der Stolz, Urheber seines Tuns zu sein, entsteht nur im Realisten. Der Künstler dagegen weiß, dass er nicht der eigentliche Urheber seines Werkes ist. Er weiß auch darum, es nicht erklären zu können, warum er kreativ und schaffend ist und es sein muss. Und dieses „Wissen“, das sich nur im Moment des Schaffens als Moment tiefsten Glücksempfindens offenbart, bleibt mit sich allein. Kein Begriff verhilft es heraus aus seiner Einsamkeit. Es gibt dem Künstler das Gefühl des Persönlichen, was bei ihm in erster Linie das Bild einer zerrissenen Persönlichkeit malt. Wenn Nietzsche sagt, dass allein das Persönliche „das Unwiderlegbare“ sei, dann kann es keinen Begriff haben und auch nicht auf den Begriff gebracht werden. Das Persönliche ist letztlich unbestimmbar. Es ist die Stimme zwischen den Zeilen und Buchstaben. Jeder stellt sich bei einem bestimmten Begriff, z. B. Park, etwas anderes vor, assoziiert andere Farben, andere Erinnerungen und damit auch andere Empfindungen: eine Bank, aus Holz oder Plastik, der Rasen, kurz geschnitten oder von der Sommerhitze verbrannt, saftig grün oder verdurstet, oder die Wege aus Steinen, Kies oder Teer, geschwungen vielleicht, vielleicht aber auch eckig und abgegrenzt durch ein Eisengitter oder etwas anderem… So bleibt letztlich alles streit- und widerlegbar, frei nach dem russischen Sprichwort, dass niemand mehr lügt als ein Augenzeuge – was aber nicht widerlegt werden kann, ist das Persönliche eines Menschen. Es hieße, ihn als eigenständiges Wesen nicht anzuerkennen, ihn nicht zu respektieren in seiner Einzigartigkeit und beschneiden zu wollen in seiner individuellen Meinung.
Der Mensch ahnt also, um was es dem Künstler geht. Schließlich strebt jeder nach unverwechselbarer Individualität. Das aber gelingt nur, wenn man versucht bleibt, das normative Denken aufzuweichen. Vielleicht ist man ihm gegenüber deshalb so zwiespältig eingestellt. Fasziniert von seinem Anderssein und zugleich abgestoßen eben davon, weil man ihn in seinem völligen Anderssein nicht in den Griff bekommt. Schließlich begehrt der unkünstlerische Mensch nicht das Infragestellen seines Schemas, dessen er sich verschrieben hat. Das Persönliche ist nur wahrnehmbar, aber niemals begreifbar. Es stiehlt sich, sobald man es erfassen will, davon. Eben so muss man sich das Leben des Künstlers vorstellen. Alles, was er hervorbringt, entzieht sich ihm sogleich. Er kann nichts festhalten, weil ihn nichts hält. Sein Gefühl, überall fehl am Platze zu sein, rührt daher, dass seine Seele sich allein zwischen Ekel und Ekstase findet und nur dort, in diesem Niemandsland, zu sich kommt. Es kostet ihm mithin viel Kraft, seinen Ekel zu verbergen. Niemals mit seinem Bewusstsein ganz in der Wirklichkeit zu sein, noch weniger aber im Rausch seines Schaffens, weil die Grenzen des Bewusstsein sich gerade dann verwischen, gibt ihm das Gefühl, nirgendwo hinzugehören. Das aber macht sein Leben zum Selbstzweck. Und genau das ist das Andere an seiner Lebensform. Wer schon empfindet sein Dasein als Selbstzweck außer der Künstler?
Dem gewöhnlichen Bewusstsein ist alles nur Mittel zum Zweck. Und damit kommt es sehr gut zurecht. Denn dort bestehen die Regeln und Gesetze der Kausalität, die aus der Absicht bestehen, alles erklären und damit in den Griff bekommen zu wollen. Wenn das eine so war, musste das andere mit Sicherheit so sein, ließe sich alles erklären. Nur, stellt sich hier die Frage, erreicht es das Innerste, unser wirkliches Empfinden? Spüren wir nicht immer wieder, dass Erklärungen nicht dazu taugen, um Gefühle zu erfassen und zu erklären, um uns dann erholen zu können, tief durchzuatmen.
Vielleicht ist Sprache nur dazu da, um die Anarchie unserer Empfindungen zu verschleiern? Vielleicht ist sie überhaupt nur dazu da, um unsere eigentlichen Gefühle zu verbergen? Kann Sprache überhaupt vermitteln, was Selbstzweck bedeuten könnte? Ist nicht sie es, die uns wirklich bestiehlt?
Genug der Fragen. Oder doch nicht. Vielleicht drückt sich in ihnen unser erotisches Erleben aus? Vielleicht sind wir im Zustand des Fragens oder etwas in Frage Stellens am ausdruckvollsten, am erotischsten?
Die Antwort liegt im Tun, in der Sexualität, im Sichbefriedigen. Hier aber liegt das Anderssein zwischen dem Künstler und dem gewöhnlichen Bewusstsein. Solange das Tun nur Mittel zu etwas ist, bedeutet es dem Künstler nichts. Nur wenn es den Charakter des Selbstzwecks annimmt, ist seine Seele dabei. Und das wiederum ist nur im Rausch möglich. Weil darin die Unmöglichkeit des Seins und seine Absurdität vollends zum Vorschein kommen. Wir haben bereits davon gesprochen, wollen aber noch einmal in aller Kürze darauf zurückkommen. So wie es Glück im Ekel gibt, in dem man sich in seinem Tun anerkannt fühlt, gibt es in der Ekstase nicht nur ein reines Glücksempfinden, sondern auch seine Entladungen, sowohl in einer Art manischer Euphorie als auch in Form tiefer Traurigkeit in einem Strom von Tränen.
Im dionysischen Rausch wird gerade das möglich, was in den Grenzen der Konvention, verpönt ist. Im Rausch wird es möglich, das Unmögliche zu berühren. Es werden Bilder freigesetzt, die nur in dieser Einsamkeit der Ekstase entstehen können. Tiefe Niedergeschlagenheit ebenso wie manische Höhenflüge gehen ineinander über und offenbaren so für kurze Momente die Überwindung der eigentlich unüberbrückbaren Kluft als Überwindung seiner Identität.
Hier findet die Souveränität ihren Ursprung. Sie ist die Überwindung der Identität als die Form von Orientierung im Leben. In der Souveränität wird ein Wille sichtbar, der keine Identität mehr braucht: sprachliche Normregeln vereinigen sich mit individuellen Spielregeln des Sich-Erschaffens. Das soll hier jedoch nur angedeutet bleiben.
Der Selbstzweck des Daseins findet also nur in der Aufhebung seiner Grenzen statt. Man wird seines Bewusstsein und Selbstkontrolle bestohlen. Und damit in allem beschenkt, was das Leben zu geben hat: nämlich die Empfindung seiner Unerfassbarkeit. Genau genommen ist das die Zeit, in welcher man nur seine kreative Kraft und Lust am Werden auslebt und genießt. Es ist sein Eros. Denn es bleibt bei der bloßen Berührung. Gleichwohl ist sie das Höchste, Empfindsamste, Schönste. Man stiehlt sich in der Berührung (fast) davon. Aber nur fast. Denn man wird immer wieder von der Wirklichkeit eingeholt. Der Körper des Anderen, seine Stimme und Haut, sein Atem und Begehren macht das Sexuelle gegenüber der Erotik des wort- und körperlosen Berührens allein wirklich – und insofern wiederum zu einer Form des Mittels zum Zweck. Man berührt beim sexuellen Verkehr ja weniger sich selbst als die Grenzen des Anderen. Es hat also mit dem rauschhaften Eintauchen in eine andere Welt nichts zu tun. Man begnügt sich dabei mit der bloßen Befriedigung, traut sich aber nicht, seine Aufhebung zu wollen.
Die Vernichtung der Grenzen seines gewöhnlichen Bewusstseins ist die Lust, sich den noch ungeformten Bildern seiner Phantasie zu überlassen. Die Lust ist unendlich, die Phantasie begrenzt. Oder umgekehrt? Das tut nichts zur Sache, denn beide gehen Hand in Hand. Und in ihrer jeweils nachlassenden Kraft findet der Prozess des Verschwindens (aus) der Wirklichkeit seine Begrenzung. Heißt Phantasie nicht, in eine andere Welt abzutauchen, um dort gegen die Regelhaftigkeit des Seins aufzubegehren? Gleichwohl verlangt das Ins-Werk-Setzen der Phantasie wiederum nach Wirklichkeit, nach Verwirklichung. Das wirft den künstlerischen Menschen aus seiner eigenen Welt hinaus und entfacht in ihm Ekel. Dort also der absolute Genuss, hier der Ekel, der das Ende des Spiels mit Bildern, Farben und eigens entwickelten Regeln bezeigt.
Den Künstler zerreißt es und er wird erneut von unten nach oben durch die Oberfläche des Sich-Vergessens gezerrt: in die Welt der normativen Sprache, des Verstehens und der geheimen Sehnsüchte. Es ist die Realität, in der ein Gefühl des Glücks erstrebt wird: in der Anerkennung seines Tuns. Es ist noch grundsätzlicher als die Liebe. Der Moment, in dem der Künstler vom Ende seiner ekstatischen Entgrenzung erfährt, ist der gefährlichste Augenblick seines Daseins. Denn er wird nun gezwungen, seinen Ekel zu verklausulieren. Den Sturz in die Realität muss er auffangen, um nicht zugrunde zu gehen.
Er muss für sich und den Moment seines dionysischen Zustandes eine Ausdrucksform finden, die ihn nicht verrät. Der Ekel, als das Ende einer zügellosen Verschwendung seiner Kraft, beginnt. Der künstlerische Mensch muss sich wieder in der Grammatik des Alltags einfinden. Um sich zu erholen, um wieder aufzutanken, ohne freilich ganz bei sich zu sein. Weit ab vom rauschhaften Tun seiner Phantasie. Weder einem etwas recht machen, noch sich finden. Im Gegenteil. Es erzeugt ganz unverhohlen den Wunsch, sich wieder zu verlieren. Will es erneut anders, ohne Form (noch), ohne Rechtfertigung, ohne Erklärung. Sich entgrenzen, wie aus der eigenen Haut fahren, nur Sein sein. Die Schönheit des Vernichtens seines Gehorsams spüren. Ins Vergessen hineingetaucht, erscheinen plötzlich an der Oberfläche einer neuen Welt seine verborgenen Bilder. Er fühlt sich nicht nur ganz nah bei sich selbst, sondern ernst genommen, wahr genommen, aufgenommen im Chor des Lebendigen. Nun fühlt er sich als Person, nicht mehr nur als Beiwerk oder als Mittel zum Zweck eines Anderen.
Der Ekel dagegen ist das Mittel, um zu überleben in den Strategien des Tages, in der Abgerichtetheit der Sprache und ihrer Kausalität, die die Dinge und Geschehnisse stets aufs Neue ordnet. Da der Künstler sich dabei nicht aufgehoben und damit bei sich fühlt, entfacht sich allmählich und unausgesprochen sein Drang, wieder in seine dionysische Empfindsamkeit zu gelangen. Man kann nun von einem sich selbst begehrenden Begehren sprechen, das den Künstler wiederum beherrscht; diese Beherrschung empfindet er aber nicht als fremdbestimmt und somit nicht als Ekel. Es ist die unstillbare Sehnsucht, sich zu verschwenden und alle Kontrollinstanzen in sich zu verlieren; es ist die Sehnsucht nach dem Unbegreifbaren! Vielleicht ist es die Sehnsucht nach einem sich selbst begehrenden Begehren. Ein sich im Kreis Drehen zwischen Rausch und Wirklichkeit, zwischen Ekstase und Ekel. Beides wird überwunden: das erstere, die Ekstase, durch sich selbst als nachlassende Kraft des Rausches, als nachlassende Kraft des sich Auslebens; der Ekel dagegen wird verbrämt in zynischen oder ironischen Äußerungen seinen Mitmenschen wie sich selbst gegenüber. Sein Zynismus und seine Ironie sind Ausdruck einer Trauerarbeit am Ekel. Schließlich verliert er in diesem Augenblick eine Art Paradies, zwar nicht auf Erden, dafür aber umso mehr im Kopf, im Bauch, im Zustand des Vergessens seiner Identität, jenseits der gewöhnlichen Art, da zu sein.

IV.

Wie wir gesehen haben und lange schon spüren, ist der nicht-künstlerische Mensch nicht weit entfernt vom Künstler. Vielleicht reden wir sogar von zwei Seelen in einer Brust? Bei diesem, dem Künstler, wirkt die eine Seele mehr als die andere, während bei jenem es genau umgekehrt ist. Aber kein Mensch ist nur das eine!
Jeder für sich empfindet eine Sehnsucht auf der einen Seite, so wie die Entladung des Ekels auf seine Weise. Der Eine händelt die Wirklichkeit, der Andere verliert sich in seiner Phantasie. Beide verspüren sie die Sehnsucht, zu verschwinden, nur die Art und Weise unterscheidet sich. Vielleicht hat der Eine etwas mehr Mut, sich dem Unbegreifbaren in sich zuzuwenden. Vielleicht geht er das Risiko des Lebens eher ein. Vielleicht setzt er seinen Geschmack über dem, was gemeinhin gefällt.
Die Antwort wird, wie fast immer, in der Nuance des Nicht-Verstehens liegen und darin, wie man damit umzugehen versteht. Solange der Zwang im Künstler ein spielerischer ist, wird er mit sich weiter spielen. Er setzt seine Identität aufs Spiel. Wie auch umgekehrt das Leben ihn aufs Spiel setzt. Wird aber die Lust am Werden und Schaffen von Weltbildern und neuen Zweifeln versiegen, wird auch er nicht mehr aufbegehren. Dann wird seine Zerrissenheit ihn endgültig zerreißen.
Doch darauf wird es der Künstler ankommen lassen.
Es geht dem Künstler nicht um Freiheit (ihr hängt zu wenig Ekel und zu viel Illusion an), nein, es geht ihm um gar nichts, was mit übergeordneten Begriffen wie Lüge, Wahrheit oder Schuld zu tun hat. Es geht ihm allein um den Schwebezustand zwischen seinen Welten. Es geht um die Versöhnung mit dem unaufhebbaren Zwischen, in dem er seine Ängste erkennen und seine Liebe ausleben kann.
Worin aber können wir uns retten, ohne uns zu verraten?
Ist es die Musik, die Poesie oder die Philosophie, in denen das Empfinden und das Nicht-Verstehen im Mittelpunkt stehen?
Sobald man empfindet, entzieht sich nicht nur die Empfindung, sondern vielmehr noch baut sich der Wille auf, es zu beherrschen. Als wolle man etwas bedeuten. Die Sprache jedoch, mit der man den Anderen ergreifen will, versickert in seiner Subversion, d.h. in seinen undurchsichtigen Vorstellungen von dem, was man sich vorstellt. Im Grunde gehen wir an uns selbst immer nur vorbei. Vielleicht ein Glück? Würden wir uns treffen, wüssten wir vielleicht ebenso wenig mit uns zu reden wie mit einem Fremden, der unser Herz nicht berührt. Nur derjenige, der sein Herz und Seele berühren will, geht alles ein. Ein in die Kunst. Sie macht mit einem, was sie will. Sie ist subversiv, wie das Leben auch. Es ist so, als renne einem das Glück hinterher – und man versuchte alles, um ihm aus dem Weg zu gehen. Wäre es der Moment, in dem man nichts mehr zu schreiben hätte? In dem das Leben sich nicht mehr weiter provozieren ließe?
Er wäre es!

‚Alles stimmt’, sagte er nachher

von Willi van Hengel (copyright)

Er stand auf und ging zu dem großen Bücherregal, das die ganze Wand des Zimmers ausfüllte. Die meisten Namen auf den Buchrücken sagten ihm nichts. Er kippte mit dem Zeigefinger eines heraus, schlug eine Seite auf und las: „er war ein schwermütiger Idealist, der die leere Geschäftigkeit des Tages mit einem Müßiggang verachtete, die großes Unverständnis entfachte. Seine Kraft schöpfte er aus einer Genügsamkeit, die sein Handeln fast zur Parodie machte. Die Befriedigung seiner Bedürfnisse war allein geistiger Natur. Daher – und das wusste nur er – bestand seine Zukunft aus einer zunehmenden Vereinsamung…”
Ines’ Stimme aus dem Nebenzimmer hörte er nicht mehr; dann und wann nur ein ungläubiges Nein oder ein fragendes Wirklich oder einfach nur Gelächter. Er stellte das Buch ins Regal zurück und zog ein kleines leuchtend-gelbes Reclambüchlein raus, aus dem ein gefalteter Zettel ragte. Die Schönheit eines buckligen Denkers stand auf dem oberen Rand und darunter in Gänsefüßchen: „ein Dritter findet in sich ein Talent, welches vermittelst einiger Kultur ihn zu einem in allerlei Absicht brauchbaren Menschen machen könnte. Er sieht sich aber in bequemen Umständen und zieht vor, lieber dem Vergnügen nachzuhängen, als sich mit Erweiterung und Verbesserung seiner glücklichen Naturanlagen zu bemühen…“ Auch dieses Büchlein klappte er schnell wieder zu und schob es in die Lücke, die er mit gespreiztem Daumen und Zeigefinger auftat, zwischen die vielen anderen Reclamheftchen. Er glaubte gehört zu haben, dass Ines den Telefonhörer eingehängt hatte. Doch ein weiteres, sehr rasch in sich verstummendes Gelächter beruhigte ihn wieder. Am Ende des Regals, neben einem grauen Lexikon der Antike, entdeckte er zwei Agfa-Umschläge mit Bildern. Auf dem einen, dickeren, las er die mit Tinte geschriebene und mit Zacken umrandete Jahreszahl 1992, die Geburtstagsfotos, dachte er und nahm die Bilder, im Glauben, nichts Ungewöhnliches zu entdecken heraus. Und er freute sich, als er Ines gleich auf dem ersten Foto nur mit einer Badehose bekleidet in der Abenddämmerung eines roten Sonnenunterganges im Schneidersitz vor einem Strohzelt sitzen sah. Es roch nach heißem Sand und salzigem Meerwasser. Das sanfte Lächeln eines gebräunten Teint erzählte von einem weiten Strand irgendwo im Süden. Fotos von ihrem letzten Urlaub, den sie alleine verbrachte, um in aller Ruhe über sie beide nachdenken zu können. Die klare Luft des Südens wird mir gut tun, sagte sie damals beinahe versöhnlich, und dir auch. Nie wieder werde er vergessen, wie sie vor ihm stand und es sagte. Sie sah ihn an, ohne in seine Augen zu sehen. Ihren Blick legte sie lediglich auf seine Schläfe. Verwundert darüber hatte er sich nichts weiter gedacht. Er schob das obere Bild unter den Stapel und… traute plötzlich seinen Augen nicht. Kurt, der nicht im geringsten mit uns beiden etwas zu tun hat, wie sie immer betonte, stand da, ein Bein angewinkelt gegen eine alte Dorfmauer gelehnt, erhaben und siegesbewusst, Kurt, so kurz wie sein Name, dachte er kopfschüttelnd, Kurt, über den er sich immer nur lustig gemacht hat, weil er so klein war und Ines mit kleinen Männern überhaupt nichts anfangen konnte, was soll daran erotisch sein, sagte sie immer, wenn ein kleines Männlein an dir hochklettert, um dir einen Kuss zu geben. Er konnte es nicht glauben. Vielleicht ist dieses Bild nur dazwischengerutscht, dachte er, wahrscheinlich gehört es gar nicht zu diesem Film, ein Foto von einer anderen Reise, ein Relikt aus einer fremden, früheren Zeit? Doch es war nicht so. Natürlich war es nicht so. Er wehrte sich gegen seinen Instinkt, gegen alles in ihm. Die vielen anderen Bilder, die er mit zitternden Händen durchblätterte, immer schneller und verwundeter, immer sprachloser und entsetzter, sangen ein Requiem mit einem hämischen Lachen obendrein.
Drei Wochen auf einer griechischen Insel, schwankend und torkelnd im Mittelmeer, verschwiegen und heimlich, weiche Berührungen aus Sand, Wind und erregten Fingerspitzen, Sonnenhaut, und aus jeder Pore atmet eine Lüge, eine Lüge wie eine Hure, die nicht von dir ablässt, weckt eingeschlafene Gedärme, als ob ein Engel mir von hoch oben aufs Haar scheißt… Die Erkenntnis ist kein Vernunftakt, sie schlüpft aus anderen Öffnungen und verwandelt, wie in diesem Moment, als er am Bücherregal stand und sich anlehnen musste, manchen Mund in einen Anus…
Ein tiefer Stich und dennoch nicht tot. Ein Augenblick lang gaukelte er sich vor, er wäre selbst eine griechische Insel, schwankend und torkelnd im Schmerz, doch weit am seinem Herz rauscht das salzige Wasser vorbei… Sie hatte ihr Zepter verloren, an dessen Ende die Worte Liebe und Folter eingeritzt waren. Ihre Macht, ihm weh zu tun, so lange nun schon, lag niedergestreckt und ausgetrocknet zwischen ihnen, ein tiefer unüberbrückbarer Graben, ein verschmutztes Rinnsal, auf dessen Oberfläche Erinnerungsreste und Kot schwammen, also Wörter, die kein Gesicht mehr hatten.
Plötzlich stand Ines neben ihm. Er hatte sie nicht gehört. Sie sah auf seine Hände, sah die Bilder. Und ihr schlechtes Gewissen schoss wie eine Blutlache in ihr Gesicht. Blut, in dem sich nun sein Vertrauen waschen konnte. Er hielt ihr, nun nicht mehr zitternd, das vorletzte Bild hin und sagte, dass das eine ihm am besten von allen gefiele. Es zeigte sie nackt aus dem Meer kommend, ein strahlend blauer Himmel wie ein großer Hut auf ihrem Kopf, herzhaft lachend, ein schöner Körper, von weiten runden Linien geformt, schokoladenbraun ihre Haut, in die man hineinbeißen mochte… Wütend riss sie ihm die Bilder aus der Hand. Sie wusste, sie fühlten es beide, dass jedes Wort, das sie nun sagen würde, umsonst war. Hilflos tappste sie umher, torkelnd ihre Worte, die sie dennoch sich abring: dass sie nicht gut fände, was er da gemacht hätte, und was ihm einfiele, einfach in ihren Sachen herumzustöbern… Er sah sie an, dachte nur sommerfrisch gebräunte Tomatenrübe und prustete ein mitleidendes Gelächter aus. In jedem Schmerz verbirgt sich ein Keim von Anarchie, sagte er nur und wunderte sich immer noch darüber, dass er so ruhig blieb. Ob sie es ihm schenke, fragte er sie… keine Reaktion… dann eben, ob noch etwas Kaffee in der Kanne sei… Doch sie sah ihn nur mit einem bösen Blick an.
Auf dem Heimweg, langsamen Schrittes durch eine angenehme Dunkelheit, überfiel ihn der Gedanke und mit ihm die Freude, es geschafft zu haben, endlich. Mit einem Mal merkte er, dass er die Kraft hatte, ihr das Recht auf seine Gefühle abzusprechen; keine zerstörende Eifersucht, keine vage Vermutung, nichts mehr, nicht einmal mehr die Hoffnung, dass sie zu ihm irgendwann zurückkehren würde, einfach so vor der Tür stehen und um Verzeihung bitten: sie habe weder ein noch aus gewusst und sich an Kurt festhalten müssen wie an einem Rettungsanker, aus Angst, das dünne Eis unter ihren Füßen könne jederzeit zerbrechen, Gefühle, die sie selber nicht erklären könne, ein ständiges Hinundher-gerissensein und Nachdenken-müssen und Nichtnachdenken-können mit dem marternden Gefühl, nicht mehr weiter zu wissen, also ganz anders als früher, warum konnte es nicht so wie früher sein, unser blindes Einvernehmen, unser reines Vertrauen, egal was der andere macht, warum nicht mehr, immer wieder diese unerbittliche Frage, diese Ausweglosigkeit und Ohnmacht; also sei sie einfach losgezogen, abgehauen, es wäre eine Flucht nach vorne gewesen, ja, so hätte sie es genannt, um mit aller Macht den Gordischen Knoten durchschlagen zu können, mit einer langen Reise, auf eine Insel, eine griechische… Zuerst habe sie sich überlegt, alleine zu fahren; doch sehr schnell habe sie dann davon abgelassen; in diesem Zustand alleine zu verreisen, wäre die Hölle gewesen, nein, das wäre überhaupt nicht möglich gewesen. Also habe sie – da sie ihre Hand dafür ins Feuer hätte legen können, dass er nicht mitfahren würde, nicht in diesem Zustand, nicht jetzt, hätte er sicherlich gesagt und irgendwie ja auch recht damit gehabt – Kurt gefragt; drei Wochen mit ihm, Tag für Tag, das müsse einfach zu einem Ergebnis führen…
Und er hätte sie, so stellte er sich, nun fast zu Hause angekommen, vor, in den Arm genommen und aufmerksam auf seine Gefühle geachtet. Wie eine Fahne hätte er sich zwischen sich und ihren Tränen gehängt und darauf gewartet, ob der Wind ihrer Liebe sie noch einmal zu den Göttern trägt, ob er die Buchstaben ihrer Reue in eine Höhe pustet, die alles klein und unbedeutend erscheinen lässt. Aber dazu wird es nun nicht mehr kommen, sagte er sich, während er den Haustürschlüssel aus der Tasche zog. Die Hoffnung gebiert kein Verzeihen mehr. Sie ist geplatzt wie ein Ballon in den Händen… Er fühlte sich leicht.
Aber dennoch ärgerte er sich über eines maßlos. Und das sollte ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen. Nämlich, dass er sie damals, auf ihrem Weg auf die Insel, zum Bahnhof gebracht und dabei auch noch ihr Gepäck getragen habe, einen kleinen Koffer und einen Rucksack. Noch rasender machte ihn jedoch die Vorstellung, dass Kurt in seiner Lederhose eine Station später eingestiegen ist und sie ihm als allererstes gesagt hatte, dass alles genau so aufgegangen sei, wie sie es sich vorgestellt hätten: sogar die etwas gefährliche Frage, ob er mit ihr fahren würde in den Süden, mit ihr? jetzt? in Urlaub? nein! habe nicht nur die gewünschte, sondern auch die vorhergesagte Reaktion, vielleicht sogar in einem Moment, in dem sie in seinen Armen lag, gebracht, so, dass sie nachher immer sagen könne, dass letzten Endes nicht es gewesen sei, die nichts für die Rettung ihrer Beziehung getan habe, nicht einmal in einer derart tiefen Krise mit ihr in Urlaub zu fahren…
Außerdem, so stellte er sich vor, hätte sie ihm, dem Spargelkurt, aus freudigem Übermut heraus, sogar noch ins Ohr geflüstert, dass sie alle drei ohne weiteres und eigentlich zusammen zum Bahnhof hätten gehen können, darauf wettend, dass er auch noch seine, also Kurts Koffer, getragen hätte…
Keine Frau hat ihn je so betrogen wie Ines es getan hat. Nicht einmal seine Mutter bei seiner Geburt. Erstaunlicherweise aber mochte er beiden verzieihen, ohne jede Anstrengung, ohne Wenn und Aber, wie es nun einmal so bei Menschen ist, die einem ans Herz gewachsen sind, weil er fühlte, dass die beiden nie glücklich werden würden, niemals! Mit der Verwunderung beginnt das Leben und damit das Gefühl der Ungerechtigkeit. Und er drehte den Schlüssel um und drückte, tief durchatmend, die Wohnungstür hinter sich zu, mit der großen Lust, alleine sein und nur noch sich selbst umarmen und nur noch für sich sein zu wollen, als ein ganz anderer Mensch… denn der Tod einer Leidenschaft hinterlässt entweder Tote oder gänzlich Veränderte.

Das Springeropfer

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Pillau stammte aus Ostpreußen. Er sprach manchmal über den Luftangriff auf Königsberg. Es soll so gebrannt haben wie in Köln oder Hamburg – oder Dresden. Wer hatte Königsberg bombardiert? Die Westalliierten, um den Russen zu zeigen, daß es endlich weitergeht? Pillau wußte es auch nicht. Er war mit seiner Familie in Potsdam hängengeblieben. Die Russen hatten ihn eingeholt. Gräueltaten? Die Mutter wird es ihm gerade auf die Nase gebunden haben! Der kleine Pillau bekam in Potsdam sein erstes Rad geschenkt, von einem Soldaten der 2. Gardepanzerarmee der 1. Belorussischen Front. Der Gardist hatte es einer Frau abgeknöpft, einem Naziluder, und dem Buben übereignet, der sich später durch die weiche, fast zärtliche Betonung des Wortes ´Belorussische Front´ dafür dankbar erwies. Die Russen des Marschalls Schukow waren nette Kerle, pflegte er zu sagen, haben in Potsdam Motorrad studiert. Pillau durfte mitlernen. Er kannte die russischen Vokabeln für seitengesteuert, kopfgesteuert, Nockenwelle, Ventil, Zylinder. Im Russischen hieß seitengesteuert auch seitengesteuert.

Vor dem Mauerbau waren die Pillaus zu Verwandten nach Koblenz gezogen. Dort hatten Vater und Sohn bei der Bundeswehr angefangen. Dann war der Junior nach oben gestolpert und wurde Sachbearbeiter in einem Bonner Ministerium. Er rauchte viel, zu viel, und trank gerne, aber sonst lebte er nach soliden Grundsätzen: Tue nichts Gutes, dann erntest du keinen Undank, wenn du pünktlich kommst, darfst du pünktlich gehen, wer nicht arbeitet, kann nichts falsch machen. Pillau fuhr Motorrad. Er musste zum Dienst zwanzig Minuten früher erscheinen, als wenn er mit dem Bus gefahren wäre, um sich aus dem Leder zu pellen und in Schale zu werfen. Wenn man ihn zur Kantine gehen sah, war er immer tadellos gekleidet. Nach dem Dienst verwandelte er sich wieder in einen Kentauren und zu Hause in etwas Drittes, einen Familienvater, der sich das Bier vor die Nase stellen lässt. Vor ungefähr zehn Jahren war Pillau dem Schachverein Turm 1926 beigetreten. Schachspielen hatte er auch – wie das Motorradfahren – bei den Russen der 2. Gardepanzer gelernt, und gar nicht so übel. Ein Beamter, der Motorrad fuhr und Schach spielte.

Brosheim kannte Pillau aus dem Ministerium. Eines Tages trafen sie sich vor der Uni-Buchhandlung gegenüber dem Stadtschloss. Brosheim stand in der Fürstenstraße und schaute durch die offenen Schlossportale über den Hofgarten hinweg zum Akademischen Kunstverein, dem alten Anatomischen Theater, das Schinkel entworfen hatte, und staunte über den Vergrößerungseffekt, den Seitenbegrenzungen erzeugen. Ihm kam es vor, als stünde der Schinkelbau nur wenige Meter hinter dem Schloss und als wäre der weite Hofgarten zu einem Weg geschrumpft. Da tippte ihn Pillau auf die Schulter. Was es zu sehen gebe. Brosheim, überrascht nach Ladenschluss einen Kollegen im Zentrum zu treffen, erklärte es und zeigte ihm, wie zum Greifen nahe das Gebäude am jenseitigen Ende des Hofgartens herangerückt sei.
„Interessant, wenn es Barbara Valentin wäre!“ sagte Pillau. Sie wollten zur selben Veranstaltung: Vlastimil Hort, der Schach-Großmeister, gab in der Uni-Buchhandlung eine Simultanvorstellung, zu der sie sich angemeldet hatten, ohne voneinander zu wissen. Später meinte Pillau, dass Brosheim in ´nachahmenswerter Weise´ untergegangen sei. Ob er ernsthaft geglaubt habe, einen Meister wie Hort mit einem Springeropfer zu überlisten?
„Ja, wenn er es angenommen hätte!“ sagte Brosheim.
Pillau überredete ihn, dem Turm 1926 beizutreten und wenigstens als Ersatzspieler mitzuwirken. Brosheim spielte ein paar Mal. Nach den Partien am Abend fragte Pillau stets:
„Kann ich Sie ein Stück mitnehmen?“ Brosheim nannte ein Ziel und erhielt prompt die Antwort:
„Tut mir leid, ich muss in die andere Richtung.“
Außer einmal, das letzte Mal vor einem halben Jahr, da war Pillaus Frau nicht zu Hause, und da durfte er Brosheim zuliebe einen Umweg machen. Brosheim erinnerte sich, wie er auf dem Rennbrot der Honda saß und Pillau umarmen musste, um nicht hinunterzufallen. Er konnte sein Gesicht in den Fahrtwind halten und die Stadt aus einem Kegel durch das knatternde Tuch der Mitternacht auf sich zufliegen sehen. Er wollte Pillau noch an die Polizei erinnern, aber der war nicht ansprechbar, verkapselt in seinem Helm.

Siefenfeldchen aus der Registratur spielte in demselben Verein wie Pillau. Es geschah während einer Partie um die Vereinsmeisterschaft – Pillau mit Schwarz gegen Siefenfeldchen. Der einzige, der den Schlaganfall rechtzeitig hätte bemerken können, Siefenfeldchen, vertiefte sich in die Position, die Pillau erzwungen hatte. Wenn sich Siefenfeldchen nicht so in die Stellung gekniet hätte oder wenn Pillau kopfüber in die Figuren gefallen wäre! Aber er war rückwärts gesunken, den Kopf über die Stuhllehne, und starrte gegen die Decke. Kiebitze schauen zuerst auf die Stellung. Nur wenn die Position ein Rätsel aufgibt oder eine schnelle Entscheidung verspricht, beobachten sie die Spieler, um in ihren Mienen zu lesen.

Brosheim fuhr mit dem Linienbus zum Friedhof. Die Trauergemeinde bildete Klumpen vor dem Haupteingang. Nur Siefenfeldchen stand separat. Deshalb ging Brosheim auf ihn zu und begrüßte ihn mit Handschlag.
„Läuft alles? Sie stehen hier wie bestellt und nicht abgeholt.“
„Kein Wunder. Ich bin schließlich derjenige.“
„Derjenige welcher?“
„Weswegen wir hier sind.“
Bevor Brosheim sein Unverständnis in einer Frage ausdrücken konnte, begann Siefenfeldchen von sich aus, die letzte Stunde des Schachspielers Pillau zu schildern.
„Ich merke, wie ein Kiebitz die Uhr abstellt. Was machen Sie denn da, frage ich noch. Mit Ihrem Gegner stimmt was nicht, höre ich. Ich rufe: Gerd! Ich schüttele ihn und zieh ihm die Krawatte auf. Sie müssen mund-zu-mund-beatmen, sagt jemand, als wäre ich automatisch dafür zuständig, nur weil ich gegen ihn spiele! Ich kann das nicht. Ich sage, ich habe das nie gemacht. Wenn Gerd wenigstens auf e5 getauscht hätte, darauf war ich vorbereitet. Aber dieses verrückte Springeropfer auf h4 hat ihn das Leben gekostet, was meinen Sie?“
„Er wäre auch so gestorben. Gut, Sie hätten es vielleicht etwas früher gemerkt, aber geholfen hätte es ihm auch nicht mehr. Es hat ihn gefällt.“
„Ich hätte ihm die Gelegenheit zum Opfern nicht geben sollen.“
„Ach, reden Sie sich das nicht ein, Sie können nichts dafür.“
„Ich hätte an diesem Abend überhaupt nicht spielen dürfen.“
„Sie sind nicht schuld. Wir haben ihm doch oft genug gesagt, er soll mit dem Rauchen aufhören. Der Arzt hat es ihm auch gesagt. Vor zwei Jahren der Hörsturz. Und wie hat er reagiert? Was kommen soll, das kommt. Um Sprüche war er nie verlegen. Ich habe ihn gewarnt, hören Sie mit dem Rauchen auf, denken Sie an Ihre Frau und Ihre Tochter.“
„Ich habe ihm das auch immer und immer wieder gesagt, tritt langsamer, friss lieber Schokolade als zu rauchen. Und dann hat er sich auch gerne mal die Kanne gegeben.“
„Na sehen Sie, Ihre Schuld ist es jedenfalls nicht.“
„Letzten Endes hat er sich das selbst zuzuschreiben, nicht wahr? Die Malteser hatten ihn abgeholt. Die Partien gingen weiter, weil sich nämlich alle einredeten, dass er wieder auf die Beine kommt. Niemand hat sich getraut zu sagen, dass er tot ist. Darum wurden die Partien weitergespielt.“
„Haben Sie es gewusst?“
„Dass er tot ist? Nicht so, wie man weiß, dass man eines Tages selber stirbt.“
„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie was Unpassendes frage.“
„Halt! Sagen Sie es nicht! Sie wollen mich fragen, als was die Partie gewertet wurde!“
Brosheim nickte.
„Jeder Schachspieler fragt mich das. Eine Frau würde so etwas niemals fragen. Frauen sind mitleidig. Sie kennen die Maßstäbe. Ein Spiel ist nicht so wichtig wie der Tod, auch wenn ein solcher Fall die ganze Wertung durcheinander bringt! Die Frauen sagen: Der eine Gedanke ist wichtiger als der andere, und darum denken wir nur den einen und lassen den anderen beiseite. Frauen sind konsequenter. Sie können besser sortieren. Eine Frau würde sich niemals dafür interessieren, wie die Partie bewertet wurde.“
„Und?“
„Nach dem Reglement hätte ich gewinnen müssen.“
„Sieht denn das Reglement den Tod eines Spielers vor?“
„Nicht direkt. Aber ich hätte durch Zeitüberschreitung gewonnen.“
„Das ist lächerlich.“
„Natürlich ist es lächerlich! Aber so wäre es nun einmal gewesen. Als jemand zum Schluss den Spielführer fragte, was nun mit dieser Partie ist, sagte er sofort: Hängepartie. Ob ich einverstanden sei. Natürlich war ich einverstanden. Selbstverständlich! Vielleicht kam er ja wieder auf die Beine. Vielleicht vollbrachten die Ärzte ein Wunder. Ich war einverstanden, habe den Springer geschlagen und den Zug in den Umschlag gesteckt, damit ihn Pillau nicht zu sehen kriegt. Verstehen Sie? Wenn er wieder aufwacht!
„Und?“
„Nach dem Reglement hätte ich auch jetzt wieder gewonnen. Wegen Nichtwiederaufnahme des Spiels.“
„Lächerlich.“
„Aber so ist es nun einmal.“
„Schließlich hat er sich nicht geweigert, das Spiel wieder aufzunehmen.“
„Nein, von sich aus ist er nicht gegangen, nicht freiwillig. Aber das mit dem Rauchen war purer Leichtsinn. Er hatte nicht ernsthaft daran geglaubt, dass es ihn so treffen würde. Als endgültig klar war, dass er nicht mehr antreten konnte, habe ich aufgegeben. Das Springeropfer war korrekt. Er hat den Punkt. Postum. Und jetzt schneiden sie mich. Als wäre ich schuld an seinem Tod. Dabei hat er sich selber umgebracht. Die Raucherei, das Trinken.“

Brosheim stellte sich zu den anderen Kollegen. Sie schwadronierten, seltsam unbeteiligt.
„Kennen Sie noch den Oberamtsrat Dietkirchen? Ist auch schon tot. Der polterte ohne Anzuklopfen in mein Büro, setzte einfach seinen Fuß auf meinen Besucherstuhl und band sich den Schnürsenkel zu. Dann verließ er das Zimmer, ohne dass er mich gegrüßt hätte! Ich war damals erst kurz im Haus, lief zu einem Kollegen und fragte, ob es im Rheinland außerhalb der Karnevalszeit üblich sei, dass jemand so hereinschneit und seine Schuhe zubindet.“
„Jaja, der alte Dietkirchen. Zu dem kam ein Referendar und sagte: ´Lichten Sie mir das zehnmal ab´ und warf ihm einen Vermerk auf den Bock. Nach einer Stunde kehrte er zurück: ´Wo sind die Kopien?´ Und Dietkirchen fragte: ´Sehen Sie einen Kopierer in meinem Zimmer?´ Das nenne ich alte Schule! Der ließ sich nichts vormachen. Pillau war auch so einer.“
Sie unterhielten sich auf dem breiten Weg zur Trauerhalle über Ehemalige, über Personalmangel, Frühverrentung, unbezahlte Überstunden. Karrieren wurden besprochen, Beförderungslisten auf den neuesten Stand gebracht. Wenn zwei nebeneinander schritten, die sich lange nicht gesehen hatten, dann war der Spruch unvermeidlich, dass solches Wiedersehen nur bei Beerdigungen möglich zu sein schien. Sie hielten die Arme auf dem Rücken und richteten den Blick auf die gewichsten Schuhspitzen. Ab und zu streiften die Gespräche auch den Tod, und ewige Sätze wurden gemurmelt: Dass es jeden erwischt, dass man froh sein könne, noch ein paar Jährchen in Frieden zu leben, dass die Gesundheit das Wichtigste sei, dass man nie wisse, was einem passiert.

Die Blicke hoben sich, und die Gespräche verebbten vor der Betonschachtel der Trauerhalle. Die Leute kehrten in sich, und tief von innen heraus, einen Abstand überwindend, sahen sie den Sarg aufgebockt, eine Reihe Kerzen, einen Haufen roter Rosen. Die Kollegen drängten sich in die hinteren Sitzreihen. Die mittleren Plätze blieben frei. In der ersten Reihe saßen ein paar Verwandte. Die Witwe ein Fels. Sie würde durchhalten. Aber das arme Mädchen. Die Tochter hielt sich steif. Sie schwankte im Ganzen, weil sie kein Gleichgewicht fand, weil ihr jetzt schon der Hintern juckte. Einmal schaute sie auf die Uhr. Die Witwe legte ihre Hand auf den Arm des Mädchens und bog ihn nach unten. Sie musste es durch die Ohren gesehen haben.

Brosheim hatte abgeschaltet. Siefenfeldchen flüsterte auf ihn ein, aber Brosheim wollte nichts verstehen. Nach der Zeremonie würde man mit ihm über alles reden können, aber nicht jetzt. Ein Mann in einem flatternden Leinenanzug federte durch den Mittelgang. Er trug Turnschuhe. Er verbeugte sich leicht gegen die Witwe, ohne sie anzusehen, und schritt vor dem Sarg vorbei. Der Mann schien sich einen Augenblick zu ducken, vor der Majestät des Todes oder um einer überhängenden Lilie auszuweichen. Die Bank vor dem Harmonium überstieg er so, dass er aussah wie ein Hürdenläufer in Zeitlupe. Er räusperte sich und löste den Rollverschluss über der Klaviatur. Jemand kicherte und tarnte es durch einen Hustenanfall, der für einen Augenblick die Kapelle erdröhnen ließ und Tote hätte erwecken können, wenn der Glaube daran nur größer wäre. Dann sang eine Amsel durch das offene Portal und kurz darauf arbeitete das Harmonium.

Siefenfeldchen wollte etwas erklären, aber Brosheim schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als die letzten Töne verwehten. In der Stille fiel ein Schirm zu Boden, dass es wie ein Gewehrschuss knallte. In diesem Augenblick der Ablenkung war die Pastorin aus einer geheimen Tür hinter den Blumen nach vorn getreten und stand nun vor dem Sarg, einen Zettel haltend. Sie sprach von der Vollendung des Menschen. Jeder Mensch habe seine individuelle Vollkommenheit, wie jeder Athlet seine persönliche Bestzeit hat. Mehr werde nicht erwartet, nur dass man so gut kämpft, wie man kann. Der Hingeschiedene sei ein guter Kämpfer gewesen (Brosheim drehte sich zur Seite und sah in Siefenfeldchens verdutztes Gesicht). Die Pastorin erzählte noch zehn Minuten und sah manchmal auf das Blatt. Es kam Brosheim vor, als hätte sie gänzlich den Faden verloren, obwohl sie nicht stotterte und mit einer melodisch angenehmen Stimme vortrug. Pillau soll eine leuchtende Spur hinterlassen haben, die Toten füllten unsere Erinnerung, seien aber keine Kometen. Vom Nebel des Alltags kam sie auf die Nebelkammer von Wilson, die erklären half, warum Pillau eine Leuchtspur hinterließ.

Zuerst erhob sich die Witwe vor all den neugierigen Leuten. Sie war gefasst und dirigierte die Tochter durch einen energischen Griff am Arm in die richtige Richtung, als der Sarg auf den Schultern der Träger durch den Mittelgang schwankte. Sie weinte nicht. Die Kolleginnen weinten und tupften die Augen, um die Sicht auf das Defilee freizuhalten. Der Zug knirschte über Kreuz- und Querwege zum Grab, wo er sich auflöste. Die Pastorin war mit ihrer Grabrede zu Ende, als die Witwe in den Schatten eines Marmor-Engels trat und zum ersten Mal weinte. Sie barg ihr Gesicht am Hals einer Verwandten. Brosheim brauchte nicht zu kondolieren. Die Tochter stand abseits und schaute blind.

Brosheim strebte zum Ausgang, froh dass es vorüber war. Siefenfeldchen wartete am Tor und bat ihn, nicht mit dem Bus, sondern mit seinem Auto in die Stadt zu fahren, er habe ihm noch etwas zu sagen, etwas Wichtiges. Brosheim willigte ein. Unterwegs sagte Siefenfeldchen:
„Ich habe ihn doch auf dem Gewissen!“
„Wollen Sie mir ein Geständnis ablegen? Haben Sie ihn ermordet, oder was soll der Quatsch?“
„Ich konnte die Mund-zu-Mund-Beatmung nicht machen, ich konnte es einfach nicht. Er da (Siefenfeldchen deutete mit dem Kopf nach hinten) hat mir neulich erzählt, dass er in Köln chinesisch essen gegangen war, original chinesisch oder hinterindisch, und dass man dort eine Schlange gezeigt bekommt wie hierzulande eine Forelle. Er hat die Schlange oder Teile davon gefressen, weil sie angeblich eine Delikatesse ist. Dann hat er den schlechten Magen gekriegt und einen Herpes hier an der Schnauze. Und seitdem wollte er nie wieder chinesisch essen.“
„Na schön. Und weiter?“
„Als er den Kopf nach hinten gelegt hatte und so mit offenem Mund dasaß, konnte ich die Mund-zu-Mund-Atmung nicht machen. Ich konnte es nicht. Ich hatte Angst … verstehen Sie? Ich hätte es nicht einmal bei mir selber machen können! Verstehen Sie das?“

Jakob

von Paola Reinhardt (copyright)

„Das Ende der Liebe, das Ende der Träume …“ Lena zuckte zusammen, als sie die alte Schlagermelodie aus dem Transistorradio eines Mitpassagiers hörte. Wann hatte sie dieses Lied das letzte Mal gehört? War das nicht vor zwanzig Jahren in dem kleinen Lokal in der Nähe des Leuchtturms, als sie zum ersten Mal mit Jakob auf der Insel Ferien machte? Zu diesem Zeitpunkt hatten sich ihre Gedanken allerdings bereits mit Alfred und einer gemeinsamen Zukunft beschäftigt. Sie war ihm ein paar Tage vorher rein zufällig auf der versandeten Strandpromenade begegnet. Er hatte sie angesprochen, sie hatten sich unterhalten und kurz danach ihren Spaziergang gemeinsam fortgesetzt. Während sie entlang der Dünen wanderten, erzählte er ihr von seiner Fabrik in Herne, dem Reet gedeckten Haus auf Sylt und seinem Winterdomizil in den Schweizer Bergen. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, wie er ihr später verriet. Nicht für sie. Doch reich zu sein erschien ihr damals verlockender als verliebt. „Ach Jakob, ich habe doch immer nur dich geliebt, das musst du mir glauben“, dachte Lena in einem Anflug von Wehmut. „Alfred war doch nur …“ Erschrocken brach sie ihr stummes Bekenntnis ab und umklammerte mit beiden Händen das metallene Gitter der Reling. Ihre Haut spannte sich über den weißen Knöcheln der Finger, und einen Moment lang hatte sie das Gefühl zu schwanken. „Land in Sicht“, sagte der schmallippige Tourist neben ihr, der sich seit der Einschiffung an ihre Fersen geheftet hatte. Leider sah er völlig unbedeutend aus, wie ein Beamter von der Bahn oder dem Finanzamt mit baldiger Aussicht auf Ruhestand. Obwohl der stoppelkurze Schnitt seiner dichten grauschwarzen Haare und die leicht getönte Sonnenbrille so gar nicht zu seinem langweiligen Outfit passte. Wahrscheinlich kaufte er seine Garderobe in einem Warenhaus von der Stange, denn sie entbehrte jedes modischen Schicks. „Ja, Land in Sicht“, wiederholte Lena und knipste ihr Gewohnheitslächeln aus, sobald sich ihre Blicke für einen kurzen Augenblick trafen. Im Laufe der letzten Jahre hatte sie sich angewöhnt, Fremden gegenüber vorsichtig, wenn nicht gar argwöhnisch zu sein. Schnell steckte sie die feingliedrigen Hände mit den kostbaren Ringen in die Taschen ihres schwarzen Kaschmirmantels, drehte sich um und ging zu ihrem Platz im Unterdeck zurück. Doch auch hier fühlte sie sich schon nach kurzer Zeit erneut beobachtete und ohne von ihrer Zeitung hochzusehen, wusste sie auch von wem. Du bist zu argwöhnisch, Lena, versuchte sie sich zu beruhigen. Vielleicht verspürt dieser Mann ja nur Langeweile und würde sich gern mit dir unterhalten. Oder du gefällst ihm als Frau. Ja, warum eigentlich nicht! Schließlich war sie mit ihren zweiundfünfzig Jahren noch nicht zu alt, um auch das in Betracht ziehen zu können. Lena überblätterte den Sportteil der Zeitung und kam zu der Programmvorschau des Fernsehens. Ihre rechte Hand zitterte ein wenig, während sie weiter las. Heute Abend gab es schon wieder einen Krimi im Ersten und noch auf fünf anderen Kanälen. Was den Leuten nur an Krimis gefiel? Ein Mord war doch schließlich kein Vergnügen!

Zwanzig Minuten später, als sie von Bord der Fähre ging und ein wartendes Taxi herbeiwinkte, verspürte sie beim Anblick der Insel weder Sentimentalität, noch Erinnerungsfreude, sondern nur eine prickelnde Unruhe, die sie eigentlich hätte warnen müssen. Es ist nicht mehr die Insel von damals, dachte Lena enttäuscht und betrachtete während der Fahrt die Windräder zu ihrer rechten Seite, die sie fast bis zum Ort begleiteten. Das Hotel von damals, gleich hinter dem Deich, hatte sich in den letzten Jahren rein äußerlich nicht verändert. Der Herr an der Rezeption zeigte das übliche roboterhafte Lächeln, als er ihr die Schlüssel für das reservierte Zimmer aushändigte. Doch Lena dachte nicht daran, es zu erwidern und nickte nur kaum merklich mit dem Kopf. Freundlichkeiten dem Personal gegenüber muss man sorgsam dosieren und nicht verramschen, hatte Alfred kurz nach der Hochzeit zu ihr gesagt und daran hielt sie sich noch heute.

Das Zimmer mit Meeresblick entsprach nicht ganz ihrer Vorstellung von einem selbstverständlichen Luxus, an den sie sich während ihrer zweiten Ehe schnell gewöhnt hatte. Doch wenigstens der Service schien zu funktionieren, denn ihre Koffer standen bereits vor dem großen Doppelbett. Lena beachtete sie nicht weiter, sondern zog es vor, erst einmal den Inhalt der Minibar zu überprüfen, obwohl sie seit ihrem letzten Syltbesuch immer eine Flasche ihres Lieblingswhiskys im Handgepäck trug. Damals hatte das junge Mädchen vom Room-Service sie wegen der Lücken in der Minibar so mitleidig angesehen, als sie zum Auffüllen des Bestandes kam. Eine Unverschämtheit! Schließlich war sie doch keine Trinkerin und außerdem verdiente das Hotel nicht gerade schlecht an diesen kleinen Fläschchen, für die Gäste einen völlig überhöhten Preis zahlen mussten. Lena spürte, wie ihre Hände zitterten, als sie den Knoten ihres roten Schals löste, den sie sich während der Überfahrt um die halblangen schwarzen Haare gebunden hatte. Achtlos warf sie ihn auf den Boden und öffnete hastig die rote Guccitasche. Sie nahm die Flasche heraus, schraubte den Verschluss auf und nahm einen kräftigen Schluck vom Whisky. Gleich würde es ihr bestimmt wieder besser gehen! Als ihr Blick danach zufällig in den Spiegel über der dunkelbraunen Kommode mit den altmodischen Messingbeschlägen fiel, erschrak sie. Ihr Gesicht sah blass, ja fast grau aus. Wie soll das noch werden, wenn schon das beginnende Alter so grausam ist, dachte sie wehmütig. Es hatte sich zuerst mit winzigen Fältchen in ihr Gesicht geschlichen und sich dann allmählich wie ein feines Spinnennetz darin verbreitet. Lena seufzte. Leider hofierten die Spiegel sie in letzter Zeit immer seltener. Zeigten ihr eigentlich nur noch bei Kerzenlicht, oder nach dem Besuch einer Kosmetikerin das Gesicht einer strahlenden Frau. In anderen Momenten half ihr nur noch der Alkohol über den Verlust der Jugend und ihrer großen Liebe hinweg. Erneut öffnete sie ihre Reisetasche. Der gute alte Whisky, er tröstete sie auch in den Nächten, wenn die Schlaftabletten nicht mehr wirkten, oder dieser Traum sie marterte und aufweckte. Jetzt war die Flasche leer. Sie musste gleich morgen für Nachschub sorgen! Einen Augenblick lang überlegte Lena, sich noch an der Minibar zu bedienen. Doch dann ging sie mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck unter die Dusche, schminkte sich anschließend sorgfältig, steckte die Haare hoch, zog den blauen Hosenanzug und eine rote Bluse über die schwarze Seidenunterwäsche. Der Verschluss ihrer Kette hakte zunächst, als Lena sie schließen wollte. Die großen Perlen waren ein letztes Geschenk von Alfred und zogen häufig begehrliche Blicke auf sich. Auch die ihrer Bridgepartnerin, gegen die sie nur aus diesem einzigen Grund hin und wieder gewinnen konnte. Lena schloss die Zimmertür hinter sich, ging zum Fahrstuhl und glitt sacht ins Parterre. Den richtigen Platz im Speisesaal ließ sie sich auch heute ein großzügiges Trinkgeld kosten. Während sie gelangweilt die Speisekarte studierte, grüßte der einzelne Herr vom Nebentisch freundlich zu ihr herüber. Augenblicklich fühlte Lena eine leichte Benommenheit, die noch wuchs, nachdem sie den Mann im schwarzen Hemd und grauen Anzug wiedererkannt hatte. Der Ober hinter ihr musste seine Frage noch einmal wiederholen, bis sie endlich in der Lage war, den richtigen Wein zu bestellen. Doch auch der schaffte es später nicht, sie in eine bessere Stimmung zu versetzen. Und als ein anderer Kellner ihr die gedünstete Seezunge servierte, fühlte sich Lena nicht in der Lage, den Fisch mit Genuss zu verspeisen. Beilagen und Nachtisch verschmähte sie gänzlich. Dafür bestellte sie entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit eine zweite Karaffe Wein. Um den zudringlichen Blicken des Fremden zu entgehen, sah sie sich Hilfe suchend im Speisesaal um. Doch außer sechs oder sieben älteren Ehepaaren und zwei betagten alten Damen, konnten sie keine weiteren Gäste entdecken. Lena, es ist Ende Oktober, was hast du um diese Zeit an Abwechselung erwartet, dachte sie ernüchtert. Erneut spürte sie die Blicke des Fremden auf sich gerichtet, der im Gegensatz zu ihr über einen guten Appetit verfügte. Fröstelnd stand Lena auf, zog ihren warmen Mantel an und verließ das Hotel.

Draußen atmete sie tief die kühle Abendluft ein und sah den grauweißen Wolkenbergen nach, die der Wind respektlos vor sich her trieb. Die Sonne hatte ihre Verneigung vor dem Meer nicht überlebt und nur einen feuerroten Widerschein am Horizont hinterlassen. Er wirkte bedrückend auf die einsame Frau, die sich hastig auf den Weg zum Strand machte. Da nur die erste Strecke entlang der Dünen gepflastert war, veränderte sich schon bald der Klang ihrer hohen Abätze. Er wurde lauter und dumpfer, als sie über die Holzbretter weiter schritt. Dann hörten auch die irgendwann auf und es blieb Lena nichts anderes übrig, als in Strümpfen weiter durch den Sand zu gehen, oder umzukehren. Doch sie ging weiter, immer weiter wie ferngesteuert, bis zu der Stelle, die in diesen Träumen eine so wichtige Rolle spielte. „Ach Jakob, weißt du eigentlich, wie sehr ich dich in all den Jahren vermisst habe? Zugegeben, zuerst war ich froh, als ich dich los war und Alfred um meine Hand anhielt. Aber später habe ich oft um dich geweint. Deswegen finde ich es auch unverschämt von dir, dass du mir immer noch diese Albträume bereitetest. Es ist doch nichts mehr daran zu ändern. Tot ist tot! Also hör endlich auf, dich wie ein Alb auf meine Brust zu setzen und mir Angst einzujagen. Manchmal sitzt sogar Alfred neben dir und ihr lacht mich beide aus. Das ist zu viel, das halten meine Nerven einfach nicht mehr aus! Ich habe nicht mehr die stärksten, nach all diesen Jahren. Das könntest du dir eigentlich denken!“ Lena erschrak vor ihrer eigenen Stimme, blieb stehen und drehte sich erschrocken um. Aus dem leichten Nebelschwaden, der vom Meer herüberschwankte, tauchte plötzlich eine dunkle Gestalt auf. Und in dem Augenblick, als sie näher kam, schrie die Frau entsetzt auf. Dabei war es weder Jakob noch Manfred, sondern nur dieser Fremde von der Fähre, der Mann aus dem Speisesaal. Ob er wohl ein Dieb war, der reiche Witwen verfolgte, um sie auszurauben? Bei diesem Gedanken fasste Lena beinahe erleichtert nach den Perlen um ihren Hals und lächelte. Von ihr aus konnte er auch ihre Ringe und Armbänder haben und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden! Jetzt stand er direkt vor ihr und seine Augen hinter den Brillengläsern sahen sie fast ein wenig verliebt an. Aber nicht etwa wie ein Verehrer, sondern wie ein Jäger, der ein lang gesuchtes Wild fest im Visier hat und weiß, dass es ihm nicht mehr entkommen kann. „Was ist damals wirklich auf dem Boot passiert?“, fragte der Mann und Lena erschauerte unter dem harten Klang seiner Stimme. Plötzlich wusste sie, wo sie die schon einmal gehört hatte. Vor einem Jahr in Hamburg im Gerichtssaal. Er war der Staatsanwalt und sie die Angeklagte. Doch das Gericht hatte sie freigesprochen und ihr geglaubt, dass sich Alfred im Champagnerrausch ein wenig zu weit über die Reling gebeugt und dann im aufgewühlten Meer ertrunken war. Leider gab es an diesem stürmischen Tag keine Schwimmweste und keinen Zeugen an Bord. Genau wie damals bei Jakob. Lenas Körper schüttelte sich in einem ausweglosen Zittern, das zuerst an den Füßen begann und schon nach kurzer Zeit bis hinauf zur Kopfhaut seine Wirkung zeigte. Dieser Mann würde sie bestimmt mit immer neuen Fragen quälen. Er würde fragen und fragen, solange bis ihr der Kopf davon zu platzen drohte. Und irgendwann würde sie dann einfach gestehen, Alfred umgebracht zu haben, damit sie endlich Ruhe vor ihm und ihrem Gewissen hatte. Denn im Grunde war es doch völlig egal, ob sie für einen vermeintliches oder ein echtes Verbrechen büßen musste. Mord war Mord! Und es ließ sich verdammt schlecht leben mit dem Mord an Jakob.

Es war nicht Lovano

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Kollege Jüchen vom Gröbner-Institut und ich saßen in einem italienischen Restaurant und sprachen über multivariate Polynome. Uns gegenüber, an einem anderen Tisch, hockte eine Dame, besser gesagt, eine alte Frau, um ehrlich zu sein: Sie sah aus wie eine Schneppe. Sie nickte. Ich nickte auch und dachte noch, die alten Damen haben wenigstens den einen Vorzug, nämlich höflich zu sein, wie kaum noch unsereins. Die Frau bekam zu essen, wir bekamen zu essen. Eine Stunde verflog, die Alte stemmte sich hoch, lächelte herüber und ging. Sie trug ein kurzes Kleid und schwarze Netzstrümpfe. Und eine schwarze Lacktasche ohne Verzierungen, sehr elegant. Kurz nach ihrem Aufbruch zahlten wir. Die Rechnung fiel deutlich höher aus als erwartet. Ich reklamierte sie, und der Kellner erklärte, ich hätte durch die Erwiderung des Kopfnickens mein Einverständnis signalisiert, die Dame am Nebentisch einzuladen und alles, was sie bis zu diesem Augenblick geordert hatte, für sie zu bezahlen. Nun, um einen Skandal zu vermeiden und meine Unwissenheit italienischer Bräuche zu kaschieren, zahlte ich auch für die Frau. Wir verließen schnell das Restaurant, denn ich hoffte, die Schneppe zu erwischen und von ihr das Geld zurückzufordern.

Es dauerte zehn Minuten, bis wir zu unserem Parkplatz kamen, und dann noch eine viertel Stunde, bis wir es geschafft hatten, alle Einbahnstraßen dieser Gegend in der vorgeschriebenen Richtung zu passieren. Endlich erreichten wir die Hauptstraße. Meine Hoffnung, die Alte zu erwischen, hatte ich aufgegeben, aber ich ärgerte mich über den Verlust von gut und gerne 50 Mark, die für die Woche fest einkalkuliert waren. Auf einmal sagte Jüchen: „Guck mal rüber!“ Da stand der Kellner, der demnach kurz nach uns Kasse gemacht und seinen Dienst beendet hatte. Er wartete an einer Straßenbahn-Haltestelle. Sollten wir ihn mitnehmen in die City? Nein, wir wollten nicht, weil er sein italienisches Brauchtum gnadenlos gegen uns gekehrt hatte. Es war kalt, und wer weiß, wie lange er noch warten mußte, aber wir ließen ihn stehen und seinen kondensierten Atem gegen den Fahrplan stoßen. Ich sagte zu meinem Kollegen: „Wenn der auf die Bahn wartet, könnte es da nicht sein, daß noch jemand wartet?“

Wir hielten die Augen offen. Vor der roten Ampel ließen wir die Blicke kreisen. Das Vorstadtkino lag vereinsamt im Glanz seines eigenen Neonlichts. Die Spätvorstellung lief, und die Kassiererin war nach Hause gegangen. Aber wer stand in der Vorhalle? Die Alte war tatsächlich zum Aufwärmen in das Vestibül gegangen und sah sich Bilder an! Jüchen, der am Steuer saß, setzte rückwärts auf den Bürgersteig und stieß mit dem Heck fast durch die Schwingtüre. Ich sprang hinaus, schnappte mir die Alte und schob sie vor mir her. Ihr Widerstand war noch nicht mobilisiert. Erst im Auto fing sie an zu kreischen. Ich erklärte ihr, wir wollten unser zu viel gezahltes Geld zurück. Sie brauche es uns nur zu geben, wir würden sie dann sofort auf die Straße setzen und sogar noch ein übriges tun und sie nach Hause fahren. Sie überlegte. Zu Hause könne sie uns das Geld geben, obwohl wir vertragsbrüchig seien, denn Kopfnicken sei wie ein Vertrag. Da sie sich bedroht fühle, werde sie uns das Geld sofort aushändigen, wenn sie nur welches bei sich hätte. „Haben Sie auch in der Tasche keins? Die sieht wohlgenährt aus! Belügen Sie uns nicht. Wer Frauen entführt, stiehlt auch Handtaschen!“ Ich erschrak über meine eigene Rede und fragte sie höflich, ob sie denn niemals bezahle, ob sie vielleicht unter gastronomischer Kleptomanie leide. Nein, sie lasse sich immer auf diese Art einladen, die in italienischen Restaurants seit jeher üblich sei, wie man in älteren Ausgaben des Baedekers nachlesen könne. Ich hielt den Griff ihrer Tasche fest in der Hand, scheute mich aber, das Äußerste zu tun, um selbst nach dem Geld zu suchen, das uns gehörte.

Wir fuhren, wohin sie wollte. Je länger wir fuhren, desto fremder erschien uns die Gegend. Ich verdrehte meine Augen, um unter dem Autodach hervor über den Hausdächern ein Stück Himmel zu erkennen. Mein Kollege sah öfters aus dem Seitenfenster, drehte sogar zweimal die Scheibe herunter, um wenigstens anhand der Satellitenschüsseln die Richtung zu bestimmen, in die wir fuhren. Wir wechselten die Richtungen von Straße zu Straße. „Fahren Sie links, nochmal links, fahren sie rechts, jetzt müssen Sie rechts fahren, wenn Sie mich tatsächlich ausrauben wollen. Um unseren Vertrag zu brechen, müssen Sie sich jetzt wieder links halten. Fahren Sie rechts, links.“

Wir hatten Angst, die Alte könnte uns in eine Falle locken, in eine öde Industriegegend, wo sich Rentner zu einer Gang zusammentaten, um junge Menschen wie uns auszurauben und sich für das Elend ihrer Existenz zu rächen. „Wir halten jetzt an, und wenn du uns nicht genau beschreibst, wo du wohnst, nehme ich dir deine Scheiß-Tasche ab und schmeiß dich auf die Straße!“ Jüchens Drohung erübrigte sich, denn wir waren am Fluß angekommen, dem großen Wegweiser. Vor uns eine lichtlose Zone, eine Schneise der Dunkelheit, aus der es Tropfen wehte, die unsere Scheibe beschlugen. Im Westen reflektierte der zugezogene Himmel die Lichter des Zentrums. Die Südbrücke war deutlich zu sehen. „Nur noch über die Brücke zu dem Hochhaus auf der anderen Seite, da wohne ich.“ „Ich glaube dir kein Wort, du Hexe!“ Da sagte die Frau mit einer energischen Stimme, die zu ihrem vermeintlichen Alter nicht paßte: „Du hast keine andere Chance, Kleiner, wenn du mein Geld haben willst!“ Wir mußten ihr den Gefallen tun und hielten auf die Südbrücke zu. Je näher wir kamen, desto mehr Leute sahen wir auf dem Bürgersteig.

Links floß der Strom und rechts flanierten die Menschen vor den Fenstern der Ausflugslokale. Bald war auch die Fahrbahn bevölkert. Blau-Blitze schossen über uns hinweg und zerplatzten an Windschutzscheiben und Rückspiegeln. Vor und neben uns fuhren noch andere Autos. Die Hexe hatte uns in die politische Abenddemonstration dirigiert, die jede Woche Dienstag stattfand. Die Menschen demonstrierten für den Umzug nach Berlin, gegen das Ladenschlußgesetz, für Angelica Domröse als Bundespräsidentin und gegen die Treuhand. Es gab noch andere Punkte, alles in allem waren die Forderungen der Leute löblich, und wir hätten uns ihnen wahrscheinlich angeschlossen, wenn wir nicht auf unser Geld angewiesen wären. Als wir uns festgefahren hatten, schrie die Alte plötzlich mit der uns mittlerweile vertrauten schrillen Stimme, die mich schon am Kino in Zweifel darüber gestürzt hatte, ob wir nicht verrückt wären. Sie schrie: „Da, da“ und „da“, und ehe es einer von uns hätte verhindern können, stieß sie den Schlag auf und sprang auf die Straße. Sie drängelte sich durch die Menge, die so dicht geworden war, daß ich mich heute noch wundere, wie sie die Autotür aufdrücken konnte. Die Frau schubste sich an einen Peterwagen heran. Sie würde uns verpfeifen und behaupten, wir hätten sie vergewaltigt und ihre Tasche stehlen wollen. An Flucht war hier nicht zu denken. Wir sahen, wie sie mit den Bullen verhandelte, und dann mußten wir tatsächlich erleben, daß sie mit zwei Beamten zurückkehrte.

Was glauben Sie, was sich diese Frau herausgenommen hat? Solche Dreistigkeit hätte ich ihr auch nach dem gelungenen Coup im Restaurant nicht zugetraut. Sie behauptete nämlich, sie sei schwanger, und bequatschte die Polizisten, uns zusammen mit ihr durch die Menge über die Brücke nach Hause zu lotsen, wo sie ihre Sachen packen, ein Taxi bestellen und von dort zur nächsten Klinik fahren würde. Jüchen hatte den Tragriemen ihrer Schultertasche um den Schaltknüppel geschlungen. Die Frau schnappte sich ihre Tasche und wollte damit zu den Bullen in das Lotsenauto, aber ich war geistesgegenwärtig genug, das Pfand festzuhalten. Warum ist sie nicht ohne uns abgehauen? Das fragte ich mich, als wir im Schlepptau der Polizei langsam die Brücke überquerten. Klingt ihre Geschichte glaubwürdiger, wenn sie auf zwei aufgeregte Männer verweist, von denen aber keiner der Vater hätte sein können – naja, wollen? Sind wir für die Beamten jetzt die großen Söhne, die ihre Mutter nach Hause begleiten? Die Tasche schien ihr viel zu bedeuten.

Sie dirigierte die Polizei und uns zu dem Komplex von Hochhäusern, den wir schemenhaft hinter der Brücke wahrnahmen. Vereinzelte Lichter in diesem Hausberg wirkten wie Sterne. Ich fürchtete, daß die Alte uns verpfeifen würde, und wollte gerade meinem Kollegen vorschlagen abzuhauen, als er das Steuer herumriß und dem Peterwagen in eine Seitenstraße folgte, in die Zufahrt zu den Hochhäusern. Er fluchte, weil er beinahe das Vorfahrtschild umgeknickt hätte, soweit war er auf die linke Fahrbahn geraten. Über die Schulter sah ich, wie das Schild noch wackelte. Es wäre sowieso zwecklos gewesen, vor den Bullen zu fliehen. Sie hätten eine Ringfahndung ausgelöst und den Fluchtversuch als Geständnis ausgelegt. Die Schramme am Auto links hinten kostete uns mehr, als die Alte uns schuldete. Allein deswegen mußten wir das Geld zurückhaben.

Zunächst geschah nichts Aufregendes. Die Hexe stieg aus, winkte sogar den Bullen zu, die langsam wegrollten. Wir kletterten aus dem Wagen. Ich hielt die Tasche und brauchte der Alten gar nicht erst zu erklären, welche Spielregeln sie zu beachten hätte. „Ich hole eben das Geld, und ihr gebt mir dann die Tasche zurück“, sagte sie, „aber ich muß die Schlüssel haben.“ Ich hielt die Tasche mit beiden Händen fest am Griff, und die Alte kramte aus einem Seitenfach, das außen aufgenäht war, ihre Schlüssel heraus und stöckelte dann an den Mülleimern vorbei in den überdachten Hauseingang.

Sie hantierte dort herum, daß wir mißtrauisch wurden und nähergingen. Doch dann flammte das Flurlicht auf. Ein Streifen beleuchteter Fenster erhellte die Büsche und ein paar Bäume, die um die Hochhäuser herum einen Park bildeten – und beschien den Mann, der auf dem Rand eines leeren Brunnens saß und gerade, als ihn das Licht enthüllte, die Hand von der Putte zog, an die er sich gelehnt hatte. Weil er sich ertappt fühlte, begann er damit, was er von Anfang an beabsichtigt haben mochte: Er spielte Saxophon, ziemlich zusammenhanglos und traurig, Jazz-Improvisationen. Nach einigen Anläufen, die in quakenden Disharmonien zusammenbrachen, bequemte sich die Gestalt vom Beckenrand herab – er unterbrach dabei das Spiel – und überquerte die Straße. Er trat in den grünen Kreis einer Bogenlampe. Ihr Licht machte alles fahl, die Konturen zerrieselten, vom bloßen Hinsehen taten einem die Augen weh. Wir warteten. Ich studierte den Mann. Er sah aus wie Joe Lovano, nur jünger, jedenfalls wuchs ihm auch der Bart um den Mund herum, aber vielleicht war es auch nur ein Schatten. Er blickte her. Ich erkannte es an den schwarzen Kreisen seiner Augenhöhlen und seines Mundbartes. Dann fing er wieder an, mit dem Saxophon zu klagen, zu schluchzen und sich zu verschlucken. „Etwas falsch, aber goldrichtig“, sagte Jüchen, „ich schlage vor, wir begründen unsere Anwesenheit am besten damit, daß wir ihm zuhören wollen und andernfalls schon längst zu Hause wären. Ich meine, was tun wir sonst hier?“ „Was tut DER hier? Sieht er nicht aus wie Joe Lovano auf einem unterbelichteten Foto?“ „Wer bei der Kälte so spät auf dem Sax herumwimmert, ist ein verhinderter Don Giovanni, ein verliebter Kater, der für eine Angehimmelte aufspielt, die hinter einem dieser vielen Fenster …“ „ sich die Ohren zuhält.“

Es vergingen keine zwanzig Minuten, da rollte aus dem Schatten einer Seitenstraße, die ich für einen Fußweg gehalten hatte, eine Funkstreife. Sie schlich sich an, um Joe, den jemand angezeigt hatte, bei seinen Improvisationen in flagranti zu ertappen. Die Alte aber, die Hetäre mit den Netzstrümpfen und dem lackierten Gesicht, ließ sich nicht mehr blicken. Ein Mann und eine Frau in Uniformen stiegen umständlich aus dem Wagen, als wüßten sie nicht genau, was sie anfangen sollten. Sie gingen auf Joe zu und sprachen mit ihm. Die Unterhaltung verlief freundlich und mündete in Fachsimpelei. „Wenn die beiden die ganze Nacht in dem Auto Dienst tun …“, bemerkte Jüchen. „Sie dürfen sich dabei nicht erwischen lassen“, sagte ich. „Wie jetze? Wobei nicht erwischen?“ „Beim Poppen.“ Joe hatte längst zu spielen aufgehört. Die beiden schlenderten nun zu uns herüber, stellten sich vor, Polizeiobermeister XY, Polizeiobermeisterin YZ. Er blickte zum Himmel, sie auf die Uhr, als wären die beiden vom Wetterdienst und müßten eine Statistik nachbessern. „Namd zusammen, wie lange spielt der Herr?“ „Namd zusammen, solange wie wir auf die Zechprellerin warten“, sagte ich, frech und mutig geworden. Ich erklärte den beiden alles so, wie ich glaubte, daß es stattgefunden hatte, nämlich wie wir um unser Geld betrogen und hingehalten worden waren. „Wir können noch drei Tage hier warten, ohne die Alte wiederzusehen, denn sie wird da vorne rein und unten durch die Garage wieder rausgegangen sein und jetzt irgendwo da draußen zur Brücke marschieren und in der Demonstration untertauchen.“ Aber wir besaßen ja noch die Tasche. Und im Beisein der Amtspersonen durften wir sie öffnen.

In dem offenen Fach das Übliche: Spiegel, Lippenstift, Pariser und ein verschlissenes, weich gewordenes Foto. Das andere Fach hatte einen Reißverschluß und war zugezogen. Als ich es aufmachen wollte, klemmte es. Die Ecke eines Geldscheins hatte sich zwischen die Zähnchen gesetzt. Ich zerrte daran, bekam es auf, und wir sahen zwei Notenbündel. Wenn es Hunnis waren, dann handelte es sich insgesamt um 10.000 Mark, vielleicht sogar 15.000. „Tschja“, sagte die Polizeiobermeisterin, „da müssen wir die Dame fragen, woher das viele Geld kommt. Natürlich dürfen Sie jetzt nichts davon abzweigen, Ihre Forderungen mögen noch so berechtigt sein. Wollen Sie Anzeige gegen die Frau erstatten?“ Ich überlegte einen Augenblick und erwiderte: „Nö, lieber nicht.“ Der Polizist war zum Wagen gegangen und telefonierte. Dann kehrte er langsam zurück. Er schlenderte und schien sich eins zu pfeifen. Sein Interesse an dem Saxophonspieler war verflogen. Die Beamtin: „Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, warten Sie bitte auf die Dame, auch wenn es etwas länger dauern sollte.“ „Warum?“ fragte ich mißtrauisch. „Warum täten wir Ihnen damit einen Gefallen?“ Sie blickte auf ihren Kollegen, der hinter uns getreten war und jetzt das Gespräch fortsetzte: „Das Geld haben wir schließlich bei Ihnen gefunden, in Ihrem Wagen, und bisher hat sich noch keine Dame blicken lassen, die es für sich reklamiert. Sie müssen mit aufs Revier und zu Protokoll geben, wem das Geld gehört und wie genau Sie in seinen Besitz gekommen sind. Dann können Sie selbstverständlich wieder nach Hause oder hierher zurück, wenn Ihnen an der Dame soviel liegt.“ Eine zweite Funkstreife rollte heran. Viele Alternativen hatten wir nicht mehr.

Als wir am nächsten Morgen um elf das Revier verließen, ohne Handtasche und ohne das Geld, das uns zustand, sagte Jüchen: „Weißt du, wer gestern die Polizei gerufen hat? Joes Angebetete. Sie hatte das Schleimen satt und die Bullen geholt. Sie ist an allem Schuld! Weiber! Ohne sie wäre die Polizei nicht aufgetaucht, und wir hätten das ganze Geld: ZWANZIG Riesen! Aber du konntest ja die Schnauze nicht halten. Du mußtest denen die Handtasche auf die Nase binden, dabei interessierten die sich bloß für das Sax. Kein Geld zu kriegen, das hätten wir auch bequemer haben können! Und noch etwas: Diesen italienischen Brauch, ja, den gibt es nämlich gar nicht!“ „Das weiß ich jetzt auch, du Blödmann.“

Monbijou

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

Eigentlich wohne ich ja in der Krausnickstraße. Zur Zeit bin ich allerdings außer Haus. Nicht weit von meiner Wohnung entfernt, an der Oranienburger, erstreckt sich ein Park, mehr eine Grünanlage, an der man abends besser nicht alleine vorbei geht, weil es passieren kann, daß jemand aus dem Busch springt, einem die Gaspistole vor die Nase hält und Asche für Schnee haben will. Früher stand dort das Schloß Monbijou. Es hatte den Krieg zwar überlebt, aber so angeschlagen, daß die Regierung es abreißen ließ. Das fiel ihr leicht, denn es war ein Symbol des Junkertums und des preußischen Militarismus, kein augenfälliges, aber dennoch konterrevolutionär. Ich gehörte kurz vor dem Abriß, 1958, zu der Umzugsbrigade und mußte dafür sorgen, daß einige Exponate des Hohenzollern-Museums, das Monbijou beherbergte, ausgelagert wurden. Man wollte nicht alles zerstören, einiges verhielt sich ja neutral gegenüber dem Sozialismus und sah außerdem schön aus.

Jetzt darf ich es ja ruhig sagen, mir kann sowieso keiner: In einer Schublade des Schlosses fand ich etliche verschnürte schwarze Mappen. Wenn sie auch für den Sozialismus keinen Wert besaßen, sie mochten trotzdem für einige Verrückte, die auf alte Sachen stehen, wertvoll sein. Ich nahm die oberste Mappe mit nach Hause. Auf einem weißen Etikett stand säuberlich: „3. Armee (Kronpr.), II. Corps (bair.)“. Zu Hause, also in der Krausnickstraße, schnürte ich die Mappe auf und fing mit der Untersuchung an, immer unter dem Gesichtspunkt, welchen Wert könnten die Dokumente, die ich zu finden hoffte, für andere haben, für Russen z.B. oder für West-Berliner, wie viel würden sie dafür geben. Ich fand ein beschriebenes Blatt in Deutsch und einige an den Rändern zusammengebundene Blätter auf Französisch. Den deutschen Text hat der Leutnant Joseph Huber verfaßt. Er schildert, wie die französischen Blätter in seine Hände gefallen sind. Ich will hier nicht alle Einzelheiten ausbreiten, sondern nur das Wichtigste mitteilen. Aber den ersten Satz gebe ich wörtlich wieder.

„Napoleon III. hat uns und den Preißen am Todestage der verewigten Königin Louise, nämlich am 19. des July, den Krieg erklärt, und das ist eine Unverschämtheit!“ Ende August 1870 besetzte eine Kompanie Bayern das Dorf La Besace westlich der Maas. Die militärische Lage hatte sich zugespitzt. Die Bayern waren nervös, überall sahen sie Franktireurs. Vor denen hatten sie am meisten Angst, und als schließlich ein Schuß fiel, da wurde viel geschrien und herumkommandiert. Von den Bewohnern ließ sich niemand blicken. Drei Soldaten zerrten einen jungen Mann auf die Straße, der geschossen haben soll. Sie diskutierten und gestikulierten. Es sah ziemlich bedrohlich aus. Über dem Haupt des Jungen braute sich Unheil zusammen. Man konnte den Pulverdampf schon riechen. Da trat eine Frau auf die Dorfstraße. Sie hielt einen Stock hoch, an dem ein weißer Lappen hing, und wünschte einen Offizier zu sprechen. Langer Rede kurzer Sinn: Sie führte den Leutnant Huber in ein Haus, wo ein Lehrer wohnte, mit über 90 Jahren vermutlich der älteste Mann im Ort. Der Greis sorgte sich um den Erhalt des Dorfes. Er glaubte wahrscheinlich selbst, daß Franktireurs in den Häusern steckten und herumballerten, und daß deshalb ein Ort in Schutt und Asche gelegt würde, wie es ja schon passiert war. Er versuchte in einer Ansprache, den Leutnant zu besänftigen, und als sich dessen Nervosität nur noch steigerte, denn er verstand Französisch kaum, da kramte der Mann, der sich vor eine Anrichte hatte schieben lassen, ein paar beschriebene Blätter hervor, die dem Leutnant beweisen sollten, warum La Besace verschont zu werden verdiente. Huber nahm die Papiere, dankte und kehrte auf die Straße zurück. Er ließ den Geistlichen des Ortes kommen. Das sah nun gar nicht gut aus, nämlich so, als sollte jemand den letzten Beistand erhalten. Der Huber Joseph aber befahl dem Pfarrer nur, den Gefangenen in die Sakristei zu sperren, bis der Staub über der abrückenden Kompanie verflogen wäre. Die Nerven hatten sich beruhigt. In diesem Dorf fiel kein weiterer Schuß, kein Mensch verlor sein Leben, und auch die Häuser blieben ganz. Erst einen Tag später und ein paar Kilometer nördlich entbrannte der Kampf, der als die Schlacht von Sedan in die Geschichte eingegangen ist.

Der Greis aus dem Dorf La Besace ließ die Geschichte, die ich erzählen werde, durch seine Nichte aufzeichnen. Wann das genau war, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Der Mann selber konnte nicht mehr schreiben, weil ihm an jeder Hand zwei Finger fehlten. Er hatte sie in den Winterfeldzügen 1812 verloren, als er mit Monsieur, so pflegte er den ersten Napoleon zu nennen, Hals über Kopf aus dem kalten Rußland geflohen war. Die Geschichte auf den gebundenen Blättern ergänze ich um einige Passagen, die der Alte, damals ein junger Kerl, noch nicht wissen oder bestenfalls ahnen konnte. Ich habe auch keine Lust, den Text wörtlich aus dem Französischen zu übersetzen. Deshalb berichte ich zwar wahrheitsgemäß, aber mit eigenen Worten.

Die Königin floh vom Schlachtfeld bei Jena, auf dringenden Rat des alten Herzogs von Braunschweig. Sie wandte sich nach Berlin, raffte das Wichtigste zusammen und reiste hastig weiter an die Oder, als sie hörte, die Schlachten bei Jena und Auerstedt seien „ungünstig“ verlaufen, aber der König lebe noch. In ihrer Begleitung befanden sich die alte Oberhofmeisterin, eine weitere Dame, ein Kammerherr und ihre zwei Kinder. Zu ihrem Schutz waren der junge Leutnant von Finow und drei ihm untergebene Reiter abkommandiert. Finow liebte die Königin unsterblich und hoffnungslos. Darum sorgte er sich wie eine Glucke um sie. Er hatte sich vorgenommen, seine Königin um jeden Preis zu beschützen, und vor allem, sie vor französischer Gefangenschaft zu bewahren. Die Königin und ihre zivilen Begleiter vertrauten ihm ganz. Sie nannte nur das Ziel einer Tagesreise und überließ dem Offizier die Wahl eines sicheren Weges. Er setzte, einem militärischen Grundsatz folgend, auf Schnelligkeit und wählte daher die breite Straße. Um die kleine Kavallerie nebst Reisewagen vor einer unliebsamen Begegnung zu schützen, befahl er einem Reiter, die Nachhut zu bilden, und überließ ihm das feurigste Pferd. Als Vorhut bestimmte er zwei Reiter. Der erste vorn mußte in Sichtweite des zweiten Reiters traben, und zwar in der größtmöglichen Entfernung, die einen Sichtkontakt noch zuließ, und der zweite in maximaler Sichtweite zum Reisewagen. Ihnen oblag es auch, die richtige Distanz einzuhalten und sich Finow jederzeit wenigstens optisch mitteilen zu können. Beide Vorreiter waren unbewaffnet, im Gegensatz zur Nachhut, die Befehl hatte, Feinde an der schnellen Verfolgung zu hindern, nämlich durch Schüsse in die Luft, denn Leichen auf seinem Weg konnte Finow nicht gebrauchen. Er mußte mit dem Schlimmsten rechnen, der Gefangennahme. Finow blieb in der Nähe der Kutsche und erkundigte sich von Zeit zu Zeit bei der Hofdame nach dem Befinden der Königin, denn gelegentlich wurde aus Gründen der Toilette eine umständliche Pause eingelegt, durch die eine anfällige strategische Lage entstand. Der junge Gardeoffizier war dann in heller Aufregung und drehte seinen Kopf wie ein Uhu, mal in die Richtung der Damen, mal nach vorn, mal nach hinten, um Zeichen drohender Gefahr rechtzeitig zu erkennen.

An der Kreuzung des Reiseweges mit der Straße nach Stettin, die durch einen Kiefernwald führte, geschah es. Eine französisch-hessische Patrouille sah den preußischen Vorreiter in derselben Sekunde wie der Vorreiter die Franzosen und Hessen. Er warf sein Pferd herum, gestikulierte nach hinten zum zweiten Reiter und setzte über einen Zaun auf eine Weide vor dem Wald, um die Aufmerksamkeit der Verfolger vom Reiseweg abzulenken. Die Hessen schossen sein Pferd nieder. Es stürzte, und sie nahmen den Reiter gefangen. Er verwickelte die feindlichen Kavalleristen in eine Diskussion darüber, ob das Tier den Fangschuß erhalten oder ob man es besser einem Veterinär überlassen solle. Die Stute starb den Heldentod. Ein französischer Offizier namens Rodez vernahm ihn, und ein hessischer Dragoner dolmetschte. Ob er alleine sei? Ja, als Kurier. Wo er seine Meldetasche habe? Die Botschaft sei hier im Kopf. Welche Botschaft? Das gehe nur den König von Preußen und seine Gemahlin etwas an. Wo sich denn der König aufhalte? „Das interessiert wohl die Herren Franzosen, das möchten Sie wohl gerne wissen?“ „Bitte, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Er halte sich an der Weichsel auf, inmitten eines kampferprobten Korps. Und die Königin? Zu Schwedt in einem festen Schloß. Und die Botschaft? Dürfe er nicht verraten. „Sie sind kein Kurier! Sie sind hier, um unsere Stellungen auszukundschaften! Ich hätte nicht übel Lust, Sie zu füsilieren.“ „Das wäre gegen jedes Recht, ich trage Uniform, und im übrigen lautet die Botschaft: Die Königin ist schwanger, eine wichtige Nachricht, aber ohne jeden militärischen Nutzen!“ Da sei er ja noch einmal um die Füsilade herumgekommen, spöttelte Kapitän Rodez. Der Preuße wurde als Gefangener in die Obhut eines Wachtmeisters gegeben. Kapitän Rodez aber war unzufrieden mit dem Verhör. „Der Gefangene hat ohne Not den vermeintlichen Aufenthaltsort seiner Königin genannt.“ „Sie haben ihn gefragt, mon capitaine“. „Was hättest du an seiner Stelle geantwortet? Was hätte jeder von uns geantwortet? Wir hätten ausgerufen: Erschießt mich, machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber wo sich Madame la reine aufhält, werde ich Ihnen auch unter der Folter nicht verraten. So oder ähnlich hätten wir geantwortet – zuerst einmal, pas vrai? Aber dieser Kerl fantasiert. Er behauptet, was ihm als erstes in den Sinn kommt: Schwedt. Da ist sie nämlich nicht, so wenig wie der König an der Weichsel! Also? Sucht mir die Gegend ab! Und kommt mir nicht ohne Gefangene zurück!

Die Franzosen und Hessen hatten die Kutsche aufgebracht. In ihr saßen eine alte Dame und ein alter Herr. Sie gestanden dem Kapitän Rodez, daß sie vor Napoleon flüchteten. Die Alte behauptete, sie komme aus dem Mecklenburgischen und sei eine Gräfin Gransee, und sie hätten nur einen Groom. „Einen Groom in preußischer Husarenuniform?“ Ein Husar habe sich erboten, ihnen einen sicheren Weg nach Osten zu zeigen. „Wir haben Ihren Wagen nicht auf der Straße gefunden“, sagte der Hesse, „sondern hinter Büschen, einen Steinwurf vom Weg entfernt.“ Sie hätten den Schuß gehört und Angst gekriegt, heutzutage seien ja nicht nur Franzosen unterwegs, sondern auch andere Räuber. Der Hesse grinste. „Sie vertreten Ihre Sache gut, Gräfin. Mir ist aufgefallen, daß die Radspuren, die von der Straße hinter die Büsche führen, tiefer sind als diejenigen, die wieder herauskommen, außerdem weisen Hufspuren in die andere Richtung.“ Das eben sei der Groom gewesen, der Feigling. Der habe im Wagen gesessen, zur Unterhaltung und für kleine Handreichungen, und als die Reiter auf sie zustürmten, sei er auf das Pack-Pferd gesprungen und – weg! Der Kapitän fragte seinen rheinbündischen Untergebenen: „Warum hast du ihn nicht verfolgt?“ „Mon capitaine, ich habe niemanden fliehen sehen. Ich habe nur diese beiden Herrschaften angetroffen.“

Zum ersten Mal kam Rodez der Gedanke, daß er keine Landpomeranze in einer Chaise vor sich hatte, sondern jemand Bedeutendes, eine Dame vom Berliner Hof. Er bat den Hessen, nicht mehr zu dolmetschen, und setzte selbst das Verhör auf Französisch fort. „Und wer sind Sie?“ fragte er den Alten, der französisch antwortete, etwas knödelig, aber fließend, wie man bei Hofe spricht. „Ich bin nur der Bruder.“ „Sie sind es NUR? Glauben Sie, ich hätte Sie für den Außenminister gehalten?“ „Ich wollte damit sagen, daß ich, obwohl selbst ein Graf von Gransee, nicht der Ehemann der Gräfin bin.“ An die Alte gewandt, fragte Rodez: „Madame, sind wir uns schon einmal begegnet?“ Er faßte sie scharf ins Auge. Die Frau, die den Fehler ihres Begleiters erkannt hatte, nämlich auf eine französische Anrede fließend en francais zu antworten, radebrechte so, daß Rodez ihr das Wort abschnitt. Er sah sie forschend an. In der Art, wie sie gesprochen hatte, lag eine unzureichende Schlauheit.

Aus seinen Erinnerungen tauchte eine Szene auf: Der Empfang des französischen Gesandten im Berliner Schloß zum Geburtstag des Königs. Rodez, ein Niemand, gehörte zufällig zur Gesandtschaftswache. Das Beste an ihm war seine Uniform. Sie glitzerte an allen Ecken, und so stellte er buchstäblich die militärische Macht Frankreichs dar. Er selbst war unwichtig. An seiner Linken hing ein Zierdegen, ein Zahnstocher. Er kam sich nicht nur überflüssig, sondern auch albern vor. Der König verhielt sich wie immer bedrückt und lustlos. Natürlich nahm er keine Notiz von der französischen Machtentfaltung in Person des Kapitäns. Der Gesandte gab sich gelangweilt, aber nicht bedrückt. Auch er nahm keine Notiz von Rodez, er kannte nicht einmal seinen Namen.

Da erschien die Königin von Preußen, Luise Leukophryene, die Königin mit den glänzenden Brauen. Die Menge teilte sich wie das Rote Meer. Der Gesandte straffte sich. Die Königin blickte auf den kleinen Kapitän Rodez, nicht lange, sie lächelte, und für einen Pulsschlag gehörte sie ihm. Sie grüßte ihn selbstverständlich nicht, nicht einmal durch ein Kopfzucken, aber sie hatte ihn wahrgenommen, wie sonst keiner von den Schranzen, die vor lauter Vornehmtuerei nicht scharf genug an einem vorbeisehen konnten. Jeder in der Menge, selbst der Türaufreißer, bildete sich ein, daß die Königin ihn angesehen hätte, als wäre sie ein schönes Bild, das gleichzeitig jeden anblickt, wo er auch steht. Obwohl sie ihn nicht mehr beachtete, verfolgte Rodez sie von nun an mit seinen Blicken. Sie mochte hintreten, wo sie wollte, seine Augen waren auch da. Bei dieser Augenjagd mußte ihm auch die Alte aufgefallen sein, denn auch sie war immer bei der Königin, die Oberhofmeisterin, eine Dogge. „Stehen Sie nicht rum“, hatte der Gesandte ihm zugeflüstert, da nutzte Rodez die Gunst des Augenblicks, bevor er den Audienzsaal verlassen würde, und verneigte sich gegen die Königin zum Abschied, als wäre er der Botschafter, der Botschafter seiner selbst, und dieses Mal nickte die Königin Luise, so daß alle bewundernd und neidisch zu ihm hinsahen, selbst der Ambassadeur.

Rodez verleugnete vor sich selbst, daß der Gedanke an die Königin, der sein Sonnengeflecht warm überflutete, etwas mit der Alten vor sich zu tun hätte. Barsch befahl er die Suche nach weiteren Insassen der Kutsche, und als es darum ging, den Verantwortlichen für die Streife zu bestimmen, erschien ihm die Sache so wichtig, daß er sich selbst dazu ernannte. Den übrigen befahl er, sich in den Wald zu schlagen. Er ritt mit seinem Trupp zum Versteck des Reisewagens, und von da folgte er den Schleifspuren im Gras auf den Wald zu, bis sich eine Schneise auftat, die ihm den Blick auf eine Kate freigab.

Sein Gegenspieler, Leutnant von Finow, hatte besorgt dem Wunsch der Damen stattgegeben, die Kätner um eine Unterkunft zu bitten. Er und der zweite Soldat seiner Vorhut beobachteten, durch die Bäume getarnt, die Übermacht der französischen Patrouille. Finow entschloß sich, gegen sein Temperament, in der Nähe der Königin keine Schießerei zu dulden. Er machte es wie die Amsel, die ihre Küken beschützt, indem sie fortflattert, um Räuber vom Nest zu locken. Die beiden Leibwächter liefen tiefer in den Wald hinein, von der Hütte fort, und Finow schoß zwischen die Baumkronen, als er glaubte, sie seien nun weit genug entfernt. Er wollte die französische Streife auf sich ziehen.

Kapitän Rodez jedoch verbot seinen Leuten, in die Richtung loszureiten, aus der sie den Schuß gehört hatten, denn er durfte seine Kräfte nicht zersplittern. Er befahl, einen Kordon um die Hütte zu ziehen und die Waffen bereitzuhalten. Dann stieg er vom Pferd, hängte seinen Säbel an den Sattel, so daß jeder es sehen konnte, und ging stracks auf das Haus zu, ein flaues Gefühl im Magen. Er klopfte an die Tür. Nach einer Weile öffnete die Bäuerin, nur einen Spalt. Rodez grüßte, und zwar betont unfreundlich, um anzudeuten, daß jedes Hinhalten zwecklos sei. Das Zeichen wurde verstanden. Die Frau ließ in ins Haus. Er sah ergebene Gesichter. Was sollte er die Menschen fragen, die Bauersleute, den Jungen und die abgehärmte Frau, die vor ihm standen? Er rief den Hessen. Der mußte nach Neuankömmlingen fragen und möglichst grob versichern, daß niemandem etwas geschähe. Und während der Hesse sein Bestes tat, dachte Rodez darüber nach, weshalb genau er sich für die Flüchtlinge, die er hier vermutete, interessieren sollte. Da war das seltsame Verhalten, zuerst des Grooms oder Husaren und dann der Alten, die er wahrscheinlich schon einmal gesehen hatte, nicht irgendwo, sondern im Schloß zu Berlin. Und da war die aberwitzige Vermutung, eine hochgestellte Persönlichkeit – die Hoffnung, Madame mit den glänzenden Brauen … Er verscheuchte den Gedanken an die Königin.

„Sie behaupten, hier ist niemand Fremdes, außer uns beiden natürlich.“ „Und warum heult die Frau dann?“ Rodez machte einen Schritt auf die nächste Tür zu. Da umklammerte der Junge die Beine des Kapitäns und sagte: „Da dürfen Sie nicht rein, da schläft Mama.“ Rodez beugte sich zu ihm und antwortete: „Aber ich bin die Patrouille. Ich muß in jedes Zimmer gucken. Das ist meine Pflicht. Das weißt du doch!“ Das schien der Junge zu wissen, aber er verlangte Rodez´ Reiterpistole. Der Kapitän entlud sie und reichte sie ihm. „Gib sie mir zurück, wenn ich das Zimmer untersucht habe.“ Er betrat die Kammer. Die Frau, die geweint hatte, folgte ihm dicht auf den Fersen. In dem Kastenbett schlief eine Dame. Die Vorhänge waren zurückgeschlagen. Rodez trat ans Bett. Sein Herz überschlug sich. Vor ihm lag Madame und schlief. Die Monarchin schnarchte ein wenig. „Wer ist die Dame?“ fragte Rodez verwirrt. Als Antwort begann der Schatten hinter ihm wieder zu schluchzen.

Er dachte: Wenn ich die Königin gefangennehme, werde ich unsterblich. Nein: ich werde nur eine Fußnote der Historiker. Wird Monsieur mich befördern? Wenn ich vor ihn hintrete und sage: Sire, mon general, ich habe eine Frau im Bett überrascht, als sie schlief, und dann gefangen genommen? Monsieur wird sich amüsieren, ja er wird sich freuen, denn vor dieser Frau hat er mehr Gamaschen als vor dem Einfaltspinsel von König. Dabei sieht sie gar nicht furchterregend aus, im Gegenteil. Monsieur würde ihn nicht befördern. Dazu gehört mehr. Dazu müßte der kleine Kapitän Rodez eine Batterie im Sturm erobern, aber eine ziemlich große. Monsieur kann man nichts vormachen. Wenn ich sie wecken lasse, und ich erkläre ihr die Gefangennahme, wie wird sie mich ansehen? Ausgelöscht sein wird die Erinnerung an den Blick, der mich, wenn auch kurz, beleuchtet hat. Sie wird mich überhaupt nicht anblicken – und wenn doch, dann wird es furchtbar.

„Mon capitaine, wollen Sie die Frau heiraten und hier Wurzeln schlagen?“. Rodez stürzte aus dem Haus, vergaß seine Pistole. Er saß auf. Der Kronprinz von Preußen lief herbei. „Mon capitaine, vous avez oublie votre pistolet.“ Der Kleine grüßte militärisch. Rodez nahm den polierten Griff aus Nußbaumholz entgegen. „Merci, mon camarade.“ Er befahl den Aufbruch und schonte die Königin von Preußen wie David den König Saul.

Bei der Kutsche angekommen, fragte Rodez die Alte, nur um sie zu ärgern: „Wer ist die Dame in der Hütte? Ich meine nicht die Bauersfrau!“ Und die Alte, ohne zu zögern: „Meine Königin.“ Sie sagte es aber so, wie ein Liebhaber sagt: Mein Schatz. Der Kapitän gab die Kutsche frei und entließ den uniformierten Vorreiter aus der Gefangenschaft. Die Alte trat vor Rodez und sagte: „Gott gewähre Ihnen ein langes Leben!“ „Ihrer Königin und Ihnen auch.“ „Ihr letzter Wunsch ist bereits erfüllt. Sie hätten ihn nicht äußern sollen, denn Gott erfüllt lieber zwei Wünsche als drei.“ „Er erfüllt gar keine Wünsche.“ „Sagen Sie das nicht, mein Sohn!“ Als die Kutsche außer Sicht war, fragte der Hesse: „Was berichten wir nun? Es sind immerhin Schüsse gefallen.“ „Schreib in deinen Bericht, du habest eine Gräfin Gransee in ihrer alten Kutsche vorüberrasseln hören, und es wäre dir vorgekommen wie Gefechtslärm!“

Das ist die Geschichte, die auf den gebundenen Blättern steht. Der bayerische Offizier, dem das bedeutende Dokument in die Hände gefallen war, schrieb dem Sinn nach: Der Lehrer des Dorfes La Besace hat mir ein Geschäft vorgeschlagen, ein Geschäft unter Ehrenmännern, denn er war bereits vor über 60 Jahren in Vorleistung getreten: Die Mutter unseres obersten Kriegsherrn gegen die Rettung des Dorfs. Ich habe in den Handel eingewilligt und ein gutes Geschäft gemacht. Denn ich hätte das Dorf sowieso nicht eingeäschert. Aber auch der Lehrer Rodez kommt auf seine Kosten. Ich werde seine Aufzeichnungen pflichtschuldig meinem Regimentskommandeur Alois Grafen zu Sayn-Mittenwald aushändigen. Und der weiß bestimmt, etwas damit anzufangen. Soweit der Huber Joseph.

Zuerst habe ich mich nicht getraut, die Dokumente zu verhökern. Ich wollte abwarten, ob jemand die Mappe vermißt. Im Sommer 1961 wurde dann die Mauer gebaut, deshalb war gar nicht daran zu denken, die Papiere im Westen an den Mann zu bringen. Erst nach der Wiedervereinigung, als man anfing, bei uns aufzuräumen und alles auf den Kopf zu stellen, habe ich auch bei mir, also in der Krausnickstraße, aufgeräumt und bei der Gelegenheit die Mappe wiedergefunden und die Dokumente, uneigennützig wie ich bin, dem Deutschen Historischen Museum angeboten. Ich bin dadurch nicht reich geworden. Jetzt sitze ich in U-Haft in der JVA Moabit. Man will mich als Urkundenfälscher anklagen. Es gebe gar keine Grafen oder Fürsten zu Sayn-Mittenwald. Das ist doch nicht meine Schuld! Außerdem ist es für die Geschichte völlig belanglos. Ich hätte es besser gar nicht erwähnt! Der psychologische Gutachter bescheinigt mir, ich sei ein notorischer Lügner. Aber Sie wissen ja selbst, was man von Psychologen zu halten hat.

Pirols zweite Verlobung

von Jürgen Jesinghaus (copyright)

An diesem Abend betrat der General den Park. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Vertefeuille fand er die Zeit, sich auf dem requirierten Anwesen umzusehen. Das Eisentor war angelehnt, sonst wäre er nicht in die dunklen Gärten gegangen, denn er hätte keinen Befehl zum Aufschließen gegeben. Er respektierte das Eigentum der Familie Armont. In den leeren Pferdeställen – die französische Armee hatte die Tiere längst fortgeführt – war sein Hauptquartier untergebracht. Der General hatte sich vor das Schloß fahren lassen und die Frau des Besitzers, eines Industriellen, um die Überlassung der Wirtschaftsräume gebeten. Das war vor einer Woche. Seitdem bis heute hatte er Ordonnanzen empfangen, Berechnungen angestellt, Fahrpläne entworfen und Berichte diktiert. Die Diskussionen im Stab waren erbittert geführt worden. Nach seinen Entscheidungen, die er endlich hatte treffen müssen, spürte er die unterdrückte Mißbilligung und sah die kantigen Gesichter der Offiziere, die seinen Plan kritisierten. Dabei hatte sich der Plan an den langen Arbeitstagen und in den kurzen Nächten allmählich verfestigt und war zu einem Ganzen gereift, in sich logisch, aber empfindlich gegen eine Variation der Voraussetzungen, auf denen er beruhte. Sein Korps würde nicht den Ruhm davontragen, sondern die Armee im Nordabschnitt. Der Gesamtplan, der sich in seinem Kopf entrollte, war auf viele Karten und Befehle übertragen worden und lag jetzt stückweis in den Kartentaschen seiner Unterführer. Seit gestern lebte er in der Angst des Scheiterns. Als er den letzten Befehl gegeben hatte, verließ er die Ställe. Er sah in den dämmerigen Himmel wie ein Bauer. Er schämte sich des Vergleichs mit einem Bauern, weil er soviel zerstört hatte, ohne es zu wollen. Der Sommer war fast vorüber. Vor ihm stand die schwarze Wand des Forstes. Darüber schwebte in zarten scharfen Umrissen ein Beobachtungsballon. Der General betrat den Park. Er versuchte, sich unauffällig zu verhalten, um nicht besitzergreifend zu wirken, falls man ihn von der Gartenseite des Schlosses wahrnahm. Aber er wollte auch nicht schleichen, daß man ihn für keinen Dieb hielte.

Er hatte sich für eine Stunde selbst beurlaubt. Sein Stabschef war im Bilde. Jetzt nahm alles unbeeinflußbar seinen Lauf. Die Reserven würden erst nach Mitternacht die Grenze der Schlacht erreichen und in ihren Wirkungskreis treten, und vorher keine Ursache von Sieg oder Nieerlage sein, außer in dem unwahrscheinlichen Fall, daß General Marteau, abgeschnitten von der Hauptmasse des französischen Heeres, allein auf sich gestellt, im Rücken seines Korps attackierte. Aber das wäre die Selbstaufgabe. Die Geometrie des Hinterlandes und die darauf abgestimmte Verteilung der rückwärtigen Kräfte würde den Franzosen nicht gestatten, über einen Anfangserfolg hinauszukommen. Der General, der stehengeblieben war, weil er die Sorge, Marteau werde angreifen, als Schmerz empfunden hatte, den man nur bewegungslos erträgt, ging schneller über den Kiesweg in die Dunkelheit hinein, die der Wald vor sich hinstellte.

Gegen das Schloß war das Gesicht des Generals nur als aufgehellter Fleck zu sehen. Die Frau, die hinter dem Kaldarium gestanden hatte, feuerte auf den Fleck. Der General sah die Blitze um das Glashaus und hörte die Explosion. Er spürte den Luftzug an seiner Schläfe. Die Frau trat aus der gläsernen Deckung, hielt die Pistole mit ausgestrecktem Arm und zielte auf den Kopf des Mannes, der nicht einmal stehen geblieben war, denn er hatte früh erkannt, daß es sich um keinen militärischen Angriff handelte. In dieser Lage unternahm er nichts zu seiner Verteidigung, sondern ging auf die Frau zu, neugieriger als furchtsam, weil er überzeugt war, daß der Schuß den Willen der Frau verbraucht hatte, die trotz der drohenden Haltung nicht mehr feuern würde. Er blieb vor ihr stehen. Er fühlte sich von Glück überschwemmt, denn er nahm den Fehlschuß als Omen für den Erfolg seines Plans. “Ist diese Begegnung ein Zufall, Mademoiselle“, fragte er auf Französisch, das er fließend sprach. Er sah auf die Pistole in ihrer Hand. Ihr Arm zitterte. Hinter den speerbewehrten Gittern wurden Lichter eingeschaltet. Ein Scheinwerferstrahl verirrte sich im Park. Stimmen klangen herüber. “Wenn Sie so stehen bleiben, kann es sein, daß man auf Sie schießt, weil man glaubt, ich sei in Lebensgefahr.“ “Ich könnte Sie erschießen“, sagte die Frau. Sie blieb ohne ihre Haltung zu ändern stehen. “Tun Sie es bitte nicht.“ Sie horchte dieser Bitte hinterher und fand darin weder Ironie noch Angst. Sie ließ den Arm fallen und im Abschwung fiel die Pistole auf den Kiesweg. Der General bückte sich, hob sie auf und steckte sie in seinen Mantel.

Die Waffe war rechtzeitig im Stoff des Mantels verschwunden, als ein Wachsoldat vor dem General erschien und bei seiner Bemühung, stramm zu stehen, das Gewehr fallen ließ. Der General fragte ihn: “Kam der Schuß aus dem Wald?“ und an die Frau gewandt: “Kann der Mann von hier in den Wald, ohne über eine Mauer zu klettern?“ Die Frau antwortete nicht. Sie schaute weg und nährte dadurch den Verdacht, der General hätte nach dem langen Arbeitstag ein intimes Treffen arrangiert. In dieser Situation hörten sie die Geschütze. Der General wußte, es sind nicht weniger als sechshundert, die zwanzig Kilometer entlang der Bahnlinie aufgereiht eine Todesschneise schlugen. Der Wind fuhr durch die Bäume, als rührte er von den Kanonen, die vor sich die Luft zerrissen. Der Wald knackte. Die drei Gestalten waren in Geräusche eingehüllt, daß sie nicht miteinander reden wollten. Sie gingen aber auch nicht auseinander. Der General bat endlich den Soldaten, auf seinen Posten zurückzukehren. Gegen die Geschütze war ein Pistolenschuß belanglos. Der Soldat grüßte den General und verbeugte sich gegen die Dame. In dem künstlichen Gewitter hörten sie nur kurz das Stiefelknirschen auf dem Kies. Der General war nun froh, daß er die fremde Pistole besaß, denn die Dame hätte nach dem Einsatz der Geschütze ein zweites Mal und sicherer gefeuert. “Sie glauben doch nicht im Ernst, daß ich Ihnen zu Dank verpflichtet wäre, in dieser gräßlichen, unwürdigen Lage? Glauben Sie, ich könnte das Donnern nicht begreifen?“ “Es ist nichts entschieden“, sagte der General. Die Dame weinte. “Sie hätten mich verhaften lassen und mich meinetwegen erschießen sollen!“ “Fangen wir von vorne an“, wandte der General gegen das Weinen ein, “Sie feuern auf mich mit Ihrer Pistole.“ “Ich bedauere, daß ich Sie von der Ernsthaftigkeit meiner Absichten nicht mehr überzeugen kann. Sie müssen schon ganz von vorne anfangen, wie Sie zu sagen belieben: Sie sind ein Dieb in meinem Garten!“ “Ich habe mit Ihrer Mutter eine Vereinbarung getroffen.“ “Hat Maman Ihnen erlaubt, im Park spazieren zu gehen wie Gott im Garten Eden?“ Der General konnte darauf nichts antworten. Es war töricht von ihm, den Garten in einem Augenblick aufzusuchen, wo Tausende Männer sich in Gräben zusammenkauerten, die meisten nicht ahnend, daß dieses Feuer die Nacht und einen Tag dauern und ihnen den Verstand rauben würde. Der Krieg war schon alt, aber die Soldaten waren noch jung. Der General hatte als Urheber des Feuers nicht das Recht, in einem Garten zu stehen, ohne wenigstens das Risiko eines Schusses. Er gab ihr die Pistole nicht zurück, weil ihm diese Geste wie eine kindische Entschuldigung vorgekommen wäre. “Der Krieg ist bald zu Ende, so oder so“, rief er. “Soll der Krieg nie zu Ende gehen, nie, niemals“, schrie sie, “niemals!“ Sie lief über den Kiesweg auf das Schloß zu. Dann blieb sie noch einmal stehen, drehte sich herum. “Ihr habt Papa umgebracht, es ist seine Pistole!“ Zwei Frauen waren herbeigelaufen. Sie schrien entsetzt: “Marie Therese, Marie Therese“, packten sie und zerrten sie zum Schloß zurück. Der General spürte das Gewicht der fremden Waffe in seiner Tasche. Er dachte, im Magazin fehlt nur die eine Patrone.

Herr Pirol fragte in die Runde: “Könnt Ihr Euch denken, daß ich von meiner Großmutter und meinem Großvater erzähle? Mein Großvater war mit 36 Jahren der jüngste General in der deutschen Armee, ein Hugenottenabkömmling. Meine Familie hat während der französischen Revolution – und zwar zu Ehren der Revolution, nicht etwa aus Angst – das ´de´ abgelegt und außerdem ´Puymirol´ zu Pirol zusammengezogen.“ “Wie haben denn nun Deine Großeltern zusammengefunden, Pirol?“

Der General war schon verlobt, mit einem Fräulein von Ranzel aus einer rheinischen Familie. Aber er hatte sich gesträubt zu heiraten, obwohl er zu den höheren Offizieren zählte, die nicht wie Leutnants und Hauptleute im Krieg das Feuer auf sich ziehen und darum schlechtere Chancen haben als Mannschaften. Mein Großvater war ein klarer Kopf, aber sonst ein unordentlicher Mensch. Eines Tages hob seine Verlobte eine in Tuch geschlagene Pistole aus dem Schubfach, das sie aufräumte, übrigens mit Erlaubnis meines Großvaters, der seinen Bedarf an Geheimniskrämerei im Krieg ausgelebt hatte. Eine Pistole im Hause eines Generals ist nichts Ungewöhnliches. Aber diese sah nicht aus wie eine deutsche Armeepistole. Sie hatte einen zu kurzen Lauf im Vergleich zum Griff. Das erkannte Fräulein von Ranzel und deshalb wollte sie wissen, durch welche Heldentat die Waffe in den Besitz meines Großvaters gelangt sei. Sie vermutete eine spannende Geschichte dahinter: die Eroberung eines Grabens, die Gefangennahme eines Offiziers, die Aushändigung der Pistole als galante Geste der Ergebung. Mein Großvater ließ die “Eroberung“ im Ungewissen und beruhigte seine damalige Verlobte mit der Ankündigung, die Beute an seinen Besitzer zurückzuschicken. Er war zweifellos ein großer Stratege, aber in gewisser Weise auch sehr naiv. Er verpackte die Ruby, die besagte Pistole, ein spanisches Fabrikat, und schickte sie, naiv wie er war, mit der normalen Post nach Frankreich an die Adresse seines vormaligen Hauptquartiers in Vertefeuille. Damit brachte er meine Großmutter in die größte Verlegenheit. Sie mußte an mehreren Tagen hintereinander zum Verhör auf die Präfektur. Ein zweiter Fall Mata Hari lag in der Luft. Die Franzosen waren nach dem Krieg noch schlechter auf die Deutschen zu sprechen als vorher schon. Auch die deutschen Behörden reagierten ungehalten, denn sie spürten den Druck der französischen Administration, die mit Drohungen nicht haushielt. Briand und Stresemann standen ja noch nicht gemeinsam auf der politischen Bühne. Kurz, mein Großvater entschloß sich, nach Frankreich zu reisen, um die Aufklärung des Falles selbst in die Hand zu nehmen. So leicht aber war das nicht. Er bekam keine Einreisegenehmigung. Ein deutscher General hatte in Frankreich nichts mehr zu bestellen. Erst Marteau, der übrigens die Chuzpe gehabt hatte, in Großpapas Rücken zu attackieren, brachte die Wende und verbürgte sich für seinen Kollegen. Er bewirkte, daß mein Großvater aussagen durfte. Nun wurde aus der Mata Hari plötzlich eine Jeanne d´Arc, eine Patriotin, obwohl der Ex-General nur von der Pistole im Anschlag gesprochen, den Schuß selbst aber verschwiegen hatte, weil er fürchtete, so naiv war er, man könne Großmama in Frankreich einen Prozeß wegen versuchten Totschlags anhängen!

Meine Großeltern wurden überredet, sich gemeinsam einem Fotografen zu stellen. So erschienen sie auf den Titelseiten einiger Journale: Die Patriotin und der Boche, der einer Frau die Verteidigungswaffe entrissen hatte. Und eines dieser Bilder, es hängt gerahmt in meinem Arbeitszimmer, zeigt mir den ersten Funken meiner Existenz, nicht etwa das Mündungsfeuer eines Schusses, der sein Ziel verfehlt, sondern dieser Blick meiner Großmama auf meinen Großvater. Dieses Funkeln! Was soll ich Euch sagen: Großmama entschloß sich, mit dem Ex-General, bevor er nach Berlin zurückreisen würde, ein paar Urlaubstage am Meer in Deauville zu verbringen. Fräulein von Ranzel war nicht dumm. Sie konnte im Gesicht meines Großvaters lesen wie mein Großvater in einer Generalstabskarte. Darum gab sie ihn frei.

Der Erzähler hob das Glas und hielt es vor sich hin wie eine Pistole: “Die Ruby habe ich geerbt. Das ist kein Zigarrenanzünder, auch keine Damenpistole, das ist ein Nettoyeur de tranchees, ein Grabenputzer, verzeiht den Ausdruck. Wenn meine Großmutter meinen Großvater richtig getroffen hätte, in die Stirn, dann gäbe es mich nicht. Oder gäbe es mich, und ich wäre ein anderer? Wenn Großmama getroffen hätte, wäre sie nicht meine Großmutter geworden. Aber sie hat sich für mich entschieden!“

Hoffnung

von Paola Reinhardt (copyright)

Endlich Sommer, Wärme, Blumenduft, Vogelgesang! Was kann mir schon passieren, denkt die Frau und versucht ein Lächeln. Der Fremde, kaum zehn Schritte von ihr entfernt, lächelt zurück. Nein, es hat nicht ihm gegolten, ihr Lächeln! Oder doch? Natürlich, auch er ist ein Teil dieser schönen, heilen Welt, die sie gleich ein paar hundert Meter entfernt am Portal der Klinik zurücklassen wird. „Schenken Sie mir ein wenig Zeit und ein weiteres Lächeln“, sagt der Mann, jetzt, da sie sich gegenüber stehen. Seine Augen sind sehr blau, seine Lippen schmal, klar gezeichnet. Eine angenehme dunkle Stimme. Was hat er gesagt? Die Frau versucht sich zu erinnern, doch sie ist viel zu sehr mit ihren Gedanken beschäftigt. Immer noch, leider! Über die rechte Schulter des Mannes baumelt ein Riemen, und an diesem Riemen hängt ein schwarzes Metallgehäuse mit einem aufgeschraubten Objektiv. Schussbereit. Jetzt richtet er es blitzschnell auf die Frau, versucht, sie mit seinem Charme einzulullen, willenlos zu machen. „Nein!“, schreit sie und hebt entsetzt den Arm vor ihr Gesicht. Jenen Arm, der geradewegs zu ihrer linken Brust führt, an dem sie vor acht Wochen diesen Knoten ertastet hat. Dann rennt sie in Panik davon.

„Lassen Sie mich in Ruhe, spüren Sie denn nicht, dass ich am Ende bin! Oder wollen Sie mir Ihre Schultern zum Weinen anbieten? Ja, vielleicht wäre ein Fremder wie Sie gar kein ungeeignetes Objekt dafür! Sie könnten emotionslos zuhören, denn meine Geschichte beträfe Sie ja nicht. Nein, lieber nicht! Ich hätte Angst vor Ihren Fragen, die danach unweigerlich kommen würden. Geben Sie ruhig zu, dass Sie mehr in meinem Gesicht entdeckt haben als nur ein Lächeln! Warum sonst sind Sie bei meinem Schrei nicht einmal zusammengezuckt. Aber leben Sie mal mit diesem Ungeheuer, das man Angst nennt! Es hat mich am helllichten Tag überfallen, morgens um halb acht beim Duschen, als ich rein zufällig diesen Knoten ertastet habe. Zuerst glaubte ich wider alle Vernunft, ich hätte mich geirrt und stellte mich die nächsten Tage einfach dumm. Doch er blieb und wuchs sogar noch. Man wacht auf, atmet, ahnt nichts Böses, und dann ist es auch schon passiert. Scheiße! Die Ärztin sagte mir später, er müsse unbedingt heraus, dieser Knoten, und warum ich ihn nicht schon früher bemerkt hätte. Im übrigen solle ich mir keine Sorgen machen, es gäbe genug gutartige Fälle. Die anderen seien aber auch … Ich habe zuerst so getan, als ginge mich ihre Diagnose nichts an. Erst später erlaubte ich mir eine Erinnerung. Was heißt „…aber auch…“? Operation, Amputation, Bestrahlung im Keller der Klinik, kahler Kopf und dann dieses Kotzen. Man kotzt vor lauter Übelkeit, aus Verzweiflung, aus Einsamkeit. Und dann diese Angst im Nacken, es könnte alles wieder von vorn beginnen – sie wird bleiben! Dabei habe ich die Existenz dieses Knotens für kurze Zeit vergessen, sie einfach verleugnet, in Alex Armen. Habe mich hinterher gewundert, dass selbst ein Ungeheuer in solchen Augenblicken so etwas wie Scham kennt und sich diskret zurückzieht. Alex hat nichts bemerkt!

He, können Sie mir vielleicht sagen, ob das meine letzten unbeschwerten Stunden waren? Na sehen Sie, darauf haben auch Sie keine Antwort parat! In der letzten Zeit habe ich mir nur selten erlaubt, an die Zukunft zu denken und bin mit meinen gesunden Füßen auf dem Kopf meines Feindes herumgetrampelt. Wollte ihn vernichten! Doch es hat nichts genutzt. Auf einmal war sie wieder da, diese Angst, und sie wuchs und wuchs, wurde zum Riesen. Meine schönen Brüste, und gerade die ist gefährdet, die ich immer für die schönste gehalten habe. Ich lasse es nicht zu, dass man sie mir weg nimmt! – Und wenn doch? – Dann, dann will ich zu dem Prozentsatz gehören, die diese Krankheit heil übersteht!“ Alex hat nichts bemerkt.

„Sie aber Mister X, ich nenne Sie einfach so, weil ich Ihren Namen nicht kenne, Sie haben geahnt, dass sich hinter meinem Lächeln etwas verbirgt! Darum konnte ich es auch nicht zulassen, dass Sie mit Ihrer Kamera mein Gesicht ablichteten, das sich Ihnen nackt wie ein offenes Buch entgegen streckte. Was bin ich denn schon für Sie? Nur eine Frau unter vielen, die Ihnen in der Menge rein zufällig aufgefallen ist, die Sie neugierig gemacht hat.“

Erst jetzt spürt die Frau, dass sie noch immer läuft, spürt das harte Gehpflaster unter ihren dünnen Sommerschuhsohlen, das beängstigende Klopfen auf der linken Seite, dort, wo das Herz sitzt. Hört ihren keuchenden Atem. Direkt vor dem Portal der Klinik bleibt sie endlich stehen, dreht sich um. Der Fremde in einiger Entfernung ist für sie fast gesichtslos geworden. Jetzt hebt er die Hand, legt sie auf seine Brust, winkt ihr mit der anderen zu. Ganz so, als wollte er sie um Entschuldigung bitten, weil er sie beunruhigt und zum Laufen gezwungen hat. Die Frau winkt zurück, erschöpft, spürt den Schweiß auf ihrer Stirn und zwischen ihren Brüsten kalt werden. „Bis bald, Fremder!“

Sommer, Blütenduft, Vogelgesang! Was kann mir schon passieren, denkt die Frau – und dieses Mal gelingt ihr ein Lächeln!

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