Neonlicht
von Jürgen Jesinghaus (copyright)
I.
„Die Ärzte verschweigen alles.“
„Sie haben die Pflicht, alles zu erklären.“
„Sprich du mit ihnen. Vielleicht sagen sie dir, was los ist.“
Sie stieß die Tasse fort, so dass der Inhalt auf ihre Hände spritzte und die Zahl brauner Flecken auf der Haut vermehrte. Brosheim blickte verstohlen auf die Arme, die wie Äste aus dem Nachthemd hervorragten. Es war aufgeknöpft bis zum Bauch.
„Die Ärzte hüllen sich in Schweigen.“
Sie pumpte ihren Atem in den letzten Satz und stierte auf Brosheim. Er beugte sich zu ihr.
„Hast du dein Ohr angestellt?“
„Ja, der Pfleger hat es untersucht. Er ist höflicher als die Schwestern. Sie sind grob zu mir. Eine ist frech.“
„Warum ist sie frech?“
„Warum?“
„sie frech ist!“
„Sie kommt aus Polen.“
„Sie ist doch nicht frech, weil sie aus Polen kommt!“
„Das Wort Polen kenne ich gar nicht. Wir hatten früher nichts damit zu tun.“
„Doch.“
„Was?“
„Denk an deinen Onkel. Der hatte polnische Zwangsarbeiter, Ar-bei-ter im Blei-werk!“
„Onkel hat sie immer gut behandelt. Warum sind sie frech?“
„Dein Großvater stammt aus Polen.“
„Du sprichst undeutlich.“
„Dein Groß-va-ter! Ho-he Ta-tra!“
„Das habe ich früher nicht gekannt.“
„Was hast du nicht gekannt?“
„Die vielen Ärzte. Die kosten Geld. Wer bezahlt das alles? Nehmen sie es von meiner Rente?“
„Nein. Hast du was zu lesen?“
„Was?“
„zu lesen!“
„Meine Brille, ich kann sie nicht finden.“
„Da liegt sie doch.“
„Die Schwestern haben sie versteckt.“
„Aber jetzt liegt sie an ihrem Platz.“
„Bald ist sie wieder weg.“
„Ich muss bald gehen.“
„Frag aber vorher die Ärzte!“
„Die Ärzte wollen dein Bein untersuchen.“
„Sie wollen mein Bein abschneiden.“
Sie schlug die fleckigen Hände vor ihr Gesicht. Die weißen Haarsträhnen umrahmten es. Die Haut warf sich zu einer Falte auf. Dadurch wirkte das Gesicht monströs, wie das eines augenlosen Höhlentieres mit einer langen, in sich zurückgewendeten Nase, eine Leiche im Zustand der Verwandlung von einem Menschen zu einem Wesen der Erde. Sie wird eine Operation nicht überstehen, dachte er und sagte:
„Sie werden alles versuchen, es dranzulassen.“
Sie schüttelte den Kopf. Das Wesen brabbelte durch die Hände und schnaufte. Er berührte widerwillig ihren Arm, der sich wie ein Stock anfühlte. Mit einem langgedehnten Seufzer entblößte sie ihr Gesicht, das jetzt dunkelrote Flecken zeigte. Die Hautfalten glänzten von Schweiß.
„Warum muss ein Mensch so alt werden?“
Er hasste solche Fragen, auf die er nicht antworten konnte.
„Ich werde mit dem Arzt reden.“
„Was willst du mit ihm bereden?“
Sie sah ihn ängstlich an und griff mit ihrem Handknochen nach ihm.
„Sie sollen mit dem Bein voranmachen, damit du bald entlassen wirst. DAS will ich mit dem Arzt bereden. Damit du deinen 90. Geburtstag feiern kannst!“
„Der Arzt ist ein guter Mann“, sagte sie, „die Schwestern helfen ihm. Eine ist in der Lehre. Jede Schwester hat eine Mutter. Meine Mutter ist nicht so alt geworden. Ich bin siebzig. Ich erinnere mich an den achtzigsten Geburtstag. Du warst nicht dabei.“
„Doch.“
„Aber Wilhelm nicht. Wilhelm war auch da mit seiner Frau. Er hat doch eine Frau?“
Er nickte verzweifelt.
„Ich muss jetzt gehen.“
Das verstand sie, weil sie sah, dass er sich erhob.
„Wenn du jetzt gehen musst, grüß die schöne Welt von mir. Ich habe nicht mehr die Kraft. Ich kann mich nicht auf die Seite rollen. Ich werde den Arzt fragen, ob man in meinem Alter alles können muss.“
Ein Schweißtropfen hing an ihrem Kinn.
„Ich werde mit den Ärzten sprechen“, sagte Brosheim.
„Mit den Ärzten?“
„Ja. Sie sollen dir sagen, was du in deinem Alter alles können musst.“
Er spürte die Angst, dass er mit ihnen über ihren Tod verhandeln würde. Aber er mutete ihr nicht zu, ein Gespräch darüber anzufangen, dass Ärzte in einem katholischen Krankenhaus niemals den finalen Schlaf verordnen. Er berührte ihre knochige Schulter und wandte sich zur Tür. Gegen seinen Rücken krähte sie:
„Vater im Himmel, erlöse mich!“
Er hasste sie wegen dieser Versatzstücke, die sich in dem skelettierten Gedächtnis festgehakt hatten. Sie würde nicht sagen können, wer Brosheim ist, aber die Gebete ihrer Kindheit, dieses Vater-im-Himmel-Gequatsche, das kam aus ihr heraus.
II.
Sie nahm seine Anwesenheit lange nicht zur Kenntnis, obwohl sie ihn ansah wie ein Wild mit kühler Neugier – oder mit dem nackten, ja göttlichen Blick junger Katzen. Sie versuchte wahrscheinlich, sich seine Anwesenheit zu erklären. Ein jenseitiger Blick, noch nicht oder nicht mehr säugetierhaft, wie der Blick eines Reptils, forschend, aber nicht erkennend. So muss man sich den Blick Gottes vorstellen. Verstohlen sah er an ihr entlang. Die Decke wölbte sich nicht. Das rechte Bein war weg.
„Hast du Schmerzen, Schmer-zen?“
Sie rollte den Kopf im Kissen. Er neigte sich zu ihr, weil er merkte, dass sie reden wollte.
„Ich kann nicht mehr, ich soll heute operiert werden.“
Brosheim erschrak. Er nahm ihre Hand zwischen seine Finger und schob sie von dem Stumpf weg auf die Bettdecke.
„Du hast es schon überstanden. Du bist schon operiert.“
„Die Ärzte kommen mich holen.“
Er war erleichtert, als Schwester Judith hereintrat. Er flüsterte:
„Sie glaubt, sie habe die Operation noch vor sich.“
„Es ist alles vorbei!“ schrie sie, „die Operation – gut verlaufen! Alles gut.“
Sie ging nah heran, so dass die Patientin von den Lippen lesen konnte.
„Sie sind schon operiert!“
Ihr vertraute sie und lächelte in das breite Gesicht der Schwester, die lachend eine frohe Botschaft verkündete. Er bewunderte es, wie sich die junge Frau über die alte beugte und so tat, als wäre die faltige Haut, die um die Augen lila schimmerte, die eines Babys.
„Ich hatte schon Angst, ich könnte was falsch machen“, murmelte er.
„Ach was!“
Sie stieß sich von der Bettkante ab, richtete sich auf und musterte ihn gleichgültig.
„Die übersteht das, Herz normal.“
„Phantomschmerzen?“
„Hat sie nicht. Hier werden die Nerven ordentlich abgeschnitten und verpackt. Sie ist noch benommen von der Vollnarkose.“
Judith verließ das Zimmer, und er fragte sich, warum sie gekommen war.
„Ich habe keine Narkose“, flüsterte es aus dem Bett.
„Du bist aus einer Voll-nar-ko-se aufgewacht. Die Operation ist gut verlaufen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Doch, Herrje!“
„Wann kommt der Arzt?“
„Der Arzt sagt, du sollst ausruhen von der schweren Operation.“
„Werde ich denn nicht operiert?“
„Du bist gestern operiert worden und hast bis heute durchgeschlafen.“
Wie sie ihn ansah, ließ vermuten, dass sie nun verstanden hatte. Im Winkelkreuz des Fensters erschien einmal der Erlöser als Zimmermann. Sie war erleuchtet.
„Ich habe kein Bein mehr?“
„Du hast keine Schmerzen mehr.“
„Wird das Bein verpackt?“
Sie war 90 Jahre mit diesem Bein zusammen gewesen, mit einer Folge von Beinen, die eines aus dem anderen hervorgewachsen waren. Mit dem ersten hatte sie gegen die Wände der Gebärmutter gestoßen. Jetzt wollte sie wissen, was mit dem brandigen letzten geschähe.
„Amputierte Gliedmaßen werden verbrannt.“
Sie wartete noch auf eine verständliche Antwort und ließ ihn darum nicht aus den Krötenaugen.
„Verbrannt!“ rief er verzweifelt.
Sie drehte die Augen von ihm fort. Vielleicht dachte sie nach. Auferstehung des verbrannten Fleisches. Gott kann alles. Gott kann das Unmögliche. Das Unmögliche geschieht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wunder passieren nie jetzt und sind nicht wiederholbar.
„Aber es ist Sommer“, sagte sie zur Wand, „heiß! heiß!“
„Brennt die Wunde?“
„Der Angriff, der Kriegsangriff, wann?“
„Meinst du den 29. Mai 1943?“
Sie lächelte verzückt und flüsterte:
„Alles brannte. Die Juden haben die Antoniter-Kirche angezündet. Die schrecklichen Bomben!“
„Du bist total verrückt!“ schrie er, „es waren die Eskimos!“
„Schrei nicht! Was hast du gesagt?“
„Du bekommst einen Rollstuhl.“
III.
„Moment mal, sie wird gerade fertig gemacht!“
„Dauert es lange?“
„Es dauert, solange es muss!“
Er war ausgeschlossen. Er setzte sich in den schäbigen Sessel am Ende des Flures, an dem die Krankenzimmer aufgereiht waren, und blickte durch das gardinenlose Fenster auf Dächer, Kamine und auf eine Brandmauer. An ihr klebte ein Stück Rohr, das schräg zum Himmel wies. Es diente keinem erkennbaren Zweck, war höchstens dazu geeignet, den Regen nach dem Kosinus-Gesetz weiterzuleiten. Heute dorrte alles vor sich hin. Die Fenster waren geschlossen, um die heiße Luft des Stadtkörpers von den neonkühlen Fluren des Hospitals fernzuhalten. Der wolkenlose Himmel hing aufgespannt zwischen Fernsehantennen und Baukränen und gab dem planlosen Gegeneinander von Immobilien einen Rest von Zusammenhalt. Brosheim suchte vergeblich nach einem vertrauten Bauwerk. Die Stadt hatte das Innere nach außen gewendet. Ein langer Pfiff stieg aus einem Hinterhof. Jemand rief. Brosheim stand auf und legte seine Stirn an die Scheibe. In dem Augenblick wurde die Alte aus ihrem Zimmer herausgefahren. Judith schob sie über den Gang. Ihre breiten Kniekehlen, ein Kraftzentrum, verteilten Stöße unter den kurzen Rock und ließen den Arsch rollen. Sie hatte Brosheim nicht Bescheid gesagt. Sie erwartet, dass sich ein Besucher nicht ablenken lässt und jeden Augenblick über den Stand der Krankenpflege informiert sei. Er ging also hinter dem Arsch der Schwester her und trug eine Wutstange bei sich. Es hätte nur eines kleinen Ausschlags nach vorn bedurft, um das Allerheiligste des Pflegedienstes zu streifen. Da lehnte sich die Schwester über die winzigen Schultern der Alten und rief:
„Sie haben Besuch!“
Die Alte, die wie eine Hitchcockpuppe in ihrem Rollstuhl hing, antwortete nicht, und Brosheim hatte Angst, sie würde sich umdrehen und ihn aus einem Krokodilsgesicht anstarren.
„Aauuh“, schrie die Alte, als sie einen Tisch auf sich zurollen sah und versuchte, den einzigen Zeh, der nackt aus einem Wickel herausragte, seitwärts zu bewegen. Die Schwester war mit diesem Ortungssystem längst vertraut und verließ sich darauf. Jetzt hielt sie an und schwang den Rollstuhl herum.
„So, da sitzt ja auch die Frau Roleber, meine Liebe.“
Vor dem gläsernen Stationszimmer standen die beiden Krankenstühle mit den dürren Frauen darin, Reisig in einem Schlitten auf einem neongrünen Gletscher. Bleib hier, bleib hier, meine Schwester, ich fürchte mich. Judith stieß ihn an. Er bekam einen Schwall ihres Atems ins Gesicht, als sie fragte:
„Sie sind der Sohn?“
Und der Vater und der Heilige Geist. Er wackelte mit dem Kopf und antwortete unbestimmt. Judith rief etwas gegen den Aufenthaltsraum, wo hinter Glasscheiben eine Kollegin Zeitung las und dabei eine Tasse Kaffee auf halbem Weg zum noch geschlossenen Mund balancierte. Brosheim verstand Kardio oder Kaffee, Karton oder Kartoffel. Er wüsste gerne, ob er sich, wenn er wollte, mit Schwester Judith verabreden könnte. Seine Probierstange stieß gegen die Hose. Dann sah er auf das Reisig hinab, und er ließ sich hängen. Wie immer begann er sein Gespräch mit der Alten
„Wie gehts?“
Und wie immer antwortete sie:
„Ich kann nicht mehr.“
Aber dann brabbelte sie:
„Was ich in den letzten Wochen alles gehört habe, das glaubst du nicht, das habe ich in hundert Jahren nicht erlebt. Woher weißt du, dass ich hier bin?“
„Vom Doktor.“
„Vom Dr. Hollerath?“
Brosheim nickte.
„Das ist ein feiner Mann. Die Holleraths sind alle Anstreicher. Warum setzt du dich nicht? Im Stehen schlafen nur Soldaten. Bist du ein Soldat?“
„Bitte? Was?“
„Bist du schwerhörig? Ob du ein Soldat bist!“
„Ich bin Ingenieur.“
„Das ist mein Benjamin auch. Kennst du meinen Benjamin?“
„Wie sieht er aus?“
„So wie du.“
„Dann werde ich ihn kennen.“
Brosheim wandte sich zum Dienstraum, wo die Schwester ihre Tasse abgestellt hatte und über einem Formular nachsann.
„Schwester?“
Die Frau schaute hoch. Indem, wie sie es tat, fand Brosheim eine Aufforderung zum Sprechen.
„Hat man der alten Dame irgendwas gegeben? Sie redet in ganzen Sätzen und fragt mich, ob ich schwerhörig bin.“
„Wer?“
„Die Dame in dem Rollstuhl.“
„Welche?“
„Links.“
„Und, sind Sie schwerhörig?“
„Ja schon, aber doch nicht so, dass mich eine Neunzigjährige das fragen müsste!“
„Warum wollen Sie wissen, ob ihr jemand was gegeben hat?“
„Die alte Dame ist so aufgekratzt, völlig anders als sonst, als hätte sie ein Aufputschmittel gekriegt.“
„Am besten, Sie fragen den behandelnden Arzt. Ich bin nur jetzt hier.“
„Sie wollen in der Pause Ihre Ruhe haben, das versteh ich.“
„Sie haben mich nicht gestört.“
Sie verzog gegen ihren Willen den Mund zu einem Lächeln und sah aus wie ein schmollendes Kind, das jemand zum Lachen gebracht hatte. Er grinste und ging wieder zu der Alten, die an den Handrädern ihres Rollstuhls zerrte und in einer deutlichen Stimme den Befehl gab:
„Setz dich endlich. Hol dir einen Stuhl von dahinten. Ich könnte jetzt einen Zwieback essen. Ist das hier die Gemüseabteilung?“
Brosheim holte ein Kinderstühlchen, das einsam an der schattenreichsten Stelle des Flures stand. Er stellte es neben den Rollstuhl und hockte sich nieder. Er hörte der Alten zu:
„Dr. Hollerath hat uns Bezugsscheine besorgt, ein feiner Mann. Ohne die Bezugsscheine hätten wir keine Care-Pakete gekriegt. Onkel Hans war in Amerika.“
„Hans war nicht in Amerika“, funkte die Roleber dazwischen.
„Doch“, sagte Brosheim, und die Roleber:
„Unser Hans hat die Tochter vom Dr. Bergrat Braun geheiratet. Den kennt jeder. Der Dr. Braun hatte eine Villa in Duisburg, aber er war nie in Amerika. Kannst du mir auch einen Zwieback bringen?“
„Ja natürlich. Ich werde euch beiden einen Zwieback bringen.“
„Mit wem redest du denn da?“
„Mit der Dame an deiner Seite.“
„Ach die! Die redet zuviel. Hast du MICH besucht oder DIE?“
IV.
Eine schlanke Frau stand vor ihnen. Sie hatte sich den dreien unbemerkt genähert – auf weißgepuderten Turnschuhen, darüber weiße Söckchen und reklamebraune Beine. Schwarze Härchen lagen in zart geschwungenen Wellen darauf. Die wunderbare Flucht der Härchen, nach denen die Hand zuckte, um mit dem Zeigefinger darüber zu streichen, endete unter dem Knie. Darüber war porige Haut, die unter dem weißen Saum einer Schwesterntracht verschwand. Um den energischen Schritt, den auch das akademische Pflegepersonal am Leibe hat, nicht hemmen zu müssen, ist bei allen Frauen des Krankenhauses, von den Ordensdamen abgesehen, der unterste Knopf nicht eingelocht, so dass sich die Beine genügend Raum verschaffen. Brosheim saß auf dem Stühlchen nur einen Kopf weit von der Direttissima entfernt. Er hob seine Augen schuldig empor und blickte in ein Gesicht, das noch brauner war als die Beine, und von einer solchen Schönheit, als käme die Frau von einer Party unter Palmen.
„Die alte Dame hat Hunger. Sie konnte zwei Tage nichts essen“, sagte er.
„Das gibt es nicht.“
„Sie will einen Zwieback, die andere Dame auch.“
„Ich bin die Laborärztin. Wenden Sie sich an eine Schwester. Die wissen, wo es Zwieback gibt.“
Sie nahm die Hand der Greisin auf.
„Schön ruhig halten. Es hat noch nie weh getan, nicht wahr?“
Die Alte steckte ihre Zunge heraus.
„Wer tut denn sowas!“
Schnell wischte die junge Ärztin über die Fingerspitze, stach hinein, pipettierte einen Blutstropfen und gab ihn auf ein Glasscheibchen.
„Es hat wie immer nicht weh getan“, sagte sie kokett und ging. Die hat einen Architekten zum Freund, wie die gebaut ist, die fickt nicht unter Stand, dachte er. Sie hat ein Geduldsstudium hinter sich. Sie macht unter dem Neonhimmel ihre Arbeit gut. Sie hat mehr Respekt verdient! Also beschränk dich bitte auf das Sachliche, darauf, wie man zu Tee und Zwieback kommt!
„Die kann ich nicht leiden.“
„Ich finde die Ärztin respektabel.“
„Jaja, eine Hexe ist sie.“
„Ich habe keine Hexe gesehen.“
„Du bewegst den Mund!“
„Ich HABE KEINE HEXE gesehen!“
Und die Roleber: „Es war noch dunkel.“
Die Alte: „Sie hatte einen Morgenrock an.“
Die andere: „Ich weiß nicht, was mit mir los ist.“
Die eine: „Das Wunder musste geschehen.“
Die andere: „Ja freilich, sonst wär ich längst kaputt.“
Die eine: „Die Ärzteschaft bemüht sich um meine Zähne.“
Die andere: „Ich bin so schwach.“
Die eine: „Ich bin ein Wunder.“
Die andere: „Sie zwingen mich zu laufen.“
Die eine: „Sind die Ärzte in Amerika benachrichtigt worden?“
Die andere: „Mein Lebensabend ist nicht mehr lange.“
Die eine: „Ich könnte glatt einen Zwieback essen.“
Zwei ineinander verhakte Monologe. Die Frauen redeten vor sich hin. Hintergrundstrahlung nahe dem Nullpunkt. Brosheim brauchte nicht zu antworten. Er hätte seinen eigenen Gedanken nachhängen können, wenn welche zustande gekommen wären. So hörte er auf beide wie auf Uhrticken, bis Judith, als hätte sie Bälle unter den Füßen und überall sonst in ihrem Schritt, den Neonweg heraufkam und sich vor dem Glashaus zum Stehen brachte, vibrierend. Brosheim hörte nur noch ein Summen um sich herum, das aus dem Neonlicht und der Schwester strahlte, darum sprach er laut, um sich selbst zu verstehen:
„Sagen Sie mir bitte, wo die Küche ist, den Tee für die Damen mache ich dann selbst. Wenn Sie auch noch Zwieback haben?“
Als hätte sie es längst gewusst, was jemand am Ende des Flures zu ihr sprechen würde, öffnete sie eine Tür neben dem Glaskasten. Und nach einer Weile kam sie mit einem Tablett heraus, auf dem sie Tee und Zwieback trug.
Brosheim fütterte die Greisinnen abwechselnd.
„Ich brauche ein Kissen“, sagte die Alte.
Brosheim gab ihr den Tee zu halten und sagte:
„Ich bring dir das Kissen.“
Also ging er den Neonflur hinunter zum Zimmer der Alten und holte das Kopfkissen, kam den Flur wieder herauf, mit dem Kissen auf dem Arm, und grüßte in die erstaunten Gesichter derjenigen, die ihm zur Seite auswichen, denn er kam wie ein heidnischer Priester durch die Mitte im grünen Glanz des Neonlichts, den magischen Gegenstand in seinem Besitz. Als er das Flurende erreichte, wartete eine Schwester vor dem Aufzug gegenüber den alten Damen. Sie lehnte sich über das Gestell eines fahrbaren Bettes, ihre Kniekehlen leuchteten wie Rücklichter. Brosheim streifte sie, so dass er Grund hatte, sich zu entschuldigen.
„Entschuldigung, ich gehöre zu der Dame“, sagte er und zerrte den Kopf der Greisin nach vorne, um ihr das Kissen in den Nacken zu klemmen.
„Sie brechen ihr ja das Genick“, sagte die Schwester und puffte ihn, „machen Sie es so.“
„Ich war noch nie krank“, sagte die Alte, während sie ins Kissen gedrückt wurde, „ich kann noch zwanzig Jahre leben!“
V.
Die Patienin in dem fahrbaren Bett, deren Alter Brosheim auf etwas über sechzig schätzte, mischte sich ein:
„Ich war mein ganzes Leben lang krank. Mein Mann war immer gesund und musste so früh sterben.“
Brosheim hatte sich gesetzt und bemerkte trotz des flachen Blickwinkels, dass die Patientin schön war. Er stand wieder auf und fragte nach dem Alter.
„Einundsiebzig.“
„Sie sehen nicht so aus, als wären sie immer krank gewesen.“
„Er war im Vincent-Krankenhaus und ist von da weggelaufen. Er glaubte, dass sein Geschäft ohne ihn nicht auskommt. Er ist auf der Straße zusammengebrochen.“
Er lebte und starb treu ergeben unserer heiligen katholischen Kirche, deren Heilsmittel zeitlebens, insbesondere während seines langen Leidens, sein Trost und seine Stärkung waren.
„Es tut mir leid. Das Geschäft?“
„Buchbinderei und Einrahmungen, Schul- und Büroartikel, Lieferung sämtlicher Zeitschriften und Drucksachen. Das Geschäft habe ich vor zwanzig Jahren verkaufen müssen.“
„Strengt es Sie nicht zu sehr an?“ fragte Schwester Linda ihre Patientin mit Blick auf Brosheim. Die Frau im Bett bewegte den Kopf zur Verneinung.
„Das Geschäft steht heute noch, aber mein Mann ist tot.“
Vollkommener Ablass, dem Verstorbenen zuwendbar, für alle, welche nach würdiger Beichte und Kommunion dieses Gebet vor einem Bilde des Gekreuzigten verrichten und noch fünf Ave Maria: Siehe, o guter und süßester Jesu. Sie liebte ihren Mann, und dieser Trottel war gestorben. Der Aufzug kam. Linda schob die schöne Frau hinein.
„Warten Sie noch einen Augenblick. Halten Sie an!“
„Was gibts?“
„Ich muss die Dame noch was fragen. Wieviel Kinder haben Sie?“
„O Gott“, rief die Schwester.
„Vier“, sagte die Patientin.
„Vier?“ fragte Brosheim eifersüchtig.
„Sie sind alle erwachsen und haben alle einen ordentlichen Beruf.“
Als dann das Leben ernster ward und Kummer und Tränen mir brachte, du, Mutter, mir tröstend ins Auge sahst und heiter und fröhlich mich machtest. Nachdruck verboten. Alleinvertrieb durch den Verfasser.
„Das glaube ich Ihnen.“
„Keiner wollte das Geschäft, einer ist Richter am Landgericht.“
„Wie lange wollen Sie noch den Fahrstuhl blockieren?“
Brosheim starrte zur Antwort die Schwester an. Ihre Augen flackerten. Na also.
„Ich wünsche Ihnen baldige Genesung.“
Die Patientin lachte schwach aus der Brust heraus.
„Ich bin schon so lange krank.“
„Dafür sehen Sie sehr schön aus.“
„Komplimente werden hier nicht gemacht!“ sagte Linda.
„Schwester, Sie sind mir auch eine Schönheit!“
Seraphim und Cherubim, lobet den Herrn. Die möchte ich stopfen, dann hört sie auf, mir reinzureden. Flötenkessel: Ach, lieber Herr Brosheim, Sie könnten uns noch ein Stückchen begleiten. Wir fahren mal eben zur Neurologie. In der Kapelle sind wir dann ungestört, dort diene ich gern dem Herrn.
„Diese Dame ist mir sympathisch. Sie hat ihren Mann gern gehabt. Nochmals, alles Gute.“
Zufallsbegegnungen sind die besten. Diese Patientin – eine menschliche Wirkmaschine. Sie wirkt an der Erinnerung zwanzig Jahre. In dieser Zeit sackt eine Grabplatte durch, bekommt einen Riss, wird abtransportiert und in ein Mahlwerk gesteckt. Das Angebot ist noch eingeklemmt in einem von Feuchtigkeit verbogenen Ordner auf einem Keller-Regal neben den Einmachgläsern voll Schimmel. Für Ihre Anfrage zum Liefern danke ich bestens und offeriere wie folgt, Inschrift in Blanc Clair, fix und fertig gestellt zum Preise von 1.300 DM. Ihrem geschätzten Auftrag entgegensehend zeichne ich. Hochachtungsvoll.
„Was ist da los?“ krähte die Alte.
„Ich habe der Schwester beim Reinfahren geholfen.“
VI.
Brosheim hatte sich vorgestellt, er würde sie aus dem Bett heben müssen, über den Flur tragen, mit ihr auf dem Arm die Treppe hinuntersteigen und draußen auf das Taxi warten. Er hatte sich den Ablauf nie anders denken können. Tatsächlich war alles leichter. Sie saß schon gewaschen und angezogen in ihrem Rollstuhl, ein wenig nach vorn gebeugt, so dass sie immer auf den Linolboden starrte. Er brauchte nur noch in dem Schrank nachzusehen, ob ihre Wäsche herausgenommen worden war, aber er vertraute darauf, dass die Schwestern alles in der Tragetasche, die zugezogen auf dem Tisch stand, verstaut hatten.
„Oaa.“
„Hast du was gesagt?“
Sie strengte sich an, den Kopf zu heben, und wiederholte:
„Oaa“, breit ausgesprochen und gegen ihn gerichtet, also eine Botschaft, kein Schmerzenslaut.
„Hast du dein Ohr nicht?“
Sie wurde energisch und schlug mit den Fäusten auf die Armlehnen ihres Rollstuhls, dann schloss sie erschöpft die Augen, aber sie sammelte ihre Kräfte, um zu sagen:
„Meine Oaa weg.“
„Die Uhr auf dem Nachttisch, du meinst die Uhr?“
„Natürlich!“
Natürlich meinte sie die Uhr, sonst wüsste sie ja nicht, wieviel Uhr es ist, und dann wüsste sie gar nichts. Sie hatte sich noch nicht fallen lassen, sonst wäre ihr die Uhr egal. Es war ihr immer wichtig, die Uhrzeit zu wissen, die strengen Termine einer Hausfrau. Wann gibt es was zu essen, wann gibt es Kaffee, wann wird gewischt, wann ist die Schule aus, wann kommt der Mann, wann schließt die Post, wann geht der Zug. In den letzten Jahren hatte sie nachts auf die Uhr geschaut, extra dafür das Licht angeknipst, dann sofort wieder gelöscht, um niemanden zu wecken, sie hatte nur die Phosphorziffern zum Leuchten angeregt und das Vergehen der Zeit am versiegenden Licht studiert. Als sie noch bei Verstandeskräften war, konnte sie jeder ungewöhnlichen Regung der Nacht eine Zeitmarke anheften. Sie hätte alles minutiös bezeugen können, Schüsse und Schreie, dass sie selbst in den Verdacht der Täterschaft gekommen wäre. So sehr lebte sie von der Zeit. Ihr Zeitverbrauch war unfruchtbar.
„Ich frage die Schwestern, ob sie die Uhr gesehen haben.“
„Sie haben mir die Uhr weggenommen!“
„Ich frage die Schwestern nach der Uhr.“
Er verließ die Alte und verabschiedete sich von den Pflegerinnen. Nach der Uhr fragte er nicht.
„Sie ist in der Tasche“, sagte er, als er wieder ins Zimmer trat und ohne eine Bemerkung abzuwarten den Rollstuhl in den Flur schob, die Tasche über die Schulter gehängt.
Der Aufzug öffnete sich. Er war voll Jugendlicher, die zu einer Clique gehörten, einem mullbehangenen Orden, dessen Auftrag zu sein schien, durch Umwickeln und Abspreizen von Gliedmaßen und durch kreischendes Lachen die Kranken aufzuheitern. Als sie die Maske der Greisin im Rollstuhl sahen, schnippten sie mit den Fingern, winkten und schrien: Auf Wiedersehen, Hals- und Beinbruch. Der eiserne Vorhang des Fahrstuhls schloss sich faltenfrei. Niemand war ausgestiegen, niemand hätte zusteigen können.
„Geduldig muss man sein, gell.“
Die Lippen im teigigen Gesicht der Ordensschwester zitterten noch unter dem Anprall der Weisheit von innen heraus. Brosheim deutete seine Bereitschaft zum Lächeln an.
„Wir nehmen den nächsten.“
„Wo solls denn hingehen?“
Er tat, als wäre die Frage nicht an ihn gerichtet worden. Er leitete sie durch einen Blick an die Alte weiter. Sie wurde darum nicht beantwortet, denn die Alte saß versunken vor der verschlossenen Bühne, die sich aufgetan und Engel und Hirten gezeigt hatte, zottige Akteure eines Krippenspiels in dem grellen Licht, das von den Spiegeln eines Aufzugs reflektiert mehrmals seine Bahn durchlief.
„Schön gesund werden, auf Gott vertrauen.“
„Mehr kann man nicht machen, Schwester.“
Sie neigte ihr behäubtes Haupt, ihre Wangen röteten sich. Sie ging in den glänzenden Flur hinein, in dem das Chrom der Gestelle und das Linoleum blinkten. Sie schritt jugendbewegt, und ihre Gestalt zerschmolz im Licht. Ein Lautsprecher sabberte Musik. Die Alte verharrte pharaonisch. Wenn jetzt der heilige Franziskus in Gestalt eines gelben Hundes daherkäme und stellte sich unter den starren Blick der Alten, würde sie dann anfangen zu bellen? Hätte sie dann ihren Ausdruck gefunden, ihren Einklang mit der Natur? Der Fahrstuhl war leer zurückgekehrt.
VII.
Im Hochparterre rollte er die Alte aus dem Lift in das Foyer an die Sitzgruppe. Dort arretierte er den Krankenstuhl und versuchte, vor den Blicken einer Frau hinter dem Empfangstresen, die Alte herauszuheben. Die Greisin schrie anhaltend hell, als wollte sie sich in eine Tonlage einsingen. Sie beruhigte sich erst wieder, als Brosheim sie fallen ließ. Sie blieb wie eine Sackpuppe hängen. Er sah zum Tresen hinüber. Die Frau dort raschelte in Papieren. Unmöglich, dass sie nichts gehört hatte, außer sie war taub oder abgehärtet. Er konnte den Rollstuhl nicht mitsamt der Alten die Treppe zum Ausgang hinuntertragen. Sie wäre ihm kopfüber herausgefallen, ohne dass er ihres schnellen Todes hätte sicher sein dürfen. Die Alte sollte ihm nicht entgleiten wie ein toter Thunfisch aus dem Arm eines Fischers. Er ging die Treppe hinunter durch den Spalt, den die Automatiktüre freigab, und hielt nach dem Taxi Ausschau. Der Fahrer hatte sich in der Empfangshalle aufgehalten und war hinter Brosheim getreten. Er sprach seinen Kunden von hinten an:
„Ich will bestimmt keinen Ärger haben. Dauert die Fahrt mit der vielleicht lange?“
Brosheim drehte sich erschrocken um:
„Sie wurde operiert. Sie hat geschrien, weil ich wahrscheinlich an ihre Wunde gekommen bin. Die Fahrt dauert nicht lange, 15 Minuten aus der Stadt raus, höchstens.“
„Naja, ich stehe dahinten. Ich will keinen Ärger haben. Wissen Sie, was neue Bezüge kosten?“
Er ließ Brosheim stehen und verschwand.
„Sie warten doch?“ rief Brosheim hinter ihm her.
„Hätte ich mir sonst die Mühe gemacht?“
Brosheim fasste unter das Bein, griff unter den Arm der anderen Seite und hob die Alte aus dem Stuhl. Er wunderte sich, wie schwer sie war. Als sie durchhing und er sie mit dem Knie zurechtrücken musste, hob sich ihr faltiges Gesicht in die Höhe seines Ohres, in das sie unisono schrie, einen hellen Ton wie aus der Flöte eines Kessels. Diesmal kümmerte er sich nicht darum. Und keiner sonst. Er trug sie schnell die Treppe hinunter und über die Straße zum Taxi. Dort drückte er sie durch die Öffnung des Verschlages und ließ sie in das Polster fallen. Da erst hörte sie mit dem Schreien auf. Zum ersten Mal an diesem Tag belebte sich ihr Gesicht durch das Interesse an dem ungewohnten Bild hinter der Scheibe, das einen Sog nach vorn ausübte, in Bäume und Häuser hinein.
„Ist das eine Fabrik?“ fragte sie den Fahrer.
Der wartete in Ruhe ab, kopfschüttelnd, bis Brosheim den Rollstuhl zusammengeklappt und in den Kofferraum gelegt hatte. Dann sagte er:
„Sie fragt, ob das eine Fabrik ist.“
„Sie meint das Krankenhaus.“
„Ach-nee. Und warum guckt sie dann woanders hin?“
„Die Weberei Molineus“, ließ sich die Greisin hören, „beim Angriff ist sie abgebrannt. Die Amerikaner haben alles wieder aufgebaut.“
„Warum wird die entlassen?“ fragte der Fahrer.
„Sie kommt in ein Pflegeheim.“
Der Chauffeur sah die Alte von der Seite an, dann startete er den Motor. Als er vor der Ampel an der Kreuzung Fürsten- und Baumstraße stehenbleiben musste, sagte er gegen die Windschutzscheibe:
„Meine Mutter ist schon mit 51 gestorben.“